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Wenn auf dem Wasen die Hasen grasen Michael Pfeiffer ist beim VfB
Stuttgart für die Rasenpflege zuständig (2010)
Viel Schatten, wenig Licht (2006)
Greenkeeper und Gärtner (2006)
Michael
Pfeiffer hebt die rechte
Augenbraue, die Mundwinkel gehen
leicht nach unten. Man kann das
schon als direkte Antwort
nehmen. Eine auch wortlos
ausdrucksstarke Antwort an Uli
Hoeneß. „Solange ich etwas zu
sagen habe, wird Lothar Matthäus
bei uns nicht einmal Greenkeeper“,
ließ Bayerns damaliger Manager
Uli Hoeneß vor Jahren verlauten.
Das bisschen Rasenmähen.
Seiner fehlenden
Wertschätzung für einen ganzen
Berufsstand hat Hoeneß so
öffentlich Ausdruck verliehen.
Pfeiffer hat damit ein Problem.
Der 44-Jährige ist nämlich Chef-Greenkeeper,
also Rasenpflegefachkraft beim
VfB Stuttgart. „Ich bin kein
Platzwart, der nur ein bisschen
den Rasenmäher durch die Gegend
schiebt“, sagt er. Pfeiffer ist
vielmehr Herr über Millionen von
Grashalmen auf insgesamt acht
Trainingsplätzen an der
Stuttgarter Mercedesstraße. Seit
2006 ist der Mann aus
Obereisesheim mit drei weiteren
Kollegen zuständig für die
Rasenpflege beim
Fußball-Bundesligisten. „Der VfB
hat damals jemanden gesucht. Und
schon war ich hier“, sagt
Pfeiffer, der zuvor bei einem
Golfclub für Fairway, Grün und
Co. zuständig war. „Golfer sind
noch ein bisschen
anspruchsvoller als Fußballer,
was den Rasen angeht“
Der Start beim VfB ging
damals gleich in die Hose. Im
August 2006 setzte die
Sprinkleranlage nachts den
Trainingsplatz der Profis unter
Wasser. Die Zeitschaltuhr hatte
versagt, 14 Stunden lang lief
das Wasser. „Der Platz war eine
einzige Morastfläche“, erinnert
er sich. Wasserball ja, Fußball
nein hieß es am nächsten Tag.
„Am Ende der Saison ist die
Mannschaft trotzdem deutscher
Meister gewesen“, sagt Pfeiffer.
Heute kann er darüber lachen.
Langweilig ist der Arbeitsalltag
nie, rund zwei Stunden pro Platz
gehen allein jeden Tag fürs
Rasenmähen drauf. Jede Menge
schweres Gerät steht im großen
Schuppen auf dem
VfB-Clubgelände. Zur
Bodenlockerung oder auch zur
Düngung. In seinem kleinen Büro
in den Katakomben führt Pfeiffer
genau Protokoll, wie welcher
Platz gedüngt wird. Der lange
Winter war in diesem Jahr
besonders schweißtreibend.
„Unseren Kunstrasenplatz haben
wir bestimmt sieben oder acht
Mal vom Schnee befreit“, sagt
Pfeiffer.
Keine Maulwurfshügel
Noch sind die VfB-Rasenexperten
nur für die Trainingsplätze
zuständig, bald jedoch gehört
auch die Mercedes-Benz-Arena dem
Verein. „Als das Stadion einen
neuen Rasen bekommen hat, war
ich mit in den Niederlanden, um
den Rollrasen auszusuchen“, sagt
Pfeiffer. Für die teuren
Fußballerbeine gibt Pfeiffer
alles. Der Maulwurfshügel gilt
allgemein als der schlimmste
Feind des Greenkeepers. Nicht so
in Stuttgart. „Hier gibt es
wegen des Grundwassers keine
Maulwürfe. Dafür aber jede Menge
Hasen“, erzählt Pfeiffer. Sie
hinterlassen kleine Souvenirs
auf dem Rasen. Auf dem Wasen
grasen halt tatsächlich die
Hasen. Viel schlimmer als
Feldhasen sind jedoch
Fußballerbeine. VfB-Trainer
Christian Gross mag zum Beispiel
Fußballtennis. „Da treten die
Spieler dann fast auf der
Stelle“, sagt Pfeiffer, der dann
das lädierte Grün wieder
aufpäppeln darf. Aber bald ist
ja ohnehin Saisonpause. Dann
können sich Grün und Greenkeeper
erholen. Im eigenen Garten lässt
es Familienvater Pfeiffer eher
ruhig angehen: „Daheim mähe ich
keinen Rasen.“ Diese Aufgabe
übernimmt seine Frau. „Sie hat
schließlich auch mal als
Greenkeeperin gearbeitet.“
Fernsehleute,
Polizisten und andere Offizielle, die gedankenlos über den Rasen des
Daimlerstadions stapfen, kann Gärtner Dieter Butz leiden wie
Zahnweh. Als ob es in den letzten Jahren nicht schon genug Probleme
mit dem Grün gegeben hätte! Insbesondere im Herbst und Winter 2005
stand der Rasen im Daimlerstadion heftig in der Kritik. Nach jedem
schwachen Spiel musste der „Acker" als Alibi herhalten und die
städtischen Gärtner wurden zum Sündenbock gemacht. „Einer muss halt
der Dumme sein", sagt Greenkeeper Jens Oppenländer emotionslos.
