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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.       11. Jahrgang

 
 
 


 
    

Hermann Ohlicher - Das Laufwunder vom VfB Stuttgart
von Helmut Heimann

Auf dem Fußballplatz war ihm kein Weg zu weit. Selbst als er schon etwas in die Jahre gekommen war, hatte er ein größeres Laufpensum als so mancher Jungspund. Das wussten die Fans zu schätzen. Sie merkten, dass da einer ehrliche Arbeit ablieferte und ihnen für ihr Geld Klasseleistungen bot. Trotzdem hob er nicht ab. Er war stets ein ruhiger und bescheidener Arbeiter. Kein Wunder, dass die schwäbischen Fußball-Liebhaber auch heute noch mit der Zunge schnalzen, wenn sie seinen Namen hören: Laufwunder Hermann Ohlicher vom Bundesliga-Traditionsklub VfB Stuttgart. Dessen weißes Trikot mit dem roten Brustring trug er zwölf Jahre. Einige der größten Erfolge des renommierten Stuttgarter Vereines sind mit seinem Namen ganz eng verbunden - genauso wie mit denen von Hansi Müller und Fritz Walter. Mit ihnen hat er aber noch etwas gemeinsam - die donauschwäbische Herkunft. Ohlichers Eltern stammen nämlich aus der Batschka. Dort lebten sie friedlich mit den anderen Nationen, bis der unsägliche Zweite Weltkrieg ausbrach und viel Not und Leid für die Donauschwaben aus dem ehemaligen Jugoslawien brachte. So auch für Ohlichers Eltern. Sie mussten Ende 1944 aus Sekitsch flüchten. Der ehemalige VfB-Star spricht nicht gerne über diese Zeit. Denn sie war mit großem Leid für seine Familie verbunden. Bruder Jakob wurde während der Flucht geboren, zwei Schwestern dagegen mußten ihr Leben lassen. Ohlicher erzählt: "Aus der Batschka flüchtete meine Familie über Wien nach Deutschland. Dort ließ sie sich für kurze Zeit in Bruggen nieder." Hier erblickte Hermann Ohlicher am 2. November 1949 das Licht der Welt. Kurze Zeit danach zog die Familie ins nahe Mochenwangen in Oberschwaben. Später wurde sie noch durch die Geburt von Sigmund vergrößert. Hermann Ohlicher hatte stets eine enge Bindung zu seinen Eltern. Die hielt bis zu deren Tod an. Vater Jakob starb 1992, Mutter Katharina (geb. Jung) ein Jahr später.

Der ehemalige Bundesligaspieler steht zu seiner donauschwäbischen Abstammung - obwohl er den Dialekt nicht spricht und auch nie die Herkunftsgebiete seiner Eltern besuchte. An etwas kann er sich aber doch noch erinnern: Es sind die Treffen der Heimatortsgemeinschaft Sekitsch in Geislingen, an denen seine Eltern regelmäßig teilnahmen. Wie die meisten Fussballer fing auch Ohlicher auf der Straße mit dem Kicken an. Das Talent hatte er vom Vater in die Wiege gelegt bekommen. Der schoß viele Tore für den SV Mochenwangen. Und dort begann auch die Karriere von Hermann Ohlicher im Alter von sechs Jahren. Er blieb zwölf Jahre bei seinem Stammverein, mit dem er A-Jugend-Staffelmeister wurde. Im Alter von 18 Jahren wechselte er zum FV Ravensburg, schaffte mit diesem 1972 den ersten Platz in der Amateurliga. Schon damals hatte er die Traumvision vom Profidasein im Kopf. Doch aus diesem aus Sicht der Bundesligavereine abgelegenen Teil der Republik war es laut Ohlicher "schwierig, im bezahlten Fußball unterzukommen". Der Vize-Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) Gerhard Mayer-Vorfelder scherzte mal: "Mochenwangen ist eine Gegend, in der auf der Landkarte normalerweise nur Büsche eingezeichnet sind". Ohlicher versuchte also durch Einsätze in verschiedenen württembergischen Landesauswahlen auf sich aufmerksam zu machen. Was ihm letztendlich auch gelang. Trainer Egon. Cordes vom Bundesligaklub VfB Stuttgart empfahl ihn seinem Chef Hermann Eppenhoff. Der beobachtete Ohlicher mehrmals, war aber nicht auf Anhieb von ihm überzeugt. Geklappt hat's dann aber doch noch, sozusagen im zweiten Anlauf. Da hatte Ohlicher nach halbjähriger Arbeitssuche bereits eine Anstellung bei einem Elektrokonzern in Heilbronn gefunden, begann dort am 1. April 1973 mit der Arbeit als Ingenieur. Sein Bildungsweg war nämlich genauso erfolgreich verlaufen, wie es später seine Fußball-Karriere tun sollte. Von April 1956 bis April 1964 besuchte er die Volksschule in Mochenwangen, anschließend absolvierte er eine dreijährige Maschinenschlosser-Lehre, ging ebenfalls für drei Jahre auf die Gewerbliche Berufsschule Ravensburg, machte auf dem zweiten Bildungsweg seine mittlere Reife, arbeitete dann ein Jahr als Maschinenschlosser und studierte vom 10. September 1969 bis zum 30. Juli 1972 an der Fachhochschule in Ravensburg, wo er sein Diplom als Ingenieur der physikalischen Technik machte.

