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Die Quadratur der Maultasch (Buch 100 Jahre VfB Stuttgart, zu bestellen im VfB Sport-Shop
)
Von Wolle Kriwanek (06/97)
Könnten Sie sich das vorstellen?:" Von mir kam ein
spontanes, aufrichtiges ja". Die Zweifel kamen später.
Herr
Schäfer, Geschäftsführer des VfB, hatte mich bei einer Veranstaltung auf
die Seite gebeten. "Was wir brauchen ist eine offizielle Vereinshymne."
Da war kein Wasenschlager auf Bierzeltniveau angesagt, auch kein hipper
Trend, der morgen nur noch ein trauriges Gähnen hervorruft. Eine
richtige Hymne sollte es sein, die nach Möglichkeit den Verein über
mehrere Jahre hinweg begleiten sollte. Eine absolute Bedingung stellte
Herr Schäfer in den Raum: "Das Lied muss nach Siegen wie nach
Niederlagen funktionieren." Es sollte anfeuern und abfeiern und sowohl
"vom Block A, der Haupttribüne und der Gegengeraden" akzeptiert und
mitgesungen werden können. Das war sie also, die Quadratur der
Maultasche. Das Lied für alle Gelegenheiten und jedermann. Kriwanek, das
kann einfach nicht gut gehen. Lass die Finger weg!
An diesem Punkt des Zweifelns ging plötzlich der
VfB-Fan mit mir durch und ließ den Musiker einfach stehen. Warum einen
X-beliebigen an diese Arbeit ranlassen, der eine VfB-Hymne mit der
gleichen Emotion schreibt wie ein Werbeliedchen für einen neuen
Apfelsaft von garantiert schwäbischen Streuobstwiesen- Ich leide und ich
freue mich mit dem VfB, warum soll ich nicht mit ihm singen- Ich nahm
die Herausforderung an.
Verwegene Konzeptionen wurden ausgebrütet. Könnte man
einen international bekannten Star gewinnen, diese Hymne zu singen,
notfalls auch in Englisch- Namen wie Rod Stewart oder Eltonjohn schossen
mir durch den Kopf, das sind ja heiße Fußballfans. "Think big" heißt es
nicht nur in der Künstlerszene, "denke Großes", abspecken muss man von
selbst. Telefondrähte nach Hamburg, London und die USA liefen heiß,
Musikverlage, Künstlermanagements, Musiker wurden kontaktet, die
verrücktesten Möglichkeiten abgecheckt.
Die Realität war für einen VfB-Fan niederschmetternd,
ehrverletzend. "VfB - who-" Deutschland Fußball - Bayern München, yes!
Im weitgespannten Netz blieben zwei erstklassige Sänger und Sängerinnen
hängen, aber leider noch Nobodys. Aus der Traum von der gigantischen
Vorstellung eines ausverkauften Stadions, europaweites Medieninteresse
und - sagen wir mal Rod Stewart stellt die neue offizielle VfB-Hymne
vor. Der VfB wäre auf diesem Spielfeld ewiger Tabellenführer geworden,
quasi jor ever number one".
"Das singen ganz einfach Sie." Bei Herrn Schäfer gab
es da nicht die Bedenken wie bei mir, sollte ich mich doch aus sicherem
schwäbischen Terrain hinaus auf sprachlich hochdeutsche Gefilde begeben,
es gibt ja nicht nur schwäbische Fans.
Was schreibt man zuerst, den Text oder die Musik- Die
Aufteilung der Hymne war mir bald klar, Anfeuerung in der Strophe,
hymnische Melodie im Refrain für große Gefühle.
Ein Schwabe kennt von einem Lied eh nur den ersten Vers, sagt man, also
musste der Text überschaubar bleiben. Aber wie feuert man einen Schwaben
an- Am besten verzichtet man auf einen Versuch, so ein beliebtes
Vorurteil bei Nichtschwaben. Der VfB Stuttgart und seine Fans mögen es
mir verzeihen, aber immer wieder hatte ich das Bild einer "chaingang"
vor mir, musikalisch natürlich.
