Hermann Ohlicher Die zweite Meisterschaft des VfB Wie immer vor Saisonstart muss Max Merkei auch im Herbst 1982 seinen Senf dazu geben. „Was will denn der VfB mit dem?", fragt das alte Lästermaul via Bild-Zeitung, als Stuttgart mit Helmut Benthaus vom FC Basel einen neuen Trainer präsentiert. „Der kennt doch die Bundesliga nur aus der Peep-Show." Am 10. September 1983 nach Stuttgarts 2:3-Pleite bei Aufsteiger Uerdingen legt der Spötter noch einen drauf „Wann will der VfB eigentlich Meister werden? Noch in diesem Jahrhundert?" Der frühere Star-Trainer mit dem losen Mundwerk scheint Recht zu behalten. Auch in dieser Saison deutet manches darauf hin, als würde Stuttgart den Titel erneut knapp verpassen. Wie schon viermal in den vergangenen fünf Jahren. Neckarstadion, 12. Mai 1984, drittletzter Spieltag: Der Tabellenführer VfB führt gegen Abstiegskandidat Frankfurt 2:0. Alles im grünen Bereich. „Als mich Trainer Helmut Benthaus in der 83. Minute ausgewechselt hat", erzählt Mittelfeldspieler Hermann Ohlicher, „dachte ich, das Ding ist gelaufen." Denkste! Am Ende steht ein bitteres 2:2. Jetzt wird's verdammt eng. Der VfB bleibt zwar Tabellenführer - aber nur aufgrund der besseren Tordifferenz gegenüber dem Hamburger SV. Außerdem muss Stuttgart am vorletzten Spieltag zu den starken Bremern, die zu Hause erst drei Punkte abgegeben haben. Au Backe! Doch erneut kommt es anders, als die Pessimisten, von denen es nicht wenige gibt, befürchten. In der 83. Minute trifft Leitwolf und Laufwunder Ohlicher zum 2:1 für den VfB. Sieg! Sein wichtigstes von insgesamt 96 Toren, die er in 318 Bundesligaspielen erzielt. Wie entscheidend dieser Treffer ist, wird Ohlicher allerdings erst klar, als der ansonsten so besonnene Benthaus wie ein. Verrückter aufs Spielfeld stürmt. „Da wussten wir, dass irgendetwas ganz Großes passiert sein musste." In der Tat. Weil der HSV gleichzeitig gegen Frankfurt verliert, steht der VfB so gut wie sicher als Titelträger fest. Die dritte Meisterschaft, auf die Stuttgart 32 lange Jahre so sehnlich gewartet hat!
Unglaublich! Die skeptischen Schwaben haben mit allem gerechnet. Doch damit nicht. Kein Sekt, kein Schampus, nichts! Zum Glück hilft Werder-Manager Willi Lemke mit einer Kiste Hausmarke aus. Korken knallen, Emotionen explodieren. Die extreme Anspannung der Spieler entlädt sich in einer Woge der Begeisterung und einem Rausch der Gefühle. „Du hörst und siehst nichts, alles zieht wie in einem Film an dir vorbei. Du kannst das Gefühl nicht festhalten und später nie wieder nachvollziehen", erzählt Ohlicher. „Aber der Moment gibt dir alles." Dennoch sind die nächsten sechs Tage nicht einfach für die Wasenkicker. „Jeder hat uns vorzeitig zur Meisterschaft gratuliert", sagt Ohlicher, „aber richtig ausleben konnten wir den Triumph trotzdem nicht." Denn zumindest in der Theorie besitzt der HSV noch die Chance, dem VfB den Titel wegzuschnappen. Dazu müsste er allerdings mit einer Differenz von mindestens fünf Toren am letzten Spieltag in Stuttgart gewinnen. Eine äußerst vage Hoffnung, wie die Begegnung am 26. Mai 1984 im mit 71 100 Zuschauern ausverkauften Neckarstadion schnell zeigt. Zu keiner Sekunde ist Stuttgarts Meisterschaft in Gefahr. Zwar erzielt Hamburg kurz vor Schluss das 1:0 - gejubelt wird jedoch nur beim VfB. Selbst der eisenharte Vorstopper Karl-Heinz Förster muss immer wieder gegen die Tränen kämpfen, „weil es so schön war, wie uns die Leute das ganze Spiel über gefeiert haben". Auch der 34-jährige Oldie Ohlicher („Ein absoluter Traum und Höhepunkt meiner Karriere") genießt in vollen Zügen diese einmaligen Momente des fast überquellenden Glücks, die alles, was zuvor gewesen ist, in den Schatten zu stellen scheinen. Augenblicke, die der heutige Bezirksdirektor von Toto-Lotto einreiht in andere herausragende Ereignisse seines Lebens. „Wie die Geburt meiner Kinder Andreas und Daniela oder wie die drei Tore gegen Schalke", die er 1973 gleich in seinem ersten Bundesligaspiel für den VfB schoss. Doch für solche Betrachtungen bleibt in dem allgemeinen Trubel und Tohuwabohu zunächst keine Zeit. Die Mercedes-Oldtimer warten schon, die das Team samt Meisterschale durch ein Spalier von tausenden begeisterten Fans in die Stuttgarter City kutschieren. Empfang im Rathaus. „Heute", sagt VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder mit einem Seitenblick auf seinen Parteifreund und Oberbürgermeister Manfred Rommel, „hat die Stadt ausnahmsweise nicht gespart." Für die Kicker ist das Beste gerade gut genug: gefüllter Schweinerücken, Schmorsteak, Tafelspitz, Roastbeef, Lachs, Truthahn, Krabben und Muscheln. Dazu gibt's Stuttgarter Mönchshalde, einen Trollinger, Jahrgang 1981 aus dem städtischen Weinberg. Doch worin lag, nüchtern betrachtet, das Erfolgsgeheimnis der Meisterschaft 1984? „Wir waren eine zusammengewachsene Mannschaft", sagt Ohlicher, „in der alle Rädchen ineinander gegriffen haben." Und die im Abwehr-Bollwerk um die Brüder Karl-Heinz und Bernd Förster, insbesondere aber im offensiven Mittelfeld ihre Prunkstücke hat: Allein 32 der 79 Saisontreffer gehen auf das Konto von Ohlicher, Scharfschütze Karl Allgöwer und Regisseur Asgeir Sigurvinsson, der zwei Jahre nach seiner Ausmusterung beim FC Bayern von den Bundesliga-Profis zum Mann des Jahres gewählt wurde. Hinzu kommt im Defensivbereich Shooting-Star Guido Buchwald, der in seinem ersten Jahr beim VfB sofort zum Nationalspieler aufsteigt. Nicht zu vergessen natürlich Helmut Benthaus. Ein Trainer, „der große Ruhe und Selbstsicherheit ausgestrahlt hat und unheimlich cool und clever war" (Ohlicher). Und der Lästermaul Merkel beweist, dass aus der Schweiz nicht nur Käse kommt. |