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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.       11. Jahrgang

 
 
 


 
    

„Jung, unverdorben und heimatverbunden" (aus Stadion Aktuell)
Der gute Ruf des VfB Stuttgart wurde in den 50er Jahren geschaffen

Zu den erfolgreichsten deutschen Fußball-Vereinen der 50er Jahre gehörte fraglos der VfB Stuttgart. Zwar erreichten Borussia Dortmund und der 1. FC Kaiserslautern sechsmal die Endspielteilnahme in Meisterschaft und Pokal, wurden die Westfalen sogar dreimal Deutscher Meister, doch die Rot-Weissen aus Bad Cannstatt am rechtsseitigen Neckarufer erwarben sogar vier Titel: 1950 und 1952 die Deutsche Meisterschaft, 1954 und 1958 die Deutsche Pokal-Meisterschaft, zudem 1953 die Deutsche Vizemeisterschaft sowie drei Südtitel.
Ein derartiger Titelhamsterer ist die Elf mit dem roten Brustring, den erst die Jugend trug und ab 1926 dann alle Mannschaften, nie wieder gewesen.

VfB Stuttgart und (Ex-)Neckarstadion sind bis heute der Nabel schwäbischer Fußballwelt. Steht dort ein großes Spiel an, dann lassen sie Kehrwoche Kehrwoche sein, dann kommen sie von der rauen Alb oder aus dem Hohenlohischen, brechen sie auf in den Blechkarossen im Remstal und drüben im Schwarzwald, fahren in langer Schlange die B 10 hinauf im Neckartal.
Als Rest-Deutschland 1945 noch in Trümmern lag, waren sie beim VfB zügig daran gegangen, ein Team der Zukunft zu bauen. Der Zahnarzt Ernst Schnaitmann, selbst noch Oberliga-Schlussmann, und Eberhard Haaga suchten und wurden fündig. Der sprachgewandte Studienrat Dr. Fritz Walter (19001981) fungierte als Vereinspräsident derweil vor allem als Repräsentant und aufgrund seiner Sprachkenntnisse als Verbindungsmann zur US-amerikanischen Besatzungsmacht. „Wir waren '45 fast täglich im PX-Laden der US-Armee und haben ein, zwei Krüge Starkbier getrunken - nicht des Alkohols wegen, sondern wegen des Kaloriengehalts", erinnert sich Verteidiger Richard Steimle, von 1950 bis 1954 in allen vier Stuttgarter Endspielen dabei. Auch der Vereinswirt Otto Herz, genannt „Herza-Bäck", im Ecklokal auf Cannstatter Seite am Ende der König-Karls-Brücke, verstand sich gut mit den „Amis" und flitterte ebenso wie Schwarzschlachter, Lebensmittelhändler und das sympathisierende Landvolk die RotWeissen durch. Sicherlich mussten auch die Nürnberger nicht am Hungertuch nagen, aber in der ersten Südmeisterschaft 1945-46 dem VfB den Vortritt lassen, den damals Fritz Teufel betreute, der aus dem Leichtathletiklager kam.
Die Runde 49-50 beendete Stuttgart als Vize hinter der Sensations-Mannschaft Fürth, um zielstrebig Titel und „Salatschüssel" anzusteuern. Man ahnte Gutes, bevor man Osnabrück in Gelsenkirchen 2:1 besiegte: Barufka fand beim Training einen Pfennig, und als ein Mann mit Zylinder vorbeiging, hob Trainer Wurzer das rechte Bein - das soll Glück bringen. Kaiserslautern war nächster Gegner in Nürnberg, die Frage nach dem Trainingslager stellte sich nicht: Samstagabend saß man mit Coach Wurzer und lokaler Prominenz im Klublokal und schlief anschließend zuhause, während Tausende Anhänger schon in den Nachtzügen unterwegs waren.

5:2 gewann der VfB gegen die „Walter-Elf', Tore: Schlienz, Bühler, Läpple, Blessing, Baitinger. 60.000 strömten zum Halbfinale von Frankfurt zusammen, wo die Stuttgarter den Südmeister Fürth mit 4:1 distanzierten. Mit dabei waren 50 Kollegen von AEG-Monteur und „VfB-Sonnyboy" Walter Bühler, denen die Firma die Bahnfahrt spendiert hatte.

