Günter Seibold -VfB-Freundschaftsspiel gegen den FC Santos und Superstar Pele Es scheint lange Jahre wie verhext. Mit der Qualifikation für den Europapokal will es beim VfB bis 1973 einfach nicht klappen. Entweder sind die Stuttgarter zu schwach - oder zu früh dran: Sowohl beim Gewinn der deutschen Meisterschaft (1950 und 1952) als auch bei den DFB-Pokalsiegen 1954 und 1958 existieren die entsprechenden europäischen Wettbewerbe noch nicht. Folglich handelt der VfB auch sofort, als sich 1963 die einmalige Chance bietet, mit dem FC Santos die beste Vereinsmannschaft der Welt zu einem Freundschaftsspiel zu verpflichten und den Duft der großen, weiten Welt ins Neckarstadion zu bringen. „Schwer vorstellbar ist es für junge Fans, die in den Profi-Fußball hineingewachsen sind, welche Festtage die brasilianischen Ballzauberer von damals in Europa hineinzaubern konnten", schreibt Hans Blickensdörfer in der 100-jährigen VfB-Chronik. „Und Pele, bester Fußballer der Welt und damals mit 22 auf dem Gipfel seiner Kunst, war die Krönung." Sowohl für die 51 165 Zuschauer, die am 8. Juni 1963 ins Neckarstadion strömen, als auch für die Mannschaft des VfB. Insbesondere aber für Günter Seibold, der bei diesem Anlass für sein 200. Spiel im Trikot mit dem roten Brustring geehrt wird und von Vereinspräsident Dr. Fritz Walter einen Umschlag mit tausend Mark erhält. „Pele und der FC Santos", erinnert sich der linke Verteidiger, „das war die Sensation schlechthin." Schließlich ranken sich um Edson Arantes do Nascimento, das größte Genie, das der Fußball jemals hervorgebracht hat, wahre Wundergeschichten. Schon mit seinem ersten Auftritt auf der internationalen Bühne macht sich die „schwarze Perle" unsterblich. WM-Finale 1958: Mit dem Rücken zum Tor stehend stoppt Pele, gerade mal 17 Jahre alt, den Ball mit dem Oberschenkel, lässt ihn auf den Spann tropfen, hebt ihn über den Kopf, dreht sich um den Verteidiger herum und knallt das Leder volley ins Tor. „Danach", sagt sein schwedischer Bewacher Sigge Perling, „wollte ich ihm nur noch applaudieren." So geht es später noch vielen. Auch der Italiener Tarcisio Burgnich, einer der weltbesten Verteidiger, muss nach dem WM-Finale 1970, in dem Pele mit Brasilien zum dritten Mal den Titel holte, neidlos dessen absolute Ausnahmeerscheinung anerkennen: „Ich habe mir vor dem Spiel immer wieder eingeredet, dass auch er nur aus Fleisch und Blut besteht - aber ich hatte mich geirrt." „Wie wird Pele buchstabiert?", lautet denn auch die rhetorische Frage der „Sunday Times", „G-O-T-T!" Doch im Neckarstadion serviert Pele seine außerirdischen Fähigkeiten „eher mit der Messerspitze als mit dem Schöpflöffel" (Blickensdörfer). Die Stuttgarter machen es dem Weltfußballer des Jahrhunderts und seinem Team aber auch verdammt schwer. Mit Mann und Maus verriegeln sie ihren Strafraum. „Was blieb uns anderes übrig? Wir waren doch im Vergleich zu dem Weltpokalsieger mit acht, neun Nationalspielern nur eine Bauernmannschaft", verteidigt sich Seibold. „Jeder erwartete, dass wir eine Klatsche kriegen. Aber das wollten wir natürlich nicht." Insbesondere nicht Rudi Entenmann, der an diesem Tag über sich hinauswächst. „Er stoppte Pele wirkungsvoller, als es im Länderspiel Willi Schulz schaffte, der ja mit großer Härte und vielen Fouls arbeitete", lobt die Stuttgarter Zeitung.
So weit, so gut, aber für solide schwäbische Handwerksarbeit haben die Zuschauer keine teuren 18 Mark für einen Tribünenplatz bezahlt. Zwar ist der Klassenunterschied zwischen Santos und Stuttgart trotzdem klar zu erkennen, aber sie wollen brasilianische Zirkusnummern, Zauberer und Artisten sehen. Selbst das glückliche 1:0 für Stuttgart durch einen abgefälschten Schuss von Linksaußen Manfred Reiner mag das Publikum nicht richtig erfreuen. Alsbald geht ein Murren durchs Neckarstadion. „Deshalb", erzählt Seibold, „mussten wir auf Veranlassung der Vereinsführung unser Defensivspiel nach der Pause aufgeben." Die Folge ist, dass die Zuschauer doch noch ein wenig in den Genuss von SambaFußball kommen. Und von drei brasilianischen Toren. Darunter ein Treffer von Pele, auch wenn es nur ein Elfmeter und ein sehr umstrittener noch dazu ist. So können am Ende alle zufrieden sein. Seibold, dessen Karriere beim VfB 1948 als zwölfjähriger Zwerg in Damenstiefeln („Ich hatte keine Fußballschuhe") bei einem Jugendspiel in Schönaich begonnen hat, sogar noch ein bisschen mehr als alle anderen. Nicht nur wegen des Santos-Wimpels, den ihm Pele vor dem Spiel überreicht, sondern vor allem wegen des Fotos, das „Sippel" im packenden Zweikampf mit dem Superstar zeigt. Denn dieses bekannte Sportbild, geschossen von Erich Baumann, geht anschließend sowohl nach Brasilien als auch um die ganze Welt. Insidern fällt vielleicht auf, dass der Stuttgarter auf diesem Foto am kerngesunden linken Knie eine Bandage in Form eines Gummistrumpfs trägt, obwohl er seinen Meniskusschaden auf der rechten Seite hat. Eine Verwechslung im Eifer des Gefechts? Seibold schüttelt schmunzelnd den Kopf. „Nein, mein Talisman." |