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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.       11. Jahrgang

 
 
 


 
    
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Dramen, wie sie nur der Fußball schreibt
Der prominente Fan

In manchen Wochen ist Werner Schretzmeiers Terminkalender so randvoll, dass er den Samstagnachmittag unbedingt zum Luftholen, Auftanken und Wiederherstellen des inneren Gleichgewichts braucht. Da bleibt einfach keine Zeit für einen Stadionbesuch. Doch selbst dann ist der Leiter des Stuttgarter Theaterhauses ganz nah bei seinem VfB. Per Live-Reportage übers Radio.

Denn Sport gehört zu Schretzmeier wie Goethe zu Faust. Untrennbar vereint. Nachdem er in den fünfziger Jahren in Begleitung seines Vaters erstmals Stuttgarter Stadionluft schnuppert, ist die Faszination sofort da. Insbesondere zwei VfB-Spieler beeindrucken ihn mächtig: das einarmige Genie Robert Schlienz und Erich Retter, „weil er wie ich aus dem Remstal kommt".

Dort jagt Schretzmeier den Bällen hinterher. Mit viel Begeisterung und nicht weniger Begabung kickt er in der Jugend des SV Plüderhausen, als Spielmacher mit der Nummer zehn auf dem Rücken. Mindestens ebenso groß ist sein Talent als Handballer, wo er das Trikot des TV Schorndorf trägt. Bis ihn der Trainer Anfang der siebziger Jahre wegen Zottelmähne und Vollbart („Für den war ich ein Urwaldmensch") aus der Mannschaft verbannt.

„Das", sagt der 61-Jährige, „war eine turbulente Zeit." Auf zu neuen Ufern! Der gelernte Industriekaufmann baut die Schorndorfer Manufaktur auf, einen politisch-kulturellen Club, wo einst auch der heutige VfB-Präsident Erwin Staudt als Jazzmusiker aufgetreten ist, und arbeitet als Regisseur und Autor für den SDR. Obwohl zunächst keine Zeit mehr für Stadionbesuche bleibt, spielen Sport und Fußball weiterhin eine wichtige Rolle. In der Schorndorfer WG diskutiert er mit Studentenführer Rudi Dutschke und Schriftsteller Günter Wallraff nicht nur nächtelang über eine bessere Welt, sondern auch über das legendäre Wembley-Tor oder Fußball-Rebell Günter Netzer.

Auch vom Theaterhaus kennt Schretzmeier viele Künstler und Intellektuelle, für die ein Samstag ohne Sportschau kein richtiger Samstag ist. Wundern tut es ihn nicht. Erstens gehört der 61-Jährige selbst zu dieser Spezies. Zweitens habe Sport im Allgemeinen und Fußball im Besonderen „mehr mit Kunst zu tun, als man auf den ersten Blick denkt". Zumindest mit der Ausdrucksform des modernen Volkstheaters ä la Dario Fo, das er so sehr liebt.

Beispiel: das Champions-League-Finale 2005 zwischen dem FC Liverpool und dem AC Mailand: Innerhalb von nur 360 Sekunden schossen die Engländer nach einem scheinbar hoffnungslosen 0:3-Rückstand den Ausgleich und holten in einem überaus packenden und atemberaubenden Krimi inklusive Verlängerung und Elfmeterschießen mit 6:5 den Pokal.
„So ein Schauspiel", schwärmt Schretzmeier, „kriegst du sonst nirgendwo geboten." Noch immer ist er hin und weg von dem „faszinierenden und großartigen Spiel", dieser Mischung aus Tragödie und Thriller. „Wenn ich diese einmaligen dramaturgischen Überraschungsmomente sehe, die ein Spiel innerhalb einer Zehntelsekunde auf den Kopf stellen und dem Handlungsstrang eine ganz neue Wendung geben, dann weiß ich, dass ich als Regisseur noch viel lernen kann.”

Nicht nur das. „Wegen der relativ einfachen Struktur des Spiels kann auch jeder mitreden; und dem anderen beweisen, dass er keine Ahnung hat", fährt Schretzmeier fort. „Eine herrliche Möglichkeit, mit anderen Leuten ins Gespräch zu kommen, zu palavern, zu streiten und mal richtig aus der Haut zu fahren."

Auch im Daimlerstadion hat der VfB-Fan schon manche heiße Diskussion und aufregende Spiele gesehen. „In diesen eineinhalb Stunden kann ich alles um mich herum vergessen." 90 Minuten zwischen Jubel, Trauer und Lachen — kurzum, beste Unterhaltung, wie Schretzmeier sie auch seinem Publikum bieten will.

 
 
     
   
     
   
     
   
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