Im Amt für öffentliche Ordnung in Stuttgart machten sie nun Überstunden: Interzonenpässe für die Reise zum Endspiel nach Berlin waren innerhalb von drei Tagen erhältlich. Die Sonderzüge fuhren um 16 Uhr ab, Ankunft in der zerstörten ehemaligen Hauptstadt um 7 Uhr früh. Das durch Bomben schwer beschädigte Olympiastadion, in dem im 2. Weltkrieg die Rüstungsindustrie produziert hatte, bot als„ Deutschlands größtes Stadion" nunmehr 95.051 Plätze - 10.000 Karten gingen an DDR-Bürger zum Wechsel-Kurs von 2:1 anstelle der üblichen Quote von 7:1.

Ein 2:1 brachte auch der Verein für Bewegungsspiele aus Stuttgart gegen Offenbach mit einer Elf zustande, die fast ausschließlich aus Schwaben bestand: Tormann Schmid („Gummi-Schmid"), ein Eigengewächs; Verteidiger Retter aus Plüderhausen und Steimle vom VfR Gaisburg bzw. Stuttgarter Sport-Club; Otterbach, aus Hedelfingen über die Kickers gekommen, als Läufer; im Sturm Läpple vom Vorortklub TSV Münster, Schlienz vom FV Zuffenhausen, Bühler aus Winterbach, Baitinger aus Feuerbach, der junge Blessing aus Wendlingen. „Rei'g'schmeckte" waren lediglich der Bayer Ledl als Stopper, der bei einem Freundschaftsspiel in Ingolstadt zarte Bande zur Schwester von Erich Retter entwickelte und später mit dem Nationalspieler verschwägert war, und der Ex-Schalker „Kalli" Barufka. Ein Kriegskamerad hatte den mit an den Neckar und zum VfB gebracht, ehe er infolge der Freundschaft zu einem anderen Ex-Landser bei einem Pforzheimer Busunternehmen und dem dortigen 1.FCP unterkam, bis er schließlich mit der Frau des Kumpels nach Stuttgart zurückkehrte.

Unter der Schlagzeile „Ihre Saat ist aufgegangen" präsentierte die Sportpresse Präsident Dr.Walter, Trainer Wurzer und Spielausschuss-Obmann „Waggele" Haaga, doch eigentlich hätte auch „Erne" Schnaitmann mit auf dieses Bild gemusst, denn er holte viele Talente, 1945 auch Robert Schlienz, jahrelang Seele der Mannschaft, auch nach seinem schweren Unfall.
Richard Steimle, der einzige VfBler, der alle vier Deutschen Meisterschaften an verantwortlicher Stelle mitmachte (1950 und 52 als Spieler, 1984 als Spielerbetreuer, 1992 als Präsidiumsmitglied): „Wir hatten gute, junge Spieler und eine ganz ausgezeichnete Kameradschaft. Wir haben in diesen 50er Jahren den Ruf des VfB geschaffen."

Tatsächlich besaß der VfB etliche überdurchschnittliche Akteure. Da war Erich Retter, „Stuttgarts beliebtester back" (= Verteidiger), ungeheuer ehrgeizig und trainingsfleißig. Seinen Stammplatz für die WM 54 hatte er sicher, ehe eine Verletzung die Teilnahme verhinderte,. ihn Laband bzw. Posipal ersetzten. Verteidiger Steimle galt mit seinen 1,84 Meter Größe als Souverän im Kopfball, „nahkampfsicher und zuverlässig." „Als Verteidiger sind wir ja kaum über die Mittellinie 'rübergekommen", erklärt er seine damalige Position, „denn wir mussten nur wenig für den Angriff tun. Auch die Stürmer kamen damals nicht zurück zum eigenen Strafraum."

Schlienz war der Kopf der Mannschaft, und auch Barufka, der Nationalspieler, enorm wichtig: Dass er infolge einer Knieverletzung im 53er-Endspiel nicht auf Fritz Walter von den Lauterem angesetzt werden konnte, gilt als ausschlaggebend für die VfB-Niederlage. Baitinger, Metzgersohn und Metzgermeister, war ein wuchtiger Torjäger, mitentscheidend auch beim 3:2-Endspielsieg über die Saarbrücker im Jahre 1952.

Für Richard Steimle (geh. 1923) war der erste Titel der Schönste. 300.000 haben sie bei der Heimkunft in Stuttgart begrüsst: „Es gab ja anfangs nach dem Krieg nichts sonst an Vergnügen, das man sich leisten konnte, und Sport ist nun mal auch ein Vergnügen und so waren die Stadien voll und die Begeisterung war groß" (Steimle). Sie wurden zu einer Woche Schwarzwald-Urlaub nach Altensteig eingeladen, bekamen als erste bundesdeutsche Sportler vom Bundespräsidenten Theodor Heuss, einem Schwaben, das silberne Lorbeerblatt, des weiteren Lederhosen („damals etwas Teures", sagt Linksaußen Blessing) und Schweizer Chronometer im Wert von ca. 2.500 DM - ein Präsent, für das Steimle verantwortlich war, hatte er doch einen Mäzen, Teilhaber von Fernet Branca im Remstal, angesprochen: „Ha Emil, so a Uhr könntscht uns au vermache', wenn mer Deutscher Meister sind."

