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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.      11. Jahrgang

 
 
 


 
 
 
 
  
Das Pokal-Baby feiert Einstand

UEFA-POKAL

Europa hatte wieder einmal einen neuen Fußball-Wettbewerb. Neben dem seit 1956 bestehenden Pokal der Landesmeister und dem vier Jahre später ins Leben gerufenen Pokal der Cupsieger feierte 1971 der „UEFA-Pokal" seine Geburtsstunde. Er ist der Nachfolger des vielfach stiefmütterlich behandelten Messepokals, der ein freundliches Nachwort verdient, denn die Statistik beweist, daß er keineswegs das unbeachtete „Mauerblümchen" war, für das er vielfach gehalten wurde.

Die Gesamt-Besucherzahl dürfte vielmehr ein schlagender Beweis für eine nicht zu übersehende Popularität sein. 18 383 720 Zuschauer wohnten den insgesamt 1039 Begegnungen bei. Das entspricht dem stattlichen Durchschnitt von 17 606 Besuchern pro Spiel, den in manchen Jahren nicht einmal der Pokalsieger-Wettbewerb erreichte. 13mal wurde der Messepokal durchgeführt, und von Jahr zu Jahr waren es mehr Teilnehmer geworden. Neun Nationen waren bei der Premiere im Jahre 1955 vertreten, 1971 waren es 29 von insgesamt 33 der UEFA angeschlossenen Verbände.

Der Messepokal wurde zu einer Domäne der Engländer. Der „InterCities-Fairs-Cup" — wie dieser Wettbewerb auf der Insel hieß — lockte die Massen in weit umfangreicherem Maße als die eigene Meisterschaft. Und das will bei den Engländern gewiß etwas heißen. Die Engländer hatten zu guter Letzt sogar gewissermaßen ein Abonnement auf den Messepokal: Nachdem Leeds United 1967 im Finale an Dynamo Zagreb gescheitert war, wurde der Bann gebrochen. Die folgenden Sieger hießen: Leeds United 1968, Newcastle United 1969, Arsenal London 1970 und wieder Leeds United 1971!

Der neue UEFA-Pokal ist für 32 der insgesamt 33 Mitglieder der Europäischen Fußball-Union offen. Die Ausnahme bildet Wales, das keine eigene Meisterschaft austrägt. Das Organisationskomitee in Bern arbeitet nach strengsten Regeln. Es will keine „Verwässerung" dieses Wettbewerbs und läßt ausschließlich die nächstplacierten Klubseines jeden Landesverbandes hinter dem Titelgewinner zu, der ja am europäischen Meisterpokal teilnimmt. Das heißt: Stellt ein Verband nur einen Vertreter, so muß er den Tabellenzweiten melden, bei zwei Teilnehmern sind der zweit- und drittplatzierte Verein zugelassen.

Rücksicht wurde auf die bisherige Beteiligung am Messepokal genommen. So durfte kein Land, das noch nie für den Messepokal gemeldet hatte, für den ersten UEFA-Pokal mehr als eine Mannschaft entsenden. Künftig werden diese Richtlinien jedoch geändert.
Für den Fall, daß eines der 32 Länder nicht teilnehmen oder der rangmäßig zugelassene Klub auf eine Beteiligung verzichten würde, hatte man folgende Verbände auserwählt, Ersatz zu stellen: Die Sowjetunion, Norwegen, die Türkei und Dänemark. Aber in diesen vier Ländern wartete man vergeblich. Alle übrigen 28 Verbände machten von ihrem Recht bis zur Grenze Gebrauch.

Die Stimmung, die vor der Auslosung der europäischen Fußballpokale am 7. Juli 1972 im Genfer Nobel-Hotel „des Bergues" herrschte, war eine Mischung aus Vorfreude und Furcht. Vorfreude auf eintragreiche Geschäfte im europäischen Pokalfußball und Furcht vor einem zu starken Gegner in der ersten Runde, der einem vielleicht schon zu Beginn den Zapfhahn zum großen Geld abdrehen hätte können.
Neben den Begegnungen der Meister und Cupsieger wurden erstmals auch die Paarungen im neuen UEFA-Cup ausgelost, der als Ablösung des Messe-Pokals neues Leben und zusätzliche Verdienstmöglichkeiten im europäischen Fußball-Show-Business versprach.
Vierundsechzig Mannschaften warteten mit mehr oder weniger großen Hoffnungen auf diese Premiere. Im deutschen Lager herrschte bereits Hochstimmung, denn die beiden Vertreter in den „großen" Wettbewerben hatten vergleichsweise angenehme Gegner bekommen. Die DFB-Vertreter im UEFA-Cup hatten schon vorher einen kleinen Vorteil. Sie wurden als Mannschaften einer der großen Fußball-Nationen — Maßstab war das Abschneiden der National-Mannschaft bei den letzten Weltmeisterschaften in Mexiko — gesetzt.
Das war jedoch kein Freibrief für gutes Abschneiden, denn in jede der vier Gruppen, in denen deutsche Mannschaften spielten, wurde eine nicht gesetzte englische gelost.

