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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.       11. Jahrgang

 
 
 


 
    

WIDERSEHEN AUF DEM MOND
-
Stuttgart nimmt Abschied vom Magischen Dreieck - 
- ein Nachruf auf Elber-Bobic-Balakov -

VON OSKAR BECK (06/92)

"Der Mensch ist nur dort Mensch, wo er spielt", hat schon der alte Friedrich Schiller gedichtet. Er war Schwabe. Die Schwaben trauern. 

Ein Spiel noch. Einmal noch hingucken und mitfreuen, dann ist alles vorbei. Dann geht beim VfB Stuttgart eine Zeit zu Ende, wie man sie im strengen Fußball von heute nur noch selten erlebt: Da hat es doch tatsächlich bei einem einzigen Klub drei fröhliche, ausgelassen spielende Menschen gegeben, die den Umgang mit dem Ball nicht als Zwang und Arbeit, sondern als Glück empfanden. Einer ist Giovane Elber, und der hat dieser Tage den tragischen Satz gesprochen: "Das magische Dreieck ist Vergangenheit." 

Giovane Elber, Fredi Bobic und Krassimir Balakow, so heißen die Drei von der schwäbischen Tankstelle, die mit ihren Fans immer viel gelacht haben - ein letztes Mal, beim Pokalfinale im Olympiastadion, muß ihr Treibstoff zu ihren Toren und Kabinettstückchen jetzt noch reichen, sprich: ihr Sprit. Beim VfB sagt man Esprit. 

Geist, Phantasie, Kultur. "Zu den Bayern", hat Krassimir Balakow geschworen, "gehe ich nie - das ist nicht der Fußball, den ich liebe."  

Liebe. Ein großes Gefühl, ein gewaltiges Wort im simplen Spiel. Aber es muß etwas dran sein. Beim VfB-Training wurden die Fans zuletzt haufenweise mit flehenden Blicken beobachtet: Giovane, sei lieb, jonglier uns noch mal was vor, in Zeitlupe bittschön, ganz langsam, zum Mitschreiben... Für die Enkel später.  

Außenstehenden und Nichtschwaben muss man das so erklären: Diese Drei waren anders als alle anderen. Sie waren oft das, was man völlig verspielt nennt. Sie haben für einen hübschen Trick manche Hundertprozentige sausen lassen, Rückzieher, Beinschuss und basta. Sie haben dieses Spiel noch als Abenteuer betrachtet, den Fans Küsschen geworfen, mit den Eckfähnchen geturtelt und nach ihren Toren Lambada getanzt. 

Spinner? Manchmal, ja. Das Magische Dreieck hätte mit dem VfB hundert Tore geschossen in dieser Saison, hat es aber bei 78 belassen und stattdessen lieber 22 Tricks extra gezeigt. So wie Elber. Gegen Gladbach stand es nach 75 Minuten mal 5:0, und deshalb hat er gar nicht mehr aufs Tor geschossen, sondern nur noch Hackentricks und Scherenschläge probiert - und sich totgelacht.

Erwähnt sei an dieser Stelle kurz Pele. Bei dem war das so, Zitat aus der Chronik: "Die Zuschauer sperrten Mund und Augen auf. Er stoppte den Ball, ließ ihn am Körper hochlaufen und wieder auf den Fuß fallen. Er drehte sich, um den andern zu bluffen, hob den Ball wieder hoch - diesmal fiel er ihm auf den anderen Fuß. Das Publikum verstummte. Dann knallte der Schuss. Es war wie auf der Varietebühne. Ballzauber. Hexerei." 

Wunderknabe Pele, Schuhgröße 38. Das waren die Latschen eines großen Kindes, und so spielte er auch - aus dem Bauch raus. Warum diese Geschichte? Weil auch Elber so ein Zauberer vom Zuckerhut ist. Und ein ebenso großes Kind. Und auch so spielt. Und mit ihm der VfB.

Elber, Bobic und Balakow, das war Ballaballa und Karneval in Rio, das war Brasilien, Balkan, Bulgarien und Samba, Pfeffer und Paprika. Die Bayern werden jetzt sagen: Sind die Zauberer denn Meister geworden?

Haben sie sich nicht manchmal am eigenen Feuerwerk die Finger verbrannt? Beim VfB antworten sie: Man kann nicht alles haben. "Den Eisschrankfußball der Münchner", hat Trainer Jogi Löw bei der Hauptversammlung geschworen, "spielen wir nie."

Dankbar stiegen die Fans auf die Bänke.

Die Schwaben sind verwöhnt worden in dieser Saison. Und sie haben in ihrer Begeisterung für diesen so undeutschen und fehlerhaften Hurrastil ihrer drei Akrobaten das Verzichten (auf den Titel) und das Verzeihen (all ihrer Verrücktheiten) gelernt: Manchmal war das magische ein tragisches Dreieck, und bei den Schiedsrichtern ein rasendes Dreieck.  

"Wir wollten ja alle drei", hat der Bayern-Chefkäufer Beckenbauer zwischendurch trostlos enthüllt, "aber der VfB tut uns ja nicht den Gefallen." Trotzdem wird dieser Kaiser in die deutsche Geschichte eingehen als der Totengräber des glorreichen Dreiecks. Denn wenn man einen Traum kidnappen kann, dann hat der Bayern-Boß es getan. Als Lösegeld für Elber hat er 12,5 Millionen gezahlt, aber ganz Stuttgart schlaflos gelegt.

Ein Spiel noch. Dann ist der Traum tot und Elber fort, und es gibt beim VfB genug Leute, die schwören, dass keiner die grenzenlose Freiheit dieses Stuttgarter Spiels mehr vermissen wird als der Brasilianer. Er durfte als der Magier im Mehreck alles, unbekannte Tricks versuchen, Tore verschenken, in Schönheit sterben und sogar wochenlang platt sein, wenn ihm mal danach war.

"Irgendwann, irgendwo", hat er dieser Tage im Rahmen der vorauseilenden Sehnsucht zu Bobic schon mal gesagt, "spielen wir wieder zusammen, und wenn es Japan ist."  

"Oder in Jerusalem", nickte Bobic. Oder auf dem Mond. Auf den werden die Bayern den Elber zweifellos schießen, sobald er drei Spiele lang mal kein Tor macht, unzweckmäßig zaubert und seine Lacktatwerte nicht steigert. Da kennt Egon Coordes, sein künftiger Konditionstrainer, keinen Spaß - selbst Egons Hund, behauptet der Fernsehreporter Marcel Reif, habe vom ständigen Drill schon einen Bauch wie ein Brett.  

Heilixblechle, jammern die Schwaben, sie werden aus unserem Dschowane einen deutschen Athleten machen. Einen Hrubesch. Die Kugel wird er sich geben. Giovane Elber mimt noch den Tapferen. In Wahrheit ist es wohl das Pfeifen eines Brasilianers im Bayrischen Wald, das ihn dieser Tage verkünden lässt: "Mit Basler, Scholl und Rizzitelli kann man mit geschlossenen Augen Doppelpass spielen, Bayern bekommt das magische Viereck." Wenn sie ihn nur nicht im Viereck tanzen lassen.

Beim VfB durfte er selber tanzen - als der Große Elber im Goldenen Dreieck.

Ein Spiel noch.

     
   
     
   
     
   
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