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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.      11. Jahrgang

 
 
 


 
 
 
 
  
 Erfolge als Trainer beim VfB Stuttgart
 
Liga2x Meister 1949/50 und 1951/52 mit VfB Stuttgart
Pokal: 2x Sieger1953/54 und 1957/58 mit VfB Stuttgart
   
 Vereinskarriere beim VfB Stuttgart:
 01.06.1947 - 30.04.1960
   



Geschichte / Sonstiges

Georg „Schorsch“ Wurzer (* 31. Januar 1907 in Fürth; † 8. August 1982) ist ein ehemaliger deutscher Fußballtrainer. Er gewann mit dem VfB Stuttgart in den Jahren 1950 und 1952 die Deutsche Meisterschaft und 1954 und 1958 den DFB-Pokal.

Der Erfolgstrainer des VfB Stuttgart

Georg Wurzer begann seine Spielerkarriere bei Wacker München. Danach wechselte er zum FV 94 Ulm, einem der Vorgängervereine des SSV Ulm 1846, wo er als Spieler und ab 1932 auch als Trainer aktiv war. Als Aktiver bestritt er 20 Auswahlspiele für Württemberg.

Im Sommer 1947 trat Georg Wurzer das Traineramt beim VfB Stuttgart an. Von den Ulmer „Spatzen“, mit denen er den Aufstieg in die Oberliga Süd bewerkstelligt hatte, führte ihn der Weg an den Neckar. Um sein persönliches Credo durchführen zu können, „junges, unverdorbenes, heimatverbundenes Spielermaterial und keine Cracks“ trainieren zu wollen und damit auf Sicht Erfolg zu haben, durchkämmte er die Region nach Spielern, die zur Mannschaft passten. Er holte Robert Schlienz aus Zuffenhausen, Rolf Blessing aus Wendlingen, Erich Retter aus Plüderhausen, Erwin Waldner aus Neckarhausen, Karl Bögelein aus Bamberg, später Rolf Geiger von den Stuttgarter Kickers und noch manch anderen, den er davon überzeugte, dass er ihm eine Heimat bieten konnte – fußballerisch wie menschlich.

Mit Vertragsspielern, die einem Beruf nachgingen, hat er in dreimaligem wöchentlichen Abendtraining eine Mannschaft geformt, die über Jahre hinaus um die Deutsche Meisterschaft mitspielte. Dieses Team begründete in den 1950er Jahren den guten Ruf des VfB Stuttgart und Georg Wurzer wurde durch die vier Titelgewinne zum bisher erfolgreichsten VfB-Trainer. Bemerkenswert war auch seine psychologische und fußball-fachliche Wiederaufbauarbeit an Robert Schlienz nach dessen schwerem Autounfall am 14. August 1948 und nachfolgender Amputation des linken Armes. Schon im Oktober konnte Schlienz sein Comeback feiern und lenkte von nun an das Spiel des VfB aus dem Mittelfeld. In der Tat war Wurzer Seelendoktor und autodidaktischer Wundenpfleger in einem.

Der Sport-Journalist und Romancier Hans Blickensdörfer schreibt in seinem Buch aus dem Stuttgarter Union-Verlag „Ein Ball fliegt um die Welt“, im Abschnitt „Messias und Sündenbock“ aus dem Jahre 1965 folgendes:

„Im allgemeinen besitzt der, auf dessen Visitenkarte eine Deutsche Meisterschaft steht, einen Garantieschein für einen neuen, noch lukrativeren Job. Mit zwei Meisterschaften besitzt er schon ein kleines Goldbergwerk, doch gibt es auch hier Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Georg Wurzer, der den VfB Stuttgart nicht nur zu zwei Deutschen Meisterschaften, sondern außerdem noch zu zwei Pokalsiegen geführt hat, trainiert zu dem Zeitpunkt, in dem dieses Buch hergestellt wird, den schwäbischen Provinzverein SSV Reutlingen, was freilich nicht wenig mit der Tatsache zu tun hat, daß er sich im Zenit seiner Erfolge in Stuttgarts schöner Umgebung ein Haus gebaut hat.“

