Der Aussteiger Warum Stuttgarts Meistermacher Helmut Benthaus am neuen Berufsbild des Trainers zerbrach, schildert Oskar Beck (1989) Die Guten werden in der Bundesliga so schnell nicht vergessen. Das Telefon hat immer mal wieder gebimmelt, und es war einer dran, der fragte: Wie wär's, keine Lust? Helmut Benthaus hat sich dann immer Mühe gegeben, dem anderen zu erklären, was er neuerdings macht. Daß er nicht mehr Trainer ist. Daß er nun Angestellter einer Versicherungsgesellschaft ist »und daß das keine Furzidee von mir ist, sondern daß ich es ernst meine«. Den Erfolgstrainer Benthaus gibt es nicht mehr. Das ist vorbei. In seinem Versicherungsjob bei der »Nationalen« in Basel kümmert er sich inzwischen um die jungen Mitarbeiter im Außendienst. »Ein bißchen motivieren«, sagt Benthaus. Das ist das letzte, was an den Trainer noch erinnert. Helmut Benthaus hat den VfB zum Deutschen Meister gemacht. Das war 1984. Er sollte damals Bundestrainer werden, doch der VfB verweigerte die Freigabe: Wer gibt schon einen Meistermacher her? »Bundestrainer? Das hätte mich«, sagt Benthaus, »schon gereizt. Aber was sollen wir noch darüber reden?« Er ist keiner, der beim Blick in den Rückspiegel jammert. Er hat seinen Strich gezogen. Basta. »Ich bin als Trainer ausgestiegen«, sagt Benthaus, »ich komme mit diesem Berufsbild nicht mehr klar.« Er erzählt: Der Einsatz sei zu hoch geworden - der Einsatz des Geldes. Ein Trainer heute? Das sei irgendein x-beliebiger Angestellter, der in den Zwängen des Geschäfts steckt, abhängig von Glück, Zufall und Tabellenstand, auf Gedeih und Verderb den Launen des Schickals und der Vereinsführung ausgeliefert. Das Ende einer Karriere. Wir sahen es kommen. Damals, als wir ihn besuchten in Basel. Es war drei Jahre nach seinem größten Erfolg, dieser Deutschen Meisterschaft mit dem VfB, und Helmut Benthaus versuchte sich an einem Kunststück: Er wollte den FC Basel wieder dorthin bringen, wo er mal Warnach oben. Es war, als wolle er den Senf in die Tube zurückdrücken. An einem jener trostlosen Nachmittage saß die Basler Mannschaft schon im Bus, bereit zur Abfahrt - fehlte nur noch der Chauffeur. Der saß einen Steinwurf weiter auf seinem Rasenmäher, tuck, tuck, tuck, und ließ sich nicht stören. »Hei!« brüllte Benthaus. Tuck, tuck, tuck. »Hei!« Tuck, tuck, tuck. Da griff Benthaus sich an den Kopf und setzte sich selbst hinters Steuer. Machte er halt auch noch den Busfahrer, als ob es darauf noch ankam. Im übrigen wurde er ja gut bezahlt für alles. 30000 Franken im Monat, stand in den Zeitungen. »30000?« pflegte Hedi Benthaus, die bessere Hälfte, dann rhetorisch zu fragen, und sie lachte sich halbtot. Aber war er soviel Geld denn nicht wert? In Stuttgart war er Meister geworden. Der FC Barcelona wollte ihn haben. Der DFB als Bundestrainer. Und früher in Basel war er ein Gott gewesen - in 17 Jahren mit dem FC hatte er die Titel gesammelt wie andere Leute Briefmarken, siebenmal Schweizer Meister, zweimal Pokalsieger, seine Erfolgsliste war so dick wie das Basler Telefonbuch. Und wie hatte der »Sport«, das angesehene Fachblatt aus Zürich, geschrieben: Benthaus sei »eine Persönlichkeit mit einem guten Schulsack, Matura, Studium, ein Mann, dessen Interessen nicht beim Ball aufhören, ein Trainer außergewöhnlichen Formats und hohen intellektuellen Niveaus.« So war das. Und nun? Nichts ging mehr. Auf der Tribüne des St.Jakob-Stadions schüttelte Wilhelm Benthaus, 83, verständnislos den Kopf. »Wat soll man dazu sagen«, sagte der Alte und nahm die Kippe aus dem Mund, »dat war von ziemlich weit geschossen - aber der läßt den rein.