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Der Fallrückzieher gegen die Bayern - ein Eigentor des VfB? (Buch 100 Jahre VfB Stuttgart, zu bestellen im VfB Sport-Shop
)
Ein tolles Tor ging um die Welt- und Jürgen
Klinsmann hinterher (06/97)
Als er letztmals im Gottlieb-Daimler-Stadion auflief,
wehte ihm ein steife Brise aus wütenden Pfiffen entgegen. Umgeworfen hat
ihn das schrille Konzert im November 1996 nicht, Klinsmann wusste schon
warum. Wer hier das Trikot des FC Bayern München am Leib trägt, gilt am
Wasen als Persona non grata, wurst egal, ob er früher mal den roten
Brustring quasi auf der Haut tätowiert hatte. Käme er beim nächsten Mal
im Dress von Sampdoria Genua, von den Rängen würde donnernder Applaus
herniederprasseln auf den Stürmer, den sie halt doch irgendwie immer
noch als einen der Ihren betrachten. Ja d'r Jürgen", heißt es dann, und
hinter dem Satzfetzen steckt die Erinnerung an all die schönen
Geschichten, die sie miteinander erlebt haben. Der Star, der damals noch
ein Bub war, und sein Publikum.
Wissen
Sie noch?
Die schönste aller Geschichten ist fraglos die von
diesem Tor, das auf allen Sportkanälen der Welt gezeigt wurde,
seinerzeit im November 1987 gegen - na wen schon- - gegen Bayern
München. Als diese weiche Traumflanke von rechts kam, Klinsmann mit dem
Rücken zum Tor abhob, während sein Gegenspieler Hans Pflügler erst ein
ehrfürchtiges Päuschen einlegte, als wolle er einem historischen Moment
seine Referenz erweisen, und dann mit dem linken Arm eine hilflose
Abwehrbewegung machte wie einer, der mit dem Spazierstock einen
Hornissenschwarm abwehren will, als der Ball vom Spann des rechten Fußes
voll getroffen seine Richtung veränderte und wie von einem Physiker
berechnet - Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel - millimeterexakt neben
der Stelle einschlug, wo sich Pfosten und Latte treffen. Einen
Augenblick lang herrschte Stille im Stadion wie im Museum vor einem
bedeutenden Kunstwerk, und genau das war es ja auch. Die Sekunde der
absoluten Perfektion, in der jedes Detail miteinander harmoniert. Danach
brach ein Orkan des Jubels aus, wie ihn das Neckarstadion selten erlebt
hatte. Dieser 3:0-Sieg über die Münchner war der glanzvollste für den
VfB in mehr als 30 Jahren Bundesliga.
Mit diesem Tor aber, und das wusste damals keiner,
hatte Stuttgart Jürgen Klinsmann verloren. Denn von nun an jagten ihn
die Spielervermittler, Kaum eine Partie, in der nicht irgendein
Beobachter von irgendeinem europäischen Spitzenklub auf der Tribüne saß.
Klinsmann wurde Nationalspieler, Bundesliga-Torschützenkönig und
Fußballer des Jahres, sein Lachen wurde berühmt, genau wie seine
bitteren Tränen, als er mit dem VfB 1989 in den Finals um den UEFA-Cup
den Zauberkünsten Maradonas und dem SSC Neapel unterlag. Sein blaues
VW-Cabrio, Baujahr 1967, gefiel den jungen Leuten. Seine höflichen
Umgangsformen, Ehrlichkeit und Ehrgeiz auf dem Platz den älteren. Jürgen
Klinsmann wurde zum Symbol des etwas anderen Profis.
Und der VfB profitierte davon. Sportlich sowieso und
auch, was das Image betrifft. Vergeblich versuchte Präsident
Mayer-Vorfelder also, den Sympathikus auf dem Weg in die weite Welt
abzufangen. Einmal, als ein 6,5-Millionen-Angebot von AS Monaco
hereinschneite, mit einem Teilerfolg: Klinsmann blieb, ließ sich im
Gegenzug aber eine Ablöse von vergleichsweise bescheidenen zwei
Millionen in den Vertrag hineinschreiben. Als '89 Inter Mailand kam,
half nichts mehr, Klinsmann ging. "Der Jürgen erzählt dauernd von der
neuen Sprache, der neuen Mentalität und dem neuen Land, den kannst du
nicht halten", sagte MV hilflos.
