Mittendrin statt nur dabei Sportreporter-Urgestein Erich Brodbeck Neckarstadion, 24. Oktober 1962, Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Frankreich. Der „Sportbericht" hat eine mit der damaligen Technik im Prinzip unlösbare Aufgabe gemeistert: Sofort nach Abpfiff wird die druckfrische Zeitung mit dem brandaktuellen Spielbericht rund um den Wasen unters Volk gebracht. Nur dumm, dass Heinz Steinmann dem „Sportbericht" mit seinem späten Ausgleichstreffer acht Minuten vor Schluss einen Strich durch die Rechnung macht. So enthält der mit heißer Nadel gestrickte Artikel über das Länderspiel leider einen kleinen, aber fatalen Fehler: das Resultat. Erich Brodbeck (83), Stuttgarts (dienst)ältester Sportjournalist, könnte hunderte solcher Anekdoten erzählen. Von einer „schönen Zeit", als Handy, Computer, Laptop, E-Mail, Internet und andere Errungenschaften der modernen Kommunikationstechnologie noch weiter weg waren als der Mond. Selbst Telefonieren via Festnetz aus den Stadien ist nach dem Krieg zunächst eher Abenteuer denn Alltag. Als der junge Spund 1945 bei der „Sportwelt" beginnt, mangelt es in dem zerbombten Stuttgart an allem. Sogar am Grundstoff zum Drucken. „Wer eine Zeitung kaufen wollte", erzählt Brodbeck, „musste die entsprechende Menge Papier mitbringen." Auch die journalistische Termingestaltung ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Weniger, weil gleich drei Stuttgarter Vereine (VfB, Kickers, Sportfreunde) in der 1946 gegründeten Süddeutschen Fußball-Oberliga spielen, als wegen des zunächst von den Amerikanern beschlagnahmten Century Stadiums. „Zusammen mit bis zu 50 000 Zuschauern mussten wir oft stundenlang warten, bis die Amis mit ihren Baseballspielen fertig waren." Trotz aller Widrigkeiten macht sich Brodbeck („Erstaunlich, dass unser Blatt jede Woche erschienen ist") in den zwei kleinen Räumen des Union-Verlags in der Hohenzollernstraße mit Feuereifer an seinen Job. Zunächst als Einzelkämpfer, ab 1948 dann mit Hans Blickensdörfer, der späteren Reporter-Legende. Gemeinsam bestehen die beiden manchen Kampf gegen die Tücken des Journalisten-Alltags. Brodbeck und Blickensdörfer hetzen nach Spielschluss auf der Jagd nach Stimmen hinter Trainern, Spielern und prominenten Zuschauern her, da es zu jener Zeit weder Pressekonferenzen noch Mixed Zones — Bereiche, in denen Sportler den Reportern Rede und Antwort stehen — gibt. Sie heuern Lokführer an, die die mit Schreibmaschine geschriebenen Korrespondentenberichte aus anderen Städten in ihre Obhut nehmen. Sie kutschieren mit der Verlagskarre, einem alten Opel, riesige Bretter mit Bleisätzen durch die Gegend. Selbst vor der illegalen Benutzung von Militärzügen schrecken sie nicht zurück, wenn es keinen anderen Weg gibt, um den Pack an Schreibmaschinenblättern montags zum Satz und Druck nach Augsburg zu bringen. Kurzum, die Urgesteine des Stuttgarter Sportjournalismus sind mittendrin statt nur dabei. Mitunter führt dies jedoch auch zu Verwicklungen. „So drohte mir Rolf Geiger vom VfB mal mit Prügel", erinnert sich Brodbeck, „nachdem ich ihn im ‚Sportbericht' kritisiert hatte." Zum Glück bleibt es beim Wortgefecht. Dank ihrer Ausnahmestellung — laut Brodbeck waren manchmal nur zwei, drei Journalisten im Neckarstadion — ist auch ihr Einfluss auf die öffentliche Meinung nicht gering. So bringt Brodbeck nach einem Treffen mit Gustav Wiederkehr, dem Vizepräsidenten des Schweizer Fußball- und Athletikverbandes, ein Spiel der Städteauswahlen von Stuttgart und Zürich ins Gespräch. Die Fußballbegegnung 1948 ist nicht nur von großer lokaler Bedeutung, sondern führt zwei Jahre später auch zum ersten Nachkriegsländerspiel gegen die Schweiz und damit zum endgültigen Schritt Deutschlands aus der sportlichgn Isolation. Auch in den Folgejahren mischt Brodbeck im Sportgeschehen munter mit. Nicht nur als Präsident der Stuttgarter Prominentenkicker. Zum Beispiel ist Brodbeck einer der größten Fürsprecher der 1963 eingeweihten Flutlichtanlage. Bei der harten Diskussion um den Ausbau des Neckarstadions zur Fußball-WM 1974 bewegt er gar die Massen: Seinem Aufruf zum „Ja" per Stuttgarter Wochenblatt folgen rund 40 000 Menschen. Zudem macht sich Brodbeck als Hans Dampf in allen Gassen einen Namen. Unter seiner Regie geht 1976 Stuttgarts erstes Weindorf über die Bühne. Ebenso ruft er in der Landeshauptstadt den Faschingsumzug ins Leben. Ohne Geld, wie er betont. „Nicht auf die Finanzen", sagt der 83-Jährige, „auf die guten Ideen kommt es an." |