« Der Torwart war 'ne Gurke. Der ganze Klub war eine Gurke inzwischen. Der Maurerpolier Wilhelm Benthaus, kurz: Willi, war immer den weiten Weg von Herne bis ans Rheinknie gefahren, zwanzig Jahre fast, zuletzt mit dem Zug, denn mit dem Auto war das so eine Sache, »dat Auge will nich mehr«. Nun kam der rüstige Senior vor allem als Mutmacher. Der Sohn hatte es nötig. »'s isch nichts mehr los«, jammerten die Rentner, die draußen in St. Jakob jeden Tag zum Training kamen - aber der Benthaus, der könne nichts dafür, was solle er anfangen mit dieser armseligen Truppe, die sie ihm da zur Verfügung gestellt hatten trotz großer Versprechungen? »Der Teufel«, sagte Benthaus, »hat die Hand im Spiel.« Er stand vor einem Scherbenhaufen, vor dem Trümmerhaufen seiner Träume. Nein, so hatte er sich das nicht gedacht, es waren andere Bedingungen, unter denen er in Basel noch einmal an den Start gegangen war. Aber genau die Leute, die da nicht mit offenen Karten gespielt hatten - zum Beispiel, was die Finanzlage anging-, genau diese Leute sagten nun, er sei satt, müde, mürbe oder von allem ein bißchen, und das machte ihn fertig. »Satt?« fragte Benthaus zurück. »Ich war einer der gefragtesten Trainer Europas. Wenn ich satt wäre, hätte ich eines von diesen traumhaften Angeboten angenommen, dann wäre ich vom VfB zu einem der ganz großen Klubs gegangen und hätte abkassiert.« Statt dessen war er, mit Ehrgeiz und Elan, zurück nach Basel gegangen. Warum? In Basel war er zu Hause. Benthaus, ein Kind des Kohlenpotts und deutscher Nationalspieler, war in Basel Schweizer geworden. Er hatte in Basel seine erste Frau nach einer schweren Krankheit verloren und seine zweite Frau gefunden. Er hatte dort seine Freunde. »Zurück nach Basel«, sagte Benthaus, »das war ein rein emotioneller Schritt.« Ein Schritt ins Nichts. Ins reine Chaos. Intrigen. Querelen. Ein Sack voll Sorgen, ein Berg von Schulden - das war der FC Basel. Benthaus hatte zu spät erkannt, daß die Basler für diesen Klub keinen müden Franken mehr lockermachten. Die Identifikation der Bevölkerung mit den Institutionen, behaupteten schlaue Köpfe, habe nicht erst seit dem Sandoz-Skandal Schaden genommen. So oder so: Der Klub war am Ende - und riß den Trainer mit in den Strudel. Im Basler Stadttheater spielten sie an diesem Abend Madame Butterfly, und vor der Billett-Kasse entgegnete ein Herr mittleren Alters auf die Frage, ob ihm der Name Benthaus etwas sage: »Aber selbstverständlich. Jeder Mensch in Basel kennt seine Geschichte. Aber das ist jetzt vorbei. Alles im Leben geht einmal vorbei.« Mittlerweile hatte sogar das Fachblatt »Sport« seine Richtung geändert. Benthaus, so hieß dort jetzt der Vorwurf, habe »mehr Interesse am Kulturellen als am Fußball«. So ist das, wenn der Ball plötzlich nicht mehr rund rollt. Die Geschichte wiederholte sich. Schon in Stuttgart war er, der Meistertrainer, gefeiert worden als ein wohltuend seriöser und salonfähiger Vertreter seiner Zunft inmitten von Scharlatanen, Feuerspuckern und selbstherrlichen Pinseln. Als er aber plötzlich in der Tiefe der Tabelle steckte - so war das beim VfB, so war das nun auch in Basel -, schien er die gleichen Leute zu drangsalieren mit seinem Hang zu den schönen Künsten. Der geht ins Museum, stänkerten sie, und es hörte sich an, als gehe er fremd oder schlage sich mit einem lockeren Frauenzimmer hinter die Büsche. Früher seien ihm alle nachgelaufen, sagte Benthaus. »Da hieß es: Da ist einer, der über den Kirchturm hinausschaut und sogar Bücher liest. Doch wenn's dann Probleme gibt, ist alles ganz anders. Der hat abgehoben, heißt es dann, der schwebt über der Sache, der ist elitär. Dabei könnte ich ohne den Fußball nie sein.« Ohne diesen Job allerdings schon. Er hat als Trainer Schluß gemacht. In diesem Beruf, sagt er, sei es gar nicht mehr möglich, seinen Auftrag noch zu erfüllen. Man habe nicht mehr die nötige Zeit, nicht mehr das nötige Vertrauen, nicht mehr die Rückendeckung. Es sei schlimm, wie an der Autorität der Trainer gesägt werde. »Der Herberger damals«, erinnert sich Benthaus, »nannte die Trainer noch Fußball-Lehrer, und er sagte es mit Stolz.« Helmut Benthaus, 1984 noch Meistermacher beim VfB, spricht darüber wie von einer vergessenen Zeit. |