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Ein Mann für alle Fälle
Ex-Stadionwart Reinhold Laun
Als
sie Ende der achtziger Jahre im Flieger sitzen, atmet Reinhold Launs
Ehefrau Marianne tief auf. „Endlich Urlaub! Endlich mal weg vom
Stadion, weg von Stuttgart, wo dich Hinz und Kunz kennt." Doch die
Erleichterung ist nur von kurzer Dauer. Kaum auf Fuerteventura
gelandet, ruft es „Hallo Reinhold!" hinter Laun her: Andreas Müller,
der damalige VfB-Spieler und spätere Teammanager von Schalke, mit
seiner Frau. Auch als Laun später am Strand entlangstapft, bleibt er
nicht lange inkognito. „Ja wie", begrüßt ihn ein Landsmann, „'s
Stadion isch ja au da."
Die Institution Laun und das Stadion — untrennbar
miteinander verbunden. 27 Jahre seines Lebens, von 1973 bis 2000,
verbringt er im ersten Stock unter dem Dach der alten Haupttribüne.
Dort, wo später der erste VIP-Raum entsteht, wohnt er mit seiner
Frau und den drei Kindern, dort macht er sein Hobby Sport zum Beruf.
Denn die Arbeit als Stadionwart ist für ihn kein Job, sondern eine
Leidenschaft.
Wenn's
was zu schaffen gab, hat Laun weder auf die Uhr geguckt noch
gemeckert oder lange gefragt. Der technische Hausmeister packte
einfach zu. Egal, ob es um die zahlreichen Ringer, Judoka,
Tischtennisspieler, Turner, Tänzer und Fechter ging, die in den
sechs Turnhallen im Inneren der Haupttribüne trainierten, oder um
prominente Profis — Laun hatte für jeden (Extra-)Wunsch ein offenes
Ohr. Und immer sofortige Hilfe parat. Reinhold hier, Reinhold dort.
Er versorgt die Sportler und VIPs mit Sprudel und Schampus, besorgt
den vergesslichen Kölner Profis Schienbeinschützer, repariert unter
den misstrauischen Augen der Funktionäre die Fußballschuhe von Kiews
Superstar Oleg Blochin oder bringt das Trikot von VfB-Star Hansi
Müller ein paar Minuten vor Anpfiff in die Hausmeister-Wohnung, wo
Frau Laun die schadhafte Kragennaht mit zwei Stichen ausbessert ...
Auch bei der Stuttgarter Meisterschaftsfeier 1992 ist schnelles
Handeln gefragt: Auf Wunsch des besorgten VfB-Direktors Ulrich Ruf
bringt Laun die Meisterschale in Sicherheit, bevor sie in dem
allgemeinen Tohuwabohu verloren geht. „Ich hab", verrät er mit
knitzem Lächeln, „sie einfach in meinem Bett versteckt."
Der Mann für alle Fälle ist sogar eine Art
Vorreiter in der Schmerztherapie. Deshalb beeindruckt es die
VfB-Spieler auch nicht sonderlich, als der neue Physiotherapeut
Francois Caneri in den siebziger Jahren die „revolutionäre
Behandlung" mit Eis einführen will. Glaubt denn der, wir leben
hinterm Mond?", fragt Hermann Ohlicher. „Eis gibt's bei uns schon
lang — aus Reinholds Kühlschrank."
Dort steht auch das Bier, das Laun den Spielern
samstags zur Sportschau serviert, als es im Stadion noch keinen
VIP-Raum gibt. Angefangen von Ohlicher und Müller über Helmut
Roleder, die Förster- Buben Bernd und Karl-Heinz, Karl Allgöwer,
Guido Buchwald bis hin zu Jürgen Klinsmann — alle waren schon im
gemütlichen Wohnzimmer des Hausmeisters zu Gast. „Lauter liebe,
nette Kerle."
Ebenfalls
nur Gutes will Laun über Stuttgarts Ex- Präsidenten Gerhard
Mayer-Vorfelder sagen. „Der MV ist nie gegangen ohne ein
persönliches Wort, und sei es nur ein ‚Danke' oder ,Auf
Wiedersehen`." Auch von Matthias Sammer hat er ein ganz anderes Bild
als das eines Menschen, der zum Lachen in den Keller geht. „Was
glaubet Se", fragt Laun, „wie viel Blödsinn mir zwei scho g'macht
hen?"
Zu vielen Spielern hat sich im Lauf der Jahre
eine enge Beziehung entwickelt. Der Rentner zeigt auf ein Bild mit
persönlicher Widmung, das im Flur seiner neuen Wohnung in der
Wildbader Straße in Bad Cannstatt hängt: „Dir Reinhold, zur
Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit beim VfB, Dein Freund Jürgen."
„Ach, der Klinsi." Dem Freund wird's in der Erinnerung ganz wehmütig
ums Herz. Laun sieht den Weltstar vor sich, wie der mit dem Geschenk
vor ihm steht. „Jürgen hat mich umarmt, dann hat er geweint",
erzählt der Hausmeister bewegt. „Da hat's auch mich übermannt."
Wunderschöne
Erinnerungen, von denen der sympathische 75-Jährige noch heute
zehrt. Dazu gehört auch das Deutsche Turnfest 1973, Launs erste
Großveranstaltung kurz nach seinem Dienstantritt. Obwohl er fast
rund um die Uhr geschuftet hat und nach dieser Woche auf dem
Zahnfleisch dahergekommen ist. „Dafür", erzählt Laun stolz, „haben
sie unser Team vom Sportamt von allen Seiten gelobt." Ähnlich wie
nach dem rauschenden Fest der Leichtathletik-WM 1993. Laun blättert
in einem Album mit Fotos der Superstars wie Carl Lewis, Merlene
Ottey, „meiner Freundin Gail Devers" und der anderen
Medaillengewinner, die er auf dem Weg zur Doping-Kontrolle mit
alkoholfreien Getränken versorgte, und — wenn keiner hinschaute —
wie bei Diskuswerfer Lars Riedel, mit einem „richtigen Bier".
Auch
Helmut Kohl, den er während der WM durch den Haupttribünen-Trakt
geleitete, fühlte sich von Laun bestens betreut. „So eine gute
Brezel", freute sich der damalige Bundeskanzler, „habe ich noch nie
gegessen." Auch der Stadionwart schwelgt in Superlativen. „Die
Leichtathletik-WM", sagt er, „war das Größte, was ich je erlebt
habe."
Oder
war es vielleicht die Fußball-WM 1974? Bei dieser „traumhaften
Veranstaltung" hatten es ihm besonders die Polen angetan. „Im
Halbfinale wusste ich nicht, ob ich denen oder Deutschland die
Daumen drücken soll. So eine sympathische und bescheidene
Mannschaft." Kein Wunder, dass er dem Team die Wünsche förmlich von
den Augen abliest. Als Laun, der einen ähnlichen Trainingsanzug
trägt wie die Polen, wieder mal aus deren Kabine kommt, spricht ihn
Rudi Michel an. „Sprechen Sie etwas Deutsch?", fragt der
ARD-Reporter. „A paar Brocke", lautet die Antwort in schönstem
Schwäbisch. „Darüber", sagt Laun, „haben wir noch jahrelang
gelacht." Wie auch über viele andere Anekdoten, die er im Stadion
erlebt hat. „Reinhold", sagte der frühere VfB-Trainer Jürgen
Sundermann, „eigentlich müsstest du ein Buch schreiben." Eine gute
Idee. |