Als erster Verein wurde Lierse SK gezogen. Sekunden später zogen die belgischen Vertreter mit hoffnungslosen Mienen davon. Der Gegner hieß Leeds United, der letzte Gewinner des Messepokals. Als dritter Verein war Hertha BSC an der Reihe. Und die Berliner hatten Grund zum Jubel. Ihr Partner war Elfsborg Boras.

Eintracht Braunschweig wurde der Gruppe zwei zugeteilt. Auch der Deutsche Meister des Jahres 1967 hatte Glück. Er bekam es mit dem nordirischen Klub Glentoran Belfast zu tun.

Den 1. FC Köln setzte man in die dritte Gruppe. Von den insgesamt acht Mannschaften waren schon fünf gezogen: Zuerst ADO Den Haag (Kölns Europacupgegner von 1968, 1:0 und 3:0 für den FC) gegen Aris Bonneweg, dann die Paarung Wolverhampton Wanderers gegen Academica Coimbra und als fünfter Klub St. Etienne.

„Hoffentlich nicht jetzt schon Köln", dachten wir gerade in jenem Augenblick, als der Name 1. FC Köln tatsächlich gezogen wurde. Aus-gerechnet die Franzosen, die Bayern München zwei Jahre zuvor als Deutschen Meister in der ersten Runde des Europapokals mit insge-samt 3:2 Toren aus dem Rennen geworfen hatten. Ein schlechtes Omen für die Kölner. Und National-Linksaußen Hannes Löhr ver-suchte dann auch das Beste aus dieser Situation zu machen, indem er feststellte: „Wir müssen uns eben mit diesem Gegner abfinden. Aber vielleicht haben wir in diesem neuen UEFA-Pokal etwas mehr Glück als im Messepokal, in dem uns die Glücksgöttin Fortuna eigentlich nie so recht hold war!"

Jetzt wartete von den deutschen Mannschaften nur noch der Ham-burger SV auf seinen Gegner. Nach der ersten Paarung der Gruppe 4 FC Porto gegen FC Nantes wurde der Name „Hamburger Sport-Ver-ein" über den Lautsprecher verkündet. „Gegen" — hieß es weiter — „FC St. Johnstone".
Die schottischen Vertreter rümpften zwar zuerst die Nase, aber als sie dann die nächsten Vereinsnamen hörten, die noch in der Gruppe 4 ausgelost wurden — FC Southampton, AC Bologna und SC Anderlecht —, fühlten sie sich vom Schicksal doch nicht mehr ganz so hart be-troffen. Und wenige Minuten später stellten sie sogar erfreut fest: „Oh, Uwe Seeler. Das wird guten Besuch geben. Und spielt nicht auch der World-Cup-Willi in Hamburg? Schulz ist ebenfalls ein populärer Mann bei uns in Schottland!"

Der Kommentar der Hamburger: „Ein sicherlich unbequemer Gegner, den ich nicht kenne", meinte HSV-Geschäftsführer Günter Schiefelbein. Auf alle Fälle wollen wir weiterkommen; denn diese Schotten, von denen man hier in Hamburg kaum etwas gehört hat, werden nicht das große Geld bringen, auf das wir in diesem Wettbe-werb hoffen!" Und Willi Schulz: „Ich spiele gerne gegen schottische Mannschaften. Es sind echte Profis, hart, aber immer fair. Wir müssen im ersten Spiel zu Hause die nötigen Tore vorlegen, um den Rück-kampf zu überstehen. Denn in Schottland ist es ungemein schwer zu gewinnen!"

Die deutsche Fachpresse war sich einig: „Gute Lose für unsere Vereine im Europapokal", lauteten die Schlagzeilen. 5:1-Siege prophezeiten die Experten den sechs DFB-Vertretern in den drei Wettbewerben. „Der einzige, der wohl ins Gras beißen muß", wurde allgemein befürchtet, „wird der 1. FC Köln sein!"

Die Reaktion in Europa im Hinblick auf den neuen UEFA-PokalWettbewerb war äußerst positiv. Die Auslosung wurde in allen Ländern mit der gleichen Spannung erwartet wie die der Landesmeister-und Cupsieger.

Die Presse hob das „Pokal-Baby" mit einigem Enthusiasmus aus der Taufe. „Nep Sport" in Budapest machte seine zahlreichen Leser zum Beispiel auf folgende Tatsache aufmerksam: „Eine feine Sache, der UEFA-Pokal. Hier sind die besten europäischen Vereine von gesten und morgen vertreten. Nahezu jedes Land schickt seinen Vizemeister in diesen Wettbewerb. Und daß die Vizemeister oft nur durch viel Pech am Titelgewinn scheiterten, weiß man seit Jahrzehnten. Und so viele klangvolle Namen wie der UEFA-Pokal weisen weder der Meister-Wettbewerb noch der Cupsieger-Pokal auf. Hier denken wir vor allem an Real Madrid, an den erfolgreichsten europäischen Verein der Nachkriegsgeschichte, an die ,Spurs' aus Tottenham, an eine Mannschaft wie Leeds United, an Österreichs Rekordmeister Rapid Wien, an den Hamburger SV mit einem Uwe Seeler, an den AC Mailand, der mit dem Gewinn des europäischen Meisterpokals, des Cupsiegerpokals und des Weltpokals alles erreichte, was ein Verein überhaupt erreichen kann. Oder denken wir an unsere beiden Traditionsklubs Ferencvaros und Vasas Budapest, die im Vorgänger aller europäischen Wettbewerbe, im Mitropacup, schon vor Jahrzehnten für Schlagzeilen in Europa sorgten!"

