Licht in der Dunkelheit Der blinde Fan Klaus Fiedler springt auf und reckt die rechte Faust in die Höhe. „T000r!!! T000r!!!" 1:0 für den VfB Stuttgart! Fiedler strahlt übers ganze Gesicht. Majestätisch wie ein Feldherr steht er neben seinem Enkel Danny, die Linke auf einen weißen Stock gestützt, während sein Blick langsam über das Spielfeld wandert. Zuerst nach rechts in die gegnerische Hälfte, wo sich die Stuttgarter Spieler in den Armen liegen, und dann wieder zurück nach links in Richtung Fan-Kurv e, die in einem riesigen Fahnenmeer versinkt. Es scheint, als ob Fiedlers Augen, die hinter einer dunklen Brille versteckt sind, die Jubelbilder förmlich aufsaugen würden. Dabei kann der Mann mit dem gelben Anorak weder Spieler und Fans erkennen noch irgendwelche anderen Szenen, die sich im Daimlerstadion abspielen. Denn der 66-Jährige leidet an progressiver maligner Myophie. Kurz gesagt, er ist vollkommen blind. „Seit 1989", erzählt der Kornwestheimer, „lebe ich in der Dunkelheit." Damals hatte sich seine sehr starke Sehbehinderung (minus 60 Dioptrin rechts, minus 70 links) rapide verschlechtert. Konnte er sich zuvor noch mit Fernsehlesegerät, Lichtlupe und Brillenlampe behelfen, senkte sich zu dieser Zeit endgültig ein dunkler Schleier über seine Augen. Doch jedes Mal, wenn der VfB im Stuttgarter Daimlerstadion spielt, kehrt das Licht zurück. „Ob Sie es glauben oder nicht", versichert Fiedler, „aber während dieser 90 Minuten kann ich wieder sehen." Mit den Augen von zwei SWR-Kommentatoren und mit Hilfe eines Empfängers, der per Kabel mit der Hörmuschel verbunden ist, die Fiedler an sein rechtes Ohr geklammert hat. „Es ist 15.28 Uhr", meldet sich eine Reporterstimme. „Hans-Peter Archner und Jürgen Appel wollen euch die nächsten 90 Minuten im Daimlerstadion begleiten, das mit knapp 40 000 Zuschauern zu etwa drei Vierteln gefüllt ist. Jetzt laufen die Mannschaften ein, jeder Spieler mit einem kleinen Jungen an der Hand. Auch zwei Fahnenschwinger sind dabei — und nicht zu vergessen Fritzle, das grüne Krokodil und Maskottchen des VfB ..." Während Fiedler der Reporterstimme lauscht, dröhnt aus den Lautsprechern die Fußball-Hymne „You'll never walk alone". Der benachbarte Stuttgarter Fan- Block verwandelt sich in einen riesigen Chor und erzeugt Gänsehaut-Atmosphäre. „Wahnsinn!", sagt Fiedler mit rauer Stimme. „Der absolute Hammer!" Seit Saisonstart 2005/06 macht der VfB diesen Service möglich. „Dabei", erläutert der VfB-Fanbeauftragte Peter Reichert, „halfen auch die Rollstuhlfahrer kräftig mit." Weil sich die Rollis, die zuvor umsonst ins Stadion gekommen waren, bereit erklärten, künftig fünf Euro pro Spiel zu zahlen, konnten auf der Haupttribüne jeweils zehn neue Plätze für Blinde und deren Begleitpersonen geschaffen werden. Für Fiedler wurde ein Traum wahr. Zwar ist der begeisterte SWR-1-Hörer ein großer Fan der samstäglichen Rundfunk-Sendung „Heute im Stadion" — aber das Live-Erlebnis im Stadion stellt für ihn alles andere in den Schatten. „Dass ich so hautnah dabei sein kann, ist für mich, wie wenn Weihnachten, Ostern, Pfingsten und alle Geburtstage meiner Familie zusammen auf einen Tag fallen würden." Fiedler quillt das Herz beinahe über vor lauter Freude und Glück. Immer und immer wieder bedankt er sich beim VfB und bei „den tollen Reportern des SWR". In diesem Fall bei Hans-Peter Archner und Jürgen Appel. Normalerweise hätten beide heute einen freien Tag. Doch ebenso wie ihre Kollegen Petra Klein, Michel Ries, Stefan Siller oder Wolfgang Heim sagten sie spontan zu, als der VfB beim SWR ehrenamtliche Mitstreiter für das Blinden-Projekt suchte. Statt daheim in der warmen Stube sitzen Archner und Appel nun bei Temperaturen nahe null Grad auf der Pressetribüne, dick eingemummt in warme Anoraks. Vor sich ein Mikrofon, die Aufstellungen und weitere Informationen über die Mannschaften. Mit Sachverstand, Engagement und Leidenschaft kommentieren die Radio-Profis das Spielgeschehen — obwohl die Zahl ihrer Hörer heute mit zwei Blinden sehr exklusiv ist. Den Reportern macht's trotzdem Spaß, schließlich geht es nicht um Einschaltquoten, sondern um einen guten Zweck. „... Pass zu Tomasson, der lässt seinen Gegenspieler aussteigen, dringt halblinks in den Strafraum ein, Schuss ..." Archner erhebt die Stimme. „... aber der Ball streicht knapp am Tor vorbei." „Es bleibt beim 1:0 für den VfB." Appel setzt die Reportage fort, während sein Kollege eine kurze Pause einlegen darf. „90 Minuten alleine zu reden wäre anstrengend. Aber zu zweit geht's", sagt Archner, während er nach der Mineralwasserflasche und der Packung mit Salzpastillen greift. Stimme ölen, denn gleich ist er wieder dran. Doch bevor Archner das Mikrofon übernimmt, will er noch etwas loswerden. „Die Idee, Reportagen für Blinde zu machen, ist so gut, dass wir uns inzwischen fragen, warum wir nicht viel früher darauf gekommen sind." |