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Dramen, wie sie nur der Fußball schreibt
Der prominente Fan
I n
manchen Wochen ist Werner Schretzmeiers Terminkalender so randvoll,
dass er den Samstagnachmittag unbedingt zum Luftholen, Auftanken und
Wiederherstellen des inneren Gleichgewichts braucht. Da bleibt
einfach keine Zeit für einen Stadionbesuch. Doch selbst dann ist der
Leiter des Stuttgarter Theaterhauses ganz nah bei seinem VfB. Per
Live-Reportage übers Radio.
Denn Sport gehört zu Schretzmeier wie Goethe zu
Faust. Untrennbar vereint. Nachdem er in den fünfziger Jahren in
Begleitung seines Vaters erstmals Stuttgarter Stadionluft
schnuppert, ist die Faszination sofort da. Insbesondere zwei
VfB-Spieler beeindrucken ihn mächtig: das einarmige Genie Robert
Schlienz und Erich Retter, „weil er wie ich aus dem Remstal kommt".
Dort jagt Schretzmeier den Bällen hinterher. Mit
viel Begeisterung und nicht weniger Begabung kickt er in der Jugend
des SV Plüderhausen, als Spielmacher mit der Nummer zehn auf dem
Rücken. Mindestens ebenso groß ist sein Talent als Handballer, wo er
das Trikot des TV Schorndorf trägt. Bis ihn der Trainer Anfang der
siebziger Jahre wegen Zottelmähne und Vollbart („Für den war ich ein
Urwaldmensch") aus der Mannschaft verbannt.
„Das", sagt der 61-Jährige, „war eine turbulente
Zeit." Auf zu neuen Ufern! Der gelernte Industriekaufmann baut die
Schorndorfer Manufaktur auf, einen politisch-kulturellen Club, wo
einst auch der heutige VfB-Präsident Erwin Staudt als Jazzmusiker
aufgetreten ist, und arbeitet als Regisseur und Autor für den SDR.
Obwohl zunächst keine Zeit mehr für Stadionbesuche bleibt, spielen
Sport und Fußball weiterhin eine wichtige Rolle. In der Schorndorfer
WG diskutiert er mit Studentenführer Rudi Dutschke und
Schriftsteller Günter Wallraff nicht nur nächtelang über eine
bessere Welt, sondern auch über das legendäre Wembley-Tor oder
Fußball-Rebell Günter Netzer.
Auch vom Theaterhaus kennt Schretzmeier viele
Künstler und Intellektuelle, für die ein Samstag ohne Sportschau
kein richtiger Samstag ist. Wundern tut es ihn nicht. Erstens gehört
der 61-Jährige selbst zu dieser Spezies. Zweitens habe Sport im
Allgemeinen und Fußball im Besonderen „mehr mit Kunst zu tun, als
man auf den ersten Blick denkt". Zumindest mit der Ausdrucksform des
modernen Volkstheaters ä la Dario Fo, das er so sehr liebt.
Beispiel: das Champions-League-Finale 2005
zwischen dem FC Liverpool und dem AC Mailand: Innerhalb von nur 360
Sekunden schossen die Engländer nach einem scheinbar hoffnungslosen
0:3-Rückstand den Ausgleich und holten in einem überaus packenden
und atemberaubenden Krimi inklusive Verlängerung und
Elfmeterschießen mit 6:5 den Pokal.
„So ein Schauspiel", schwärmt Schretzmeier, „kriegst du sonst
nirgendwo geboten." Noch immer ist er hin und weg von dem
„faszinierenden und großartigen Spiel", dieser Mischung aus Tragödie
und Thriller. „Wenn ich diese einmaligen dramaturgischen
Überraschungsmomente sehe, die ein Spiel innerhalb einer
Zehntelsekunde auf den Kopf stellen und dem Handlungsstrang eine
ganz neue Wendung geben, dann weiß ich, dass ich als Regisseur noch
viel lernen kann.”
Nicht nur das. „Wegen der relativ einfachen
Struktur des Spiels kann auch jeder mitreden; und dem anderen
beweisen, dass er keine Ahnung hat", fährt Schretzmeier fort. „Eine
herrliche Möglichkeit, mit anderen Leuten ins Gespräch zu kommen, zu
palavern, zu streiten und mal richtig aus der Haut zu fahren."
Auch im Daimlerstadion hat der VfB-Fan schon
manche heiße Diskussion und aufregende Spiele gesehen. „In diesen
eineinhalb Stunden kann ich alles um mich herum vergessen." 90
Minuten zwischen Jubel, Trauer und Lachen — kurzum, beste
Unterhaltung, wie Schretzmeier sie auch seinem Publikum bieten will. |