Elfsborg Boras — dieser Name zog nicht in Berlin. Nachdem Hertha BSC in den ersten drei Bundesligaspielen gegen Bayern München, MSV Duisburg und den 1. FC Köln insgesamt 163 198 zahlende Zuschauer ins Olympiastadion gelockt hatte, kamen gegen die Schweden nicht einmal 6000! Das 3:1 war eine klare Sache. Erich Beer ließ sogar gegen den glänzend reagierenden Torhüter Hedin noch eine Elfmeterchance aus. Hermandung, der wiederum enttäuschende Varga und Steffenhagen waren die Schützen. Helmut Kronsbeins Kommentar rückte die Leistungen der 90 Minuten ins rechte Licht: „Unsere Mannschaft hat sich dem Niveau des Gegners angepaßt."

Zwei Wochen später kam Herthas Trainer strahlend aus Schweden zurück. Nach dem 4:1-Sieg: „Wir haben zwar nicht besonders gut,aber sehr clever gespielt. Drei Tore innerhalb von sechs Minuten zeigen dies wohl deutlich genug auf", sagte er.

Lange Zeit war Kronsbein jedoch nicht zufrieden. Er ärgerte sich über den knappen 1:0-Pausenvorsprung (Horr, 43. Minute), nahm Gayer für den schwachen Varga in die Mannschaft (40.) und schimpfte lauthals, als die Schweden sogar nach einer Stunde den Ausgleich erzielten. Er tauschte jetzt auch noch Beer gegen Gutzeit aus und —plötzlich lief das Herthaspiel wie am Schnürchen. Am Schluß waren die wie entfesselt auftrumpfenden Berliner dem fünften Treffer sogar näher als Elfsborg dem zweiten Tor.

Wie Hertha BSC, so hatte auch der Hamburger SV im ersten Spiel Heimrecht. 10 000 Zuschauer sahen einen mühevollen 2:1-Erfolg, den Klaus Zaczyk mit zwei Toren herausschoß (11. und 79.). Das Fehlen von Özcan, Willi Schulz, Volkert und Hönig machte sich in den Reihen der Hamburger so stark bemerkbar, daß die oft übertrieben hart einsteigenden Schotten aus St. Johnstone streckenweise dominierten. „Wenn wir die zweite Runde erreichen wollen, müssen wir beim Rückspiel schon einen sehr guten Tag erwischen", prophezeite Uwe Seeler.

Der „gute Tag" blieb aus. Zwei Wochen später kehrten die Hamburger mit einer vernichtenden 0:3-Niederlage aus Perth heim. Özcan, Willi Schulz, Hönig und Volkert waren diesmal zwar dabei, doch fehlte Uwe Seeler. Aber selbst mit Uwe hätte der HSV nie eine Chance gehabt, um diese kampfstarken und harten Schotten auszuschalten.

Trotz der Unruhen in Nordirland wagte Eintracht Braunschweig am 15. September 1971 den Trip nach Belfast, wo der Vizemeister Glentoran überraschend mit 1:0 bezwungen wurde. Bubi Bründl machte in der 33. Minute vor 8000 Zuschauern alles klar. Otto Kneflers taktischer Schachzug, mit nur zwei Angriffsspitzen (Bründl und Gerwien) aus einer verstärkten Deckung heraus zu kontern, fand bei den Nordiren große Bewunderer. „So spielt man modernen Fußball", hieß es am nächsten Tag in den Kommentaren.

Nach dem Braunschweiger Rückspiel sorgte ein Mann für riesige Schlagzeilen: Bubi Bründl. Der 24jährige ehemalige Münchner, der in Belfast das 1:0 besorgt hatte, schoß zwei Wochen später fünf Tore beim 6:1-Sieg! Ohne seine insgesamt sechs Treffer wäre Braunschweig schon in der ersten Runde auf der Strecke geblieben, weil es dann nur ein 0:0 in Belfast, aber ein 1:1 im Eintrachtstadion gegeben hätte und die auswärts erzielten Tore bei Punkt- und Torgleichheit doppelt zählen!

Das größte Lob verdiente der 1. FC Köln. Mit einem kaum erhofften 1:1 hinterließ die Mannschaft beim französischen Vizemeister AS St. Etienne einen derart nachhaltigen Eindruck, daß die französischen Zuschauer schließlich ihre eigene Elf auspfiffen. Es flogen Plastikfla-schen auf den Platz, und schließlich mußte sogar die Polizei eingreifen. Wolfgang Weber entnervte die „schwarze Perle" Salif Keita, Wolfgang Overath regierte im Mittelfeld, wo auch Hannes Löhr seine neue Rolle fand, und Gerhard Welz im FC-Tor war kaum zu schlagen.

