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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.      11. Jahrgang

 
 
 


 
 
 
 
  
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Peter Freudenthaler
Jürgen Klinsmanns Abschiedsspiel

Jürgen KlinsmannSeine große Karriere endet, wie sie begonnen hat: mit einem Knalleffekt. Als Jürgen Klinsmann bei seinem Abschiedsspiel am 24. Mai 1999 den Rasen des Gottlieb-Daimler-Stadions verlässt, tritt er mit dem rechten Fuß gegen eine Werbetonne. Doch diesmal nicht, wie zwei Jahre zuvor im Trikot des FC Bayern aus Frust über seine Auswechslung - sondern aus purer Lust. Die Folge davon ist diesmal auch kein gewaltiger Medienwirbel - sondern ein lauter Donnerschlag, verbunden mit einem Feuerwerk. Ein witziger und selbstironischer Abschluss eines glanzvollen Fußballer-Lebens, das hier an gleicher Stelle seine entscheidende Wendung erhalten hat. Rückblende, 14. November 1987: VfB Stuttgart gegen FC Bayern München, der Süd-Schlager im Neckarstadion. 70 705 Zuschauer, ausverkauft. 18. Minute: Angriff VfB. Ein hohes Anspiel von Asgeir Sigurvinsson auf die rechte Seite zu Günther Schäfer, der den Ball direkt aus der Luft in den Strafraum flankt. Genau dorthin, wo der junge Klinsmann, mit dem Rücken zum Tor stehend, zum Fallrückzieher abhebt. Einen Wimpernschlag später zappelt der Ball rechts oben im Netz! Tooor! ! ! Wie von Sinnen rast Klinsmann über die Kunststoffbahn und schlägt einen Haken vor dem Wassergraben, bevor er auf die Knie sinkt und das Gesicht in seinen Händen vergräbt. Was für ein Jubel! Was für ein Treffer! „Das Tor zur Welt" (Titel einer Klinsmann-Biografie)! Denn von diesem Tag an gibt es für den blonden Bäckersohn aus Stuttgart-Botnang nur noch einen Weg: ganz steil nach oben. Klinsmanns unaufhaltsamer Aufstieg zum Superstar ist von zahlreichen Stationen - Inter Mailand, AS Monaco, Tottenham Hotspur, FC Bayern, Sampdoria Genua - geprägt - und von jeder Menge Titeln: Welt-, Europa-, Deutscher Meister, Uefa- und DFB-Pokalsieger, Fußballer des Jahres (zweimal in Deutschland, einmal in England), Bundesliga-Torschützenkönig. Am Pfingstmontag 1999 schließt sich der Kreis: Der 108-fache Nationalspieler kehrt ins Daimlerstadion zurück. Zu seinem Abschiedsspiel. Eine Auswahlmannschaft des VfB gegen ein Dream-Team, betreut von Ex-Nationaltrainer Berti Vogts und Osvaldo Ardiles, Klinsmanns Coach in Tottenham, und gespickt mit hochkarätigen Namen wie Rudi Völler, Ruud Gullit, Thomas Häßler, Pierre Littbarski, Andreas Köpke - und Tennis-Ikone Boris Becker, der für seinen Freund Jürgen fremdgeht und ins Fußballtrikot schlüpft. Schon Stunden vor Anpfiff herrscht ein dichtes Gedränge in und ums ausverkaufte Stadion, das „die perfekteste Abschiedsshow, die es je für einen deutschen Fußballer gab" (Stuttgarter Zeitung), erlebt. Mit Artisten des Europa-Parks Rust, Kult-Schlagerkönig Dieter Thomas Kuhn, Rockstar Bryan Adams und der Gruppe Fool's Garden, die drei Jahre zuvor mit „Lemon tree" einen Ohrwurm und Mega-Hit gelandet hatte.

Jürgen Klinsmann Abschiedsspiel"Für uns", erzählt Garden-Sänger Peter Freudenthaler, „war der Auftritt im Daimlerstadion ein großes Ding." Wegen der 54 000 Zuschauer, aber auch weil die fünf Musiker wie Millionen anderer Menschen echte Klinsmann-Fans sind. „Ich habe Klinsi immer als Fußballer bewundert", sagt Freudenthaler. „Aber noch mehr imponiert mir, dass er auch als Weltstar ganz normal geblieben ist."

Obwohl Freudenthalers Kontakt zu dem heutigen Bundestrainer nicht sehr eng ist, kennt er dennoch dessen menschliche Qualitäten. Der inzwischen verstorbene Musiker Wolle Kriwanek, der so etwas wie der Ziehvater von Fool's Garden war, habe immer mal wieder eine Geschichte über seinen guten Freund Klinsi erzählt. Auch am Tag des Abschiedsspiels, dessen kompletter Erlös - mehr als eine Million Mark - an die von Klinsmann gegründete Stiftung Agapedia geht, die Kinder in Rumänien unterstützt. „Als uns Wolle hinter der Stadionbühne schilderte, wie sich Jürgen in England persönlich um die Integration eines autistischen Kindes gekümmert hat`, erinnert sich Freudenthaler, „haben wir feuchte Augen gekriegt." Zahlreiche Tränen der Rührung fließen auch, als der Strahlemann und Sympathieträger („Ein unvergessliches Erlebnis") im Trikot mit der Nummer 18 unter Beifallsstürmen und Konfettiregen eine Ehrenrunde durchs Daimlerstadion dreht. Übrigens, Tore geschossen hat Klinsi in seinem letzten Spiel natürlich auch: eines für den VfB, sechs fürs Dream-Team - als Krönung eines rauschenden Fußballfests.


