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Gut bedacht
Mit der Vergabe der
Leichtathletik-Weltmeisterschaft 1993 an Stuttgart steht ein
weiteres sportliches Großereignis vor der Tür - und ein erneuter
Stadionumbau. Am 20. Dezember 1990 segnet der Gemeinderat mit der
knappen Mehrheit von 34 der insgesamt 60 Stimmen die Modernisierung
ab. Inklusive einer zunächst nicht vorgesehenen und umstrittenen
Komplettüberdachung. Im August 1991 macht sich die
Planungsgemeinschaft Neckarstadion mit den Architektur-
beziehungsweise Ingenieurbüros Siegel und Partner, Weidleplan
Consulting sowie Schlaich Bergermann und Partner ans Werk. In der
extrem kurzen Bauzeit von zwei Jahren ist es vollbracht: Stuttgart
besitzt ein Stadion, das auch nach der WM einen attraktiven Rahmen
für die Ausrichtung von internationalen Sportereignissen und anderen
Großveranstaltungen bietet.
Blickfang
ist die größte Membrandachkonstruktion Europas, die trotz der Fläche
von 34 200 Quadratmetern - das sind fast fünf Fußballfelder - eine
leichte und helle Atmosphäre vermittelt. Außerdem schützt sie nicht
nur die Zuschauer vor Wind und Wetter, sondern bietet durch ihre
geschwungene Form (Dachtiefe: 58 Meter) auch
Erweiterungsmöglichkeiten für Haupt- und Gegentribüne. Ausgehend vom
Prinzip eines liegenden Speichenrads wird Schritt für Schritt ein
funktionsfähiges Tragsystem entwickelt, dem umfangreiche
Berechnungen und Versuche im Windkanal zugrunde liegen. Die
innovative Konstruktion, die die Arena wie eine Bergund Talbahn
umkurvt (maximale Höhe: 48,5 Meter), beruht auf 40 Stahlstützen im
Abstand von je 20 Metern sowie 40 verspannten Seilbindern. Insgesamt
werden 2700 Tonnen Stahl und 420 Tonnen hochfeste Stahlseile und
Gussteile verbaut. Unter Schneelast betragen die Kräfte im über der
Laufbahn schwebenden Seilzugring über 2300 Tonnen. Als
Membranmaterial kommt PVC-beschichtetes Polyestergewebe zum Einsatz,
Lichtdurchlässigkeit etwa acht Prozent und ungemein stabil: Ein 10
Zentimeter langer Streifen dieses Stoffes hat eine Reißfestigkeit
von etwa 1000 Kilogramm. Neben dem Dach steht im Rahmen der
Modernisierung die Schaffung zusätzlicher Sitzplätze im Vordergrund.
Dafür werden in den oberen Kurven rote Klappsitze aus Kunststoff,
,,Modell Stuttgart", eingebaut, im unteren Bereich bleiben die alten
Holzbänke erhalten. Fortan gibt es für Stehplatzbesucher nur noch
vier Blocks für 6000 Zuschauer. Dadurch reduziert sich das
Fassungsvermögen auf 53 400 Besucher. Wegen Schattenproblemen müssen
die vier Flutlichtmasten abgerissen und durch eine neue Anlage mit
einer Gesamtleistung von 540 Kilowatt ersetzt werden: 104
Scheinwerfer sind auf vier Bühnen über, weitere 180 gruppenweise
unter dem Dach befestigt.
Neu ist auch die computergesteuerte und
„ausgeleuchtet" Beschallungsanlage, bestehend aus einer
Regiezentrale mit einem 24-kanaligen Mischpult sowie 7 dezentralen
Verstärkern mit 111 Hochleistungslautsprechern. Gesamtleistung: 91
000 Watt. Während auch das Fernsehen und die Sicherheitskräfte auf
der Haupttribüne neue Kabinen erhalten, werden im Bereich der
Gegentribüne Rollstuhlfahrerplätze einschließlich
Behindertentoiletten eingebaut. Am 13. August 1993, kurz vor dem
Start der Leichtathletik-WM, erfolgt die offizielle Eröffnung der
modernisierten Arena, die seit dem 23. Mai Gottlieb-Daimler-Stadion
heißt. Bereits im Juni 1992 hat der Gemeinderat dem von
Oberbürgermeister
Manfred Rommel und Daimler-Benz-Manager Werner
Niefer - auch „Mister Mercedes" genannt - eingefädelten Deal
zwischen der Stadt und der Daimler-Benz AG zugestimmt. Auch wenn
manche Stadträte die 10 Millionen Mark, für die das Unternehmen die
Namensrechte am Stadion erwirbt, für ein „Nasenwasser" halten. 7,5
Millionen Mark davon fließen in den Umbau der Arena, die restlichen
2,5 Millionen Mark werden in die Hofüberbauung der
Hanns-Martin-Schleyer-Halle gesteckt. Da außerdem das Land einen
Zuschuss von 25 Millionen Mark gibt, reduziert sich der städtische
Anteil an den Gesamtkosten - knapp 55 Millionen Mark - auf runde 22
Millionen Mark. Die Darlehen für diese Summe sollen über jährliche
Mehreinnahmen von 2,5 Millionen Mark aus Vermarktung, Verpachtung
und Betrieb finanziert werden. Hinzu kommt der ab der Saison 1992/93
wieder eingeführte Stadiongroschen von bis zu zwei Mark. |