„Das war ein schweres Stück Arbeit", atmete Kölns ungarischer Trainer Gyula Lorant zwei Wochen später erleichtert auf. Vor 12 000 Zuschauern gewann der FC zwar mit 2:1, doch waren die Fran-zosen in ihrem starken Endspurt dem Ausgleich wiederholt sehr nahe. Ein 2:2 hätte sie auch eine Runde weiter gebracht. Selbst Lorant und der gegen Keita wiederum groß aufspielende Wolfgang Weber spra-chen später von einem „etwas glücklichen 2:1-Sieg". Spielführer Wolfgang Overath, der die glänzende Vorarbeit zu beiden Kölner Toren durch Simmet (47.) und Glowacz (63.) geleistet hatte, fügte hinzu: „Nachdem uns das 2:0 gelungen war, fühlten wir uns so sicher, daß wir kaum noch an Gefahr dachte. Viel schwerer kann der zweite Brocken im UEFA-Pokal auch nicht werden."

Ende September 1971 zogen die 32 europäischen Verbände Bilanz. Von den vier Ländern, die je vier Mannschaften zur UEFA-Cup-Premiere entsenden durften, konnte sich kein „Quartett" für die zweite Runde qualifizieren. Bei den Italienern blieb der AC Neapel auf der Strecke (0:2, 1:0 gegen Rapid Bukarest), die Spanier verloren Celta Vigo (0:1, 0:2 gegen FC Aberdeen), und wie befürchtet, mußte auch ein DFB-Vertreter ins Gras beißen. Aber nicht der 1. FC Köln, sondern der HSV.

Das vierte Land, das einen Vertreter verlor, war England. Leeds United sorgte nämlich mit dem „Aus" gegen den belgischen Vertreter Lierse SK für die größte Überraschung der ersten Runde. Der eng-lische Vizemeister und letzte Messepokalsieger unterlag nach seinem 2:0-Hinspielsieg in Belgien auf eigenem Platz mit 0:4! Zu sorglos zogen die Briten in die zweite Begegnung ein, in der sie auf sechs Stammspieler großzügig und leichtfertig verzichteten.

Von den fünf Ländern, die je drei Klubs „gesetzt" bekamen, ver-sagte Portugal mit dem Ausscheiden von Vitoria Setubal (0:1, 2:1 gegen Olympique Nimes), FC Porto (1:1, 0:2 gegen FC Nantes) und Academica Coimbra (0:3, 1:4 gegen Wolverhampton Wanderers) auf der ganzen Linie. Schottland hingegen konnte sich allein mit allen drei Mannschaften durchsetzen: St. Johnstone zerstörte die Träume des HSV, FC Dundee schaltete Akademisk Kopenhagen aus (4:2, 1:0) und FC Aberdeen schlug Celta Vigo.

Tragisch war vor allem das Ausscheiden des DDR-Vertreters Chemie Halle. Nachdem bei einem schweren Hotelbrand in Eindhoven am Vortag des Rückspiels ein Spieler tödlich und mehrere andere schwer verletzt wurden, verzichtete der Verein freiwillig auf eine weitere Teilnahme.
Rekordsiege meldeten: Tottenham Hotspur mit 6:1 und 9:0 über den Island-Vertreter Keflavik Reykjavik und die Haller-Elf Juventus Turin mit 6:0 und 5:0 über Marsa Malta. Rapid Wien erreichte die zweite Runde kampflos, da der albanische Klub Vilaznia Kutari seine Meldung kurz vor dem Hinspiel zurückgezogen hatte.

Nur zwei der insgesamt 13 Nationen, denen die UEFA nur einen Klub bewilligt hatte, waren auch noch in der zweiten Runde dabei: die UdSSR durch den Ex-Meister Spartak Moskau (2:0 und 1:2 gegen VSS Kosice) und - man staune - Norwegen (3:0 und 1:0 gegen IFK Helsinki). Die Norweger blieben damit zugleich der einzige Vertreter Skandinaviens, denn neben Finnland und Dänemark blieb auch Schweden mit seinen beiden Klubs auf der Strecke.
Welche eine große Rolle die heimische Umgebung auf das eigene Publikum auf Europas Fußballfeldern immer wieder spielt, zeigt folgendes Zahlenspiel: In den 61 Begegnungen konnten nur zwölf Vereine sowohl zu Hause als auch auf des Gegners Plätzen Siege erringen!
Recht erfreulich war die Torausbeute der ersten Runde: 195 Treffer in 61 Begegnungen. 120 Tore schossen die Heimmannschaften, nur 75 die Gastvereine. Nur ein Spiel endete 0:0. Und zwar Chemie Halle gegen PSV Eindhoven. Nirgendwo wurde ein Sieger durch Elfmeterschießen ermittelt. Nicht einmal eine Verlängerung war notwendig.

