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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.       11. Jahrgang

 
 
 


 
    
   Beatle-Mania

Popstars auf dem Wasen

So schillernd hatte sich der VfB in seiner über 70¬jährigen Geschichte noch nie präsentiert: Auf dem Trainerstuhl ein Lebemann (Rudi Gutendorf) und auf dem Spielfeld mit dem Franzosen Gilbert Gress sowie dem Schweden Bosse „Bo" Larsson umschwärmte Superstars. Aus dem eigenen Nachwuchs nachrückende Talente wie Karl-Heinz Handschuh oder Horst Köppel gingen in der Aufregung ebenso unter wie der Abschied von Ex-Helden wie Rolf Geiger (null Einsätze in der Spielzeit 1966/67) oder Erwin Waldner (zwei Spiele). Der VfB war zweifelsohne auf dem Weg in die Moderne - zumindest äußerlich. Insbesondere Gilbert Gress verkörperte mit allen Fasern den Zeitgeist des Aufbruchs der späten 1960er. Konservative Zeitgenossen stöhnten über den „Langhaarigen", aufgeschlossene schwärmten verzückt vom „Beatle". Geschickt band Gress seine Frau in den Medienrummel ein („die hübsche Elsässerin", jubelte der Boulevard) und avancierte zum ersten Popstar auf dem Wasen.

Doch der konservative VfB, der um alles in der Welt Aufsehen vermeiden wollte, und die „neue Fußballwelt" harmonierten (noch) nicht miteinander. Im Verlauf der Saison wurde deutlich, dass die Neuzugänge einen Keil in die Mannschaft trieben und es der eitle Trainer Gutendorf nur schwer ertrug, dass ihn Gress' Glanz überstrahlte. Wie schlecht es um die Stimmung beim VfB bestellt war, machte Torsteher Sawitzki deutlich, der im November 1966 verärgert seinen Rücktritt ankündigte, weil „das Klima beim VfB ungesund" sei.

Die Entlassung Gutendorfs war ein erster Schritt in Richtung Revision, und dass Nachfolger Sing als eine der ersten Maßnahmen „Beatle" Gress zum Friseur schickte, machte deutlich, wohin die Richtung fortan wieder gehen sollte: „Schaffe, schaffe".


LEGENDEN / GÜNTER SEIBOLD

Stets verlässlich, hart im Zweikampf und unerbittlich bei der Erfüllung seiner Aufgaben: Für den VfB war Günter Seibold nicht nur in der Spielzeit 1966/67 ein Erfolgsgarant. Der „Mann für alle Fälle" absolvierte sämtliche 34 Ligaspiele und bewährte sich sowohl unter Rudi Gutendorf als auch unter Nachfolger Albert Sing. Als Zwölfjähriger war der gebürtige Cannstatter 1948 dem VfB beigetreten und hatte zehn Jahre später beim 4:3¬Endspielsieg über Fortuna Düsseldorf tatkräftig mitgeholfen, zum zweiten Mal den DFB-Pokal auf den Wasen zu holen. In insgesamt 255 Ligaspielen trug der linke Verteidiger bis 1968 das VfB-Jersey. Unvergessener Höhepunkt war der 8. Juni 1963, als er ausgerechnet in seinem 200. Spiel für den VfB im Freundschaftsspiel gegen den FC Santos keinen Geringeren als Brasiliens Fußballlegende Pele abschirmen musste.

Wie gewohnt überzeugte der liebevoll „Sippe(" genannte Verteidiger auch gegen den Weltstar durch solide sportliche Klasse. „Er stoppte Pele wirkungsvoller, als es im Länderspiel Willi Schulz schaffte, der ja mit großer Härte und vielen Fouls arbeitete", lobte die »Stuttgarter Zeitung«. Seibold war nicht nur auf dem Feld vielseitig, sondern absolvierte parallel zur Karriere als Fußballer eine Ausbildung zum technischen Assistenten und wurde später Verkaufsleiter bei Daimler-Benz. Nachdem er mit 58 in Frühpension gegangen war, widmete er sich voller Leidenschaft der Malerei und erwarb auch als Hobbymaler Meriten. Dem VfB blieb er stets treu - mit einer Ausnahme: 1969 von Trainer Gunter Baumann ausgemustert, wechselte er zur SpVgg Ludwigsburg 07, kehrte aber schon bald in die weiß-rote Heimat zurück. Heute ist Günter Seibold Mitglied des VfB-Ehrenrats.

     
   
  • Einer der Hoffnungsträger inmitten der Stuttgarter Chaostage war das Nachwuchstalent Horst Köppel. Unter Gutendorf versauerte der „Horschtle" jedoch zumeist in der Reserve, wo er Treffer um Treffer erzielte. „Mich traf fast  der Schlag, als ich den Köppel am Samstag auf einem Nebenplatz in der Reserve spielen sah", schimpfte VfB-Boss Dr. Walter im November 1966. Wenige Tage später verlor der VfB (mit Köppel!) in Karlsruhe, womit Gutendorfs Uhr abgelaufen war...


  • Nach der 1:2-Heimniederlage gegen die auswärts bis dato ohne eigenen Treffer gebliebene Mannschaft von Hannover 96 prasselte die Häme der Presse mit voller Wucht auf den VfB ein: „12.000 Getreue, die einfach nicht glauben konnten, dass der VfB Stuttgart längst kaum mehr als eine bedauernswerte Schar fußballerisch minderbemittelter Kellerkinder ist, fühlten sich (berechtigterweise) verschaukelt. Der VfB, so amateurhaft-zerfahren und so atembeklemmend-unfähig wie in keinem Heimspiel zuvor, jagte die kalte Angst auf die Gesichter der VfB-Gewaltigen. Aufhörn! Aufhör'n!'-Sprechchöre flatterten über den (gedemütigten) Rasen, und die Beleidigungen, die an die Adresse der VfB-Vorstandschaft gerichtet wurde, würden einem fleißigen Anwalt auf Monate hinaus Arbeit und Brot geben", ätzte Wolf Schelling im »Sport-Magazin«.


  •  Trainer-Wunschkandidat Albert Sing brachte Disziplin auf den Wasen zurück. Der mit monatlich 8.000 DM bis dato teuerste Trainer der VfB-Geschichte galt als „Schleifer" und eichte die verunsicherte VfB-Elf in einem knochenharten Trainingslager in Besenfeld erfolgreich auf traditionelle Werte wie Kameradschaft und Disziplin.


  • Trotz sportlicher Talfahrt - auf seine Fans konnte sich der VfB verlassen. Mit 487.000 Zuschauern in 17 Heimspielen führte er das Feld der Bundesligisten an. Die Rekordkulisse wurde am dritten Spieltag erreicht, als man vor 70.000 Fans mit einem 2:0 über München 1860 die Tabellenführung übernahm. Das letzte Heimspiel der Saison indes bescherte den Cannstattern mit kargen 9.000 gegen Essen zum zweiten Mal seit Mai 1966 (7.000 gegen Kaiserslautern) eine lediglich vierstellige Bundesligakulisse.

     
     
   
     
   
     
   
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