Pokalendspiel 1986 Willi Entenmann war die Zuversicht in Person. "Wenn wir gewinnen", versprach der VfB-Trainer, "zünde ich mir die erste Zigarre meines Lebens an." Er ist auch heute noch Nichtraucher. Berlin, Olympiastadion, 3. Mai 1986. Man kann nicht sagen, dass der FC Bayern vor jenem DFB-Pokal-Endspiel der große Favorit war. Die Münchner waren zwar ein paar Tage zuvor zum achtenmal Deutscher Meister geworden - aber warum- Nur weil der VfB im letzten Saisonspiel die Bremer vom Sockel geschossen hatte. Und überhaupt: Entenmanns Truppe hatte eine faszinierende Rückrunde hingelegt, mit einer tollen Erfolgsserie. Sie war groß in Form.
Bloß leider nicht am 3. Mai 1986. Solche Tage gibt's. Du stehst morgens mit dem falschen Fuß auf, brichst dir erst einmal den Finger in der Nase und wenn du abends Bilanz ziehst, bedauerst du, dass du den Tag nicht im Bett verbracht hast. Oje, VfB. Ersparen wir es uns, die Fehler und Fakten chronologisch noch einmal aufzulisten. Fassen wir einfach zusammen: Roland Wohlfarth (3) und Michael Rummenigge (2) schossen den VfB k. o. - und die Bayern kommentierten die Ehrentore von Jürgen Klinsmann und Guido Buchwald mit einem Augenzwinkern. Die Stuttgarter Nachrichten brachten die Sache auf den Punkt: "Eine sportliche Hinrichtung." - Wir haben uns für Egon Coordes so reingekniet", sagte Bayern-Verteidiger Hansi Pflügler. Egon Coordes, der Sieger des Tages. In München war er der Assistent von Mleistercoach Udo Lattek, doch kurz vor dem Pokalfinale hatte er einen Vertrag als VfB-Cheftrainer für die neue Saison unterschrieben. Das Pikante: Der Neue legte keinen Wert darauf. mit Entenmann als Assistenztrainer zu arbeiten Eine heikle Geschichte. Denn Willi Entenmann, nach dem Abgang des mundstarken, aber ruhmlosen Otto Baric zum Übergangstrainer geworden, war nicht nur ausgesprochen erfolgreich, sondern beim VfB-Volk auch sehr beliebt - wochenlang hallte der Jubelchor durchs Neckarstadion: ,'Williiiii ... '.
Für Coordes war das schlecht. Aber noch viel schlimmer für ihn wär's gewesen, wenn Entenmann mit dem VfB auch noch den Pokal geholt hätte. "Daß wir hier gewinnen", sagte Münchens dänischer Spielmacher Sören Lerby in Berlin, "sind wir Egon schuldig." Sie haben ihm den Pokal geschenkt, einen Triumph mit fünf Toren - und ein Debakel des VfB. Udo Lattek verriet nach dem Spiel: "Dem Egon ist das wie Öl runtergelaufen - dem wär's am liebsten gewesen, wir hätten zehn Stück gemacht." Selbst das war möglich. VfB-Ersatztorwart Jäger, der den verletzten Roleder vertrat, war unter den 76 000 im Olympiastadion der ärmste Kerl. Er gab sein Bestes, aber er hütete kein Tor, sondern eine Schießbude. Aber auch nach vorne ging nichts - zu allem Übel blieb Karl Allgöwer bei Halbzeit mit Bluterguss in der Kabine. "Angsthasenfußball", ärgerte sich Richard Steimle, der Meisterspieler einst. Hinther ist man immer schlauer - aber war die Mannschaft zu defensiv aufgestellt und gegen die Bayern-Stars zu sehr auf Zerstörung geimpft- Der VfB versuchte es so: Jäger Zietsch - Schäfer, Buchwald, Karlheinz Förster - Andreas Müller, Hartmann, Allgöwer (Spies), Sigurvinsson, Nushöhr (Pasic) -Klinsmann. "Man muss die Bayern unter Druck setzen, wenn man Erfolg haben will", meinte Coordes und rieb sich die Hände." "Was nützt die beste Taktik", sagte dagegen Entenmann, "wenn die Spieler einen Tag haben, an dem sie den Ball nicht treffen-" Der VfB hatte in jenem Pokaljahr so stark gespielt. Und so torhungrig. 6:3 gegen Eintracht Braunschweig. 1-0 beim 1. FC Nürnberg. 2: 0 gegen Werder. 6:2 gegen Schalke. 4:1 gegen Dortmund. Doch alles war für die Katz. Denn Berlin - das war der Tag der Münchner Asse, von Pfaff über Augenthaler, Matthäus, Rummenigge und Kögl bis hin zu Dieter Hoeneß. Die Verlierer dagegen machten sich nach dem Schlusspfiff eilends daran, ein von Adidas in hoher Auflage gedrucktes Plakat einzustampfen: "Pokalsieger 1986 -VfB Stuttgart"
Dr. Gerhard Lang, der Stuttgarter Sport-Bürgermeister, sagte auf der Tribüne: "Es hat nicht sollen sein - aber so hätte es auch nicht sein müssen." Abends, beim Bankett im Hotel Steglitz International, war Ehrenspielführer Robert Schlienz der einzige VfBler mit Cup: Als Pokalsieger '54 und '5 8 bekam er eine Matchbox-Ausgabe der DFB-Trophäe überreicht. Die Stimmung litt trotzdem. Als die VfB-Freunde von Mercedes-Benz noch einmal die wichtigsten Szenen des Endspiels vorführten, ganz frisch aus dem Video-Schneideraum, ergriff Jürgen Klinsmann die Flucht: "Ich bin so frustriert." Zu fortgeschrittener Stunde hatte Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder dann einen guten Einfall - entschlossen gab er das Kommando zur guten Laune: "Wir lassen den Rüssel nicht hängen!" Oje, VfB? Olé VfB! |