Das goldene Mikrofon Der langjährige Stadionsprecher Günther Willmann Sie sind Clowns, Stimmungsmacher, Einpeitscher — und manche sogar Kult. Wie der schräge Lotto King Karl in Hamburg oder Dortmunds Nobby Dickel. Seit Deutschlands Stadien Partyzones sind, hat sich auch die Aufgabe der Stadionsprecher gewandelt. Mit Günther Willmann, der diese Tätigkeit 40 Jahre bei rund 800 Bundesliga-, Pokal-, Europacup- und Länderspielen im Neckarstadion ausübte, haben diese Leute nur noch den Namen gemein.
Auch mit Christian Pitschmann, Stuttgarts derzeitigem Stadionsprecher, verbindet ihn nur eins: Beide kommen vom Rundfunk. Ansonsten trennen sie Welten. Hier der hemdsärmelige Showman, dort der distinguierte Grandseigneur mit geschulter, ausdrucksstarker Stimme — „und Theaterausbildung", wie er nicht ohne Stolz hinzufügt. Willmanns Organ, ebenso unverwechselbar wie sein Stil: „17. Minute, 1:0 für den VfB Stuttgart, Torschütze Klinsmann." So oder ähnlich meldete er sich zu Wort, wenn es Wichtiges zu verkünden gab. Sachlich, nüchtern — und distanziert, wie seine Position. Statt wie der heutige Sprecher neben der VfB-Bank hockend, blickte Willmann vom höchsten Rang der Haupttribüne aus einer gläsernen Kabine auf das Geschehen herab, wobei der Blick des Schöngeistes hin und wieder auch in Richtung Rotenberg zur Grabkapelle Württemberg schweifte. Bei Willmann gab es auch kein lang gezogenes „Oleee Vauefffbeee", keine Appelle wie „Steht auf, wenn ihr Schwaben seid" oder sonstige Anfeuerungsrufe. „Das konnte und wollte ich nicht", sagt der Stuttgarter, „obwohl ich immer ein glühender VfBAnhänger war." Von diesem Standpunkt brachten ihn keine zehn Pferde ab. Auch die Aufforderung des früheren VfB-Direktors Ulrich Schäfer, für mehr verbales Feuer am Mikrofon zu sorgen, stieß bei Willmann auf taube Ohren. „Ich bin kein Recommandeur! Wir sind in einem Sportstadion, nicht auf dem Volksfest!" Ende der Durchsage. Selbst die Mannschaftsaufstellungen verlas er wie Wasserstandsmeldungen oder Börsenkurse. Das heute so beliebte Wechselspiel zwischen dem Stadionsprecher, der die Vornamen nennt, und den Fans, die die Nachnamen brüllen, wäre in der Ära Willmann undenkbar gewesen. „Peinlichkeiten", die in absolutem Gegensatz zu seinem Naturell und Fairnessverständnis stehen.
Nur einmal ging mit Willmann der Gaul durch. Nachdem der Gegner des VfB auf 3:1 erhöht hatte, fügte der frustrierte Sprecher der Ergebnisdurchsage ein „Das war's dann wohl" hinzu. Die Folge war eine Rüge des damaligen VfB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder. „Völlig zurecht", räumt Willmann ein. „Dieses Verhalten war nicht korrekt." Wer aber glaubt, in der Ära Willmann hätte es nichts zu lachen gegeben, ist auf dem Holzweg. „Frau Marion Müller bittet ihren Mann Harald, dringend nach Hause zu kommen!" Durchsagen dieser Art, die gar nicht so selten waren, sorgten immer wieder für Heiterkeit im weiten Rund, insbesondere dann, wenn sie in den spannendsten Momenten kamen. Lustig war sicher auch Willmanns gemeinsamer Sketch „Die Straßenkehrer im Stadion" mit den schwäbischen Originalen Werner Veidt und Walter Schultheiß, obwohl sich der langjährige SDR-Moderator („Funkfahrt ins Blaue", „Klang und Sang aus Stadt und Land") an diese Aufnahme nicht mehr erinnern kann. Umso mehr ist dem 2003 von Bundespräsident Johannes Rau mit dem Verdienstkreuz am Bande ausgezeichneten Willmann der Werbeslogan „Jacobi 1880 — schmeckt mit 18 und mit 80" im Gedächtnis geblieben. Schließlich hat er ihn unzählige Male aufgesagt. Nicht vergessen hat Willmann auch eine andere Geschichte. „In den Anfangsjahren", erzählt der heute 6-Jährige, „musste ich mir als Sprecher die Mannschaftsaufstellungen selbst besorgen." Manchmal kein leichter Job. „Von einigen Trainern wurde ich fast aus der Kabine hinausgeschmissen, weil sie mich für einen Spion hielten." Übrigens: Willmann bekam zwar gleich zu Beginn seiner Tätigkeit in den fünfziger Jahren den Titel als „offizieller Stadionsprecher der Landeshauptstadt Stuttgart", aber nie ein Honorar. „Das war mir auch nicht wichtig." Über das goldene Mikrofon, das ihm Mayer-Vorfelder zu seinem Abschied verlieh, hat er sich dennoch gefreut. Noch mehr genießt es der FDP-Stadtrat aber, wenn er heute in einem Restaurant sitzt und, was nicht selten der Fall ist, von wildfremden Leuten angesprochen wird. „Saget Sie mal, sind Sie net die 7 Stimme des Stadions?" |