Dieser in Schwaben sesshaft gewordene Bayer, der im Jahre 1952 den Fußball-Lehrer-Lehrgang erfolgreich absolviert hatte, war ein tatsächlicher Meistertrainer, was sich pekuniär allerdings in den Jahren vor den heutigen Bundesliga-Salären vergleichsweise gering bezahlt machte. Zeit zur Entwicklung seiner bodenständig zusammengestellten Mannschaften wurde dagegen gewährt: er war dreizehn Jahre – von 1947 bis 1960 – Trainer beim VfB Stuttgart.

 

Trainer in der Regionalliga Süd

In der letzten Runde der Oberliga Süd übernahm er dann 1962/63 den SSV Reutlingen. Ab dem Startjahr der Bundesliga (1963/64) war er Trainer in der ebenfalls neu installierten Regionalliga Süd. In der zweiten Saison (1964/65) führte er den Verein durch den zweiten Tabellenplatz hinter dem FC Bayern München in die Aufstiegsrunde zur Bundesliga. Nur einen Punkt hinter den „Fohlen“ von Hennes Weisweiler, dem Team von Borussia Mönchengladbach, belegte der SSV den undankbaren zweiten Platz und scheiterte damit nur denkbar knapp am Aufstieg. Bis zur Saison 1965/66 blieb er in der Stadt am Fuß der Achalm. Dann ging er nach Stuttgart zurück, jetzt aber auf die Höhen von Degerloch: unter dem Fernsehturm warteten die Stuttgarter Kickers auf den alten Meistertrainer des VfB Stuttgart. Von 1966/67 bis 1970/71 − mit einer kurzen Unterbrechung 1969/70 − blieb er bei den Kickers und beendete dann seine Trainer-Laufbahn im bezahlten Fußball.

Georg Wurzer, der (wie sein „Schüler“ Schlienz) einen lebensgefährlichen Verkehrsunfall überstand, starb 75-jährig an Herzversagen.

Erfolge

  • Deutsche Meisterschaft 1950 mit einem 2:1 Sieg gegen Kickers Offenbach am 25. Juni in Berlin

  • Deutsche Meisterschaft 1952 mit einem 3:2 Sieg gegen den 1. FC Saarbrücken am 22. Juni in Ludwigshafen

  • DFB-Pokalsieg 1954 mit einem 1:0 n.V. gegen den 1. FC Köln am 17. April in Ludwigshafen

  • DFB-Pokalsieg 1958 mit einem 4:3 n.V. gegen Fortuna Düsseldorf am 16. November in Kassel

Trainerstationen

  • Gautrainer Sachsen, 1936−39

  • TSG Ulm, 1946

  • VfB Stuttgart, 1947−60

  • FC Zürich, 1960−62

  • SSV Reutlingen, 1962−66

  • Stuttgarter Kickers, 1966−71 (1969/70 einige Monate Gerd Menne)

  • Während der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 beobachtete Wurzer für Sepp Herberger (neben Albert Sing) mögliche Gegner der deutschen Nationalmannschaft


Georg Wurzer (*31.01.07 +08.08.1982)

Während Albert Sing der offizielle Spion Herbergers war, scheint "Schorsch" Wurzer aus Fellbach bei Stuttgart die Geheimwaffe gewesen zu sein. Zwar war er als Meistertrainer des VfB Stuttgart und als noch auffälligerer 1,90-Hüne weder unbekannt noch leicht zu übersehen. Doch im internationalen Fußball musste man ihn nicht kennen. So agierte er so unerkannt, dass er sich kaum in die Chronik der Zeit retten konnte. Erst 1997 berichtete die Journalistenlegende Hans Blickensdörfer von Wurzers geheimen Umtrieben, in denen er während des WM-Turniers die gegnerischen Mannschaften auskundschaftete. So klein war die Schweiz nun doch nicht, und 15 Mannschaften waren für Sing alleine kaum zu schaffen.

