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Vom Balla-balla-Virus infiziert
Der treueste Fan
Wer wegen des Bestsellers von Nick Hornby bisher
glaubte, dass „Fußballfieber" ähnlich wie Rinderwahn in erster Linie
eine englische Krankheit sei, kennt Julius Weller nicht. Für den
66-jährigen Schwaben gibt es nur drei Dinge im Leben, die ihm
wirklich wichtig sind: den VfB, den VfB und nochmals den VfB. Weller
ist dem Club vom Cannstatter Wasen mit Haut und Haaren verfallen.
Ein kurzer Blick in seine Krankheitsakte: Erste Infizierung 31.
August 1963, bei der Bundesliga-Heimpremiere des VfB im
Neckarstadion. Ansteigendes Fieber, aber noch keine auffallenden
Suchtsymptome. Doch dann der 23. April 1966. Beim Spiel gegen den
Hamburger SV kommt das Balla-balla-Virus richtig zum Ausbruch,
Weller wird zum Fußball-Junkie. Seither hat er kein einziges der
1668 Pflichtspiele der Roten (Stand 5. November 2005) mehr versäumt.
Wenn's sein muss, schleppt sich der pensionierte Lagerarbeiter auch
mit Husten und triefender Nase ins Stadion. 821-mal war der treueste
der treuen VfB-Fans mit seiner Mannschaft bislang auf Tour.
132
Stadien sowie 24 Städte und Länder hat er auf seinen Fußballreisen
kennen gelernt, angefangen von Provinzkaffs wie Baunatal oder Bad
Kreuz- nach bis hin zu Metropolen wie London oder St. Petersburg.
Und dabei sage und schreibe 811 000 Kilometer, das entspricht rund
20 Erdumkreisungen, zurückgelegt. Mal organisiert mit Bus oder
Flieger zusammen mit anderen Fans, mal auf eigene Faust mit der
Bahn, „je nachdem, was es für ein Angebot gab". Längst ist Weller,
der seit dem Umbau des Daimlerstadions seinen Stammplatz auf der
Haupttribüne (Block 9, Reihe 3, Platz 1) hat, bei den Zuschauern
bekannt wie ein bunter Hund. Was vor allem an seinem Outfit liegt:
ein in die Jahre gekommenes, verwaschenes VfB-Trikot mit der
beflockten Aufschrift „Besucher von ... Bundesligaspielen". Vor
jedem Spiel näht der Junggeselle die aktuelle Zahl in weißen Ziffern
auf den roten Brustring auf. Recht ungewöhnlich
ist auch die Fassade von Wellers Haus in Alfdorf bei Schwäbisch
Gmünd: An der Frontpartie wird das Gebäude von einem VfB-Wappen
(1,20 Meter hoch) geziert, integriert in einen
„Stuttgart"-Schriftzug. Auf der weißen Wand der Längsseite sowie
einer etwa vier Meter hohen Mauer hat Weller die Zahl seiner
Jubiläumsspiele sowie seiner Fußballreisen in Deutschland fixiert,
alphabetisch geordnet und getrennt nach Bundesliga- und
DFB-Pokalbegegnungen.
Auch drinnen gleicht Wellers Refugium eher einem VfB-Museum als
einer Wohnung. Die Tapete wird von Stempelabdrücken des
Vereinswappens und den Aufzeichnungen aller Stuttgarter
Bundesliga-Siege geschmückt. In roter Schablonenschrift. Ebenso fein
säuberlich hat der Fußballverrückte sämtliche Spiele in Ordnern
dokumentiert, mit Datum, Mannschaftsaufstellungen, Torschützen,
Auswechslungen und Zuschauerzahlen. „Eigentlich",
sagt der zurückhaltende Mann, „müsste ich über meine Erinnerungen
ein Buch schreiben." Doch dazu fehlt Weller vor lauter Reisen,
Hauswän- |