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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.       11. Jahrgang

 
 
 


 
    

"DER GUMMI-SCHMID, DER GUMMI-SCHMID
HÄLT  BESSER NOCH ALS GLASERKITT"

VON PETER SCHMID (06/92)

Die Meisterschaftsprämie 1992 betrug für jeden Spieler des VfB Stuttgart 50.000 Mark. 1950, bei der ersten Meisterschaft in der VfB-Vereinsgeschichte, machte sie ein Hundertstel davon aus: 500 Mark. Auch diese Spieler waren glücklich und zufrieden, denn sie erhielten noch Sachgeschenke wie Uhren, Küchenmaschinen und Kaffeeservices, was in der Nachkriegszeit hochbegehrt war. Eine Stuttgarter Firma stiftete ein besonderes Meisterschaftsgeschenk: eine 14tägige Ferienreise nach Altensteig. Dank dieser Reise kommen auch die folgenden Zeilen zustande - dort in Altensteig bin ich im Juli 1950 gezeugt worden.

Objektiv über seinen eigenen Vater zu berichten, ist unmöglich. So schildere ich - als Meisterschaftsprodukt - eben drei Kindheitserlebnisse, die mir spontan einfallen, um zu zeigen, was Otto Schmid für ein Mensch war. 

Die erste Geschichte spielte sich Mitte der fünfziger Jahre ab, ich war gerade mal fünf Jahre alt. Handlungsort: Das größte Fest der Schwaben, das Cannstatter Volksfest. Ich konnte gerade auf den Holztisch schauen und erkennen, was es gab: Bluna mit Röhrle, Göckele mit Brötle. Gegenüber saß mein Vater mit seinem Göckele und einem Krug Bier. Plötzlich erschien ein Mann mit einer Sepplhose, setzte meinem Vater einen Tirolerhut auf, drückte ihm den Taktstock in die Hand und entführte ihn auf die Bühne, wo mein Vater dann die Blaskapelle dirigierte. Kurz darauf war im Festzelt die Hölle los. Alle standen auf den Bänken und jubelten meinem Vater zu, so wie die mehreren Hunderttausend damals 1950 in der Stuttgarter Innenstadt. Im Biertaumel sangen sie am Schluß:

"Der Gummi-Schmid,
der Gummi-Schmid
hält besser noch als 
Glaserkitt,
wie der Ball auch kommt,
wie der Schuß auch fällt
der Gummi-Schmid der 
hält,
der Held! "

Ich verlor ihn zwar aus den Augen, aber ich war stolz auf meinen Vater, auf "d'r Gummi", wie ihn der Volksmund nannte, weil er im Fußballtor wie ein Gummi herumflog. "D'r Gummi" war populärer als die meisten Fußball-Profis von heute. Nach dem Krieg gab es keinen Boris Becker, keinen Bernhard Langer, keine Steffi Graf. Die einzige Abwechslungsmöglichkeit am Wochenende nach der harten Arbeit bot der Fußball. So kannten alle "d'r Gummi": Entweder aus dem Neckarstadion oder vom Berliner Olympiastadion, wo er im Endspiel 1950 mit tollen Paraden vor 100.000 Zuschauern den 2:1-Vorsprung des VfB gegen die Offenbacher Kickers rettete oder von den vielen Bildern aus den Zeitungen, wo man ihn als Spielführer mit der Meisterschale oder zusammen mit dem Bundespräsidenten Theodor Heuss bewundern konnte. Der Schwabe Heuss hatte das silberne Lorbeerblatt als höchste sportliche Auszeichnung ins Leben gerufen und es zum erstenmal an einen Schwaben -den Gummi - überreicht.

Die zweite Erinnerung fünf Jahre später: Ich stand im Tor bei der Schulklassenmannschaft, gekickt wurde auf der Sandwüste an der Stuttgarter Geroksruhe, einem Bolzplatz gegenüber der Merzschule, wo heute ein Parkplatz ist. Mit quietschenden Reifen brauste ein Fiat Jagst 600 (Unser erstes Auto) heran; da die Autotüren nach vorne aufgingen, stand mein Vater blitzschnell vor mir, packte mich am Kragen und holte mich nach Hause.

Mitten aus dem laufenden Spiel hatte er mich genommen und mir drei Tage Hausarrest erteilt. Der Grund: Er hatte mein Diktatheft gefunden - und in der letzten Arbeit hatte ich 33 1/2 Fehler (was übrigens meine schlechteste Schularbeit war und - Gummi sei dank - eine Ausnahme blieb). "D'r Gummi" kannte kein Pardon: Er war streng, aber gerecht. Das wissen sie alle, die jungen Fußballspieler, die durch seine Hände gingen, ob sie nun Axel Dünnwald-Metzler (der Kickers-Präsident spielte mal in der VfB-Jugend) oder Klaus-Dieter Sieloff (der Nationalspieler schaffte direkt den Sprung von der Jugend in die erste Mannschaft) hießen. Als mein Vater 1952 seine aktive Laufbahn beendete, hängte er die Fußballschuhe keineswegs an den Nagel", d'r Gummi" stellte sich in den Dienst der VfB-Nachwuchsarbeit und trainierte Jugendmannschaften.

Die dritte Geschichte ist die älteste, ich war damals vielleicht drei Jahre alt. Sie handelt von der ersten, verbotenen Motorradfahrt mit meinem Vater. Es war eine NSU-Quickly 125 ccm, mit der er täglich ins Geschäft fuhr, in den Schlachthof, wo er als Bau-Ingenieur die Bauleitung inne hatte. Dem Motorrad fehlte der Soziussitz, denn auf dem Gepäckträger transportierte er in einer Aktentasche die Fleisch- und Wurstwaren, die er von den Metzgern im Schlachthof geschenkt bekam (meine Mutter musste nie in einem Metzgerladen einkaufen). Ich wollte unbedingt mitfahren, und mein Vater wollte mir den Gefallen tun, aber Angst hatten wir beide, es war ohne Sitz nicht erlaubt. Und so werde ich diese Schwarzfahrt von zu Hause zum Schlachthof mein Leben lang nicht vergessen: Ich zwischen seinen Armen und Beinen auf dem Tank sitzend, meine Knie wackelten nicht nur wegen der Vibration. Ich rieche heute noch das Öl-Benzin-Gemisch und spüre noch den Druck des Tankdeckels an meinem Oberschenkel. Auch meinem Vater machte dies Spaß: Vater und Sohn hautnah, freudig erregt, am Rande des Erlaubten.

Schade, dass er es nicht mehr erleben konnte, wie aus seinem Sohn ein ganz guter Torwart wurde, natürlich nicht so stark und berühmt wie "d'r Gummi", aber immerhin schaffte er es in die Jugend- und Studenten-Nationalmannschaft und spielte mit Uli Hoeneß und Paul Breitner unter Udo Lattek zusammen.
Am 16. März 1963, erst 41 Jahre alt, starb Otto Schmid im Schlachthof. Eine Halle brannte, er ließ die Tiere heraus und bekam nicht mehr genügend Luft, ein Hirnschlag beendete sein kurzes Leben. 

Aber vielleicht hat er ja alles oben im Himmel mitbekommen, und wenn sie dort zu dritt Skat spielen, haben sie sicher kurz unterbrochen und auf die vierte Deutsche Meisterschaft des VfB angestoßen, der Schorsch Wurzer, der Franz Seybold und "d'r Gummi".

     
   
     
   
     
   
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