Doch zurück zu seinem Wechsel zum VfB. Als er in Heilbronn arbeitete, kam endlich der langersehnte Anruf aus Stuttgart - und sein Wunschtraum ging in Erfüllung. Deshalb war der materielle Aspekt überhaupt nicht wichtig für ihn. Als Ingenieur hätte er in etwa dasselbe verdient. Doch für ihn war von viel größerer Bedeutung, dass er endlich bei einem Profiverein untergekommen war. Für einen Spieler mit 23 Jahren fast schon zu spät. Andere Fußballer hatten in diesem Alter schon ein paar Bundesligajahre auf dem Buckel.

"Das war ein unwahrscheinlich hohes Risiko", meint Ohlicher heute. Er riskierte - und gewann! "Für einen Vertrag bei einem Regionalligaklub hätte ich mein Studium nie aufgegeben." Doch für seinen Traumverein VfB hing er den Beruf an den Nagel. Diesen Schritt hat er nie bereut. Und auch Hermann Eppenhoff nicht, der dann doch noch über seinen Schatten sprang und sein Ja-Wort zum Wechsel von Ohlicher gab. Der Trainer begründete sein anfängliches Zaudern so: "Als wir in der Saison 1972/73 auf Hermann Ohlicher aufmerksam wurden, habe ich ihn mehrfach beobachtet, in Ravensburg und in der WFV-Auswahl. Doch er war seinerzeit überfordert, spielte sehr oft, war auch verletzt. Wir brauchten etwas Bedenkzeit, ehe feststand: Den Mann können wir doch noch gebrauchen." Und wie sie das konnten. Eppenhoff weiter: "Wir behielten recht. Ohlicher war nach seinem Wechsel zum VfB im Sommer 1973 sofort integriert, war von Anfang an in der Mannschaft. Man sah von der ersten Trainingsminute an, dass er sich als wertvolle Verstärkung erwies, und er bestätigte dies in den Spielen. Rückblickend kann ich ihn ohne Übertreibung als kameradschaftlichen, intelligenten und hervorragenden Mannschaftsspieler bezeichnen. Er spielte nicht nur für sich, sondern hatte einen Blick für seine Mitspieler. Seine Technik war brillant, was er anpackte im Spiel hatte Hand und Fuß, daher sein Ankommen beim Publikum und der sofortige Durchbruch." Der war sensationell! Denn gleich in seinem ersten Bundesligaspiel schoß er gegen Schalke 04 alle drei Tore und wurde ins ZDF-Sportstudio eingeladen. In seiner ersten Saison 1973/74 beim VfB gelangen ihm 17 Treffer und damit wurde er zum internen Torschützenkönig der Schwabenelf Nie hat er mehr Tore in einer Spielzeit geschossen. Sein Aufstieg war nicht mehr aufzuhalten. Maßgeblichen Anteil daran hatte Trainer Eppenhoff. Dessen Satz aus dem allerersten Trainingslager ("Der spielt so wie ich früher") hat Ohlicher heute noch im Gedächtnis. Er spürte: Der Trainer baute auf ihn. Das gab ihm mächtig Auftrieb - und er blühte richtig auf.