Es wäre einfach, Wurzer nur als Spion abzustempeln. Vielleicht war auch er einfach ein Besessener, so wie Herberger. Einer der die Dörfer rund um Stuttgart abklapperte, um Talente zu suchen und zu finden. Und er muss auch eine Seele von Mensch gewesen sein, denn als einer seiner Entdeckungen, dem brillant veranlagten Mittelstürmer Robert Schlienz, 1948 bei einem Autounfall ein Arm zerquetscht wurde und amputiert werden musste, machte Wurzer es zu seiner Mission, Schlienz als Spieler wieder fit zu kriegen, was bedeutete, dass dieser sich auf seine Behinderung einstellen und viele Bewegungsabläufe neu erlernen musste, bei denen ihm der fehlende Arm vorher wichtige Dienste geleistet hatte. Dank monatelangem Sondertraining mit Wurzer schaffte es Schlienz, wechselte auf die weniger zweikampfträchtige Position eines Halbstürmers, wurde der nun noch mehr bewunderte Star seiner Mannschaft und durfte sogar Ende 1954 dreimal das Nationalmannschaftstrikot tragen. Er sollte später so hervorragend agieren, dass die spanische Spielerlegende Di Stefano nach einer Begegnung voll des Lobes für Schlienz als den herausragenden Spieler in den Reihen des Gegners sein sollte.

Wurzer holte mit den Stuttgartern in 13 Jahren zwei Deutsche Meisterschaften und zwei Pokaltitel, betreute zwei Jahre lang den FC Zürich und drei Jahre lang den SSV Reutlingen, überlebte die lebensgefährlichen Verletzungen aus einem Verkehrsunfall und betreute weiterhin Mannschaften bis zum Alter von 67. Er erlag 75jährig einem Herzschlag. Ob er bis dahin noch Spionagetätigkeiten nachgegangen war, ist nicht überliefert.


SEELENDOKTOR UND WUNDENPFLEGER

VON HANS BLICKENSDÖRFER

Dass Georg Wurzer der erfolgreichste aller VfB-Trainer war, wissen auch die, die nicht viel wissen von den großen Tagen der fünfziger Jahre: Zwei Deutsche Meisterschaften, zwei Pokalsiege. Leider blieb alles auf den nationalen Rahmen beschränkt, weil die Europapokale nicht geboren waren.

Wurzer ist in erster Linie für seine Spieler Vaterfigur gewesen, obwohl er mit 44, als der VfB in Ludwigshafen gegen Saarbrücken den zweiten Titel holte, doch ein vergleichsweise junger Mann war. Es sind damals viele ältere Herren im Trainergeschäft gewesen, das freilich im Vergleich zu heute bei weitem weniger erträglich war.

Erster Großverdiener ist hierzulande Max Merkel beim TSV 1860 München mit mehr als 10 000 Mark Monatsgehalt ohne Prämien geworden. Da ist dem Herberger Seppl der Hut hochgegangen, und der Wurzer Schorsch hat mit schwäbischer Akribie errechnet, dass er, angesichts seiner viel stattlicheren Erfolge, eigentlich ein ausgesprochen reicher Mann sein müsste.

Aber erstens waren die Zeiten nicht so, und zweitens war er so ziemlich das Gegenteil von den Maulhelden, die mit wohlwollender Hilfe der Medien im Fernsehen ihre Sprüche klopfen und in den Gazetten ihre Schlagzeilen machen.

Dieser Georg Wurzer hat immer mit schwäbischem Understatement gearbeitet, obwohl er ein gebbürtiger Bayer war. Und eine aus schwäbischer Sparsamkeit geborene Unterbezahlung mag ihn zwar manchmal gejuckt haben, aber sie hat ihn, der auf unerhört sympathische Art von Erfolgsdrang getrieben war, nicht verjagt. 13 Trainerjahre in Cannstatt. Das wird es nie mehr geben.

