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Vom Flohmarkt zum Zukunftsmarkt
Die Fanartikel-Verkäufer
Mercedesstraße, kurz nach Spielbeginn. Eben noch
wälzten sich die Zuschauermassen zu Tausenden in Richtung Stadion.
Jetzt ist die Straße fast menschenleer. Nur einige Zuspätgekommene
hasten noch vorbei. Björn Seidel hingegen hat keine Eile. Das Spiel
anschauen? Der Mittdreißiger mit den blondierten Stoppelhaaren winkt
gelangweilt ab. „Das", sagt er und dreht sich nach drei Mädels um,
„würde mir gerade noch fehlen."
Trotzdem reckt er den rechten Daumen nach oben,
als eine Minute später aus der Betonschüssel lautes Jubelgeschrei
ertönt. „Eins null VfB", sagt Seidel lachend und greift in die
Tasche seiner Trainingsjacke, jetzt gebe ich eine Runde Zigaretten
aus." Denn der Dampfplauderer ist zwar kein VfB- oder Fußballfan —
aber er lebt von dieser Klientel.
Wie
an jedem Spieltag haben der Fanartikel-Händler und seine Verkäufer
zwei vom VfB gemietete Stellplätze eingenommen: an der
Mercedesstraße sowie hinter der Untertürkheimer Kurve Richtung
S-Bahn-Haltestelle. Auf Biergarnituren und Holzständern präsentiert
Seidel sein Angebot: ein riesiges Sortiment an Fan-Schals der
bekanntesten nationalen und internationalen Clubs, davon gut zwei
Dutzend verschiedene allein vom VfB. Versehen mit allen möglichen
und unmöglichen Aufdrucken: Sympathiebekundungen wie „Ole VfB"
ebenso wie Schmähungen des Gegners („Scheiß Bayern!") und
Selbstbekenntnisse ä la „Nie unter zwei Promille! Kampftrinker".
Über Geschmack lässt sich eben streiten. Und Geld stinkt bekanntlich
nicht. „Bei uns ist es wie bei Beate Uhse", verrät Seidels Verkäufer
Joe. „Die hat auch Dinge in ihrem Sortiment, die sie nicht mag, aber
trotzdem anbieten muss." Außerdem, ergänzt der Student der
Germanistik und Geschichte entschuldigend, „bin ich nicht der Chef."
Auch beim VfB geht es beim Verkauf von
Fanartikeln natürlich um Geld. Sogar um sehr viel Geld.
Vier Millionen Euro hat der Verein in der Saison
2004/05 mit Merchandising-Produkten umgesetzt. Inzwischen füllen
über 500 Artikel einen Katalog mit 75 Seiten. Die Angebotspalette
reicht von A wie Accessoires (Silikonarmbänder, Mousepads,
Spannbezüge für Satellitenschüsseln ...) bis Z wie Zip-Jacken oder
Zinnteller.
„Es gibt", sagt Thorsten Kern, „fast nichts, was
es nicht gibt." Mit Ausnahme von Zigaretten, Kondomen und anderen
Dingen, „die nicht zu unserer Philosophie passen", wie der für
Merchandising zuständige stellvertretende VfB-Sportshopleiter
erklärt. Wer will, kann sich komplett von Kopf bis Fuß in
VfB-Klamotten kleiden — sogar Strampelanzüge und die dazu passenden
Schnuller gibt's im Vereins-Look. Auch die neun mobilen offiziellen
VfB-Verkaufsstände (Kern: „Die gehören einfach zur Fan-Kultur") rund
ums Stadion und im Businessbereich sind bestens bestückt. Vor allem
mit Trikots, Schals, Caps und Fahnen, den Premium-Produkten. Zwei
Stunden vor Anpfiff macht Kern einen Rundgang und checkt die Lage.
Sind alle Mitarbeiter da? Müssen wir Artikel nachbestellen? Gibt's
sonstige Probleme? Spieltage sind Arbeitstage.
Das weiß niemand besser als Helga Miller. Die
Frau mit der grauen Kurzhaarfrisur gehört zum VfB wie der rote
Brustring. Seit 33 Jahren! Inzwischen ist sie unter den Zuschauern
der Haupttribüne, wo ihr Verkaufswagen steht, so bekannt wie ein
bunter Hund. „Wo isch denn d' Helga? Sie wird doch net krank sei?",
heißt die besorgte Standardfrage, wenn sie wegen eines Wehwehchens
mal passen muss.
Als
Helga Miller Anfang der siebziger Jahre erstmals ein paar Trikots,
Schals, Fahnen und Mützen auf einem Tisch vor dem Stadion
ausbreitete, war Merchandising hierzulande noch ein Fremdwort. Es
hätte auch gar nicht zu der Flohmarktatmosphäre und dem noch sehr
überschaubaren Sortiment gepasst. „Damals", erzählt die
Stuttgarterin, „ging es uns Eltern nur darum, dass ein paar Mark in
die Jugendkasse der Hockey-Abteilung kamen." Inzwischen ist Helga
Millers Tochter längst den Kinderschuhen entwachsen — aber die „alt'
Mutter", wie sie lachend sagt, immer noch da.
Torsten Kern baut auf so engagierte Mitarbeiter wie sie. Denn der
Merchandising-Experte hat noch viel vor. „Der FC Bayern macht mit
diesem Geschäft 20 bis 30 Millionen Euro Umsatz", sagt er. „Da
wollen wir auch hin." Allerdings ist der Einfluss von
Marketingstrategien auf diese Entwicklung ziemlich gering. „Wir sind
extrem erfolgsabhängig", räumt Kern ein. „Wenn die Mannschaft gut
spielt, läuft auch das Geschäft gut. Wenn nicht, helfen auch die
besten Werbeaktionen nichts." |