Bald hatte er einen Stammplatz, war in den folgenden Jahren aus der VfB-Elf einfach nicht mehr wegzudenken. Hermann Ohlicher wurde Kapitän, machte Höhen und Tiefen des Vereins mit. Als die Stuttgarter 1975 abstiegen, wäre er fast bei Schalke gelandet. Doch ein bodenständiger Typ wie er wechselt nicht so schnell in fremde Gefilde. Er blieb beim VfB und bereute es nicht: "Vielleicht hat mich das damals eine internationale Laufbahn gekostet. Ich war gut in Schuss, stand auf dem Sprung zur Nationalelf, aber in der zweiten Liga war ich schnell weg vom Fenster." Trotzdem sagt er auch noch heute: "Es war die richtige Entscheidung." Durch den Aufstieg 1977 unter dem bekannten Trainer Jürgen Sundermann wurde er für vieles entschädigt. Es folgte eine tolle Saison in der ersten Liga, mit dem seither nicht mehr erreichten Zuschauerschnitt von 54.000 im Neckarstadion. "Das war das größte und hinterließ einen bleibenden Eindruck", schwärmt Ohlicher noch heute. Unvergessen ist auch sein Tor in der Hölle von Turin im Europapokal, das in allerletzter Sekunde ein Weiterkommen des VfB sicherte. Doch der absolute Höhepunkt in seiner Laufbahn war die Deutsche Meisterschaft 1984 unter Trainer Helmut Benthaus. "Mein ganz persönlicher Höhepunkt als Fußballer", beschreibt Ohlicher den Titelgewinn. An dem er maßgeblich Anteil hatte. Im Weserstadion waren 83 Minuten gespielt. Ohlicher machte den 2:l-Siegtreffer. Der VfB war wieder Deutscher Meister. Nach 32 Jahren. Was hat er damals im ersten Augenblick nach seinem goldenen Tor gefühlt? "Unbeschreiblich. Man kann nur den Moment genießen. So einer kommt nie wieder", schwelgt Ohlicher in nostalgischen Erinnerungen. Doch fast hätte er seinen Triumph gar nicht genießen können. Denn sein Stern war am Verblassen. Das zehnte Jahr beim VfB schien für ihn das letzte zu sein. Als er etwa ein Jahr vor seinem Siegtor in Bremen die Post aus seinem Briefkasten nahm, wunderte er sich, dass auch ein Brief vom VfB darunter war. Als er ihn geöffnet hatte, wunderte er sich. noch mehr - über die Formulierung "Sehr geehrter Herr Ohlicher! Lieber Hermann!" Doch am meisten wundern sollte er sich über den Inhalt des Schreibens. Darin teilte ihm, der immerhin sieben Jahre Spielführer der Schwaben war, VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder mit, dass der Verein ihm für die neue Saison kein gleichwertiges neues Angebot machen kann und deshalb gleich ganz auf seine Dienste verzichtet. Im Zeichen der Sparwelle wollte der Klub bei Ohlicher wegen seines vorgerückten Alters den Rotstift ansetzen, zumal es bei ihm in der vorhergegangenen Spielzeit nicht nach Wunsch gelaufen war. Ohlicher traute seinen Augen nicht und war furchtbar enttäuscht "über die Art und Weise der Entscheidung des Vereins". Vor allem weil er schon damals ein sehr gutes Verhältnis zu MV (wie Stuttgarts Präsident Mayer-Vorfelder genannt wird) hatte. Ohlicher galt als Intimus des VfB-Bosses.