Er ist Vater der Spieler und Vater des Erfolgs gewesen. Und das eine wäre nicht möglich gewesen ohne das andere. Tempi passati- Man muss es einfach einräumen angesichts von Entwicklungen, die am besten dadurch erkennbar sind, dass für einen aus dem Armenhaus des Fußballs geholten Matthias Sammer der VfB nur das Vorzimmer für den italienischen Salon sein konnte.

Nostalgie hilft nichts, wenn ein Punkt, für den früher kaum eine warme Mahlzeit ausgegeben wurde, 2000 Mark wert ist oder sogar mehr. Und für den Trainer gar das Doppelte. Als ich in einer Glosse schrieb, Wurzer habe den VfB für ein Monatsgehalt von 2000 Mark trainiert, hat mich Frau Wurzer sehr energisch darauf aufmerksam gemacht, dass es sich akkurat um DM 1850 gehandelt habe.

Woraus man sieht, dass sich der treffliche Schatzmeister Waggele Haaga auch um ein paar Mark noch urschwäbische Eiertänze leistete.

Für sein bescheidenes Salär leistete Wurzer ganze Arbeit. Mit dem VW, den ihm die beiden Meisterschaften eingebracht hatte, durchkämmte er die Region nach Spielern, die ihm in seiner Sammlung noch fehlten. Schätze konnte er nicht anbieten, und dennoch fand er einen um den anderen, die in sein Spiel passten. Beispielsweise den Robert Schlienz in Zuffenhausen, den Rolf Blessing in Wendlingen, den Erich Retter in Plüderhausen, den Erwin Waldner in Neckarhausen und noch manch anderen, den er davon überzeugte, dass er ihm eine Heimat bieten konnte. Fußballerisch wie menschlich. Und da war noch etwas, das konform ging mit dem Denken, das man modern nannte: "Wenn du bei uns bist und gut spielst, kannst du dir bald ein Auto leisten. Bei mir kannst du um die Meisterschaft spielen - und bei deinem jetzigen Klub um ein müdes Vesper!"

Es sind alle gekommen, die in Frage kamen. Und der Wurzer Schorsch hat eine Mischung von Assen und Kornplementärspielern geformt, die zur besten wurde, die der Verein je hatte. Damals hat ein Wurzer anders in Speichen gegriffen als andere bei anderen Klubs. Der Mann hat es fertiggebracht, mit einfachen Mitteln ein Team heranreifen zu lassen, das im internationalen Rahmen höchste Ansprüche erfüllt hätte. Bloß, die Zeit war nicht reif. Wurzer hat noch als Pensionär erkennen können, wie schwer es der durch pausenloses Training hochgetrimmte Durchschnittsspieler dem Begabten machen kann.

Mit Vertragsspielern, die einem Beruf nachgingen, hat er in dreimaligem wöchentlichen Abendtraining eine Mannschaft geformt, die über Jahre hinaus mit um den deutschen Meistertitel spielte.

Aber auch Wurzer hatte, was vom Publikum nicht registriert wurde, bereits einen Zwölfstundentag. Dieser Trainer stieg morgens, wenn die Luxuskarossen seiner Nachfahren in den Garagen schliefen wie ihre Herren, in sein kleines Auto, um Spieler zu besuchen, die ärztlicher Pflege körperlicher oder moralischer Art bedurften. In der Tat war er Seelendoktor und autodidaktischer Wundenpfleger in einem. Und was er für Robert Schlienz nach dessen Amputation an Wiederaufbauarbeit leistete, ist ein Kapitel, an dem sie alle kapitulieren würden, die großen Trainer Gurus unserer Zeit, einschließlich ihrer großen Medizinmänner.


   
  
   
   
  
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