SUMMA CUM WILLI VON OSKAR BECK Willi Entenmann tat Gutes. In Stuttgart fand eine Ausstellung statt. Thema: Müllvermeidung, und der VfB-Trainer forderte lebensgroß auf einem Plakat: "Bei Flaschen bin ich prinzipiell für Rückgaberecht!" Ein guter Satz zur falschen Zeit denn der VfB steckte gerade tief im Schlamassel. Die Spitzbuben von der Presse haben das Plakat natürlich gebracht, in der Klatschspalte. Süffisant deuteten sie an, dass auch der VfB im Begriff war, von seinem Rückgaberecht Gebrauch zu machen - im Blick auf Entenmanns Vertrag. Ein paar Tage später war es tatsächlich passiert. Für Trainer gibt es kein Happy end.
"Williiiii!" So hieß der Gruß in besseren Zeiten. Ein Ruf wie Donnerhall. Die Schwaben brüllten ihn durchs Neckarstadion, dass noch in den Stuben von Untertürkheim die Kaffeetassen erzitterten. Das war, als Willi Erfolg hatte, als Übergangstrainer, nach dem Quadratquassler Baric. Bis ins Pokalfinale hat er den VfB geführt. 1986, wissen Sie's noch? Man vergisst schnell. Gerhard Mayer-Vorfelder hat, als er diesen Trainer entlassen musste, gesagt: "Das war die schwerste Entscheidung meines Lebens." Willi Entenmann, das war ein Stück VfB. Er trug den Brustring auf der Haut. Der VfB war sein halbes Leben. Er war hier schon Spieler und es war naheliegend, dass er auch Trainer wurde. Ein guter. Beim 1. FC Nürnberg. wo er nach seinem VfB-Abgang später neu anfing, lobten sie ihn über den Schellenkönig - auf gut schwäbisch als Käpsele. Entenmann, Erstberuf: Lehrer, hat die Trainerlizenz mit der Gesamtnote 1,2 gebaut - summa cum willi. Er ist ein begeisterter Anhänger von Ordnung und Disziplin und ein Schaffer, daß die Socken qualmen. Er selber qualmt nicht. Er trinkt auch nicht. Dafür schüttelt er manchmal den Kopf, weil er den Eindruck gewinnt, "dass das Wort Arbeit langsam ein G'schmäckle kriegt". Ein Musterschwabe. Die bunten Hunde haben es auf der Bühne des Sport- und Showgeschäfts Fußball leichter. Entenmann war nie ein Festredner mit Ausstrahlung. Und zu seinem Unglück flatterte damals beim VfB weiterhin der weltmännische Geist seines Vorgängers Arie Haan durch den Talkessel. Der ausgebuffte Holländer hatte stets virtuos auf der Klaviatur der Medien geklimpert und am Spielfeldrand schon mal den Indianertanz gebracht, um den Schiedsrichter zu beeinflussen. Da tut sich einer wie Entenmann schwerer. "Geh' vor, Willi, mach Theater!", mußte Manager Hoeneß vorschlagen, ehe Willi mal die Lunte zündete. Biedermann? Wenn er das hörte, war er beleidigt. "Was heißt bieder?", sagte er, und sein Gesicht stellte viele Fragen auf einmal: weil er kein Champagner-Willi in Kaschmir ist? Weil er nicht für den Spruch des Tages taugt und nicht für den Fluch der Woche? Weil er als Naturfreund mit dem Rucksack in die Berge geht oder mit dem Fahrrad auf die Ferientour Ulm? Regensburg? Passau? Wien? Willi Entenmann hat, beim Adieu vom VfB, arg geschluckt. Aber umgehauen hat ihn das Theater nicht. Er sagte: "Es gibt Wichtigeres auf der Welt, wer sind wir denn?" Kleine Niemande. Das weiß er, weil er zuhause auf dem Balkon durchs Fernrohr oft hinaufschaut zu den Sternen am Himmel. Das hilft ihm. Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg. |