SUMMA CUM WILLI 2012 VON OSKAR BECK Das neue Jahr fängt nicht gut an: Willi Entenmann ist tot. Gestern war er noch beim Langlaufen in Österreich, und plötzlich ist er zusammengebrochen. Mit dem Hubschrauber haben sie ihn ins Krankenhaus nach Garmisch geflogen, aber es war zu spät. Nur 68 Jahre ist er geworden. Der VfB trägt Trauer. Denn Willi Entenmann war ein Roter vom Besten. Mehr als sein Halbes Leben lang trug er den Brustring auf der Haut, auf der Höhe des Herzens - und die Fans spürten es. "Williiiii!" wir Frühgeborenen haben den Gruß noch in den Ohren, der die Mercedes-Arena erbeben ließ, als sie noch Neckarstadion hieß, dass noch in den Stuben von Untertürkheim die Kaffeetassen erzitterten. Das war auf Entenmanns Höhepunkt. Eigentlich war er damals, Mitte der 80er-Jahre nur als Übergangstrainer angedacht. Nach dem Quadratquassler Baric brauchte der Präsident Mayer-Vorfelder wieder einen, bei dem die Kraft aus der Ruhe kam, also hat er den Amateurtrainer Entenmann befördert- und der führte den VfB bis ins Pokalfinale, anno '86 gegen die Bayern. Eine Rothändle hat sich MV damals angezündet und gesagt: "Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg." Gerhard Mayer-Vorfelder hat, als er diesen Trainer entlassen musste, gesagt: "Das war die schwerste Entscheidung meines Lebens." Willi Entenmann, das war ein Stück VfB. Er trug den Brustring auf der Haut. Der VfB war sein halbes Leben. Er war hier schon Spieler und es war naheliegend, dass er auch Trainer wurde. Ein guter. Beim 1. FC Nürnberg. wo er nach seinem VfB-Abgang später neu anfing, lobten sie ihn über den Schellenkönig - auf gut schwäbisch als Käpsele. Entenmann, Erstberuf: Lehrer, hat die Trainerlizenz mit der Gesamtnote 1,2 gebaut - summa cum willi. Er war ein begeisterter Anhänger von Ordnung und Disziplin und ein Schaffer, daß die Socken qualmten. Er selber qualmte nicht. Er trank auch nicht, aber umso mehr hat er den Kopf geschüttelt, weil er den Eindruck gewann. dass das Wort Arbeit langsam ein G'schmäckle kriegt". Ein Musterschwabe. Aber die bunten Hunde haben es auf der Bühne des Sport- und Showgeschäfts Fußball leichter als die stillen Grübler. Entenmann war nie ein Festredner mit Ausstrahlung. Und zu seinem Unglück flatterte damals beim VfB weiterhin der weltmännische Geist seines Vorgängers Arie Haan durch den Talkessel. Der ausgebuffte Holländer hatte stets virtuos auf der Klaviatur der Medien geklimpert und am Spielfeldrand schon mal den Indianertanz gebracht, um den Schiedsrichter zu beeinflussen. Da tut sich einer wie Entenmann schwerer. "Geh' vor, Willi, mach Theater!", mußte Manager Hoeneß vorschlagen, ehe Willi mal die Lunte zündete. Biedermann? Wenn er das hörte, war er beleidigt. "Was heißt bieder?", sagte er, und sein Gesicht stellte viele Fragen auf einmal: weil er kein Champagner-Willi in Kaschmir war? Weil er nicht für den Spruch des Tages taugte und nicht für den Fluch der Woche? Weil er als Naturfreund mit dem Rucksack in die Berge ging oder mit dem Fahrrad auf die Ferientour Ulm? Regensburg? Passau? Wien? Willi Entenmann hat, beim Adieu vom VfB, arg geschluckt. Aber umgehauen hat ihn das Theater nicht. Er sagte: "Es gibt Wichtigeres auf der Welt, wer sind wir denn?" Kleine Niemande. Das wusste er, weil er zuhause auf dem Balkon durchs Fernrohr oft hinaufschaute zu den Sternen am Himmel. Dort ist er jetzt. Einer wie er kommt in den Himmel
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