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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.       11. Jahrgang

 
 
 


 
    

Die Quadratur der Maultasch (Buch 100 Jahre VfB Stuttgart, zu bestellen im VfB Sport-Shop )

Von Wolle Kriwanek  (06/97)

Könnten Sie sich das vorstellen?:" Von mir kam ein spontanes, aufrichtiges ja". Die Zweifel kamen später.

Herr Schäfer, Geschäftsführer des VfB, hatte mich bei einer Veranstaltung auf die Seite gebeten. "Was wir brauchen ist eine offizielle Vereinshymne." Da war kein Wasenschlager auf Bierzeltniveau angesagt, auch kein hipper Trend, der morgen nur noch ein trauriges Gähnen hervorruft. Eine richtige Hymne sollte es sein, die nach Möglichkeit den Verein über mehrere Jahre hinweg begleiten sollte. Eine absolute Bedingung stellte Herr Schäfer in den Raum: "Das Lied muss nach Siegen wie nach Niederlagen funktionieren." Es sollte anfeuern und abfeiern und sowohl "vom Block A, der Haupttribüne und der Gegengeraden" akzeptiert und mitgesungen werden können. Das war sie also, die Quadratur der Maultasche. Das Lied für alle Gelegenheiten und jedermann. Kriwanek, das kann einfach nicht gut gehen. Lass die Finger weg!

An diesem Punkt des Zweifelns ging plötzlich der VfB-Fan mit mir durch und ließ den Musiker einfach stehen. Warum einen X-beliebigen an diese Arbeit ranlassen, der eine VfB-Hymne mit der gleichen Emotion schreibt wie ein Werbeliedchen für einen neuen Apfelsaft von garantiert schwäbischen Streuobstwiesen- Ich leide und ich freue mich mit dem VfB, warum soll ich nicht mit ihm singen- Ich nahm die Herausforderung an.

Verwegene Konzeptionen wurden ausgebrütet. Könnte man einen international bekannten Star gewinnen, diese Hymne zu singen, notfalls auch in Englisch- Namen wie Rod Stewart oder Eltonjohn schossen mir durch den Kopf, das sind ja heiße Fußballfans. "Think big" heißt es nicht nur in der Künstlerszene, "denke Großes", abspecken muss man von selbst. Telefondrähte nach Hamburg, London und die USA liefen heiß, Musikverlage, Künstlermanagements, Musiker wurden kontaktet, die verrücktesten Möglichkeiten abgecheckt.

Die Realität war für einen VfB-Fan niederschmetternd, ehrverletzend. "VfB - who-" Deutschland Fußball - Bayern München, yes! Im weitgespannten Netz blieben zwei erstklassige Sänger und Sängerinnen hängen, aber leider noch Nobodys. Aus der Traum von der gigantischen Vorstellung eines ausverkauften Stadions, europaweites Medieninteresse und - sagen wir mal Rod Stewart stellt die neue offizielle VfB-Hymne vor. Der VfB wäre auf diesem Spielfeld ewiger Tabellenführer geworden, quasi jor ever number one".

"Das singen ganz einfach Sie." Bei Herrn Schäfer gab es da nicht die Bedenken wie bei mir, sollte ich mich doch aus sicherem schwäbischen Terrain hinaus auf sprachlich hochdeutsche Gefilde begeben, es gibt ja nicht nur schwäbische Fans.

Was schreibt man zuerst, den Text oder die Musik- Die Aufteilung der Hymne war mir bald klar, Anfeuerung in der Strophe, hymnische Melodie im Refrain für große Gefühle. Ein Schwabe kennt von einem Lied eh nur den ersten Vers, sagt man, also musste der Text überschaubar bleiben. Aber wie feuert man einen Schwaben an- Am besten verzichtet man auf einen Versuch, so ein beliebtes Vorurteil bei Nichtschwaben. Der VfB Stuttgart und seine Fans mögen es mir verzeihen, aber immer wieder hatte ich das Bild einer "chaingang" vor mir, musikalisch natürlich.