Einige der sogenannten Fußballzwerge hatten zwar die erste Runde überstanden, aber die drei verbliebenen DFB-Vertreter hatten bei der Auslosung am 1. Oktober 1971 in Belgrad nicht das Glück, eine dieser Mannschaften als Gegner zu bekommen Im Gegenteil. Die Serie der „schweren Brocken", die mit der Verlosung der nächsten Runden im Meisterpokal bei Mönchengladbach - Inter Mailand und im Cupsieger-Wettbewerb mit FC Bayern - FC Liverpool so unglücklich begonnen hatte, fand nun im UEFA-Pokal ihre Fortsetzung:

Der 1. FC Köln bekam es mit jenem Verein zu tun, gegen den er seine höchste Niederlage auf internationaler Ebene nach dem Kriege erlitten hatte. Mit einem vernichtenden 1:8 war der damals frisch gebackene Meister Köln nämlich neun Jahre zuvor aus Dundee heimgekehrt. Und noch immer klangen der Kölner Vereinsführung die Worte des damaligen Trainers Tschik Cajkovski in den Ohren, als er während des Rückfluges seinen Spielern zu erklären versuchte: „Bei dieser Schande ist am besten, Maschine stürzt ab!" Also 1. FC Köln gegen FC Dundee. Und zu allem Unglück mußten die Kölner auch noch zuerst daheim spielen.

Etwas zufriedener zeigte man sich im Lager von Eintracht Braunschweig. „Wenn Bubi Bründl wieder zwei so gute Tage wie gegen Belfast hat, können wir das Achtelfinale erreichen", hoffte Trainer Otto Knefler, als er den Namen seines Gegners, Atletico Bilbao, erfuhr.
Dafür traf es dann Hertha BSC wieder um so schwerer. Der Gegner war kein geringerer als der oftmalige italienische Meister AC Milan, der nicht nur den Europacup der Pokalsieger und schon zweimal den europäischen Meisterwettbewerb gewonnen, sondern der noch zwei Jahre zuvor den Weltpokal nach Mailand geholt hatte. „Wenn es für deutsche Mannschaften um etwas geht, sind sie alle stark", war „Carlo" Schnellingers recht bescheidene Prognose.

Die Spieler des 1. FC Köln brannten förmlich vor Ehrgeiz. Sie wollten am Abend des 19. Oktober 1971 jenes Debakel vergessen lassen, das ihnen der FC Dundee im September 1962 mit 8:1 zugefügt hatte. Doch es lief dann doch nicht so recht: 15 000 Zuschauer waren vom 1. FC enttäuscht. Kein Spieler war mehr von der damaligen Elf dabei. Als Matthias Hemmersbach als einziger „Überlebender" schließlich neun Minuten vor Schluß für den schwachen Overath ins Spiel genommen wurde, stand es durch den jungen Scheermann (50.) und Kinninmonth (75.) 1:1. Erst in der 84. Minute gelang Hennes Löhr das 2:1. Kölns ungarischer Trainer Gyula Lorant aber blieb Optimist: „In Dundee werden wir ein Unentschieden holen", sagte er, während Kölns Altinternationaler Hans Schäfer kritisch ergänzte: „So wie am Dienstag gespielt wurde, in keinem Fall!"

Zwei Wochen später boten die Kölner in Schottland eine wesentlich bessere Leistung. Sie führten sogar nach einer Stunde durch Tore von Simmet und Flohe — bei einem Gegentreffer von Duncan — mit 2:1. Was konnte jetzt noch passieren? Drei Tore mußten die Schotten schon in den letzten zwanzig Minuten erzielen, um Köln auszuschalten. Denn selbst bei einer 2:3-Niederlage würde der FC ja auf Grund der beiden Auswärtstore eine Runde weiterkommen. Doch das war eine Rechnung ohne die Schotten.

Durch Duncan hieß es in der 71. Minute 2:2, und als der gleiche Spieler seine Elf in der 80. Minute mit seinem dritten Treffer auch noch in Führung brachte, wurde die Kölner Abwehr nervös. Dundee setzte zum großen Endspurt an und — schaffte zwei Minuten vor dem Abpfiff tatsächlich noch das 4:2 durch Wilson. „Aus" für den 1. FC Köln, der bis zur 88. Minute im Achtelfinale gestanden hatte!

Mit dem alles überragenden Erich Beer, der den Mailänder Publikumsliebling Rivera völlig ausschaltete, stand Hertha BSC im San-Siro-Stadion vor einer Sensation: Nach 51 Minuten führten die Berliner in diesem „Hexenkessel" mit 2:1. Doch die Kraft der Berliner, die durch Steffenhagen in Führung gegangen waren (15.) und nach dem Ausgleich von Prati (39.) durch Beer erneut vorn lagen (51.), reichte nicht. Benetti (61.), Biasiolo (63.) und Prati (84.) sorgten noch für ein 4:2 der konditionsstarken Italiener, die in Schnellinger ihren besten Spieler hatten.

Der Rückkampf im Berliner Olympiastadion wurde zwei Wochen später mit überaus harten Bandagen durchgeführt. Schiedsrichter Carpenter aus Irland mußte Sogliano und Beer in der 78. Minute in die Kabine schicken. Hertha bot vor 18 000 Zuschauern die beste Saisonleistung und bezwang die Italiener mit 2:1 durch zwei Treffer von Lorenz Horr. Pech für die Berliner, daß sie in Mailand so kurz vor Schluß noch ein viertes Tor hatten hinnehmen müssen. Denn bei einer 2:3- Niederlage (anstelle des 2:4 in der 84. Minute!) wären sie eine Runde weitergekommen. Hertha ereilte also das gleiche Schicksal wie Köln. Nur um wenige Minuten wurde das große Ziel verpaßt.