Aneinandergekettet mussten die Sträflinge oder
Sklaven im gleichen Rhythmus marschieren und arbeiten. Ein Vorsänger gab
mit einer Textzeile Rhythmus und Tempo vor, die Gang antwortete mit
Gesang und rhythmischer Arbeit. Ähnliche Lieder gab es auch auf alten
Weltumseglern, wenn mehrere Matrosen gemeinsam Segel setzten, oder
Ankertaue einholten. Aus Filmen kennt man diese Art von Songs auch von
US-Soldaten beim Marschieren. Was bleibt einem echten VfB-Fan auf die
Frage: "Wer spielt für uns in Rot und Weiß-" - als ein überzeugtes,
knappes "VfB, VfB!" "Wer macht den wilden Süden heiß-" "VfB, VfB!" Die
Treue zu einem Verein sollte Bestand haben, unabhängig von Erfolg oder
Misserfolg. Der schwäbische Bruddler ist leider ein reales Phänomen, der
Minderwertigkeitskomplex sitzt tief, ganz tief Erst durch Vertrauen
komme ich an Jen Schwaben" ran. Was vermittelt in Bad Cannstatt mehr
Vertrauen als die Beständigkeit des ewig fließenden Neckars gleich
hinter dem Stadion- "Der Neckar der wird weiter fließen. Du wirst weiter
Tore schießen, VfB." Im musikalischen Arrangement wird das durch einen
klassischen Baßlauf in bewährter Hymnenmanier unterstrichen.
Aber dem Komponisten einer Vereinshymne geht es
ähnlich wie dem Bundestrainer. jeder hat eine andere Vorstellung und die
meisten wissen es besser, so wie der VfB-Fan, der mich in der
Stadiontoilette angemacht hat. Die 60er-Hymne, die sei klasse. Humba
täterä! In diesem Falle hätte sich der Verein einen anderen suchen
müssen, ich will auf jeden Fall mein Gesicht wahren, bei aller Liebe zum
VfB. Ich hoffe weiter mit dem Sportreporter aus dem Autoradio, der mir
auf dem Weg zu einem Auftritt den Titel für die Hymne eingegeben hat:
STUTTGART KOMMT, über links..."
Zum Tod von Wolle Kriwanek 1949 - 2003
Die Erfindung der
schwäbischen Rockmusik
"Man darf's mir anhören, dass ich aus
Stuttgart-Stammheim komme!" Mit diesem Bekenntnis erfand Wolle Kriwanek
den "Schwabenrock". Rock- und Bluesmusik mit schwäbischen Texten wurde
zu seinem Markenzeichen. Am Ostersonntag ist Wolle Kriwanek überraschend
gestorben. Er wurde nur 53 Jahre alt.
Die Nachricht kam aus heiterem Himmel: Am
sonnigen Ostermontag teilte Wolle Kriwaneks Familie mit, dass der
Musiker an einem Herzleiden verstorben sei. Vermutlich war der
plötzliche Bruch eines seit der Geburt zu schwachen Herz-Gefäßes die
Ursache. Niemand hatte mit diesem Tod gerechnet. Wolle Kriwanek hatte
erst vor wenigen Monaten die Hymne für die Stuttgarter Olympia-Bewerbung
geschrieben und stand beim SWR1-Olympiafest noch eine Woche vor Ostern
auf der Bühne. Ende Mai sollte er beim großen SWR1-Open Air auf dem
Stuttgarter Schlossplatz auftreten.