Aneinandergekettet mussten die Sträflinge oder Sklaven im gleichen Rhythmus marschieren und arbeiten. Ein Vorsänger gab mit einer Textzeile Rhythmus und Tempo vor, die Gang antwortete mit Gesang und rhythmischer Arbeit. Ähnliche Lieder gab es auch auf alten Weltumseglern, wenn mehrere Matrosen gemeinsam Segel setzten, oder Ankertaue einholten. Aus Filmen kennt man diese Art von Songs auch von US-Soldaten beim Marschieren. Was bleibt einem echten VfB-Fan auf die Frage: "Wer spielt für uns in Rot und Weiß-" - als ein überzeugtes, knappes "VfB, VfB!" "Wer macht den wilden Süden heiß-" "VfB, VfB!" Die Treue zu einem Verein sollte Bestand haben, unabhängig von Erfolg oder Misserfolg. Der schwäbische Bruddler ist leider ein reales Phänomen, der Minderwertigkeitskomplex sitzt tief, ganz tief Erst durch Vertrauen komme ich an Jen Schwaben" ran. Was vermittelt in Bad Cannstatt mehr Vertrauen als die Beständigkeit des ewig fließenden Neckars gleich hinter dem Stadion- "Der Neckar der wird weiter fließen. Du wirst weiter Tore schießen, VfB." Im musikalischen Arrangement wird das durch einen klassischen Baßlauf in bewährter Hymnenmanier unterstrichen.

Aber dem Komponisten einer Vereinshymne geht es ähnlich wie dem Bundestrainer. jeder hat eine andere Vorstellung und die meisten wissen es besser, so wie der VfB-Fan, der mich in der Stadiontoilette angemacht hat. Die 60er-Hymne, die sei klasse. Humba täterä! In diesem Falle hätte sich der Verein einen anderen suchen müssen, ich will auf jeden Fall mein Gesicht wahren, bei aller Liebe zum VfB. Ich hoffe weiter mit dem Sportreporter aus dem Autoradio, der mir auf dem Weg zu einem Auftritt den Titel für die Hymne eingegeben hat: STUTTGART KOMMT, über links..."


Zum Tod von Wolle Kriwanek 1949 - 2003

Die Erfindung der schwäbischen Rockmusik

Wolle Kriwanek (Quelle: www.wollekriwanekband.de) "Man darf's mir anhören, dass ich aus Stuttgart-Stammheim komme!" Mit diesem Bekenntnis erfand Wolle Kriwanek den "Schwabenrock". Rock- und Bluesmusik mit schwäbischen Texten wurde zu seinem Markenzeichen. Am Ostersonntag ist Wolle Kriwanek überraschend gestorben. Er wurde nur 53 Jahre alt.

Die Nachricht kam aus heiterem Himmel: Am sonnigen Ostermontag teilte Wolle Kriwaneks Familie mit, dass der Musiker an einem Herzleiden verstorben sei. Vermutlich war der plötzliche Bruch eines seit der Geburt zu schwachen Herz-Gefäßes die Ursache. Niemand hatte mit diesem Tod gerechnet. Wolle Kriwanek hatte erst vor wenigen Monaten die Hymne für die Stuttgarter Olympia-Bewerbung geschrieben und stand beim SWR1-Olympiafest noch eine Woche vor Ostern auf der Bühne. Ende Mai sollte er beim großen SWR1-Open Air auf dem Stuttgarter Schlossplatz auftreten.


Wolle Kriwanek bei einem Auftritt im Jahr 2002 (Quelle: dpa)


Kriwanek beim Presseball in der Stuttgarter Liederhalle 2002


Schwäbisch-witzige Sprachspiele statt Schwaben-Klischees

Wolle Kriwanek ist für viele Schwaben zur Identifikationsfigur geworden, seit der 26-Jährige 1975 mit dem "Badwanna-Blues" von sich reden machte: Mit dem Lied über den Samstag als schwäbischen Badetag gewann er den Preis als bester Liedermacher Baden-Württembergs beim damaligen SDR. Hits wie "Straßaboh (Straßenbahn)", "Reggi Di uff", "UFO" oder "I fahr Daimler" machten ihn in den 80er Jahren überregional bekannt.