Als letzte Hoffnung des DFB blieb Eintracht Braunschweig, die allerdings das Pech hatte, gegen Atletico Bilbao zuerst das Heimspiel bestreiten zu müssen. „Wir müssen schon zwei Tore vorlegen, wenn wir ins Achtelfinale kommen wollen", meinte Trainer Otto Knefler, der die Spanier daheim beobachtet hatte und von der Stärke dieser Elf beeindruckt war. Vor 18 000 Zuschauern aber gab es nur ein 2:1. Nach einem 0:1-Rückstand schoß Bubi Bründl beide Tore.

Als Braunschweig zwei Wochen später nach Spanien flog, räumte man der Eintracht eine reelle Chance ein; denn sie war für Unentschieden geradezu wie geschaffen: In 13 Bundesligaspielen hatte sie achtmal unentschieden gespielt und vor dem Gastspiel im Bilbao lauteten die letzten Ergebnisse: 2:2, 0:0, 0:0, 1:1 und 1:1!
Und tatsächlich kehrten die Braunschweiger auch mit einem 2:2 aus Spanien heim. Mit einer taktischen Meisterleistung hinterließ die Mannschaft bei den 40 000 Zuschauern einen derart nachhaltigen Eindruck, daß National-Torhüter Iribar später in der Kabine die Feststellung traf: „Wir hätten noch drei Stunden spielen können. Wäre uns wirklich einmal die Führung geglückt, dann wären die Deutschen wie-der aus ihrer Igelstellung herausgekommen!"
Wieder schoß Ludwig Bründl „sein" Tor. Er alleine hatte den deut-schen Meister des Jahres 1967 ins Achtelfinale geschossen: Neun von insgesamt elf Toren erzielte der 24-jährige Münchner beim 1:0, 6:1, 2:1 und 2:2. Ohne ihn hätte es wie folgt ausgesehen: 0:0, 1:1, 0:1 und 1:2. Auch in der Bundesliga hatte der frühere Jugend-Nationalspieler bereits acht von 13 Eintrachttoren erzielt. Beim 1. FC Köln konnte er vorher einfach keinen Tritt fassen, in der Mannschaft des zweitklassigen Stuttgarter Kickers ging es ihm ebenso. Erst als Trainer Knefler ihn nach Braunschweig holte, platzte der Knoten.

Den einzigen Auswärtssieg in den 31 Begegnungen der zweiten Run-de feierte Wolverhampton Wanderers mit einem 3:1 bei ADO Den Haag! Dafür sorgte der PSV Eindhoven als zweiter holländischer Vertreter für die große Überraschung dieser Runde: Er schaltete den sechsmaligen Europapokalsieger Real Madrid aus. Mit Rosenborg Trondheim (gegen Lierse SK) blieb auch der letzte von fünf skandina-vischen Vertretern auf der Strecke. Und den „Zwei-Fronten-Kampf" Rumänien gegen Polen entschieden die Rumänen mit zwei Siegen von Rapid Bukarest (gegen Legia Warschau) und UT Arad (gegen Zaglebie Waldenburg) überraschend zu ihren Gunsten. Ausgeschlossen wurde Panionios Athen. Die Griechen hatten bei ihrer 0:6-Niederlage in Budapest gegen Ferencvaros sogar den Saarbrücker Schiedsrichter Ferdinand Biwersi tätlich angegriffen. Drei Spieler wurden auf fünf Jahre für sämtliche UEFA-Spiele gesperrt.

In der Runde der „letzten 16" waren nur noch England (Tottenham Hotspur, Wolverhampton Wanderers), Italien (AC Mailand, Juventus Turin), Schottland (FC St. Johnstone, FC Dundee) und Rumänien (Ra-pid Bukarest, UT Arad) mit zwei Mannschaften vertreten. Die Auslo-sung am 5. November in Zürich führte vier dieser Klubs zusammen: Tottenham-Bukarest und AC Milan-Dundee, also der Hertha-Be-zwinger gegen den „Kölner Sieger".
Eintracht Braunschweig, der einzig verbliebene DFB-Verein, traf auf Ferencvaros Budapest. Der ungarische Rekordmeister, oftmaliger Sieger des Mitropapokals und 1965 Gewinner des Messecups (noch mit Zoltan Varga), stellte sich am 24. November 1971 in Braunschweig vor. Mit den Nationalspielern Geczy, Novak, Balint, Megyesi, Juhasz, Szöke, Rakosi und Florian Albert, aber ohne ihren Torjäger Branikovits (der wenige Tage zuvor einen schweren Autounfall verursacht hatte und deshalb keine Ausreiseerlaubnis erhielt), zeigten sich die Magyaren als wahre Verteidigungskünstler. Braunschweig erreichte zwar ein Eckenverhältnis von 17:1, aber die Torbilanz lautete nur 1:1. Bubi Bründl blieb ausgerechnet 24 Stunden nach seinem 25. Geburtstag erstmals in einem UEFA-Spiel ohne Torerfolg. Erst sechs Minuten vor Schluß erzielte Gersdorff den Ausgleich. Ob dem „Bundesliga-Remiskönig" — nach sieben Unentschieden in den vorangegangenen acht Spielen — wohl auch eine Punkteteilung in der ungarischen Hauptstadt gelingen wird?
Die kühnen Träume fanden am 8. Dezember ihr bitteres Ende: Die wie entfesselt stürmenden Ungarn überfuhren Braunschweigs sonst so stabile Abwehr mit 5:2. Erst in der letzten Viertelstunde erzielten Bründl und Erler die beiden Gegentreffer.