 "Deshalb hat es mich auch besonders getroffen, dass er ausgerechnet mich so behandelte." Doch in dieser schwierigen Situation half ihm sein rationales Denken weiter, das er sich als Ingenieur angeeignet hatte. Und ganz wichtig für ihn war, dass die Presse geschlossen hinter dem früheren Mittelstürmer und späteren Mittelfeldspieler stand. So schrieb Klaus Schlütter in der Bild-Zeitung einen Kommentar mit der Überschrift "Herr Präsident, warum sind Sie denn so feige?" und weiter: "Es gibt Fußball-Profis, die - wenn sie gerade in Form sind - um jede Mark Gehalt pokern. Ohlicher gehört nicht dazu. Sein Name steht nicht für Super-Star und Extra-Könner, aber für Zuverlässigkeit, ehrliche Arbeit, Treue zum Arbeitgeber. Daß ihm der VfB Stuttgart jetzt keinen neuen Vertrag gab, ist verständlich - Ohlicher wird in diesem Jahr 34. Aber sein Präsident mochte ihm das nicht in; Gesicht sagen, versteckte sich hinter einem unpersönlich nüchternen Brief. Wer so feige ist, arbeitet nicht profihaft. Nur stümperhaft und ungezogen.' Die Medienschelte wirkte. Ohlicher durfte bleiben, doch er musste finanzielle Einbußen hinnehmen Statt 1500 Mark pro Punkt gab's nur noch 1000, Was er schließlich zähneknirschend akzeptierte Ohlicher im Rückblick: "Ich war zwar bereit, als Spieler mitzuhelfen, um die schwierige finanzielle Situation des Vereins zu bereinigen. Doch mir stank es, dass die Klubs die Situation ausnützten, um uns Spieler unter Druck zu setzen". Abgefedert wurden seine finanziellen Verluste durch sein hohes Grundgehalt. Damals war es bereits zehnmal höher als in seiner Debütsaison beim VfB. Sportlich ging's wieder aufwärts.

Unter dem neuen Trainer Benthaus fand Ohlicher wieder zu alter Stärke zurück. "Ei konnte sich aus der Rolle des fleissigen Lieschens. das eifrig im Mittelfeld die Lücken stopft, befreien. Die neue Freiheit nützt er, und plötzlich sieht man in Stuttgart wieder einen Ohlicher, der spielt wie in besten Zeiten, spritzig und dynamisch", lobte ihn Matthias Erne in der Fachzeitschrift "Kicker Sportmagazin." Klar, dass Ohlicher auch wieder ins Schwarze traf. So erzielte er im letzten Heimspiel der Saison gegen Eintracht Frankfurt zwei Tore. Sein Erfolgsrezept schilderte er wie folgt: "Mit 33 sind die Erholungsphasen länger geworden und ich muss mich mehr auf den Beruf konzentrieren." Das bedeutete: Wenn am Mittwoch ein Spiel stattfand, fiel der Kneipenbummel am Wochenende aus. Selbst die heißgeliebte Tennispartie musste verschoben werden. Damals führte Ohlicher die Tennis-Rangliste beim VfB ganz klar vor Erwin Hadewicz an. Doch er wurde für all' seine Entbehrungen belohnt. Mit dem Meistertitel in der darauf folgenden Saison. Hermann Ohlicher war damals fast 35. Ein Oldie auf dem Fußball-Olymp! Es war die Krönung einer beispiellosen Karriere! !

Seine Bilanz: 318 Bundesligaspiele (Rang 4 beim VfB nach Karl Allgöwer, Günther Schäfer und Guido Buchwald), 96 Tore (Rang 3 nach Allgöwer und Fritz Walter) und ein B-Länderspiel. Sieben Jahre lang trug er die Kapitänsbinde, bestritt außerdem noch 74 Zweitligaspiele, 35 Europapokalbegegnungen (in denen er 13 Tore machte), war Deutscher Meister 1984, Deutscher Vize 1979, stand 1974 und 1980 im Halbfinale um den UEFA-Pokal und war Deutscher Heeresmeister 1974. Insgesamt absolvierte Hermann Ohlicher 750 Spiele für den VfB Stuttgart. Schwäbisches Fußballherz, was willst du eigentlich noch mehr?

