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Jürgen Sundermann
Wiederaufstieg des VfB
Die Wundermänner
Senator Hans Weitpert kann und will es nicht mehr
mit ansehen und schüttelt immer wieder den Kopf. Nein, was dieser
lange, blonde Schlaks mit der hohen Stirn zeigt, der 1975 vom VfR
Aalen zum VfB gekommen ist, hat mit Fußball absolut nichts zu tun:
Kantig, unbeweglich und hüftsteif stiefelt Dieter Hoeneß über den
Rasen des Neckarstadions, ohne Selbstvertrauen, ohne jegliche
Bindung zum Spiel - und wenn er einen Ball bekommt, springt ihm die
Kugel gleich meterweit vom Fuß. Von Technik und Ästhetik nicht
einmal die geringste Spur. „Wenn dieser Mann noch einmal aufgestellt
wird", wettert der Senator, von 1969 bis 1975 Präsident des VfB
Stuttgart, „gebe ich meine Dauerkarte zurück."
Doch Jürgen
Sundermann schert sich den Teufel um Drohungen und Kritik. Stur wie
ein Panzer und unbeirrt geht der Trainer, der den Club 1976 im
absoluten Tiefpunkt der Vereinsgeschichte (zweite Liga, Platz elf)
übernommen hat, seinen Weg. Die Schwächen von Hoeneß? Uninteressant.
Stattdessen spricht Sundermann über dessen Stärken, die ungemeine
Kampfkraft und das hervorragende Kopfballspiel. Wie auf einen
kranken Gaul redet er auf den Bruder von Uli Hoeneß ein. Immer und
immer wieder. Bis es auf einmal klick macht. Plötzlich strotzt der
bullige Mittelstürmer („Trainer, wenn Sie hinter mir stehen, sind
mir alle Pfiffe egal") nur so vor Selbstbewusstsein und schießt Tor
um Tor. 1979, zwei Jahre später, stürmt der zunächst als
Anti-Fußballer verschriene „Schwabenpfeil" Hoeneß sogar für
Deutschland! Neben sechs weiteren Stuttgartern, die Sundermann zu
Nationalspielern macht. Am VfB kommt in dieser Ära keiner vorbei.
Vor allem nicht zu Hause. 1977, nach dem Wiederaufstieg in die erste
Liga, wirbeln die jungen Wilden (Durchschnittsalter 23,8 Jahre)
weiter: 4:0 gegen Nürnberg, 5:0 gegen Düsseldorf und Braunschweig,
5:1 gegen Bielefeld, 6:1 gegen Schalke - gleich reihenweise werden
die Gegner aus dem Neckarstadion gefegt.
In der Saison 1977/78 belegt der Aufsteiger
sofort Platz drei, ein Jahr darauf sogar Rang zwei, jeweils mit der
besten Heimbilanz. Das Schwabenland liegt den Himmelsstürmern und
ihrem Trainer zu Füßen. 1977/78 beträgt Stuttgarts Zuschauerschnitt
bei 55 558! Bis heute unerreichter Rekord!
Die
Identifikation mit den Wundermännern, von denen 16 aus
Baden-Württemberg stammen, ist unglaublich hoch. Doch was genau
machte seinen Erfolg aus? „Wissen Sie", sagt Sundermann lächelnd,
„ich habe nur selten über Fußball geredet, schon gar nicht über
Taktik und Gegner." Auch nicht über die Aufstellung, dafür umso mehr
über die Einstellung. „Dat Wichtigste im Fußball ist dat hier",
fährt der Westfale fort und tippt sich an die Stirn, „der Kopf!" Als
Beleg für diese These schildert der Ex-Profi seine Erlebnisse in der
Schweiz. Eine Zeit zwischen Himmel und Hölle. „Bei Servette Genf",
erzählt Sundermann, „bin ich rumgelaufen wie ein Schluck Wasser."
Kaum beim FC Basel gelandet, präsentiert er sich wie ausgewechselt,
holt den Titel „Fußballer des Jahres" und dreimal die Meisterschaft.
Die Erklärung dafür liegt für Sundermann auf der Hand. „Bei Basel
hat mir Trainer Helmut Benthaus das notwendige Selbstvertrauen
gegeben, bei Genf hatte ich das nicht." Oder anders gesagt: „Wenn du
in deiner Denke nicht frei bist, blockiert auch deine Muskulatur."
Dieser Satz wird zu seiner Maxime. Deshalb setzt Sundermann in
Stuttgart den Hebel nicht beim System an, sondern in den Köpfen der
Spieler. In den Mannschaftssitzungen doziert er über Lebensfreude
und Begeisterung, Optimismus und Erfolg, Verantwortung und
Versagensängste sowie über emotionale Intelligenz. Vertiefend dazu
führt er Einzelgespräche, in denen der Trainer die Spieler immer
wieder lobt und ihnen Selbstvertrauen und Stärke vermittelt. „Das
Selbstwertgefühl eines Menschen darf nie vom Urteil anderer
abhängen", lautet einer seiner Lieblingssätze. „Sonst hieße es
Fremdwertgefühl." Woher der große Motivator sein Wissen und seine
psychologischen Weisheiten hat? Sundermann grinst. „Alles, was ich
beim VfB getan habe, kam aus dem Bauch heraus." Die theoretischen
Grundlagen über mentales Training eignet sich der Trainer erst zehn
Jahre später an, als er sämtliche greifbaren Bücher zu diesen Themen
verschlingt. Doch Sundermanns einfach verpackte Botschaften kommen
auch ohne Literaturverzeichnisse und Quellenangaben an. Sind die
Spieler anfangs noch etwas misstrauisch („Die dachten, ich käme von
einem anderen Stern"), fressen sie ihm bald aus der Hand. Was
Sundermann auch befiehlt - seine Worte sind Gesetz. Egal ob er die
Mannschaft zum Kondition-Bolzen über sieben Plätze des VfB-Geländes
und über Zäune hinweg jagt, sie vor dem Uefa-Cupspiel in Prag bei 34
Grad minus in kurzen Hosen trainieren lässt oder ein rigoroses
Verbot von Autogrammstunden ausspricht.
„Ich war total autoritär", räumt er ein.
„Trotzdem hatten wir ein wunderbares Vertrauensverhältnis." Der
Erfolg gibt ihm Recht. Auch wenn der VfB dem Gegner ab und zu im
Hurra-Stil ins Messer läuft. „Vielleicht habe ich damals ein
bisschen übertrieben", räumt Sundermann heute ein, „und zu wenig von
Taktik gesprochen." Auf jeden Fall war er, wie der damalige
Mittelfeldspieler Hansi Müller betont, „der richtige Trainer zum
richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort".
Auch mit 66 Jahren steckt Sundermann, der mit
insgesamt 1496 Tagen (1977-79, 1980-82, 1995) der am längsten
amtierende Bundesligatrainer der VfBVereinsgeschichte ist, noch voll
Energie und Tatendrang. Obwohl es in seinem jetzigen Leben nicht
mehr um Stuttgart, Hertha BSC Berlin, Schalke, Sparta Prag oder
andere renommierte Mannschaften geht, sondern um 12- bis 16-jährige
Buben der Oscar-Paret-Schule in Freiberg am Neckar, die er im Rahmen
seines Fußballausbildungszentrums betreut. „Wenn es einer dieser
Jungs zum Profi schafft", sagt Sundermann, „wäre dies mein größter
Erfolg." |