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Die Sünder
(Buch 100 Jahre VfB Stuttgart, zu bestellen im VfB Sport-Shop
)
Wie drei VfB-Profis am dunkelsten Kapitel der Bundesliga mitschrieben,
schildert Klaus Schlütter Bis dahin war der
Kronenberg-Prozeß sein größter Fall. In 111 Sitzungstagen war der
Stuttgarter Landgerichtsdirektor Hans Kindermann - er ist inzwischen
pensioniert - im größten Wirtschaftsprozeß der deutschen
Gerichtsgeschichte den gerissenen Millionenbetrügern auf die Schliche
gekommen.
Bis
dahin - bis 1972. Da rückte Hans Kindermann auch in den Blickpunkt der
sportlich interessierten Öffentlichkeit. Als Vorsitzender des
DFB-Kontrollausschusses brachte er Licht in das dunkelste Kapitel des
Bundesliga-Fußballs. Er klärte als »Herr Saubermann« des DFB mit
beispielhaftem Eifer und enormem Zeitaufwand die Bestechungsaffäre auf.
Auf der Anklagebank saßen rund drei Dutzend Profis, darunter drei vom
VfB: die Abwehrspieler Hans Arnold und Hans Eisele sowie Mittelstürmer
Hartmut Weiß. »Wenn ich die Sache rückblickend
betrachte, muss ich sagen: Ich habe reichlich unüberlegt gehandelt. Aber
alles ging ruck-zuck.« So erinnert sich Arnold an seinen damaligen
Kurzschluss. Für ihn sprach, dass er, im Gegensatz zu allen anderen
Beschuldigten, sofort alles zugegeben hat. Sogar Kindermann räumte dem
VfB-Abwehrspieler mildernde Umstände ein: »Endlich mal einer, der trotz
allem noch soviel Sportsgeist hat und versucht, gleich reinen Tisch zu
machen. Das hat mich echt gefreut bei all den Ungereimtheiten, die ich
sonst gehört habe.« Damals, in der Saison 1970/71, war die Bundesliga
noch eine große Attraktion. Die Zuschauer strömten, das Geld saß
lockerer. Die Versuchung, eine schnelle Mark zu machen, war um so
größer.
Zu
jener Zeit zogen ein paar feine Herren mit schwarzen Geldkoffern durch
die Lande in der Absicht, Spieler zu finden, die für ein paar »Braune«
bereit waren, im entscheidenden Moment den Fuß zurückzuziehen oder dem
Ball eine andere Richtung zu geben. So geschah es, dass abstiegsbedrohte
Mannschaften auf wunderbare Weise immer wieder zu Siegen kamen, mit
denen keiner gerechnet hatte. Einer davon war das 1 :
0 von Arminia Bielefeld über den VfB. Was die 20000 Zuschauer, die den
Sieg auf der Alm überschwänglich feierten, nicht wissen konnten: Drei
Stuttgarter waren gekauft. Und das gleich zweimal!
An einer Tankstelle an der Autobahn zwischen Heilbronn und Mannheim
hatte der Bielefelder Spieler und Geldbote Jürgen Neumann 45 000 Mark
übergeben, die unter den drei Komplizen Arnold, Eisele und Weiß
aufgeteilt wurden. Aus einer zweiten Quelle kassierte jeder dieser drei
Spieler noch einmal 3000 Mark. Dieses Geld wurde bis nach dem Spiel in
einem Stuttgarter Postkasten hinterlegt.
Als
der Obsthändler Horst Gregorio Canellas, der bei den Offenbacher Kickers
das Sagen hatte, bei einer Gartenparty die Bombe platzen ließ und den
Skandal aufdeckte, packte Hans Arnold als ersten die Reue: Er legte ein
volles Geständnis ab, wurde vom DFB gesperrt und vom VfB suspendiert.
Tags darauf erklärte der damalige Stuttgarter Präsident Hans Weitpert in
einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz mit aschfahlem Gesicht:
»Die Ereignisse haben uns buchstäblich überrollt. Für uns war es ein
harter Schlag, so dass wir vor der Frage standen, ob wir weitermachen
sollten oder nicht.« Sämtliche VfB-Spieler außer den Sündern
unterschrieben auf Verlangen des Vereins eine Erklärung, in der sie
ehrenwörtlich versicherten, keine Bestechungsgelder angenommen zu haben.
Nach Arnolds Geständnis sagte auch Torjäger Hartmut Weiß, Spitzname:
»Filder-Gento«, aus. Und zwar schriftlich. Kuriosum am Rande: Der DFB
hatte diese Aussage schwarz auf weiß, denn der Anwalt von Weiß hieß
Schwarz. Damit war auch die Profikarriere des langen Torjägers beendet.
Spät, als Amateur, ging Weiß dann wieder bei seinem Stammverein TSV
Bernhausen auf Torjagd. Arnold machte sich im Lauf der folgenden Jahre
beim VfB als Jugendtrainer verdient. Beim Abwehrrecken
Hans Eisele bissen die Gegenspieler auf Granit - Hans Kindermann auch.
Eisele war zu keinem Geständnis zu bewegen. Er entzog sich dem langen
Arm des Chefanklägers durch einen Wechsel zu Alpine Donawitz nach
Österreich. Seit seiner Rückkehr arbeitet Eisele bei einer großen
Automobilfirma und trainiert nebenbei kleinere Klubs im Großraum
Stuttgart. |