Nach Spanien, das als erstes Land seine sämtlichen vier Teilnehmer bereits nach der zweiten Runde verloren hatte, schied der Deutsche Fußball-Bund als zweiter Verband im Achtelfinale aus. Da auch der zweite und letzte DDR-Vertreter, Carl Zeiss Jena, im Achtelfinale auf der Strecke blieb, (0:1 und 0:3 gegen Wolverhampton Wanderers), mußten die deutschen Fußballanhänger schon frühzeitig „über die Grenzen" schauen.
Je zwei Eisen hatten aber noch England mit Tottenham und Wolverhampton, sowie der Vize-Weltmeister Italien mit dem AC Milan und Juventus Turin im Feuer. Also wenigstens noch zwei deutsche Spieler blieben im Rennen. Die Blondschöpfe Schnellinger (Mailand) und Haller (Turin).
Gleich das erste Los führte am 12. Januar 1972 in Zürich zwei Favoriten zusammen: Juventus Turin, auf dem besten Wege zum italienischen Meister zu werden, gegen die Wolverhampton Wanderers. Da als nächste Partner Ferencvaros Budapest und Zeljeznicar Sarajevo aus der Urne gezogen wurden, lag ein weiteres Duell Italien-England in der Luft. Doch Tottenham traf auf UT Arad und AC Mailand auf den belgischen Vertreter Lierse SK.
Ferencvaros, der einzig verbliebene ehemalige Messepokalsieger (1965), schaffte die Runde der „letzten Vier" nach einer 1:2-Heimniederlage, aber einem 2:1-Sieg in Sarajevo durch die besseren Nerven. Als es nämlich nach 210 Spielminuten immer noch 3:3 stand, verwandelten die Magyaren alle fünf Elfmeter, die Jugoslawen — vor heimischem Publikum — jedoch nur vier.
Helmut Hallers Elf vergab die Heimchance gegen Wolverhampton. Trotz zeitweiliger drückender Überlegenheit schaffte „Juve" nur ein 1:1 gegen die „Wölfe", die zwei Wochen später ihr Heimspiel prompt mit 2:1 gewannen.

Der AC Milan war vor seinem belgischen Gegner hinreichend gewarnt worden. Schließlich hatte der Lierser SK schon gleich in der ersten Runde den Titelverteidiger des letzten Messepokal-Wettbewerbs hinausbefördert. Und das 4:0 in Leeds blieb nicht die einzige Glanztat der Belgier. Sie schalteten anschließend den gleichen PSV Eindhoven aus, der zuvor mit seinem Gesamterfolg über Real Madrid (3:1) für die große Überraschung gesorgt hatte. Doch Karl-Heinz Schnellingers Elf spielte im San-Siro-Stadion äußerst konzentriert, schlug den Lierser SK sicher mit 2:0 und zog nach dem 1:1 im Rückkampf ins Halbfinale ein.

Ob England — nach Wolverhampton — auch seinen zweiten Klub durchbringen würde? UT Arad war alles andere als ein sogenanntes unbeschriebenes Blatt im internationalen Fußballsport. Und so erinnerte der „Daily Telegraph" die Tottenham-Mannschaft in seiner Vorschau auch daran, daß die Rumänen vor einem Jahr sogar das Kunststück fertig brachten, den turmhohen Favoriten Feyenoord Rotterdam aus dem Weg zu räumen. Feyenoord war damals Titelverteidiger im Meisterpokal und ein Jahr zuvor gar Weltpokalsieger.

Die Rumänen konnten ihre damalige Galavorstellung jedoch nicht wiederholen. Sie spielten zerfahren in der Abwehr, nervös im Mittelfeld und ohne jeglichen Mut im Angriff. Sie verloren das erste Spiel zu Hause mit 0:2 und fuhren zwei Wochen später praktisch ohne jegliche Chance zur White Hart Lane nach London. Da die Engländer mit zahlreichem Ersatz antreten mußten, kamen sie lediglich zu einem 1:1. Aber es reichte.
Der Wunschtraum der meisten Engländer war verständlich: „Hoffentlich prallen Tottenham und Wolverhampton nicht aufeinander", schrieb der „Daily Express" vor der Halbfinal-Auslosung am 24. März 1972 im Züricher St. Gotthard-Hotel. Es gab auch einige Skeptiker auf der Insel. Und so machte der Experte Donald Saunders die Leser des „Daily Telegraph" auf folgende Tatsache aufmerksam: „Wenn das Los unsere beiden Klubs in der Vorschlußrunde zusammenführt, dann schafft wenigstens einer von ihnen das Endspiel!" Der „Nep-Sport" in Budapest meinte: „Als Ferencvaros vor sieben Jahren den Messepokal holte, wurde im Halbfinale eine englische Mannschaft aus dem Weg geräumt (Manchester United) und im Endspiel eine italienische Elf geschlagen (Juventus Turin). Diesmal sind noch zwei Engländer und ein Italiener mit im Rennen. Vielleicht ist dies das einzige gute Omen für unsere tapfere Elf, die wohl kaum jemand unter so vielen klangvollen Namen wie Real Madrid, Leeds United, St. Etienne, 1. FC Köln, Juventus Turin und wie sie alle heißen, erwartet hätte."

