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SUNDERMANN, WUNDERMANN
VON MARTIN HÄGELE
Sommer
'91. Eine Studentenkneipe im Leipziger Bahnhofsviertel. Morgens, um halb
zwei, und weil es so drückend schwül ist, hat man die Stühle auf die
Straße gestellt.
Keiner der Passanten dreht sich
um nach Jürgen Sundermann. Und der Wirt macht höchstens einen
angedeuteten Diener, wenn er wieder ein Weizenbier bringt.
Seit gerade ein oder zwei
Stunden duzen wir einander. In der noch ungewohnten Anrede kommt die
Frage noch schwerer raus: "Fühlst du dich als Absteiger, Jürgen?"
In diesem Augenblick funkeln
die Augen des Trainers Jürgen Sundermann wie früher, wenn er auf der
Tartanbahn des Neckarstadions herumtobte. "Ich", sagt er, "ich bin hier
mittendrin in der deutschen Geschichte. Gibt es irgendwo eine größere
Herausforderung als gerade jetzt im Osten?"
Keine Widerrede. Mittendrin im
Leben und immer die große Herausforderung, so musste es immer sein mit
den Jobs des Fußball‑Lehrers Jürgen Sundermann. Einen stinknormalen Klub
hat er nie trainiert. Es musste was Verrücktes sein, Kitzel oder Flair
haben: Grasshoppers Zürich, Schalke, die Kickers, Racing Straßburg,
Trabzonspor am Arsch der türkischen Welt, die Münchner Underdogs von
Unterhaching oder Berlins Skandal Hertha. Jetzt der Stasi‑Klub Leipzig.
Aber am verrücktesten war die
Zeit beim VfB, die erste Trainerstation: "Mensch", sagt Sundermann, "die
Leute können das heute kaum noch glauben, 56 000 Zuschauer im Schnitt,
das ist ja Weltrekord. "
Der Westfale Sundermann sagt
immer noch dat und wat, obwohl er seit 1976 den Erstwohnsitz Leonberg
hat und immer von Echterdingen aus zu seinen Arbeitsplätzen pendelte.
Sein Herz hängt an Stuttgart. Und sein
ganzer Stolz. Denn obwohl seine Nachfolger Helmut Benthaus und Christoph
Daum Deutscher Meister wurden, nie haben sich die Fans mehr mit dem VfB
identifiziert als zu jenen Tagen, in denen die Rasselbande des jungen
Trainer Sundermann die Bundesliga aufmischte: als Aufsteiger, mit
Fußball total. Ohne
große Taktik. Ein Schwabenstreich folgte dem andern. "Die Jungs“ sagt
er, „die waren super. Technisch Offensiv. Hemmungslos. Und immer
optimistisch." Vieles, was damals im Neckarstadion passierte, grenzte an
ein Wunder. Jürgen Sundermann, damals keine Vierzig, war der Wundermann
jener Ära
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