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Kriwanek beim Presseball in der Stuttgarter Liederhalle 2002 |
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Schwäbisch-witzige Sprachspiele statt
Schwaben-Klischees
Wolle Kriwanek ist für viele Schwaben zur
Identifikationsfigur geworden, seit der 26-Jährige 1975 mit dem
"Badwanna-Blues" von sich reden machte: Mit dem Lied über den Samstag
als schwäbischen Badetag gewann er den Preis als bester Liedermacher
Baden-Württembergs beim damaligen SDR. Hits wie "Straßaboh
(Straßenbahn)", "Reggi Di uff", "UFO" oder "I fahr Daimler" machten ihn
in den 80er Jahren überregional bekannt.
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"Wolle" mit dem Lockenkopf, 1986 |
Das Besondere an den Liedern des schwäbischen Rockstars ist der
Sprachwitz, mit dem er schwäbische Mundart und englische
Rockmusik-Versatzstücke miteinander zu verbinden wusste. "Es war mir
eben aufgefallen, dass es eine ganze Menge schwäbische Wörter gibt, die,
wenn man sie schwäbisch ausspricht, trotzdem auch auf englisch eine
Bedeutung haben: I feel me so wohl, vom Kopf bis 'nunder zur soul..."
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Wolle Kriwanek auf der Bühne (Quelle: www.wollekriwanekband.de) |
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Wolle Kriwaneks Musikliebe war "heimatverbunden", ohne Volksmusik zu
sein. Bei den Pfadfindern in Stuttgart-Stammheim lernte er Gitarre
spielen. Den "Blues des Kleinen Mannes" merkte man seinen Liedern auch
später noch an, als Mahalia Jackson und Louis Armstrong seine Helden
wurden. Dann tauchte Ende der 60er Jahre die Frage auf, warum die Texte
dazu eigentlich unbedingt auf Englisch gesungen werden mussten.
Ein Märchen: Deutsche Popmusik gibt es nicht
"Damals ging die Mär durchs Land, auf Deutsch kann man keine Popmusik
machen, die deutsche Sprache sei zu gestelzt. Und da ist mir quasi
beiläufig bewusst geworden, dass meine ganzen emotionalen Vorbilder
eigentlich mehr oder weniger im Dialekt singen. Denen hört man's an, wo
sie herkommen. Das war für mich so die Idee, 1967 zu sagen: dann darf
man mir's anhören, dass ich aus Stuttgart-Stammheim komme - also: ich
sing schwäbisch."
Das Ergebnis: Kriwaneks Straßenbahn-Song über "den Fünfer, der mich heim
bringt", ist deutsche Popgeschichte geworden. Kriwanek war unter den
ersten, die Rockmusik mit Texten im Dialekt machten. Doch irgendwann
gegen Mitte der 80er Jahre ebbte die Mundart-Rock-Welle ab, und Kriwanek
musste sich überlegen, ob er nicht lieber in seinen gelernten Beruf
zurückkehren wollte. Er tat's und ging 1986 als Lehrer an die
Bodenwald-Sonderschule für Erziehungshilfe in Winnenden.
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Diskographie
Lets fetz (1981)
Kriwanek & Vincent (1982)
Außer Betrieb (1983)
Schwabenrock (1984)
So und nicht anders (1988)
Hot Wollé (1992)
Bescht of... live (1993)
Gute Unterhaltung (1995)
Zucker & Salz (2002)
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Ein ungewöhnlicher Lehrer
Als Sonderschullehrer engagierte er sich
ebenso leidenschaftlich wie als Musiker. Und nach wie vor tourte er mit
der Wolle-Kriwanek-Band durch die Lande. Ein Besonderheit: Die Besetzung
blieb 23 Jahre lang unverändert, getragen von der Freundschaft zwischen
dem bekannten Studiomusiker Paul Vincent und Wolle Kriwanek. Darüber
hinaus machte sich Kriwanek auch für die Förderung junger Talente stark.
Als Anerkennung wurde der Musiker, Texter und Komponist 1996 zum
Vorsitzenden der Rockstiftung Baden-Württemberg berufen.
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Ute Weber / Sophie von Glinski |
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