Martin Dolde
Deutscher Evangelischer Kirchentag

Der christliche Glaube und Autos kennzeichnen seinen Lebensweg. Schon 1969, als der Deutsche Evangelische Kirchentag nach 17 Jahren zum zweiten Mal in Stuttgart gastiert, sorgt Martin Dolde für die Mobilität der Teilnehmer. Zumindest war es so geplant. Doch der gebrauchte R4, den er dem Fahrdienst zur Verfügung stellt, wird kein einziges Mal abgerufen. 30 Jahre später bringt Dolde, inzwischen Präsidiumsmitglied des Kirchentags und Daimler-Chrysler-Manager, die klerikale und automobile Welt in Stuttgart doch auf einen gemeinsamen Kurs: Die Veranstaltungen des 28. Evangelischen Kirchentags 1999 (Losung: „Ihr seid das Salz der Erde") in den Hallen der Untertürkheimer Fahrzeugfabrik sind für das fünftägige Spektakel ebenso charakteristisch wie der beeindruckende 400 Tonnen schwere Salzberg auf dem Schlossplatz.

Aber ohne Spuren zu hinterlassen, wie die Medien mosern. Als zu brav, zu beliebig, zu wenig provokant und visionär wird das Massenspektakel, das seinen Ursprung in der evangelischen Laienbewegung hat, kritisiert. „Natürlich war der Kirchentag 1999 nicht mit 1969 vergleichbar, als der theologische Streit aufflammte und es zum Zoff mit den Evangelikalen kam", sagt Dolde, der dem liberalen Gesprächskreis Offene Kirche angehört. „Trotzdem hat es 1999 genügend spannende Veranstaltungen und hoch interessante Gespräche gegeben, wie sie nur auf dem Kirchentag möglich sind." Angefangen von Diskussionen über Leben, Ökumene und Glaube bis hin zu Themen wie multikulturelle Gesellschaft, Frieden, Frauen, soziale Fragen oder Dritte Welt. Deshalb nimmt Dolde seinerseits die Medien ins Visier. „Wenn die Presse an uns interessiert wäre, würde sie den Kirchentag ganz anders begleiten", sagt er und schwärmt von den über 100 000 Besuchern, den mehr als 2000 Veranstaltungen und dem bunten Programm, von den 5000 Ständen auf dem Markt der Möglichkeiten und dem Pilgerweg auf den Birkenkopf, von wildfremden Menschen, die Freundschaften schließen, von der Begeisterung, vom Gemeinschaftserlebnis und vom Glauben, der den Teilnehmern Kraft gibt, stundenlang auf Papierhockern auszuharren und bis tief in die Nacht hinein miteinander zu reden und zu feiern, obwohl sie hundemüde sind.

„Für uns", fährt der durchaus streitbare Christ fort, der nach Stuttgart Präsident des Kirchentags wurde, „sind solche harmonischen Treffen etwas Besonderes, die unserer Familie gut tun." Kurzum, für Dolde ist und bleibt 1999 als „toller Kirchentag" in Erinnerung. Auch deshalb, weil die Veranstaltung trotz der Verteilung auf drei Orte (Innenstadt, Wasen, Killesberg) nicht auseinander driftet. „Entgegen mancher Befürchtung haben die Verkehrsverbindungen sehr gut funktioniert", lobt der frühere Logistik-Leiter von DaimlerChrysler. „Außerdem hat Stuttgart als schöne, saubere Stadt gepunktet." Last but not least lässt sich auch Petrus nicht lumpen. So machen sich 100 000 Gläubige bei bestem Wetter auf den Weg ins Daimlerstadion, wo am 20. Juni 1999 der Abschlussgottesdienst stattfindet. Da die Arena aber nur ein begrenztes Fassungsvermögen hat, müssen 30 000 auf den Wasen-Parkplatz ausweichen und mit der Übertragung der Feier auf einer riesigen Videowand vorlieb nehmen. Doch das tut der Stimmung keinen Abbruch. „Ein Meer von Posaunen und Trompeten glitzerte im Sonnenlicht. Die Gläubigen ließen minutenlang die La-Ola-Welle über die Ränge des Gottlieb-DaimlerStadions schwappen, sangen und jubelten." Mit diesen Bildern beschreiben die Stuttgarter Nachrichten den Ausklang des Events, der im gemeinsamen Abendmahl mit Landesbischof Eberhardt Renz seinen Höhepunkt findet.

 
 
   
  
   
   
  
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