Steimle hat nach dem Pokalsieg 1954 gegen den 1.FC Köln auf ärztliches Anraten Schluß gemacht, denn er hatte sich 1945 im US-amerikanischen PX-Laden mit Gelbsucht infiziert. 20. 000 Mark, so bilanziert er, hat er in den zehn Jahren mit Fussball und Arbeit erspart, „das war zu wenig, um etwas Richtiges anzufangen, und zu viel, um es zu„ verputzen". Eine Arbeitsstelle in der Zentralstatistik bei - Daimler-Benz hatte ihm Dr. Walter vermittelt und Steimle blieb dort bis zur Pensionierung. So wurde für jeden gesorgt: Schlienz leitete eine Totoannahme in Bad Cannstatt, Retter war Pächter einer Tankstelle, Barufka unterhielt ein „Probierstüble" für Wein- und Likörliebhaber.

1956 qualifizierte sich der VfB noch einmal für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, lieferte ein fabelhaftes 8:0 gegen TuS Neuendorf, erreichte aber in den Gruppenspielen „nur" vier Punkte und Rang drei. Noch einmal Pokalsieger war man 1958, nun mit ganz anderen Namen und einem 4:3 n.V über Düsseldorfs Fortuna. Im Tor stand der Ex-Sodinger Günther „Sawi" Sawitzki, das Verteidigerpaar hieß Eisele/Seibold, die späteren „Italiener" Erwin Waldner und Rolf Geiger stürmten ebenso wie DDR-Flüchtling Lothar Weise, ehemals Rot-Weiss Erfurt.

Trainer war nach wie vor Georg Wurzer (1907-1982), ein gebürtiger Münchner, der bei der dortigen Teutonia und Ulm 94 gespielt hatte, sächsischer Gautrainer gewesen war, mit Ulm 46 in die Oberliga Süd aufstieg und 1947 zum VfB kam. Der intelligente und Fußball-Besessene Coach - Torhüter Effinger gab er das Leder mit nachhause, damit der dort im Wohnzimmer üben solle - stand für die Kontinuität und Solidität der Stuttgarter, amtierte er doch 13 Spielzeiten in Folge (!), ein früher Rehhagel sozusagen. „Trainer auf Lebenszeit" in Bad Cannstatt aber ist er nicht geworden, denn 1960 haben sie den Ostpreußen Kurt Baluses geholt.

Der VfB riss im letzten Oberliga-Drittel keine Bäume mehr aus, der legendäre „Grüne Sportbericht", bereits am Sonntagabend erhältlich, konnte nicht mehr allzu viele Grosstaten vermelden, die Platzierungen lauteten 4, 9, 5, 7, 7, 5, 6. Es reichte gerade eben für die Bundesliga, in der man erst nach dem Wiederaufstieg 1977 längerfristig in der Spitze mitspielte, 1989 auf internationaler Ebene dann die UEFA-Cup-Endspiele gegen den SSC Neapel erreichte.

So wie Wurzers Zeit beim VfB ging auch die der anderen Macher aus der Oberliga-Ära zu Ende. Oberstudienrat Dr. Fritz Walter, der seine schulische Karriere zugunsten des Fußballs stets hintan gestellt hatte, kandidierte 1969 nach 25 Jahren Amtszeit resigniert nicht mehr als Präsident, als die Opposition Senator Hans Weitpert, den Mann mit lila Haaren, aufs Schild hob. Der Spielausschuss-Vorsitzende Schnaitmann unterlag in der Abstimmung gegen Ehrenspielführer Schlienz und nur Haaga blieb von den „Alten" im Vorstand (1975 löste Mayer-Vorfelder Weitpert ab).

„Junges, unverdorbenes, heimatverbundenes Spielermaterial und keine Cracks" hatte Trainer „Schorsch" Wurzer stets gefordert, doch angesichts der Konkurrenz warf auch der ehrenwerte VfB so manchen Vorsatz über Bord und machte in den 50ern die Bekanntschaft der DFB-Gerichtsbarkeit.

