Seite [zurück]
Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
  Seite [vor]
     
   
 
  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.       11. Jahrgang

 
 
 


 
    

Der Fallrückzieher gegen die Bayern - ein Eigentor des VfB? (Buch 100 Jahre VfB Stuttgart, zu bestellen im VfB Sport-Shop )

Ein tolles Tor ging um die Welt- und Jürgen Klinsmann hinterher (06/97)

Als er letztmals im Gottlieb-Daimler-Stadion auflief, wehte ihm ein steife Brise aus wütenden Pfiffen entgegen. Umgeworfen hat ihn das schrille Konzert im November 1996 nicht, Klinsmann wusste schon warum. Wer hier das Trikot des FC Bayern München am Leib trägt, gilt am Wasen als Persona non grata, wurst egal, ob er früher mal den roten Brustring quasi auf der Haut tätowiert hatte. Käme er beim nächsten Mal im Dress von Sampdoria Genua, von den Rängen würde donnernder Applaus herniederprasseln auf den Stürmer, den sie halt doch irgendwie immer noch als einen der Ihren betrachten. Ja d'r Jürgen", heißt es dann, und hinter dem Satzfetzen steckt die Erinnerung an all die schönen Geschichten, die sie miteinander erlebt haben. Der Star, der damals noch ein Bub war, und sein Publikum.

Wissen Sie noch?

Die schönste aller Geschichten ist fraglos die von diesem Tor, das auf allen Sportkanälen der Welt gezeigt wurde, seinerzeit im November 1987 gegen - na wen schon- - gegen Bayern München. Als diese weiche Traumflanke von rechts kam, Klinsmann mit dem Rücken zum Tor abhob, während sein Gegenspieler Hans Pflügler erst ein ehrfürchtiges Päuschen einlegte, als wolle er einem historischen Moment seine Referenz erweisen, und dann mit dem linken Arm eine hilflose Abwehrbewegung machte wie einer, der mit dem Spazierstock einen Hornissenschwarm abwehren will, als der Ball vom Spann des rechten Fußes voll getroffen seine Richtung veränderte und wie von einem Physiker berechnet - Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel - millimeterexakt neben der Stelle einschlug, wo sich Pfosten und Latte treffen. Einen Augenblick lang herrschte Stille im Stadion wie im Museum vor einem bedeutenden Kunstwerk, und genau das war es ja auch. Die Sekunde der absoluten Perfektion, in der jedes Detail miteinander harmoniert. Danach brach ein Orkan des Jubels aus, wie ihn das Neckarstadion selten erlebt hatte. Dieser 3:0-Sieg über die Münchner war der glanzvollste für den VfB in mehr als 30 Jahren Bundesliga.

Mit diesem Tor aber, und das wusste damals keiner, hatte Stuttgart Jürgen Klinsmann verloren. Denn von nun an jagten ihn die Spielervermittler, Kaum eine Partie, in der nicht irgendein Beobachter von irgendeinem europäischen Spitzenklub auf der Tribüne saß. Klinsmann wurde Nationalspieler, Bundesliga-Torschützenkönig und Fußballer des Jahres, sein Lachen wurde berühmt, genau wie seine bitteren Tränen, als er mit dem VfB 1989 in den Finals um den UEFA-Cup den Zauberkünsten Maradonas und dem SSC Neapel unterlag. Sein blaues VW-Cabrio, Baujahr 1967, gefiel den jungen Leuten. Seine höflichen Umgangsformen, Ehrlichkeit und Ehrgeiz auf dem Platz den älteren. Jürgen Klinsmann wurde zum Symbol des etwas anderen Profis.

Und der VfB profitierte davon. Sportlich sowieso und auch, was das Image betrifft. Vergeblich versuchte Präsident Mayer-Vorfelder also, den Sympathikus auf dem Weg in die weite Welt abzufangen. Einmal, als ein 6,5-Millionen-Angebot von AS Monaco hereinschneite, mit einem Teilerfolg: Klinsmann blieb, ließ sich im Gegenzug aber eine Ablöse von vergleichsweise bescheidenen zwei Millionen in den Vertrag hineinschreiben. Als '89 Inter Mailand kam, half nichts mehr, Klinsmann ging. "Der Jürgen erzählt dauernd von der neuen Sprache, der neuen Mentalität und dem neuen Land, den kannst du nicht halten", sagte MV hilflos.

Schuld daran waren eigentlich zwei Männer. Einmal der weltoffene niederländische Trainer Arie Haan, der seinen Stürmerstar förmlich weglobte: "Du kannst hier nicht bleiben, du musst draußen in der Welt lernen, du musst dich beweisen." Arie Haan, sagt Klinsmann, habe er von all seinen Trainern am meisten zu verdanken. Der Holländer schickte ihn auf die Reise, die Jürgen zum Kosmopoliten machte. Heute, um ehrlich zu sein, verbindet ihn mit Stuttgart und dem VfB nicht mehr als eine Erinnerung an die unbeschwerteste Zeit seiner Karriere.

