|
Safety first
Die Polizei-Einsatzleitung
Andreas Hinkel hat einen rabenschwarzen Tag
erwischt. Beim Gegentor sieht der VfB-Abwehrspieler ganz alt aus,
hinzu kommen mindestens fünf haarsträubende Fehlpässe. Auch in der
Befehlszentrale der Polizei, einer gläsernen Kabine unterm
Stadiondach der Gegengeraden, wird während der Halbzeitpause heftig
über Hinkels Aussetzer diskutiert. „Vielleicht", sagt Einsatzleiter
Dieter Schüle schmunzelnd, „sollten wir ihn präventiv in Gewahrsam
nehmen." Seine vier Kollegen lachen.
Ein
gutes Zeichen. Denn so lange in der gläsernen Kabine direkt unter
dem Dach der Gegengeraden Zeit zum Flachsen bleibt, ist für die
Polizei alles im grünen Bereich. Ein Routineeinsatz in einem
normalen Bundesligaspiel. Keine besonderen Vorkommnisse. Sieht man
von ein paar betrunkenen Gästefans ab, die statt beim Fußball in der
Ausnüchterungszelle landen. Business as usual. Dementsprechend
gelassen ist die Lage. Neben Laptops, Telefonen und
Funksprechgeräten stehen Thermoskannen, Tassen und Brezeln auf dem
Tisch. Von Kaffeekränzchen-Atmosphäre dennoch keine Spur. „Hier
Wasen 100!" Alle Fäden laufen in dem Herz der Sicherheitszentrale
zusammen, alle Einsätze werden von der gläsernen Sicherheitskanzel
aus koordiniert. Schüle, Befehlsstellen-Leiter Gerd Burkhardt und
ihre sechs Kollegen stehen ständig in Kontakt mit den verschiedenen
Einsatzabschnitten, zu denen an einem „normalen" Spieltag wie diesem
140 Polizisten gehören sowie Rotes Kreuz und Feuerwehr. Ebenso wie
mit SDS, einem privaten Ordnungsdienst, der im Auftrag des
Veranstalters VfB Stuttgart heute mit 477 Leuten im Einsatz ist.
Weil diese Kräfte über die Einhaltung des Hausrechts wachen, kann
sich die Polizei während des Spiels meist im Hintergrund halten.
„Wir sind aber immer präsent", betont Schüle, „und können
eingreifen, wenn es erforderlich ist oder wenn man uns um Hilfe
ruft." Direkt im und ums Stadion ist das eher selten der Fall. Die
Zahl der Ausschreitungen und Gewalttaten ging in den letzten Jahren
deutlich zurück. „Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern", sagt
Burkhardt, „wann es die letzte Auseinandersetzung gab."
Denn zum Glück existiert in Stuttgart aktuell
keine harte Hooligan-Szene mehr. Nach Spielschluss kommt es
allerdings hin und wieder zu so genannten Drittort-Schlägereien:
Prügeleien, zu denen sich rivalisierende Gruppen verabreden. Zum
Beispiel in Weinbergen oder anderen abgelegenen Orten, wo
regelrechte Wettkämpfe ausgetragen werden. „Erst kürzlich", verrät
Burkhardt, „wurden entsprechende Videos sichergestellt." Mit einer
Art Bundesliga-Tabelle, in der die schlagkräftigsten „Fans"
aufgelistet waren. Schüle hofft, auch diese Art von Gewalt mit
„unserer guten Arbeit" in den Griff zu bekommen, die sich weit über
die Landeshauptstadt hinaus herumgesprochen hat.
Immer
wieder sind Polizeidelegationen aus europäischen Ländern zu Gast, um
von ihren Stuttgarter Kollegen zu lernen. Das Erfolgsrezept beruht
auf zwei Grundprinzipien. Zum einen sieht die Strategie ein
„konsequentes und frühzeitiges Einschreiten" vor, zum anderen werden
die gegnerischen Fangruppen nicht nur im, sondern auch außerhalb des
Stadions systematisch voneinander getrennt. „Nach dem Spiel ist vor
dem Spiel." Diese alte Herberger-Weisheit gilt auch für unsere
Freunde und Helfer. „An jedem Bundesliga-Spieltag", erläutert
Burkhardt, „erstellt die Polizei bundesweit so genannte
Verlaufsberichte." Erkenntnisse, die zentral erfasst und abgerufen
werden können. Außerdem halten szenekundige Zivilbeamte sowie der
VfB die Stuttgarter Polizei über die örtliche Fanszene auf dem
Laufenden. Auch Erfahrungen der Vergangenheit, erwartete
Zuschauerzahlen und Parallelveranstaltungen fließen in die
Vorbereitung mit ein. „Je mehr wir wissen", sagt Schüle, „desto
besser können wir unseren Einsatz planen und uns für Eventualitäten
wappnen."
Am Spieltag werden die Einsatzkräfte der
Stuttgarter und der Bereitschaftspolizei entsprechend postiert. An
neuralgischen Verkehrsknotenpunkten, Bahnhöfen, in der Innenstadt
sowie an bekannten strategischen Stellen wie Supermärkten oder
Tankstellen, wo sich die Fans mit Alkoholika eindecken. Und
natürlich rund ums Stadion, wo auch Reiterstaffeln im Einsatz sind.
Zudem
setzt Burkhardt auf „Big Brother": „Die neue Videoanlage ist
einmalig in Deutschland." 38 Kameras (32 im Außenbereich, 6 im
Stadion), ausgestattet mit Infrarotscheinwerfern und
Scheibenwischern, halten das komplette Geschehen exakt fest.
Lückenlos wird der Anmarsch der Fans vom Cannstatter Bahnhof bis zum
Stadion gefilmt und auf der Festplatte des Computers gespeichert.
Mittels Zoom kommen Straftäter auf den 38 Monitoren der
Befehlsstelle ganz groß raus. Über Brennweiten von 480 Millimetern
ist es auch relativ einfach, Hobby-Pyrotechniker auszumachen. Selbst
wenn das Feuerwerk noch so farbenprächtig aussehen mag, versteht
Schüle in dieser Beziehung keinen Spaß. „Ein
Riesen-Gefahrenpotenzial", warnt der Revierleiter Bad Cannstatt,
Wiesbadener Straße. „Beim Abbrennen bengalischer Feuerwerkskörper
entstehen Temperaturen von über tausend Grad und giftige Dämpfe."
Dank intensiver Kontrollen bekam die Polizei dieses Problem
mittlerweile aber gut in den Griff. Als ebenfalls sehr wirksam hat
sich die bundesweit praktizierte zivilrechtliche Maßnahme von
Stadionverboten erwiesen. „Das", sagt Schüle, „tut den Leuten
richtig weh". Im Fall Hinkel dagegen glaubt der Einsatzleiter auf
Strafmaßnahmen verzichten zu können. „Jeder hat mal einen schlechten
Tag. Beim nächsten Mal läuft's sicher wieder besser." |