1 Insbesondere der „Fall Geiger" erregte Aufsehen, als Lokalrivale Kickers im Sommer 1957 in einer dreistündigen Pressekonferenz im Metropol-Palast seines Spielausschuss-Vorsitzenden und Millionärs Philipp Metzler auspackte: Stürmer Rolf Geiger habe zwar bei der Olympiade '56 in Australien als Amateur gespielt, sei aber vom Verein bereits seit zwei Jahren wie ein Vertragsspieler bezahlt worden. Und nun kutschiere ihn der VfB durch die Gegend und verspreche eine fünfstellige Summe für den Wechsel ans andere Neckarufer.

Vorher war noch eitel Sonnenschein zwischen den Ortsrivalen gewesen, denn einmal die Woche trainierten die Nationalspieler Waldner (VfB) und Geiger (Kickers) gemeinsam, mal betreut vom VfB-Coach Wurzer, mal vom Kickers-Trainer Pfau. Nun beschuldigten die Kickers sich selbst („und wenn es uns die Oberliga kosten sollte!") und den VfB, der zusätzlich mit Neuzugang Rudi Hofamt Probleme bekam, denn der hatte sogar den olympischen Eid geschworen, in Aschaffenburg aber als „Amateur mit Vertragsspielerbezügen" (Einnahme 5.650 DM) gelebt. Als ihm sein Vereinsvorsitzender, ein Rektor, sagte: „Sie verdienen als junger Mensch ja schon mehr als ich!", antwortete der Kicker: „Dann hätten sie eben in ihrer Jugend etwas Ordentliches lernen sollen!" Und nun hatte der Hoffmann Rudi plötzlich einen nagelneuen Ford 15 M - und wollte zum VfB.

Der DFB sperrte die Spieler umgehend, die Zeitschrift „Neue Woche" verlangte „lebenslänglich": „Wir sind es der Weltöffentlichkeit und dem olympischen Gedanken schuldig, ein Exempel zu statuieren, um vor allem gegenüber den Ostblock-Staaten ein klares Bekenntnis abzulegen." Karl Ritter von Halt, Präsident des Nationalen Olympischen Komitee (NOK), wollte keine Fußballer mehr zu Olympia entsenden, sofern nicht„ die absolute Gewähr für Amateurismus" gegeben sei. Der Geschäftsführer des Süddeutschen Fußball-Verbandes (SFV), Franz Kronenbitter, resümierte: „Leute aus dem Wirtschaftsleben vergiften aus ehrgeizig-persönlichen eitlen Motiven mit ihrem dicken Scheckbuch bewusst die Spieler."

Man erfuhr Genaueres über die Einkommensverhältnisse von Geiger aus Marbach am Neckar, dessen berühmtester Sohn allerdings nicht er ist, sondern Friedrich Schiller. 420 Mark hatte er ehemals als Ludwigsburger Maurergeselle verdient, bekam nun 210 DM als Baupraktikant, und da legten die wohltätigen Stuttgarter Kickers ihm eben noch 200 Mark aus Gönnerhand drauf. Man erfuhr weiter, dass Geigers Mutter gestorben, der Vater krank und das Marbacher Häusle mit Schulden belastet sei. Zehn Monate wurde Hoffmann gesperrt, einen Monat weniger Geiger, und die Höchststrafe bekam ausgerechnet der ehrliche Kickers-Mann Philipp Metzler! Aber in die Nationalelf ist der Rolf Geiger dann 1958 doch wieder gekommen und die Schulden vom Häusle sind gewiss längst bezahlt, denn der Mann aus der Immobilienbranche soll heute Millionär sein.

Zwei Spieler waren in allen fünf VfB-Endspielen der Oberliga-Zeit mit von der Partie: Der eine ist Robert Schlienz, der andere Rolf Blessing, gelernter Schreiner aus Wendlingen vor Stuttgarts Toren. Dort lebt er heute noch, im 1962 fertig gestellten Neubau neben dem Elternhaus in der Bismarckstrasse. Rolf Blessing, Jahrgang 1929, war von 1948 bis 1962 für den VfB aktiv, 348 Oberliga-Spiele, 125 Tore. In der Zahl der Einsätze übertreffen ihn nur Schlienz und Verteidiger Retter, in der Trefferquote liegt nur Schlienz vor ihm, und so verwundert es, dass ausgerechnet er in der voluminösen 100jährigen VfB-Chronik so kurz weggekommen ist.

Aber Blessing macht um derlei kein Aufheben, entspricht er doch dem schwäbischen Naturell von Ruhe, Bescheidenheit und Nachdenklichkeit. „Brav und anständig", charakterisieren ihn Mannschaftskameraden, „ein netter Kerle". Logisch, dass er 1951 das „Riesenangebot" aus Turin ausschlug, und 1960 auch Hertha BSC in Berlin absagte: „Ich bin halt bodenständig und heimatverbunden, für mich war der VfB immer d e r Verein. Wie hätte ich damals nach Italien gehen können, wo Deutschland noch am Boden lag? Mich hat so etwas nie interessiert. Der Rolf Geiger mit seiner Mentalität war eher einer, der sowas packen konnte."