Und was sagte man in Mailand? „Mir wären eigentlich die Ungarn am liebsten", verriet Karl-Heinz Schnellinger, „aber erstens habe ich ja keinerlei Einfluß auf die Auslosung und zweitens werden wir auch dann nicht resignieren, wenn es gegen Tottenham und Wolverhampton gehen sollte!"
Die Vorschlußrunden-Paarungen lauteten dann: Tottenham gegen AC Milan und Ferencvaros gegen Wolverhampton. Damit war sowohl ein rein englisches Finale möglich, als auch eine Neuauflage des Jahres 1965 mit Ungarn gegen Italien. Doch daran glaubte niemand ernsthaft, nachdem die Engländer doch seit fünf Jahren immer einen Verein ins Messepokal-Finale gebracht und jedes der letzten vier Endspiele gewonnen hatten.
Tottenham gegen AC Milan. Da werden Erinnerungen wach. Als der AC Milan 1963 als erster Verein den Landesmeister-Europapokal nach Italien holte, gewann Tottenham als erster englischer Klub den Europacup der Pokalsieger! AC Milan schlug im Finale den Titelverteidiger Benfica Lissabon mit 2:1 in London, in der Heimat der „Spurs". Und Tottenham bezwang den Titelträger Atletico Madrid mit 5:1 in Rotterdam, wo der langjährige „Italiener" Jimmy Greaves der überragende Mann im Feyenoord-Stadion war.

Am 5. April 1972 ging es „nur" noch um den Einzug des Endspiels um den neuen UEFA-Pokal. Dank der großartigen Leistung des langen Mittelstürmers Martin Chivers gewann Tottenham 2:1. Der 27jährige Hühne schoß beide Tore gegen die Mailänder Abwehr, die sich bei Schnellinger bedanken konnte, daß es nur zwei Gegentreffer gab.

„Einen besseren Libero als diesen blonden Jungen aus Germany gibt es in Europa nicht", schrieb die Londoner ,.Times" in ihrem Kommentar am nächsten Tag. Das Europameisterschaftsspiel England gegen Deutschland stand vor der Tür. Bundestrainer Helmut Schön schickte seinen Assistenten Jupp Derwall zwei Wochen später zum Rückspiel nach Mailand. „Schau Dir den ‚Carlo' einmal an. Wenn die Engländer ihn schon so loben, dann können wir ihn in Wembley sicher gut brauchen", hoffte der mit Ausfällen verletzter Spieler geplagte Bundestrainer.
Die „Spurs" und der AC Milan trennten sich im San-Siro-Stadion 1:1 und — Schnellinger wurde verletzt! Zugleich mußte der „Spion" Derwall dem Bundestrainer zu allem übel auch noch von einer „sehr guten Form" der drei englischen Nationalspieler Peters, Chivers und Mullery berichten. Deutschlands Chancen für Wembley sanken. Mit Tottenham aber stand die erste englische Mannschaft im Finale.

Die zweite Vorschlußrunden-Begegnung zwischen Ferencvaros Budapest und Wolverhampton Wanderers weckte in der ungarischen Hauptstadt ebenfalls Erinnerungen an „glanzvollere Zeiten"! Ferenc-varos, 1928 schon Sieger des ältesten europäischen Pokal-Wettbewerbs, des Mitropacups, hatte sieben Jahre zuvor zum letzten Mal für Schlagzeilen gesorgt. Mit Geczy, Novak, Matrai, Juhasz, Florian Al-bert, Rakosi, Fenyvesi und dem Berliner „Sünder" Zoltan Varga (da-mals gerade 19 Jahre alt) holte Ferencvaros den Messepokal als erste und einzige Mannschaft nach Ungarn!
Eine neue Generation war herangewachsen. Aber sie war noch nicht reif genug, um die Routiniers aus Wolverhampton zu bezwingen. Sie schafften im ausverkauften Nep-Stadion nur ein 2:2 und unterlagen den „Wölfen" beim Rückspiel im Molineu-Stadion mit 1:2.

Mit einem lautstarken „Glory, Glory — Hallelujah" wanderten die „Wanderer-Fans" nach Hause. „Und jetzt packen wir auch Tottenham", fügten sie in rhythmischen Gesängen hinzu. Doch die „Heißsporne" aus London waren ebenfalls vom Ehrgeiz besessen, und Manager Bill Nicholson, Tottenhams cleverer Altinternationaler, stellte vor dem rein englischen Finale Wolverhampton gegen Tottenham voller Zuversicht fest: „Wir haben dreimal den Cup gewonnen, einmal die Meisterschaft geholt, einmal den Ligapokal errungen und einmal den Europacup nach Hause gebracht. Was mir jetzt noch in meiner Sammlung fehlt, ist nur noch der Europapokal der Landesmeister und der neue UEFA-Pokal. Und den UEFA-Cup holen wir gegen unsere Freunde aus Wolverhampton . . ."
   
  
   
   
  
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