Wolle Kriwanek (Archivbild von 1996; Quelle: dpa)


"Wolle" mit dem Lockenkopf, 1986

Das Besondere an den Liedern des schwäbischen Rockstars ist der Sprachwitz, mit dem er schwäbische Mundart und englische Rockmusik-Versatzstücke miteinander zu verbinden wusste. "Es war mir eben aufgefallen, dass es eine ganze Menge schwäbische Wörter gibt, die, wenn man sie schwäbisch ausspricht, trotzdem auch auf englisch eine Bedeutung haben: I feel me so wohl, vom Kopf bis 'nunder zur soul..."

Wolle Kriwanek auf der Bühne (Quelle: www.wollekriwanekband.de)


Wolle Kriwanek auf der Bühne (Quelle: www.wollekriwanekband.de)


Wolle Kriwaneks Musikliebe war "heimatverbunden", ohne Volksmusik zu sein. Bei den Pfadfindern in Stuttgart-Stammheim lernte er Gitarre spielen. Den "Blues des Kleinen Mannes" merkte man seinen Liedern auch später noch an, als Mahalia Jackson und Louis Armstrong seine Helden wurden. Dann tauchte Ende der 60er Jahre die Frage auf, warum die Texte dazu eigentlich unbedingt auf Englisch gesungen werden mussten.

Ein Märchen: Deutsche Popmusik gibt es nicht

"Damals ging die Mär durchs Land, auf Deutsch kann man keine Popmusik machen, die deutsche Sprache sei zu gestelzt. Und da ist mir quasi beiläufig bewusst geworden, dass meine ganzen emotionalen Vorbilder eigentlich mehr oder weniger im Dialekt singen. Denen hört man's an, wo sie herkommen. Das war für mich so die Idee, 1967 zu sagen: dann darf man mir's anhören, dass ich aus Stuttgart-Stammheim komme - also: ich sing schwäbisch."

Das Ergebnis: Kriwaneks Straßenbahn-Song über "den Fünfer, der mich heim bringt", ist deutsche Popgeschichte geworden. Kriwanek war unter den ersten, die Rockmusik mit Texten im Dialekt machten. Doch irgendwann gegen Mitte der 80er Jahre ebbte die Mundart-Rock-Welle ab, und Kriwanek musste sich überlegen, ob er nicht lieber in seinen gelernten Beruf zurückkehren wollte. Er tat's und ging 1986 als Lehrer an die Bodenwald-Sonderschule für Erziehungshilfe in Winnenden.


Diskographie

Lets fetz (1981)
Kriwanek & Vincent (1982)
Außer Betrieb (1983)
Schwabenrock (1984)
So und nicht anders (1988)
Hot Wollé (1992)
Bescht of... live (1993)
Gute Unterhaltung (1995)
Zucker & Salz (2002) 
 


 

Ein ungewöhnlicher Lehrer

Als Sonderschullehrer engagierte er sich ebenso leidenschaftlich wie als Musiker. Und nach wie vor tourte er mit der Wolle-Kriwanek-Band durch die Lande. Ein Besonderheit: Die Besetzung blieb 23 Jahre lang unverändert, getragen von der Freundschaft zwischen dem bekannten Studiomusiker Paul Vincent und Wolle Kriwanek. Darüber hinaus machte sich Kriwanek auch für die Förderung junger Talente stark. Als Anerkennung wurde der Musiker, Texter und Komponist 1996 zum Vorsitzenden der Rockstiftung Baden-Württemberg berufen.


Ute Weber / Sophie von Glinski

     
   
     
   
     
   
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