Schuld daran waren eigentlich zwei Männer. Einmal der
weltoffene niederländische Trainer Arie Haan, der seinen Stürmerstar
förmlich weglobte: "Du kannst hier nicht bleiben, du musst draußen in
der Welt lernen, du musst dich beweisen." Arie Haan, sagt Klinsmann,
habe er von all seinen Trainern am meisten zu verdanken. Der Holländer
schickte ihn auf die Reise, die Jürgen zum Kosmopoliten machte. Heute,
um ehrlich zu sein, verbindet ihn mit Stuttgart und dem VfB nicht mehr
als eine Erinnerung an die unbeschwerteste Zeit seiner Karriere.
Die
jugendliche Unbekümmertheit ist längst Vergangenheit. Als der
VfB-Torjäger vor Jahren dem überharten Thomas Helmer eine Backpfeife
servierte, wurde das als lausbübische Überreaktion abgehakt. Als
Klinsmann jedoch ein knappes Jahrzehnt später aus Zorn über eine der
unzähligen Auswechslungen bei Bayern München einer Werbetonne am
Spielfeldrand einen krachenden Tritt versetzte, setzte man gleich
Psychologen auf die Spur vermeintlicher Charakterdefizite. Der Preis
dafür, dass er die Grenzen regionaler Verehrung gesprengt und eine
Weltkarriere gestartet hat. Wie alle berühmten Persönlichkeiten teilt
auch Jürgen Klinsmann inzwischen das Meer der Interessierten in zwei
Teile. Die einen halten ihn für den sprachgewandten Vorzeigeprofi mit
der tadellosen Einstellung, für die anderen ist er ein eiskalter Engel
mit einem Sinn für Selbstdarstellung und einem Händchen für wunderbare
Geldvermehrung.
Wer einen Menschen begreifen will, muss dessen
Wurzeln betrachten. Und dabei landet man bei der zweiten prägenden Figur
im Leben des Fußballers. Als Jürgen Mittelstürmer in der D-Jugend des TB
Gingen war, pinselte Bäckermeister Siegfried Klinsmann ("Dein Vater und
Turnkamerad") sorgfältig einen Rat ins Rekordbuch des neunjährigen:
"Olympisch sein heißt: Ehrlich im Kampf, bescheiden im Sieg, neidlos in
jeder Niederlage und sauber in der Gesinnung." Wenn der Bub samstags zum
VfB wollte, befahl der Vater aus der Backstube: "Aber erscht, wenn die
Blech' putzt send." Etwas schaffen, lautete das oberste Gebot in der
Familie, und die Eltern hatten selten Zeit für den talentierten Buben.
"Dadurch wurde ich sehr früh zur Selbständigkeit erzogen", sagt Jürgen
Klinsmann. "Mein Vater hat immer gesagt: 'Kopf oben behalten und draußen
dazulernen; Fehler machen, aber Wissen sammeln'." Mit diesem Rüstzeug
zog er von der betulichen Schwäbischen Alb hinab in die Stadt.
Bei den Kickers erlernte Bäckergesell Klinsmann das
sportliche Handwerk, aber der VfB ist zweifellos Ausgangspunkt einer
glänzenden Laufbahn. Dass der Weg Klinsmann noch einmal dorthin führt,
ist eher zweifelhaft. Halt. Natürlich besucht er mit Frau Debbie und
Söhnchen Jonathan die Eltern in Botnang, so oft es geht. Wenn dort ein
Reporter anruft, kann es passieren, dass er von Klinsmann auf später
vertröstet wird: "Ich muss meiner Mutter erst noch einen Sack Mehl in
die Backstube tragen."
Und einmal pro Jahr, jeweils kurz vor Weihnachten,
trifft er sich mit alten Kumpels in irgendeiner Cannstatter Beize. Mit
Guido Buchwald, Rainer Schütterle, Rainer Zietsch oder Karl Allgöwer.
Und dann geht es hoch her, wie damals, als Schütterle die Ziehharmonika
auspackte und fröhlich drauflos spielte. "Ha, dass der plötzlich
Ziehharmonika spielen kann"? wunderte sich einer aus der Runde. Nach
einer Viertelstunde legte der Musikant das Instrument wortlos zur Seite;
aber die Quetschkommode machte unbeirrt weiter. Rainer Schütterle sorgte
schließlich für Aufklärung und zog lässig eine Kassette aus dem Gehäuse.
Das sind die Stunden, die der Geschäftsmann Jürgen Klinsmann liebt. Und
deshalb ist es keine Übertreibung, dass die Zeit beim VfB für ihn die
schönste war. Selbst wenn sie nicht mehr wiederkehrt.
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