Nach dem absoluten Höhepunkt seiner Laufbahn hängte Ohlicher noch eine Spielzeit dran. Die lief schlecht für den VfB. Soeben noch oben, jetzt unten - Ohlicher nahm's locker. "Fußball ist eben nicht logisch", sagt der Diplom-Ingenieur. "Und das ist schön so." Deshalb war für Ohlicher der "Erfolg nie das Maß der Dinge". Und auf den Mund gefallen war er schon längst nicht. "Früher war ich ungemein hitzig", charakterisierte er sich mal. Ein Beispiel gefällig? Im März 1985 lief in München die 82. Minute des Bundesliga-Südschlagers Bayern gegen VfB Stuttgart (3:2). Schiedsrichter Karl-Heinz Tritschler gibt Freistoß für Bayern, Ohlicher sagt: "Du bist das größte Schwein." Tritschler: "Haben Sie mich gemeint?" Ohlicher: "Ja." Tritschler zeigt ihm die Rote Karte. Das hat den Schwaben lange gewurmt: "Der Schiri hat uns dreimal benachteiligt in jenem Spiel. In meinem Privatleben lasse ich mich schließlich auch nicht unwidersprochen ungerecht behandeln." Doch mit den Jahren wurde er ruhiger, bescheinigte sich selbst eine "positive Ausstrahlung." Gesundheitlich angeschlagen war er in seiner langen Karriere nur selten. Seine gravierendste Verletzung in all den Jahren: ein Muskelriss. Aber letztendlich musste er dem Alter doch noch Tribut zollen. Verschleißerscheinungen im Knie, Probleme mit den Bandscheiben und der Wirbelsäule bestärkten ihn in seinem Entschluss aufzuhören. Er hing die Fußballschuhe an den berühmten Nagel und wurde gebührend geehrt. Am 10. September 1985 stieg sein im Neckarstadion in Eigenregie und auf eigenes Risiko veranstaltetes Abschiedsspiel. Es war ein tolles Fest. Fallschirmspringer und das Heeresmusikkorps neun heizten den fast 19.000 Zuschauern mächtig ein. Und Stars aus zwölf Jahren Fußballgeschichte beim VfB Stuttgart gaben sich die Ehre. Ohlicher rief, und fast alle kamen: Trainer Jürgen Sundermann jettete aus der Türkei herbei, seine Kollegen Helmut Benthaus, Ottmar Hitzfeld und Albert Sing reisten aus der Schweiz an, Roland Hattenberger und Hansi Müller aus Österreich, Didier Six und Walter Kelsch aus Frankreich.

Und sie zauberten, was das Zeug hielt. Stimmungskanone Buffy Ettmayer spielte mit Hansi Müller den "Tiroler-Doppelpaß", Gerhard Heinze flog wie in früheren Zeiten ' durch den Kasten. Georg Volker dribbelte wie einst und die Supertechniker Asgeir Sigurvinsson sowie Didier Six wirbelten die Gegner durcheinander. Der Spaß kam nicht zu kurz: Da spielte Volker beim Eckball FIFA - Referee Walter Eschweiler an und bekam prompt das Leder vom Schiedsrichter-Original zurück. Und Ettmayer zückte für Linienrichter Heinz Aldinger nach einer umstrittenen Abseitsentscheidung kurzerhand die Gelbe Karte. "Es hat unheimlich Spaß gemacht", sprach Hansi Müller stellvertretend für alle anderen. Dass der Heißluftballon, der vorm Anpfiff vom Rasen abhob, später zufällig auf der Anlage des Lokalrivalen Stuttgarter Kickers landete, passte ins Bild. Ohlicher trat um 21.16 Uhr von der Bühne ab. "Hermann, wir danken dir", sangen die Fans. Zuvor hatte er noch zwei Tore erzielt, je eines für die Mannschaft von 1973/74 und für die Meisterelf von 1984. Die siegte mit 6 : 4. Höhepunkt und Abschluss des Rahmenprogramms war eine Laser-Show mit Trompetensolo. Das gab's bis dahin noch nie bei einem Fußballspiel in Deutschland. "Ich wollte den Zuschauern etwas bieten", meinte Ohlicher. Dies war seine Maxime in der gesamten Laufbahn. Was er mit den Nettoeinnahmen von 50.000 Mark gemacht hat, wollte er nicht an die große Glocke hängen. "Ich habe es nicht nötig, mich in der Öffentlichkeit als großer Wohltäter hinzustellen", erklärte er bescheiden. Doch wer ihn kannte, wusste: Das Geld kam in die richtigen Hände. Nach seinem Karriereende legte Hermann Ohlicher eine zweijährige Fußballpause ein.

