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Risse, wohin man schaut
1969 wird die Flutlichtanlage erneuert, da das
Farbfernsehen eine stärkere Helligkeit erfordert. Auch die
Leichtathleten freuen sich: Pünktlich zum Erdteilkampf Deutschland
gegen Amerika im Juli 1969 erhält das Neckarstadion eine
Kunststofflaufbahn, die erste in Deutschland, die zweite Europas.
Bereits einige Zeit vorher beginnt im Neckarstadion der Putz zu
bröckeln. Zunächst weitgehend unbemerkt - bis Jürgen Hahn 1966 mit
dem Problem an die Öffentlichkeit geht: Beim Sportkreistag Stuttgart
berichtet der Erste Bürgermeister von Unfallgefahren durch
Betonplatten und Erdaufschüttungen, die ins Rutschen geraten sind,
und von handkantenbreiten Rissen im Mauerwerk der alten Tribünen.
Die Stadt bessere die Schäden zwar permanent durch Flickarbeiten aus
- jährliche Kosten: 25 000 Mark -, aber um eine grundlegende
Sanierung für zwei Millionen Mark käme man über kurz oder lang nicht
herum.
Die Frage wird brennend aktuell, als Deutschland
die Fußballweltmeisterschaft 1974 zugesprochen bekommt und sich der
Verwaltungsausschuss des Stuttgarter Gemeinderats am 24. September
1968 als Spielort bewirbt. Allerdings hat der Deutsche Fußball-Bund
(DFB) hohe Hürden aufgebaut: 20 000 überdachte Sitzplätze, von denen
jeder einzelne einer bestimmten Norm zu entsprechen hat. Dafür gibt
es ein Zuckerle, wie es im Schwäbischen heißt: Für den Ausbau winken
erhebliche Zuschüsse von Bund (6,2 Millionen Mark) und Land (6
Millionen Mark), außerdem circa 3 Millionen Mark über die Lotterie
Glücksspirale. Damit verbliebe ein städtischer Anteil von nur noch
5,4 Millionen Mark. Doch eben an diesem „nur" entzünden sich die
Gemüter, auch wenn der Gemeinderat am 18. März 1971 mit 29 zu 22
Stimmen den Weg für die Bewerbung freizumachen scheint. Die einen
sehen in den Zuschüssen die einmalige Chance, das Neckarstadion zu
einem günstigen Preis aufzumöbeln. Die anderen argumentieren mit der
Ebbe in der Stadtkasse sowie mit fehlenden Turn- und Sporthallen,
die wichtiger seien als ein derartiges „Prestigeobjekt". Die Folge
ist ein „(Wort-)Gefecht, wie es die Kommunalpolitik Stuttgarts bis
dahin und seither nicht erlebt hat" (Stuttgarter Nachrichten, 8.
Juli 1983). Plötzlich gehen die Risse auch quer durch die
Bürgerschaft. Selbst in Fraktionen und Familien kommt es zum Streit.
Oberbürgermeister Arnulf Klett, Erster Bürgermeister Jürgen Hahn,
Verkehrsdirektor Peer-Uli Faerber und der Württembergische
Fußballverband beispielsweise sind für einen Ausbau, Rolf
Thieringer, Bürgermeister für Gesundheits- und
Sozialwesen, Stadtkämmerer Otto Sander, Karl Schreiber, Präsident der
Industrie- und Handelskammer, sowie der Bund der Steuerzahler sind
dagegen. Flugblätter und Unterschriftenlisten werden verteilt, die
Zeitungsseiten sind voll mit Leserbriefen. Stuttgart - eine
gespaltene Stadt.
Am 9. September 1971 genehmigt der Gemeinderat
den Ausbau mit 31 zu 21 Stimmen. Doch wenige Tage später greift die
FDP zu einem bislang einmaligen Mittel in der Nachkriegsgeschichte
Stuttgarts: Mit einem Bürgerentscheid will sie den Ausbau kippen,
getreu dem Motto „Es ist wichtiger, dass Lieschen Müller einen Platz
im Gymnasium bekommt, als Gerd Müller ein paar Zuschauer mehr", wie
es der Historiker Hans Otto Stroheker später in der Cannstatter
Zeitung formuliert. Da die Zeit drängt - der Umbau muss 1973
abgeschlossen sein -, bewilligt der Gemeinderat das Begehren.
Folglich werden die Stuttgarter am 28. November zu den Urnen
gebeten: Eine knappe Mehrheit (51062 zu 44 557 Stimmen) macht ihr
Kreuzchen auf der Kontra-Seite. Doch das hilft den Ausbaugegnern
nichts. Da die erforderliche Mindestbeteiligung von 50 Prozent nicht
erreicht wird, gilt der Bürgerentscheid als gescheitert. Am 1.
Dezember 1971 gibt der Gemeinderat den Baggern endgültig grünes
Licht. |