Sein Onkel Hermann Hahn hatte 1935 der VfB-Endspielelf angehört, „ohne den hätte ich mich gar nicht hingetraut zum VfB, denn für mich waren die Spieler dort Idole". Am 1.Juni 1948 wechselte der 18jährige zu dem Oberligisten, bekam als Amateur ein Vierteljahr Sperre und vom VfB ein Anfangsgehalt von 100 Mark im Monat, obwohl er, da noch nicht volljährig, kein Vertragsspieler sein durfte.

„Bedenken hatte ich nur von der Kondition her, aber dann bin ich eben viel gelaufen." Das musste er sowieso: Von der Schreinerei zum Bahnhof Wendlingen, vom Bahnhof in Bad Cannstatt zum VfB-Trainingsgelände und das Ganze wieder retour.
Der VfB hat ihn erst einmal in eine „Vespermannschaft" gesteckt, aber umgehend rückte er nach Ablauf der Sperre in die erste Mannschaft auf: Spurtstark, Kopfballspezialist, torgefährlich, mannschaftsdienlich - mit 19 Jahren war er Deutscher Meister (und er hat das verkraftet). Mit dem Trainer Wurzer harmonierte er bestens, „der war fast ein Vater für mich, der hat jeden Tag nur für den Fußball gelebt."

Als das erste Nachkriegs-Länderspiel 1950 gegen die Eidgenossen in Stuttgart angepfiffen wurde, hätte Blessing eigentlich dabei sein müssen. Herberger aber entschied für Richard Hetiniann vom FSV Frankfurt: „Warum, weiß ich bis heute nicht." So hat er international „nur" in der B-Elf gespielt, was ihm Fritz Walter gar nicht glauben wollte, als sie sich einmal unterhielten. „Keine Ahnung warum", sagt Blessing, „vielleicht hatte der Sepp Herberger seine speziellen Freunde woanders."

Als 1963 die Bundesliga begann, war Rolf Blessing 34 Jahre alt und nicht mehr dabei. „Von den Knochen her ging's nicht mehr nach zwei Meniskusoperationen." Hinzu kam ein Achillessehnenriss, geschehen im Benefiz-Spiel für die Hinterbliebenen von Richard Herrmann in Hanau. Spieler bzw. Trainer war er noch einige Zeit bei TuS Metzingen und Heimatverein TSV Wendlingen und als er seinen 50. Geburtstag feierte, da sind die alten Cracks alle noch mal aufgelaufen beim Spiel Wendlingen AH gegen VfB AH, und er natürlich auch. „Jetzt bin ich froh, wenn ich mit meinen Knieen noch laufen kann..."

Beim VfB in der Bundesliga hat Blessing, der während der Oberligazeit die Handelsschule besuchte, eine Banklehre absolvierte und bis 1990 als Bankkaufmann tätig war, nun eine Ehrenkarte und von den Mitspielern sieht er so etliche manchesmal wieder.

„Viel zu hart" erscheint ihm heute oft der Profifußball, „das ist ja fast berufsschädigend, wie die sich auf die Knochen hauen." Für ihn waren die 14 VfB-Jahre „eine schöne Zeit", „wegen der Kameradschaft" und„ auch wenn finanziell vielleicht mehr drin war."

Aber das ist Vergangenheit und die ist in dieser schnelllebigen Zeit rasch vergessen. „Fritz Walter-Weg" heißt ein kleines Sträßchen zwischen Stadion und VfB-Gelände, das an den einstigen Oberliga-Pionier und Vereinspräses erinnert. Nun. steht eben nicht „Dr. Fritz Walter" dort, und so werden manche meinen, man hätte dort den Fritz Walter vom Betzenberg geehrt, und ganz Geschichtslose werden vermuten, die Benennung sei dem aktuellen Mittelstürmer gleichen Namens vom VfB gewidmet.

Das Neckarstadion haben sie nun umbenannt, des schnöden Mammons wegen nach dem allseits bekannten Fußballspieler Gottlieb Daimler... Aber so ist das nun mal mit der Herrschaft: In den Ostblockstaaten symbolisierte einst der monumentale rote Stern auf öffentlichen Gebäuden, wer das Sagen hatte, und auf Stuttgarts Hauptbahnhof-Turm rotiert heute eben „der gute Stern" aus Untertürkheim.

     
   
     
   
     
   
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