"Man stumpft geistig unheimlich ab, wenn man nur kickt", nennt er den Grund. Er stoppte diesen Abnutzungsprozess, indem er als selbständiger Ingenieur arbeitete und ein EDV-Programm entwickelte. Wenn auch Fußball für Ohlicher immer "erste Priorität" hatte, so war es "nie schlecht, ein zweites Standbein zu haben." So wurde er 1985 Teilhaber einer Stuttgarter Werbeagentur. Doch alte Liebe rostet nicht. Er kam einfach nicht los vom Fußball. 1986 kehrte er für vier Jahre zum VfB Stuttgart zurück - als Lizensspieler-Obmann im Präsidium des schwäbischen Traditionsvereines. Ohlicher erinnert sich: "Ich war eine Art sportlicher Berater und als solcher nicht nur Ansprechpartner der Spieler, sondern auch der Presse." Doch es lief nicht so, wie er sich das vorstellte. Es tauchten Reibungspunkte mit Geschäftsführer Ulrich Schäfer auf. Der kam von der Verwaltungsseite, Ohlicher von der sportlichen. Aber alle wichtigen Sachen erledigte Schäfer im Alleingang. Die Aufgaben von Ohlicher beschränkten sich daher zum Beispiel auf das Bestellen von Hotelzimmern. Sein Einfluss war gering. Deshalb hörte er 1990 auch auf. Der Übergang ins normale Leben glückte ihm nahtlos. Seither arbeitet er als Direktor bei der Toto-Lotto-Bezirksdirektion Esslingen, Geislingen und Göppingen. Seine Popularität verhalf ihm auch zu einer kurzen politischen Karriere. Trug er früher beim VfB Stuttgart das Trikot mit der Nummer acht, ging er bei den baden-württembergischen Kommunalwahlen 1989 als Nummer fünf auf der CDU-Liste ins Rennen und wurde mit dem zweitbesten Ergebnis (15.601 Stimmen) der Esslinger CDU in den Gemeinderat der 96.000-Einwohner-Stadt gewählt. Dort saß er im Sport- und Schulausschuss. Er galt als junger Hoffnungsträger. Doch die Fraktionssitzungen fanden meist freitags statt. Zeitlich war dies mit seinem Beruf bei Toto-Lotto nur schwer unter einen Hut zu bringen.. Deshalb kandidierte er bei den nächsten Wahlen 1994 nicht mehr.

So blieb ihm auch mehr Zeit für seine Familie und die Hobbys. Waren es früher Tennis, Angeln und Skifahren, so ist jetzt Golf seine große Leidenschaft. Mit der ihm eigenen Zähigkeit und unbändigem Willen hat er es, bis zu Handicap fünf gebracht. Ein tolles Niveau für einen Amateurspieler! Mit seinem Golffieber hat er fast die gesamte Familie angesteckt. Seine Ehefrau Erika (47) hat Handicap 28, Sohn Andreas (18) bringt es bereits auf zwölf Ohlichers Stammverein ist der Golfklub Hetzenhof bei Lorch in der Nähe von Göppingen. Oft spielt er gegen alte Bekannte aus früheren Fußballzeiten wie Ettmayer, Karl Allgöwer oder Kaiser Franz Beckenbauer. Gerne unternimmt er auch Fahrradausflüge mit der ganzen Familie, zu der noch Tochter Daniela (23) gehört. "Zwanzig Jahre lang war jedes Wochenende verplant", sagt er. "Ich habe einen mächtigen Nachholbedarf." Seine Gattin Erika (geb. Scherle) ist übrigens auch volksdeutscher Herkunft. Die Eltern der gelernten Einzelhandelskauffrau Eva und Rudolf stammen aus dem Buchenland (Bukowina) in Rumänien.

