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"DER GUMMI-SCHMID, DER GUMMI-SCHMID
HÄLT BESSER NOCH ALS GLASERKITT"
VON PETER SCHMID (06/92)
Die
Meisterschaftsprämie 1992 betrug für jeden Spieler des VfB Stuttgart
50.000 Mark. 1950, bei der ersten Meisterschaft in der
VfB-Vereinsgeschichte, machte sie ein Hundertstel davon aus: 500 Mark.
Auch diese Spieler waren glücklich und zufrieden, denn sie erhielten
noch Sachgeschenke wie Uhren, Küchenmaschinen und Kaffeeservices, was in
der Nachkriegszeit hochbegehrt war. Eine Stuttgarter Firma stiftete ein
besonderes Meisterschaftsgeschenk: eine 14tägige Ferienreise nach
Altensteig. Dank dieser Reise kommen auch die folgenden Zeilen zustande
- dort in Altensteig bin ich im Juli 1950 gezeugt worden.
Objektiv über seinen eigenen Vater zu berichten, ist
unmöglich. So schildere ich - als Meisterschaftsprodukt - eben drei
Kindheitserlebnisse, die mir spontan einfallen, um zu zeigen, was Otto
Schmid für ein Mensch war.
Die erste Geschichte spielte sich Mitte der fünfziger
Jahre ab, ich war gerade mal fünf Jahre alt. Handlungsort: Das größte
Fest der Schwaben, das Cannstatter Volksfest. Ich konnte gerade auf den
Holztisch schauen und erkennen, was es gab: Bluna mit Röhrle, Göckele
mit Brötle. Gegenüber saß mein Vater mit seinem Göckele und einem Krug
Bier. Plötzlich erschien ein Mann mit einer Sepplhose, setzte meinem
Vater einen Tirolerhut auf, drückte ihm den Taktstock in die Hand und
entführte ihn auf die Bühne, wo mein Vater dann die Blaskapelle
dirigierte. Kurz darauf war im Festzelt die Hölle los. Alle standen auf
den Bänken und jubelten meinem Vater zu, so wie die mehreren
Hunderttausend damals 1950 in der Stuttgarter Innenstadt. Im Biertaumel
sangen sie am Schluß:
"Der Gummi-Schmid,
der Gummi-Schmid
hält besser noch als
Glaserkitt,
wie der Ball auch kommt,
wie der Schuß auch fällt
der Gummi-Schmid der
hält,
der Held! "
Ich verlor ihn zwar aus den Augen, aber ich war stolz
auf meinen Vater, auf "d'r Gummi", wie ihn der Volksmund nannte, weil er
im Fußballtor wie ein Gummi herumflog. "D'r Gummi" war populärer als die
meisten Fußball-Profis von heute. Nach dem Krieg gab es keinen Boris
Becker, keinen Bernhard Langer, keine Steffi Graf. Die einzige
Abwechslungsmöglichkeit am Wochenende nach der harten Arbeit bot der
Fußball. So kannten alle "d'r Gummi": Entweder aus dem Neckarstadion
oder vom Berliner Olympiastadion, wo er im Endspiel 1950 mit tollen
Paraden vor 100.000 Zuschauern den 2:1-Vorsprung des VfB gegen die
Offenbacher Kickers rettete oder von den vielen Bildern aus den
Zeitungen, wo man ihn als Spielführer mit der Meisterschale oder
zusammen mit dem Bundespräsidenten Theodor Heuss bewundern konnte. Der
Schwabe Heuss hatte das silberne Lorbeerblatt als höchste sportliche
Auszeichnung ins Leben gerufen und es zum erstenmal an einen Schwaben
-den Gummi - überreicht.
Die zweite Erinnerung fünf Jahre später: Ich stand im
Tor bei der Schulklassenmannschaft, gekickt wurde auf der Sandwüste an
der Stuttgarter Geroksruhe, einem Bolzplatz gegenüber der Merzschule, wo
heute ein Parkplatz ist. Mit quietschenden Reifen brauste ein Fiat Jagst
600 (Unser erstes Auto) heran; da die Autotüren nach vorne aufgingen,
stand mein Vater blitzschnell vor mir, packte mich am Kragen und holte
mich nach Hause.
Mitten aus dem laufenden Spiel hatte er mich genommen
und mir drei Tage Hausarrest erteilt. Der Grund: Er hatte mein
Diktatheft gefunden - und in der letzten Arbeit hatte ich 33 1/2 Fehler
(was übrigens meine schlechteste Schularbeit war und - Gummi sei dank -
eine Ausnahme blieb). "D'r Gummi" kannte kein Pardon: Er war streng,
aber gerecht. Das wissen sie alle, die jungen Fußballspieler, die durch
seine Hände gingen, ob sie nun Axel Dünnwald-Metzler (der
Kickers-Präsident spielte mal in der VfB-Jugend) oder Klaus-Dieter
Sieloff (der Nationalspieler schaffte direkt den Sprung von der Jugend
in die erste Mannschaft) hießen. Als mein Vater 1952 seine aktive
Laufbahn beendete, hängte er die Fußballschuhe keineswegs an den Nagel",
d'r Gummi" stellte sich in den Dienst der VfB-Nachwuchsarbeit und
trainierte Jugendmannschaften.
Die
dritte Geschichte ist die älteste, ich war damals vielleicht drei Jahre
alt. Sie handelt von der ersten, verbotenen Motorradfahrt mit meinem
Vater. Es war eine NSU-Quickly 125 ccm, mit der er täglich ins Geschäft
fuhr, in den Schlachthof, wo er als Bau-Ingenieur die Bauleitung inne
hatte. Dem Motorrad fehlte der Soziussitz, denn auf dem Gepäckträger
transportierte er in einer Aktentasche die Fleisch- und Wurstwaren, die
er von den Metzgern im Schlachthof geschenkt bekam (meine Mutter musste
nie in einem Metzgerladen einkaufen). Ich wollte unbedingt mitfahren,
und mein Vater wollte mir den Gefallen tun, aber Angst hatten wir beide,
es war ohne Sitz nicht erlaubt. Und so werde ich diese Schwarzfahrt von
zu Hause zum Schlachthof mein Leben lang nicht vergessen: Ich zwischen
seinen Armen und Beinen auf dem Tank sitzend, meine Knie wackelten nicht
nur wegen der Vibration. Ich rieche heute noch das Öl-Benzin-Gemisch und
spüre noch den Druck des Tankdeckels an meinem Oberschenkel. Auch meinem
Vater machte dies Spaß: Vater und Sohn hautnah, freudig erregt, am Rande
des Erlaubten.
Schade, dass er es nicht mehr erleben konnte, wie aus
seinem Sohn ein ganz guter Torwart wurde, natürlich nicht so stark und
berühmt wie "d'r Gummi", aber immerhin schaffte er es in die Jugend- und
Studenten-Nationalmannschaft und spielte mit Uli Hoeneß und Paul
Breitner unter Udo Lattek zusammen.
Am 16. März 1963, erst 41 Jahre alt, starb Otto Schmid im Schlachthof.
Eine Halle brannte, er ließ die Tiere heraus und bekam nicht mehr
genügend Luft, ein Hirnschlag beendete sein kurzes Leben.
Aber vielleicht hat er ja alles oben im Himmel
mitbekommen, und wenn sie dort zu dritt Skat spielen, haben sie sicher
kurz unterbrochen und auf die vierte Deutsche Meisterschaft des VfB
angestoßen, der Schorsch Wurzer, der Franz Seybold und "d'r Gummi".
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