INTELLEKTUELLER AUF DER BANK VON HORST WALTER Er hätte Bundestrainer werden können, damals, als der DFB einen Nachfolger für Jupp Derwall suchte. Er hätte Vereinstrainer beim FC Barcelona werden können, damals, als ihn am Ende seiner Zeit beim VfB die Spanier mit vielen Pesetas lockten. Er hätte auch nur neben seinem eigenen Denkmal beim VfB Stuttgart stehen können, damals, als sie ihn als Meistertrainer im ganzen Ländle hingebungsvoll feierten.
Und heute- Heute ist dieser Helmut Benthaus 62 Jahre alt und Angestellter bei der Schweizer Versicherungsagentur "National". "Zur Versicherung zu gehen, ist keine Furzidee von mir", sagte Helmut Benthaus schon, als er sich zu dem beruflichen Wechsel entschloss. Das war 1988. Vier Jahre nach dem Triumph als Fußballtrainer mit dem VfB Stuttgart wurde Helmut Benthaus Versicherungsangestellter. Der gnadenlose Abstieg des Helmut B. oder: "Die logische Konsequenz für einen wie Helmut B.- Betrachten wir uns den Lebenslauf des Helmut Benthaus und vergleichen wir ihn (rein gedanklich natürlich) zum Beispiel mit dem eines Otto Rehhagel, den wir mal als typischen Fußballtrainer einstufen wollen." Benthaus studiert in Münster -Philologie und Sport. Für alle Rehhagels: Philologie heißt: Sprach- und Literaturwissenschaften. Benthaus arbeitet 17jahre beim FC Basel - von 1965 bis 1982 - und er wird nicht nur viermal Schweizer Meister und dreimal Pokalsieger, er wird zu einer festen Größe in der Basler Kulturszene. "Ich bin sehr gerne mit Menschen zusammen, die mehr wissen als ich. Denn nur von denen kann ich etwas lernen", sagt Benthaus. (Vergleichen Sie bitte selbst). Und dann kommt Benthaus zum VfB Stuttgart. "Der richtige Trainer zum richtigen Zeitpunkt", sagt VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, und Max Merkel sagt: "Was will der VfB mit Benthaus- Der kennt doch die Bundesliga nur aus der Peep-Show."
Die Herren Kollegen lächeln - nicht nur über Merkels Sprüche, sondern auch über den Neuen, den sie schnell, "den Intellektuellen" nennen. Denn Benthaus geht ins Theater, ins Ballett, er liest Hermann Hesse und kauft sich Bilder von Jean Tinguely. "Ein bisschen fühle ich mich hier als Exote - und das, nur weil der Tag für mich zwar mit Fußball beginnt, aber nicht mit Fußball endet" sagt Helmut Benthaus - und er sagt: "Ein Trainer sollte mit seinen Spielern nicht nur über die Taktik oder über das Ballstoppen reden." Ja worüber denn dann-, fragt die Konkurrenz - und während sie sich noch fragt, wird Helmut Benthaus mit dem VfB Stuttgart Deutscher Meister. 1984. Noch Fragen- Benthaus wird von den Journalisten zum "Trainer des Jahres" gewählt, VfB-Geschäftsführer Ulrich Schäfer triumphiert, dass die Mannschaft so spiele, wie der Trainer sei, "nämlich kühl, bedächtig und intelligent" und das Image des biederen Schwaben-Klubs ändert sich schlagartig. Dank Benthaus. Solch einen Trainer hat kein anderer Klub. "Es mag Mannschaften geben, die trotz ihres Trainers Meister werden, der VfB wurde Meister wegen Benthaus", schreibt die Stuttgarter Zeitung. Dass es trotzdem heute zwar noch viele Rehhagels, aber keinen Benthaus mehr in diesem Gewerbe gibt woran liegt's? "Mein Stil kam nicht mehr 'rüber, und den Stil kann man nicht ändern. Für mich zum Beispiel ist im Trainerberuf auch eine Lehrer1funktion integriert", sagt Helmut Benthaus. Für die heutige Spielergeneration offensichtlich nicht. "Die Kluft zwischen Trainer und Mannschaft wird immer größer", urteilen die Stuttgarter Nachrichten nach dem Meisterjahr in Stuttgart. Und führen Beispiele an. So haben die Spieler im Hotel in Toronto lieber Skat gespielt als sich die von Benthaus empfohlene Henry-Moore-Ausstellung anzuschauen, und so haben die Spieler verständnislos den Kopf geschüttelt, als ihnen der Trainer bei Fahrten ins Stadion Sehenswürdigkeiten der Stadt erklärte. Was einst der Vorteil von Helmut Benthaus war, es wird bei Niederlagen zu seinem Nachteil. "Er lebt nicht in unserer Welt" sagen die Spieler über ihren intellektuellen Trainer.
Benthaus zieht die Konsequenz und verabschiedet sich zurück in seine Welt: nach Basel. Die Kulturszene freut sich, doch mit dem bankrotten Fußballklub schlittert auch ein Helmut Benthaus ins Abseits. Fast wäre er bei dem Klub gefeuert worden, den er 17 Jahre lang geprägt hatte - beim FC Basel. "Ich habe es satt, auf Gedeih und Verderb dem Schicksal ausgeliefert zu sein", sagt Benthaus deshalb - und geht lieber stempeln.
Einjahr lang. Dann wird er Versicherungs-Angestellter. Helmut Benthaus hat die Showbühne Fußball satt. "Wenn ich morgens vor dem Spiegel stehe, will ich mir fest in die Augen schauen können", sagt er. Der gnadenlose Abstieg des Helmut B. - oder: Die logische Konsequenz für einen wie Helmut B.- Zweifellos letzteres - und deshalb wird der Fußball einen wie Helmut Benthaus nie vergessen - und er wird den Fußball und den VfB nie vergessen. "Wenn ich heute von der Autobahn nach Stuttgart hineinfahre, läuft immer ein Film vor mir ab. Ein Film voller positiver Erinnerungen", sagt Benthaus. "Denn: Es war eine schöne Zeit. Wir sind Meister geworden. Das nimmt uns keiner mehr." |