Die Eheleute Ohlicher kennen sich von klein auf. "Es war eine Kindergartenliebe", verrät der Ex-VfB-Star. Nächstes Jahr feiern sie Silberhochzeit. "Ich genieße das Zusammensein mit der Familie und das Golfspielen", schwärmt Ohlicher. Aber auch das Reisen. So war er vor einiger Zeit auf Mauritius und Irland, jetzt geht's bald für drei Wochen nach Südafrika. "Ich will die Welt sehen", meint Ohlicher. Bleibt da auch noch Zeit für den VfB? "Dem bin ich freundschaftlich verbunden. Ich besitze zwar keine Dauerkarte, aber in Zeiten des Erfolges werde ich natürlich ständig auf den Verein angesprochen. Der Kontakt zu den ehemaligen Kollegen ist noch immer da. Und auch wenn ich Präsident Mayer-Vorfelder sehe, ist es wie früher", antwortet Ohlicher. Trotzdem geht er nur noch "ab und zu" ins Stadion. Obwohl der Weg für ihn nicht weit ist. Denn Hermann Ohlicher wohnt und arbeitet in Esslingen. Doch ganz los lässt ihn der Fußball immer noch nicht. Etwa viermal im Jahr spielt er mit den Stuttgarter Prominentenkickern im Loto-TottoTeam. Sogar in Rio war er schon mit ihnen. Dabei trifft er auf ehemalige Mitspieler, Gegner und Freunde wie die Förster-Brüder, Sigurvinsson, Beckenbauer, Hans Tilkowski, Helmut Haller, Horst Köppel, Klaus-Dieter Sieloff, Guido Buchwald oder Ex-Kunstturn-Weltmeister Eberhard Gienger. Seit dem ersten Auftritt im Sommer 1985 in Besigheim waren 96 Spieler im Einsatz. 90.000 Zuschauer sahen ihre Auftritte, in denen 500 Tore fielen. Dreimal dürfen Sie raten, wer die meisten schoss. Ohlicher natürlich und zwar 67. In den 13 Jahren wurden eine Million Mark für gemeinnützige Organisationen und soziale Einrichtungen in Baden-Württemberg eingespielt. Ein Teil der Erlöse floss auch in die Jugendarbeit verschiedener Vereine. Ohlichers Sohn Andreas kickt ebenfalls. Doch in die Fußstapfen des Vaters ist er nicht getreten. "Er spielt nur in seiner Freizeit", sagt Ohlicher senior.

Seine Mitspieler und Trainer aus früheren Zeit haben Hermann Ohlicher angenehm in Erinnerung .1 Wie sein ehemaliger Trainer Helmut Benthaus, mit dem er 1984 Deutscher Meister wurde. Der Ex-Nationalspieler über Ohlicher: "Er war ein Gewinnertyp, der mit Sicherheit alle Kräfte mobilisiert hat, um nicht zu verlieren. Er ging bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit, um der Mannschaft zu dienen. Es freut mich, dass wir den sportlichen Höhepunkt mit der Deutschen Meisterschaft gemeinsam erreicht haben. Er war nie auf den Applaus des Publikums aus, sondern hat sein persönliches Interesse hinter das der Mannschaft gestellt." Mit Willi Entenmann ist auch ein anderer ehemaliger VfB-Coach voll des Lobes über Ohlicher: "Ich habe Hermann als Mitspieler und Co-Trainer erlebt. Grundlage seines Erfolges ist für mich die Kontinuität, mit der er seine Leistungen gebracht und seine Ziele angesteuert hat. So ist er zu einer herausragenden Spielerpersönlichkeit in der gesamten Bundesliga geworden." Aber auch ehemalige Mitspieler schätzen den früheren Kapitän. Wie der Ex-Torhüter Helmut Roleder: "Die Willenskraft und das Durchsetzungsvermögen, mit denen er seine persönlichen und sportlichen Ziele verfolgte, haben Hermann ausgezeichnet. Dass er sich dabei stets voll in den Dienst der Mannschaft stellte, hat ihn zu einer festen Größe im deutschen Fußball. gemacht." Abschließend hat der österreichische Ex-Nationalspieler Buffy Ettmayer das Wort. "Ich war schon zwei Jahre beim VfB, als der Hermann zu uns kam", erinnert sich der einstige Ballrastelli. "Er war ein junger Spund, der gleich beim ersten Spiel gewirbelt hat und drei Treffer markierte. Das Sportstudio holte ihn, es ist sofort rundgegangen mit ihm. Ein 500%er Profi, ein 'gscheiter' Profi, ganz anders als ich selbst. Ich war ein Schmähführer, der mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hielt und dafür auch aneckte. Anders der Hermann. Er war anpassungsfähig im Profigeschäft. Streit mit Trainern und Präsidenten hat er clever vermieden. Sachlich und im Hinblick auf den Sport verbissen, hat er seinen Beruf sehr ernst genommen und ist dadurch weiter gekommen als viele andere. Im Fußball und auch im privaten Leben." Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

     
   
     
   
     
   
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