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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.       11. Jahrgang

 
 
 


 
    
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Ein Mann für alle Fälle
Ex-Stadionwart Reinhold Laun

Als sie Ende der achtziger Jahre im Flieger sitzen, atmet Reinhold Launs Ehefrau Marianne tief auf. „Endlich Urlaub! Endlich mal weg vom Stadion, weg von Stuttgart, wo dich Hinz und Kunz kennt." Doch die Erleichterung ist nur von kurzer Dauer. Kaum auf Fuerteventura gelandet, ruft es „Hallo Reinhold!" hinter Laun her: Andreas Müller, der damalige VfB-Spieler und spätere Teammanager von Schalke, mit seiner Frau. Auch als Laun später am Strand entlangstapft, bleibt er nicht lange inkognito. „Ja wie", begrüßt ihn ein Landsmann, „'s Stadion isch ja au da."

Die Institution Laun und das Stadion — untrennbar miteinander verbunden. 27 Jahre seines Lebens, von 1973 bis 2000, verbringt er im ersten Stock unter dem Dach der alten Haupttribüne. Dort, wo später der erste VIP-Raum entsteht, wohnt er mit seiner Frau und den drei Kindern, dort macht er sein Hobby Sport zum Beruf. Denn die Arbeit als Stadionwart ist für ihn kein Job, sondern eine Leidenschaft.

Wenn's was zu schaffen gab, hat Laun weder auf die Uhr geguckt noch gemeckert oder lange gefragt. Der technische Hausmeister packte einfach zu. Egal, ob es um die zahlreichen Ringer, Judoka, Tischtennisspieler, Turner, Tänzer und Fechter ging, die in den sechs Turnhallen im Inneren der Haupttribüne trainierten, oder um prominente Profis — Laun hatte für jeden (Extra-)Wunsch ein offenes Ohr. Und immer sofortige Hilfe parat. Reinhold hier, Reinhold dort. Er versorgt die Sportler und VIPs mit Sprudel und Schampus, besorgt den vergesslichen Kölner Profis Schienbeinschützer, repariert unter den misstrauischen Augen der Funktionäre die Fußballschuhe von Kiews Superstar Oleg Blochin oder bringt das Trikot von VfB-Star Hansi Müller ein paar Minuten vor Anpfiff in die Hausmeister-Wohnung, wo Frau Laun die schadhafte Kragennaht mit zwei Stichen ausbessert ... Auch bei der Stuttgarter Meisterschaftsfeier 1992 ist schnelles Handeln gefragt: Auf Wunsch des besorgten VfB-Direktors Ulrich Ruf bringt Laun die Meisterschale in Sicherheit, bevor sie in dem allgemeinen Tohuwabohu verloren geht. „Ich hab", verrät er mit knitzem Lächeln, „sie einfach in meinem Bett versteckt."

Der Mann für alle Fälle ist sogar eine Art Vorreiter in der Schmerztherapie. Deshalb beeindruckt es die VfB-Spieler auch nicht sonderlich, als der neue Physiotherapeut Francois Caneri in den siebziger Jahren die „revolutionäre Behandlung" mit Eis einführen will. Glaubt denn der, wir leben hinterm Mond?", fragt Hermann Ohlicher. „Eis gibt's bei uns schon lang — aus Reinholds Kühlschrank."

Dort steht auch das Bier, das Laun den Spielern samstags zur Sportschau serviert, als es im Stadion noch keinen VIP-Raum gibt. Angefangen von Ohlicher und Müller über Helmut Roleder, die Förster- Buben Bernd und Karl-Heinz, Karl Allgöwer, Guido Buchwald bis hin zu Jürgen Klinsmann — alle waren schon im gemütlichen Wohnzimmer des Hausmeisters zu Gast. „Lauter liebe, nette Kerle."

Ebenfalls nur Gutes will Laun über Stuttgarts Ex- Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder sagen. „Der MV ist nie gegangen ohne ein persönliches Wort, und sei es nur ein ‚Danke' oder ,Auf Wiedersehen`." Auch von Matthias Sammer hat er ein ganz anderes Bild als das eines Menschen, der zum Lachen in den Keller geht. „Was glaubet Se", fragt Laun, „wie viel Blödsinn mir zwei scho g'macht hen?"

Zu vielen Spielern hat sich im Lauf der Jahre eine enge Beziehung entwickelt. Der Rentner zeigt auf ein Bild mit persönlicher Widmung, das im Flur seiner neuen Wohnung in der Wildbader Straße in Bad Cannstatt hängt: „Dir Reinhold, zur Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit beim VfB, Dein Freund Jürgen." „Ach, der Klinsi." Dem Freund wird's in der Erinnerung ganz wehmütig ums Herz. Laun sieht den Weltstar vor sich, wie der mit dem Geschenk vor ihm steht. „Jürgen hat mich umarmt, dann hat er geweint", erzählt der Hausmeister bewegt. „Da hat's auch mich übermannt."

Wunderschöne Erinnerungen, von denen der sympathische 75-Jährige noch heute zehrt. Dazu gehört auch das Deutsche Turnfest 1973, Launs erste Großveranstaltung kurz nach seinem Dienstantritt. Obwohl er fast rund um die Uhr geschuftet hat und nach dieser Woche auf dem Zahnfleisch dahergekommen ist. „Dafür", erzählt Laun stolz, „haben sie unser Team vom Sportamt von allen Seiten gelobt." Ähnlich wie nach dem rauschenden Fest der Leichtathletik-WM 1993. Laun blättert in einem Album mit Fotos der Superstars wie Carl Lewis, Merlene Ottey, „meiner Freundin Gail Devers" und der anderen Medaillengewinner, die er auf dem Weg zur Doping-Kontrolle mit alkoholfreien Getränken versorgte, und — wenn keiner hinschaute — wie bei Diskuswerfer Lars Riedel, mit einem „richtigen Bier".

Auch Helmut Kohl, den er während der WM durch den Haupttribünen-Trakt geleitete, fühlte sich von Laun bestens betreut. „So eine gute Brezel", freute sich der damalige Bundeskanzler, „habe ich noch nie gegessen." Auch der Stadionwart schwelgt in Superlativen. „Die Leichtathletik-WM", sagt er, „war das Größte, was ich je erlebt habe."

Oder war es vielleicht die Fußball-WM 1974? Bei dieser „traumhaften Veranstaltung" hatten es ihm besonders die Polen angetan. „Im Halbfinale wusste ich nicht, ob ich denen oder Deutschland die Daumen drücken soll. So eine sympathische und bescheidene Mannschaft." Kein Wunder, dass er dem Team die Wünsche förmlich von den Augen abliest. Als Laun, der einen ähnlichen Trainingsanzug trägt wie die Polen, wieder mal aus deren Kabine kommt, spricht ihn Rudi Michel an. „Sprechen Sie etwas Deutsch?", fragt der ARD-Reporter. „A paar Brocke", lautet die Antwort in schönstem Schwäbisch. „Darüber", sagt Laun, „haben wir noch jahrelang gelacht." Wie auch über viele andere Anekdoten, die er im Stadion erlebt hat. „Reinhold", sagte der frühere VfB-Trainer Jürgen Sundermann, „eigentlich müsstest du ein Buch schreiben." Eine gute Idee.

 
 
     
   
     
   
     
   
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