Harry Weiß - Der Auftritt der Rolling Stones Von einem Tag auf den anderen verändert sich das Leben von Harry Weiß 1969 komplett. Er ist verliebt. Unsterblich verliebt. Eigentlich nichts Außergewöhnliches bei einem 14-Jährigen. Und dennoch etwas ganz Besonderes. Denn Harry hat sich nicht etwa in eine Klassenkameradin oder ein Mädchen aus der Nachbarschaft verguckt, sondern in eine Frau aus einer Spelunke. Genauer gesagt sogar gleich in mehrere: „Honky tonk women". - Seit der Junge diesen Song der Rolling Stones zum ersten Mal im Radio gehört hat, kriegt er ihn nicht mehr aus dem Ohr raus. „Der absolute Knaller!" Fortan verbringt Harry einen großen Teil der Freizeit vor dem Spiegel, wie er lachend erzählt. Mit einer alten Klampfe übt er die Griffe und Riffs von Stones-Leadgitarrist Keith Richards. Aber vor allem dessen coole Posen. Denn irgendwann, da ist sich Harry ganz sicher, wird auch er auf einer großen Bühne stehen und ein umjubelter Rockstar sein. Doch der Jungentraum erfüllt sich nicht. Auch wenn die Chancen, so makaber es klingt, gut zu stehen scheinen. Aber allen menschlichen Erfahrungswerten und ärztlichen Prognosen zum Trotz muss sich die Band nicht auf die Suche nach einem Richards Nachfolger machen: Wie durch ein Wunder übersteht der Bad Boy des Rock seine vielen Drogen und Alkoholexzesse relativ wohlbehalten. Harrys Leben dagegen verläuft in ziemlich geordneten Bahnen. Abgesehen vom Üben in einer Garagenband beschränkt sich seine Musikleidenschaft auf die des Fans. Als solcher schaltet er natürlich blitzschnell, als die Steine ihr Anrollen auf Europa verkünden. Weiß sichert sich einige der hei begehrten Tickets, die innerhalb weniger Tage weg sind. Am 19. Juni 1976 ist es so weit: „Stuttgart fest am Rockzipfel" meldet die „Stuttgarter Zeitung". Zusammen mit seiner heutigen Frau Susanne und einigen Freunden pilgert der 21-jährige Wehrpflichtige ins ausverkaufte Neckarstadion. 42 102 Fans warten auf den Auftritt ihrer Idole. Und warten. Wie meist, spannen die Stones ihre Anhänger auf die Folter, bevor sie um 21.15 Uhr endlich auf der Bühne erscheinen. Gestärkt durch ein Barbecue, das Norbert Jürgens, Küchenchef des Flughafen-Hotels, in sechs Campingwagen vor dem Stadion aufgetischt hat. Trotzdem bleibt das Publikum, das bereits um 14 Uhr den Innenraum besetzt und den Vorgruppen (The Meters, John-Miles-Band, Little Feat) lauscht, ziemlich gelassen. „Schwäbisch-gemütlich" („Stuttgarter Nachrichten"). Die Sicherheitskräfte - 529 Polizeibeamte, unterstützt von amerikanischer Militärpolizei, Bundesgrenzschutz und 800 Ordnern - haben relativ wenig zu tun. Sieht man von den 88 Festnahmen, davon 79 wegen Drogen, und 338 Einsätzen des Roten Kreuzes ab.
Auch der laute Auftritt der Stones, unterstützt von 30 000-Watt-Verstärkern, ist eher durchschnittlicher Natur. Weiß erinnert sich zwar nicht mehr an Einzelheiten, „aber musikalisch hat's mich nicht überzeugt". Auch wenn er fasziniert ist, seine Lieblingsband erstmals live zu erleben, und genau beobachtet, wie Richards der Gitarre die so unnachahmlichen und für die Stones typischen kurzen, harten Akkorde entlockt - es bleibt ein fader Beigeschmack. Das schon damals perfekte Marketing (Weiß: „Rund ums Stadion wurden T-Shirts, Schals und andere Artikel mit der heraushängenden roten Zunge verkauft") steht im Gegensatz zum schwachen Gig. Mehr schlecht als recht spulen Sänger Mick Jagger, Rhythmusgitarrist Richards, Bill Wyman (Bass), Schlagzeuger Charlie Watts und der zweite Gitarrist Ron Wood, unterstützt von Billy Preston (Orgel), ihr Programm ab. Die „Stuttgarter Zeitung" spricht vom „NostalgieClub einiger gealterter Rocker". Das Neckarstadion ist keine Ausnahme. „Das bemerkenswerte an dieser Europa-Tournee", schreibt Jagger-Biograph Christopher P. Andersen, „war sicherlich der maßlose Konsum harter Drogen." Augenzeugen zufolge pumpen sich Jagger, Richards und Wood während der Tour mit Heroin und Kokain voll bis zum Stehkragen. Auch die Show haut Weiß nicht vom Hocker. Kein Feuerwerk, keine überdimensionalen Seifenblasen, keine Spezialeffekte - einzig und allein eine blinkende Lichterkette am Zeltdach, „wie sie heute in fast jedem Wohnzimmer hängt", sorgt für Farbe - und Jaggers türkisblauer Anzug mit weißen Querstreifen. Klar, der Frontmann der Stones hüpft rum wie immer, „aber ansonsten haben sie nur ihre Lieder runtergespielt - fertig." Halt! Fast hätte Weiß den Höhepunkt vergessen: „Am Schluss hat sich Jagger einen Eimer Wasser über den Kopf geleert." Eine ziemlich billige Nummer für die teuren Eintrittspreise, bei denen die Stones nie zimperlich waren. Mag der Mythos in den Augen des Fans auch in Stuttgart ein paar Kratzer gekriegt haben, tot ist er noch lange nicht. Auch heute noch sind die Stones so lebendig wie eh und je. Nach weit über vierzig Jahren im Geschäft! Nicht nur für Weiß ein Phänomen. „Aber wahrscheinlich ist es genau dieser einfache, geradlinige Stil, der ihr Erfolgsgeheimnis ausmacht." It's only Rock'n'Roll - but 1 like it! „Wunderbare Musik", die der eingefleischte Stones-Fan so liebt. Den Stadion-Auftritt aus dem Jahr 1976 hat Weiß ihnen jedenfalls längst verziehen. Zumal ihn die Band inzwischen bei drei späteren Konzerten überzeugt hat, dass Stuttgart ein Ausrutscher war. „Besonders 1995 in Hockenheim war ein großartiger Gig!"
Der mittlerweile 50-jährige Ingenieur weiß, wovon er spricht. Schließlich steht Weiß seit 1997 selbst regelmäßig auf der Bühne. Als Gitarrist der siebenköpfigen Coverband But Stones. Mit viel Spaß und Spielfreude, verbunden mit einer gehörigen Portion Können, kopiert er die rockigen Richards-Riffs. Allerdings haben sich die Gemeinsamkeiten mit seinem Idol damit bereits erschöpft. „Ich rauche nicht, ich saufe nicht", sagt Weiß. Auch Groupies, versichert der Hobby-Musiker und fünffache Vater schmunzelnd, habe er bislang noch keine erlebt. No groupies??? Mister Richards wäre not amused. |