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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.      11. Jahrgang

 
 
 


 
 
 
 
  
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Hansi Müller
Die Fußball-Weltmeisterschaft

„Die Deutschen lieben die Italiener, aber schätzen sie nicht. Die Italiener schätzen die Deutschen, aber lieben sie nicht." Eigentlich trifft die Charakterisierung von Fußballtrainer Giovanni Trapattoni die Beziehung zwischen den beiden Völkern ausgezeichnet. Eigentlich. Doch nach der Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko ist es mit der Liebe vieler deutscher Fans für die Italiener zunächst vorbei. Der Schmerz und die Wut über das 3:4 im Halbfinale sitzen tief. Insbesondere, weil die Azzurri in einem der denkwürdigsten Spiele der Fußball-Geschichte, den Fairplay-Gedanken mit Füßen getreten haben. Nicht wenige Menschen zwischen Kiel und Garmisch wünschen den Italienern deshalb für die 1974 in Deutschland bevorstehende WM alles - aber nichts Gutes.Hansi Müller

Auch den zwölfjährigen Hansi Müller hat das Drama von Mexiko in eine Achterbahnfahrt der Gefühle gestürzt. Ist er beim Ausgleich Deutschlands in der 90. Minute noch mit seinem Papa Hermann himmelhoch jauchzend auf den Balkon gestürmt, sitzt er nach Ende der Verlängerung zu Tode betrübt vor dem Fernseher.

So furchtbar dieses Erlebnis zunächst für Hansi Müller auch sein mag, sein Herz schlägt dennoch weiter für Bella Italia. „Die Sprache, das Essen, die Musik, die Autos", schwärmt der 42-fache Nationalspieler, der 1982 vom VfB Stuttgart zu Inter Mailand wechselte. „Italien war für mich schon immer ein tolles Land." Diese Liebe wird bei ihm bereits als vierjähriger Knirps erweckt, als er mit seinen Eltern Urlaub in Cattolica an der Adria macht. „Dort", erzählt er stolz, „habe ich meine ersten italienischen Worte wie Mare` oder Come stai` gelernt." Dort, wo Bruno, der freundliche Eismann das köstliche Eis verkauft, von dem der kleine Hansi („Ich war sein bester Kunde") nicht genug bekommen kann. So ist bei dem italophilen Jungspund die Begeisterung natürlich riesengroß, als sich die WM 1974 in Stuttgart mit zwei Spielen des Teams von TorwartLegende Dino Zoff ankündigt. Doch es soll noch viel besser kommen für Hansi. Der hoch talentierte Kicker fällt vor Überraschung fast vom Stuhl, als er erfährt, dass sein Team, die A-Jugend des VfB, ein Testspiel gegen die italienische Nationalmannschaft bestreiten darf, die ihr WM-Quartier im Schlosshotel Monrepos in Ludwigsburg aufgeschlagen hat. Der Junge platzt beinahe vor Glück, zumal zum Team des Vize-Weltmeisters um Sandro Mazzola, Giacinto Facchetti, Gigi Riva, Roberto Boninsegna und Tarci sio Burgnich auch Gianni Rivera gehört, Mailands eleganter Spielmacher und Müllers absolutes Idol. Noch stolzer ist er nach dem Spiel. Denn am Ende steht es 0:0. Während sich Müller freut wie ein Schneekönig („Die haben gedacht, dass sie uns vom Platz fegen können"), sind die Italiener stinksauer. Es sollte nicht die einzige Pleite sein für einen der Top-Favoriten, der mit einer Serie von 13 Spielen ohne Niederlage, davon 11 ohne Gegentor, nach Deutschland gereist ist. Im ersten WM-Vorrundenspiel im Stuttgarter Neckarstadion kommt Italien gegen Argentinien am 19. Juni 1974 nicht über ein 1:1 hinaus. Vier Tage später wird das Team von Trainer Ferruccio Valcareggi an gleicher Stelle von Polen mit 2:1 aus dem Turnier geschossen. Wie 40 000 weitere Italien-Fans unter den 68 879 Zuschauern ist Hansi Müller, der in der Untertürkheimer Kurve sitzt, maßlos frustriert. „Ich hatte mir so gewünscht, dass sie eine Runde weiterkommen."

Wenigstens zum Teil wird er für seine Enttäuschung entschädigt. Durch den furiosen Auftritt der Polen, des späteren WM-Dritten, der sich mit seinem herzerfrischenden Fußball nicht nur in das Herz von Hansi Müller spielt. „Grzegorz Lato, Kazimierz Deyna, Robert Gadocha, Henryk Kasperczak - das war eine Riesentruppe!"

Während der Mannschaftsbus der Squaddra Azzurra schon bei der Abfahrt vom Neckarstadion von den eigenen Fans mit Steinen beworfen wird und die italienischen Medien weitere Geschütze in Stellung bringen („Gut, dass die Tomaten jetzt gerade reif sind für den Empfang"), wird in Stuttgart gefeiert. Wie noch nie zuvor! 230 000 Menschen strömen während der vier langen WM-Nächte auf die Straßen, die bislang nur zum Autofahren und zum Verrichten der Kehrwoche genutzt werden, und machen aus der City eine einzige Partyzone. Erstmals kommt so etwas wie mediterraner Lebensstil auf im bis dahin recht verschlafenen Stuttgart, der „Großstadt zwischen Hängen und Würgen", der spöttischen Abwandlung des offiziellen Slogans „Großstadt zwischen Wald und Reben". An diese neu entdeckte Feierlaune kann sich Hansi Müller, Stuttgarts WM-Botschafter 2006, allerdings nicht mehr erinnern. „Ich bin zwar damals ab und zu in die Disko gegangen", erzählt er lachend, „aber während der langen Nächte war ich wahrscheinlich im Bett."

Geschadet hat's ihm nicht. Zumal es später noch viele Gelegenheiten zum Feiern gibt: Noch während der Schulzeit unterschreibt Müller einen Profivertrag beim VfB, bereits 1978 steht er, wie auch vier Jahre später, selbst auf der WM-Bühne. Über den größten Triumph seiner Karriere freut sich der Supertechniker 1980, als er mit Deutschland Europameister wird. Austragungsort des Turniers ist - wie könnte es anders sein - Italien.

 
 
   
  
   
   
  
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