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SEELENDOKTOR UND WUNDENPFLEGER
VON HANS BLICKENSDÖRFER
Dass
Georg Wurzer der erfolgreichste aller VfB-Trainer war, wissen auch die,
die nicht viel wissen von den großen Tagen der fünfziger Jahre: Zwei
Deutsche Meisterschaften, zwei Pokalsiege. Leider blieb alles auf den
nationalen Rahmen beschränkt, weil die Europapokale nicht geboren waren.
Wurzer ist in erster Linie für seine Spieler
Vaterfigur gewesen, obwohl er mit 44, als der VfB in Ludwigshafen gegen
Saarbrücken den zweiten Titel holte, doch ein vergleichsweise junger
Mann war. Es sind damals viele ältere Herren im Trainergeschäft gewesen,
das freilich im Vergleich zu heute bei weitem weniger erträglich war.
Erster Großverdiener ist hierzulande Max Merkel beim
TSV 1860 München mit mehr als 10 000 Mark Monatsgehalt ohne Prämien
geworden. Da ist dem Herberger Seppl der Hut hochgegangen, und der
Wurzer Schorsch hat mit schwäbischer Akribie errechnet, dass er,
angesichts seiner viel stattlicheren Erfolge, eigentlich ein
ausgesprochen reicher Mann sein müsste.
Aber erstens waren die Zeiten nicht so, und zweitens
war er so ziemlich das Gegenteil von den Maulhelden, die mit
wohlwollender Hilfe der Medien im Fernsehen ihre Sprüche klopfen und in
den Gazetten ihre Schlagzeilen machen.
Dieser Georg Wurzer hat immer mit schwäbischem
Understatement gearbeitet, obwohl er ein gebbürtiger Bayer war. Und eine
aus schwäbischer Sparsamkeit geborene Unterbezahlung mag ihn zwar
manchmal gejuckt haben, aber sie hat ihn, der auf unerhört sympathische
Art von Erfolgsdrang getrieben war, nicht verjagt. 13 Trainerjahre in
Cannstatt. Das wird es nie mehr geben.
Er ist Vater der Spieler und Vater des Erfolgs
gewesen. Und das eine wäre nicht möglich gewesen ohne das andere. Tempi
passati- Man muss es einfach einräumen angesichts von Entwicklungen, die
am besten dadurch erkennbar sind, dass für einen aus dem Armenhaus des
Fußballs geholten Matthias Sammer der VfB nur das Vorzimmer für den
italienischen Salon sein konnte.
Nostalgie
hilft nichts, wenn ein Punkt, für den früher kaum eine warme Mahlzeit
ausgegeben wurde, 2000 Mark wert ist oder sogar mehr. Und für den
Trainer gar das Doppelte. Als ich in einer Glosse schrieb, Wurzer habe
den VfB für ein Monatsgehalt von 2000 Mark trainiert, hat mich Frau
Wurzer sehr energisch darauf aufmerksam gemacht, dass es sich akkurat um
DM 1850 gehandelt habe.
Woraus man sieht, dass sich der treffliche
Schatzmeister Waggele Haaga auch um ein paar Mark noch urschwäbische
Eiertänze leistete.
Für sein bescheidenes Salär leistete Wurzer ganze
Arbeit. Mit dem VW, den ihm die beiden Meisterschaften eingebracht
hatte, durchkämmte er die Region nach Spielern, die ihm in seiner
Sammlung noch fehlten. Schätze konnte er nicht anbieten, und dennoch
fand er einen um den anderen, die in sein Spiel passten. Beispielsweise
den Robert Schlienz in Zuffenhausen, den Rolf Blessing in Wendlingen,
den Erich Retter in Plüderhausen, den Erwin Waldner in Neckarhausen und
noch manch anderen, den er davon überzeugte, dass er ihm eine Heimat
bieten konnte. Fußballerisch wie menschlich. Und da war noch etwas, das
konform ging mit dem Denken, das man modern nannte: "Wenn du bei uns
bist und gut spielst, kannst du dir bald ein Auto leisten. Bei mir
kannst du um die Meisterschaft spielen - und bei deinem jetzigen Klub um
ein müdes Vesper!"
Es sind alle gekommen, die in Frage kamen. Und der
Wurzer Schorsch hat eine Mischung von Assen und Kornplementärspielern
geformt, die zur besten wurde, die der Verein je hatte. Damals hat ein
Wurzer anders in Speichen gegriffen als andere bei anderen Klubs. Der
Mann hat es fertig gebracht, mit einfachen Mitteln ein Team heranreifen
zu lassen, das im internationalen Rahmen höchste Ansprüche erfüllt
hätte. Bloß, die Zeit war nicht reif. Wurzer hat noch als Pensionär
erkennen können, wie schwer es der durch pausenloses Training
hochgetrimmte Durchschnittsspieler dem Begabten machen kann.
Mit Vertragsspielern, die einem Beruf nachgingen, hat
er in dreimaligem wöchentlichen Abendtraining eine Mannschaft geformt,
die über Jahre hinaus mit um den deutschen Meistertitel spielte.
Aber auch Wurzer hatte, was vom Publikum nicht
registriert wurde, bereits einen Zwölfstundentag. Dieser Trainer stieg
morgens, wenn die Luxuskarossen seiner Nachfahren in den Garagen
schliefen wie ihre Herren, in sein kleines Auto, um Spieler zu besuchen,
die ärztlicher Pflege körperlicher oder moralischer Art bedurften. In
der Tat war er Seelendoktor und autodidaktischer Wundenpfleger in einem.
Und was er für Robert Schlienz nach dessen Amputation an
Wiederaufbauarbeit leistete, ist ein Kapitel, an dem sie alle
kapitulieren würden, die großen Trainer Gurus unserer Zeit,
einschließlich ihrer großen Medizinmänner.
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