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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.       11. Jahrgang

 
 
 


 
    

SEELENDOKTOR UND WUNDENPFLEGER

VON HANS BLICKENSDÖRFER

Dass Georg Wurzer der erfolgreichste aller VfB-Trainer war, wissen auch die, die nicht viel wissen von den großen Tagen der fünfziger Jahre: Zwei Deutsche Meisterschaften, zwei Pokalsiege. Leider blieb alles auf den nationalen Rahmen beschränkt, weil die Europapokale nicht geboren waren.

Wurzer ist in erster Linie für seine Spieler Vaterfigur gewesen, obwohl er mit 44, als der VfB in Ludwigshafen gegen Saarbrücken den zweiten Titel holte, doch ein vergleichsweise junger Mann war. Es sind damals viele ältere Herren im Trainergeschäft gewesen, das freilich im Vergleich zu heute bei weitem weniger erträglich war.

Erster Großverdiener ist hierzulande Max Merkel beim TSV 1860 München mit mehr als 10 000 Mark Monatsgehalt ohne Prämien geworden. Da ist dem Herberger Seppl der Hut hochgegangen, und der Wurzer Schorsch hat mit schwäbischer Akribie errechnet, dass er, angesichts seiner viel stattlicheren Erfolge, eigentlich ein ausgesprochen reicher Mann sein müsste.

Aber erstens waren die Zeiten nicht so, und zweitens war er so ziemlich das Gegenteil von den Maulhelden, die mit wohlwollender Hilfe der Medien im Fernsehen ihre Sprüche klopfen und in den Gazetten ihre Schlagzeilen machen.

Dieser Georg Wurzer hat immer mit schwäbischem Understatement gearbeitet, obwohl er ein gebbürtiger Bayer war. Und eine aus schwäbischer Sparsamkeit geborene Unterbezahlung mag ihn zwar manchmal gejuckt haben, aber sie hat ihn, der auf unerhört sympathische Art von Erfolgsdrang getrieben war, nicht verjagt. 13 Trainerjahre in Cannstatt. Das wird es nie mehr geben.

Er ist Vater der Spieler und Vater des Erfolgs gewesen. Und das eine wäre nicht möglich gewesen ohne das andere. Tempi passati- Man muss es einfach einräumen angesichts von Entwicklungen, die am besten dadurch erkennbar sind, dass für einen aus dem Armenhaus des Fußballs geholten Matthias Sammer der VfB nur das Vorzimmer für den italienischen Salon sein konnte.

Nostalgie hilft nichts, wenn ein Punkt, für den früher kaum eine warme Mahlzeit ausgegeben wurde, 2000 Mark wert ist oder sogar mehr. Und für den Trainer gar das Doppelte. Als ich in einer Glosse schrieb, Wurzer habe den VfB für ein Monatsgehalt von 2000 Mark trainiert, hat mich Frau Wurzer sehr energisch darauf aufmerksam gemacht, dass es sich akkurat um DM 1850 gehandelt habe.

Woraus man sieht, dass sich der treffliche Schatzmeister Waggele Haaga auch um ein paar Mark noch urschwäbische Eiertänze leistete.

Für sein bescheidenes Salär leistete Wurzer ganze Arbeit. Mit dem VW, den ihm die beiden Meisterschaften eingebracht hatte, durchkämmte er die Region nach Spielern, die ihm in seiner Sammlung noch fehlten. Schätze konnte er nicht anbieten, und dennoch fand er einen um den anderen, die in sein Spiel passten. Beispielsweise den Robert Schlienz in Zuffenhausen, den Rolf Blessing in Wendlingen, den Erich Retter in Plüderhausen, den Erwin Waldner in Neckarhausen und noch manch anderen, den er davon überzeugte, dass er ihm eine Heimat bieten konnte. Fußballerisch wie menschlich. Und da war noch etwas, das konform ging mit dem Denken, das man modern nannte: "Wenn du bei uns bist und gut spielst, kannst du dir bald ein Auto leisten. Bei mir kannst du um die Meisterschaft spielen - und bei deinem jetzigen Klub um ein müdes Vesper!"

Es sind alle gekommen, die in Frage kamen. Und der Wurzer Schorsch hat eine Mischung von Assen und Kornplementärspielern geformt, die zur besten wurde, die der Verein je hatte. Damals hat ein Wurzer anders in Speichen gegriffen als andere bei anderen Klubs. Der Mann hat es fertig gebracht, mit einfachen Mitteln ein Team heranreifen zu lassen, das im internationalen Rahmen höchste Ansprüche erfüllt hätte. Bloß, die Zeit war nicht reif. Wurzer hat noch als Pensionär erkennen können, wie schwer es der durch pausenloses Training hochgetrimmte Durchschnittsspieler dem Begabten machen kann.

Mit Vertragsspielern, die einem Beruf nachgingen, hat er in dreimaligem wöchentlichen Abendtraining eine Mannschaft geformt, die über Jahre hinaus mit um den deutschen Meistertitel spielte.

Aber auch Wurzer hatte, was vom Publikum nicht registriert wurde, bereits einen Zwölfstundentag. Dieser Trainer stieg morgens, wenn die Luxuskarossen seiner Nachfahren in den Garagen schliefen wie ihre Herren, in sein kleines Auto, um Spieler zu besuchen, die ärztlicher Pflege körperlicher oder moralischer Art bedurften. In der Tat war er Seelendoktor und autodidaktischer Wundenpfleger in einem. Und was er für Robert Schlienz nach dessen Amputation an Wiederaufbauarbeit leistete, ist ein Kapitel, an dem sie alle kapitulieren würden, die großen Trainer Gurus unserer Zeit, einschließlich ihrer großen Medizinmänner.

     
   
     
   
     
   
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