Die jugendliche Unbekümmertheit ist längst Vergangenheit. Als der VfB-Torjäger vor Jahren dem überharten Thomas Helmer eine Backpfeife servierte, wurde das als lausbübische Überreaktion abgehakt. Als Klinsmann jedoch ein knappes Jahrzehnt später aus Zorn über eine der unzähligen Auswechslungen bei Bayern München einer Werbetonne am Spielfeldrand einen krachenden Tritt versetzte, setzte man gleich Psychologen auf die Spur vermeintlicher Charakterdefizite. Der Preis dafür, dass er die Grenzen regionaler Verehrung gesprengt und eine Weltkarriere gestartet hat. Wie alle berühmten Persönlichkeiten teilt auch Jürgen Klinsmann inzwischen das Meer der Interessierten in zwei Teile. Die einen halten ihn für den sprachgewandten Vorzeigeprofi mit der tadellosen Einstellung, für die anderen ist er ein eiskalter Engel mit einem Sinn für Selbstdarstellung und einem Händchen für wunderbare Geldvermehrung.

Wer einen Menschen begreifen will, muss dessen Wurzeln betrachten. Und dabei landet man bei der zweiten prägenden Figur im Leben des Fußballers. Als Jürgen Mittelstürmer in der D-Jugend des TB Gingen war, pinselte Bäckermeister Siegfried Klinsmann ("Dein Vater und Turnkamerad") sorgfältig einen Rat ins Rekordbuch des neunjährigen: "Olympisch sein heißt: Ehrlich im Kampf, bescheiden im Sieg, neidlos in jeder Niederlage und sauber in der Gesinnung." Wenn der Bub samstags zum VfB wollte, befahl der Vater aus der Backstube: "Aber erscht, wenn die Blech' putzt send." Etwas schaffen, lautete das oberste Gebot in der Familie, und die Eltern hatten selten Zeit für den talentierten Buben. "Dadurch wurde ich sehr früh zur Selbständigkeit erzogen", sagt Jürgen Klinsmann. "Mein Vater hat immer gesagt: 'Kopf oben behalten und draußen dazulernen; Fehler machen, aber Wissen sammeln'." Mit diesem Rüstzeug zog er von der betulichen Schwäbischen Alb hinab in die Stadt.

Bei den Kickers erlernte Bäckergesell Klinsmann das sportliche Handwerk, aber der VfB ist zweifellos Ausgangspunkt einer glänzenden Laufbahn. Dass der Weg Klinsmann noch einmal dorthin führt, ist eher zweifelhaft. Halt. Natürlich besucht er mit Frau Debbie und Söhnchen Jonathan die Eltern in Botnang, so oft es geht. Wenn dort ein Reporter anruft, kann es passieren, dass er von Klinsmann auf später vertröstet wird: "Ich muss meiner Mutter erst noch einen Sack Mehl in die Backstube tragen."

Und einmal pro Jahr, jeweils kurz vor Weihnachten, trifft er sich mit alten Kumpels in irgendeiner Cannstatter Beize. Mit Guido Buchwald, Rainer Schütterle, Rainer Zietsch oder Karl Allgöwer. Und dann geht es hoch her, wie damals, als Schütterle die Ziehharmonika auspackte und fröhlich drauflos spielte. "Ha, dass der plötzlich Ziehharmonika spielen kann"? wunderte sich einer aus der Runde. Nach einer Viertelstunde legte der Musikant das Instrument wortlos zur Seite; aber die Quetschkommode machte unbeirrt weiter. Rainer Schütterle sorgte schließlich für Aufklärung und zog lässig eine Kassette aus dem Gehäuse. Das sind die Stunden, die der Geschäftsmann Jürgen Klinsmann liebt. Und deshalb ist es keine Übertreibung, dass die Zeit beim VfB für ihn die schönste war. Selbst wenn sie nicht mehr wiederkehrt.

     
   
     
   
     
   
     Unterstützt wird HefleswetzKick von:  
     
 
     
 
 
   
 
 
Aktuelles ........................................... [weiter]   Statistik ...................................... [weiter]
Nachrichten Ergebnisse, Tabellen, ..     Zahlen, Daten Fakten, ...  
Teams ............................................... [weiter]   Stadion ....................................... [weiter]
Fotos, Berichte, Geschichte, ...     Geschichte, Ereignisse, ...  
Personen .......................................... [weiter]   Fanzone ...................................... [weiter]
Datenbanken, Fotos, Geschichten, ...     alles für den VfB Stuttgart Fan  
Chronik ............................................. [weiter]   Download ................................... [weiter]
Zeitgeschichte, Dokumente, ...     für zu Hause  
 
 
  HefleswetzKick | Michael Holzschuh | Weilbachweg 9 | 82541 Münsing | Telefon: 08177-997267 | E-Mail | Internet |
Inhaltlicher Verantwortlicher gemäß § 55 Abs. 2 RStV: Michael Holzschuh (Anschrift wie nebenstehend)