|
Viel Staub und ein wenig Stolz
Der Stadionchef und sein Team
Kaum stand das Daimlerstadion als Austragungsort
der Fußball-WM 2006 fest, wurde das städtische Sportamt mit Anfragen
fürs Drehen von Werbespots oder Fotoaufnahmen fast überschwemmt.
Puma wollte dem Hausherrn der Arena quasi sogar auf dem Kopf
herumtanzen. Die Pläne der Sportartikelfirma sahen Folgendes vor:
Auf dem Membrandach der Haupttribüne sollte ein großes Podest, über
der Gegengeraden ein Fußballtor in Originalgröße aufgebaut werden.
Mit der Absicht, dass ein Spieler in luftiger Höhe einen Ball von
der einen Seite auf die andere tritt. Doch die kühnen Werbestrategen
bekamen eine Absage. „Aus Sicherheitsgründen", wie Bernd Schmidt,
beim Sportamt zuständig für Veranstaltungsmanagement und
Organisation, erläutert. Doch dieser Fall ist eher die Ausnahme als
die Regel. Denn die 48-köpfige Sportamtsabteilung um Stadionchef
Roland Haas entspricht überhaupt nicht dem Klischee vom muffigen
Beamtenladen, der sich hinter Gesetzen und Verordnungen verschanzt.
Im Gegenteil. „Wir verstehen uns als Dienstleister", betont Haas,
„der auf die Bedürfnisse seiner Kunden eingeht."
Egal
ob Fußballspiel, Open-Air-Veranstaltung oder Event im
Businessbereich des Stadions — Flexibilität und Einsatzbereitschaft
sind Trumpf. „Unsere Leistungen", sagt der technische Leiter Martin
Schmeckenbecher, „müssen auf den Punkt hin abrufbar sein." Das heißt
nicht nur, dass die Mitarbeiter oft am Freitag erfahren, ob sie am
Wochenende arbeiten müssen, sondern auch, dass der städtische
Gärtner notfalls auch nachts um elf und bei Eiseskälte ausrückt, um
den vom Training ramponierten Rasen wieder auf Vordermann zu
bringen. Oder dass der Elektriker von der ersten bis zur letzten
Veranstaltungsminute Gewehr bei Fuß steht, falls es technische
Probleme gibt.
Obwohl die Stromversorgung doppelt abgesichert ist. Denn einen
Lichtausfall kann sich ein Veranstalter im Zeitalter von horrenden
Summen, die die TV-Stationen für Übertragungsrechte hinblättern,
nicht leisten. „In der nächsten Sekunde", prophezeit Haas, „würde
der Programmdirektor bei mir auf der Matte stehen."
Um solche teuren Pannen zu vermeiden, legt der
Stadionchef nicht nur großen Wert auf Spezialisten aller
Fachrichtungen, sondern auch auf eine eingespielte Mannschaft. „Wir
müssen einen Teamgeist entwickeln wie im Fußball und stolz sein,
dass wir hier arbeiten dürfen." Auch unter schwierigen Bedingungen
mit viel Staub und Dreck, wie sie zwischen 1999 und 2006 — abgesehen
von wenigen Ruhephasen — fast ständig im und ums Stadion herrschten.
Kaum war eine Baustelle beseitigt, wurde schon die nächste
aufgemacht. Ein Provisorium löste das andere ab. Mit der Folge, dass
an einem Tag die Elektrokabel und die Zugangswege verlegt werden
mussten, am nächsten die Toiletten, manchmal sogar komplette
Gastronomiebereiche. Und das unter Einhaltung sämtlicher Auflagen
und Sicherheitsbestimmungen.
Zu Flexibilität zwingen das Sportamt auch die Lau nen der Natur.
Bricht der Winter wie 2005/06 mit Macht über das Stadion herein,
heißt es Schnee und Überstunden schieben. Auch der Herbst zeigt sich
den Mitarbeitern nicht nur in seiner Pracht. „Die vielen Laubbäume
rund ums Stadion sehen zwar wunderschön aus", sagt Schmeckenbecher,
„werfen aber auch Megatonnen von Laub ab."
Seit
Vollendung der neuen Haupttribüne im Jahr 2001 hat sich zudem die
Zahl der Führungen deutlich erhöht. Rund 25-mal im Monat werden
Firmen, Vereine, Pressevertreter, Schulklassen,
Geburtstagsgesellschaften oder andere Besuchergruppen durchs Stadion
geschleust. Während Erwachsene meist neugierig auf die VIP-Räume und
Logen sind, wollen Kinder unbedingt die Umkleidekabinen sehen und
durch den Spielertunnel ins Stadion rennen. „Sind sie erst einmal
drin", erzählt Haas schmunzelnd, „gibt es kein Halten mehr." Unter
zwei Runden, die dann auf der Kunststoffbahn gedreht werden, geht's
meist selten ab. Wenn zur gleichen Zeit die Rasenmäher-Flotte
unterwegs ist, registriert Haas solche Dinge mit einem wachenden,
ansonsten aber vor allem mit einem lachenden Auge. Denn natürlich
macht es ihn stolz, dass die Immobilie mit einem Anlagevermögen von
150 Millionen Euro so großes Interesse auslöst. Verwundern tut es
den Stadionchef indes nicht. „Eine Arena, die einen solchen
Charakter und so eine lange Historie besitzt und trotzdem auf dem
modernsten Stand der Technik ist — so etwas gibt es nur in
Stuttgart."
Deshalb dachte Haas schon vor der Fußball-WM
lange über 2006 hinaus. „Glauben Sie mir", sagt er, „hier im
Herzstück des einmaligen Neckar-Parks, dem neu konzipierten Areal
zwischen Schleyerhalle und Mercedes-Benz-Museum, werden wir dem
Publikum noch viele neue Ideen und Veranstaltungen präsentieren." |