Helmut Benthaus: Hat der VfB nach dem Titel 1984 die Chance verpaßt (1989) Wir kamen aus Basel. Wir wollten mal wieder den VfB spielen sehen - war ja lange genug her. Wir kamen von der Autobahn, und als wir runter fuhren nach Esslingen, schaute meine Frau mich an, und ich sie. Ein Gedanke. Ein Gefühl. Wieder daheim. Wir sind in Basel zu Hause - aber in Stuttgart sind wir es auch. Stuttgart, das wird für mich immer mehr sein als nur eine Station auf meinem Weg als Trainer. Hier haben wir gelebt. Hier haben wir Freunde gewonnen - auch solche, die über den Fußball nicht sehr viel wissen. Hier hatten wir eine gute Zeit. In diesen Minuten, als wir von der Autobahn kamen und den Blick frei hatten auf die alte Umgebung, liefen die Erinnerungen vor uns ab wie ein Film. Positive Erinnerungen. Der VfB. Es ist ein paar Jahre her - oder war es erst gestern? Die Kontakte sind nie abgerissen. Ich stehe immer noch in Verbindung mit den guten Partnern von damals, mit Willi Entenmann oder Richard Steimle. Und wenn ich am Klubheim vorbeikomme oder im Neckarstadion auf der Tribüne sitze, denke ich: Du gehörst hier dazu. Du bist ein Stück von diesem Klub. Der VfB. Samstags sitze ich in Basel, und wenn es dann langsam auf halb vier zugeht, werde ich kribbelig. Ich freue mich auf die Sportschau und die Sendungen danach. Fernsehen, die Zeitungen - da lasse ich nichts aus. Ich will wissen, wie es dem Klub geht, mit dem ich den größten Erfolg meiner Laufbahn gefeiert habe. Deutscher Meister. Wissen Sie, was dieses Ereignis für mich bedeutet? Es war mehr als ein Sieg. Es war für mich so etwas wie die letzte Bestätigung meiner Arbeit als Trainer - ich war vorher ein paar Mal Schweizer Meister geworden, gut. Aber im Hinterkopf plagt die Schweizer doch immer dieser Komplex: Der richtige Fußball beginnt erst jenseits des Schlagbaums - drüben, in der Bundesliga. Ich war, wie gesagt, siebenmal Schweizer Meister - als Deutscher. Dann ging ich rüber und wurde Deutscher Meister - als Schweizer. Vielleicht ahnen Sie jetzt, was dieser Sieg mir wert ist. Mein Höhepunkt. Hat der VfB damals, 1984, eine Chance verpaßt, sich einen Stammplatz an der Sonne zu sichern? Vor kurzem habe ich diesbezüglich einen kritischen Satz von Uli Hoeneß vernommen - dem VfB fehle noch die Bereitschaft, aufs Ganze zu gehen. Ich weiß nicht. Ich weiß nicht, ob es zum Beispiel damals am Einsatz des Geldes gefehlt hat. Hätte der VfB mehr Mut zum finanziellen Risiko gezeigt - ich wäre gewiß nicht dagegen gewesen. Aber waren wir nicht auch so stark genug? Wir waren Meister geworden - mit einer großartigen Mannschaft. Ich denke, wir hätten damals etwas ganz anderes benötigt als das große Geld für den Transfermarkt - und zwar jenen persönlichen Einsatz, mit dem jeder einzelne im Jahr zuvor im Interesse des Ganzen, der Mannschaft also, für das große Ziel eingetreten war. Was ich damit sagen will: Der VfB hatte alles getan, um Deutscher Meister zu werden - aber als es dann darum ging, das Niveau zu halten, diese Stärke zu stabilisieren, sind »individuelle Fehler« passiert, wie die Trainer so schön sagen. Einzelne Leute dachten nicht mehr in erster Linie an die gemeinsame Aufgabe, sondern an den persönlichen Nutzen, das Prestige, die Vermarktung. Aber lassen wir das. Stärker ist die Erinnerung an das Glück, das wir zusammen hatten. Die gute Zeit. Die nimmt uns keiner mehr. Deutscher Meister. Ich ertappe mich gelegentlich bei der Vermutung, daß die sieben Titel in Basel nicht ganz so viel gelten wie der eine in Stuttgart. Ein Phänomen, was diese eine Meisterschaft bedeutet für die Stadt und ihre Menschen. Ich spüre es, wenn ich da bin, auf Schritt und Tritt. Deshalb bin ich ein Stück des VfB - und auch in Stuttgart daheim. |