Dabei hatten er und seine Gärtner das Ungemach
schon vor dem Verlegen des 8100 Quadratmeter großen Untergrunds im
Sommer 2004 geahnt. „Die Grassorte kam aus Amerika", sagt Butz
geringschätzig, „das hat einfach nicht gepasst." Nach dem „Fehlkauf"
(Stadionchef Roland Haas) vertraut das Sportamt inzwischen auf
Qualität made in Germany: speziell auf für die Fußball-WM gezüchtete
Gräser der Firma Büchner aus Alsbach-Hähnlein in der Nähe von
Darmstadt.
Doch wie muss ein Stadionrasen eigentlich
beschaffen sein, damit er höchsten Ansprüchen genügt?
„Strapazierfähig", antwortet Oppenländer, „und möglichst resistent
gegen Krankheiten." Und farblich? „Auf gar keinen Fall dunkelgrün!"
Auch wenn die TV-Sender diese Optik so sehr lieben. „Ein guter Rasen
muss helle Flecken haben", betont der Greenkeeper. „Nur dann hat er
auch ausreichend Wurzeln geschlagen."
Doch das Anwachsen des Rollrasens bereitet
zusehends Probleme. Nicht nur in Stuttgart. Nicht nur wegen der
Rasenheizung, meint Butz: „Oben Kälte, unten Wärme — das
funktioniert nicht." Immer stärker werden die modernen Arenen
zugebaut. „Die heutigen Stadien sind fast Hallen", sagt Oppenländer.
„Aufgrund der riesigen Dächer fällt kaum mehr Sonne herein." Aber
ohne Licht geht in der Pflanzenwelt nun mal nichts. Eine weitere
Erschwernis ist die mangelnde Luftzirkulation.
Die Folge davon ist, dass im Daimlerstadion kein
natürliches Klima mehr herrscht und jede Baumaßnahme in den
vergangenen Jahren zu weiteren Verschlechterungen führte. „Wenn im
50 Meter Luftlinie entfernten Robert-Schlienz-Stadion 25 Grad
gemessen werden", erzählt Martin Schmeckenbecher, technischer Leiter
des Sportamts, „ist es bei uns im Sommer oft bis zu fast 50 Grad
Celsius heiß."
Oppenländer gibt sich denn auch keinen großen
Illusionen hin. „Einen Rasen, der unter diesen kleinklimatischen
Bedingungen vier bis fünf Jahre hält, gib4's nicht mehr. Das
Einzige, was wir tun können, ist das Absterben so lange wie möglich
hinauszuzögern."
Dafür
legen sich der Greenkeeper und sein Team mächtig ins Zeug. Kaum ein
Tag vergeht, an dem der Rasen nicht gedüngt, belüftet, bewässert,
nach- gesät, ausgebessert oder gemäht wird.
Dieter Butz setzt sich auf seinen Koffermäher,
reißt das Startkabel in die Höhe und lässt den Motor an.
Konzentriert und ohne Hilfsmittel („Alles Übungssache") zieht er
seine kerzengeraden Bahnen quer über das Spielfeld. Zunächst
mehrmals von rechts nach links, dann von links nach rechts. Da die
Antriebsrollen des Mähers das Gras in Fahrtrichtung walzen,
entstehen die von den Zuschauern oft bewunderten, je nach
Blickrichtung hellen und dunklen Rasenmuster, an denen sich auch die
Linienrichter orientieren.
Bei dieser Arbeit sollte Butz tunlichst keiner in
die Quere kommen. Schon mehrmals hat der resolute Rasenmähermann
Fernsehteams, Polizisten oder andere Offizielle vom Platz gestellt. |