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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.       11. Jahrgang

 
 
 


 
    

Als der VfB zur Marke wurde (aus Stadion AKtuell)

Der Enthusiasmus der Stuttgarter für ihren VfB anlässlich der Deutschen Meisterschaft 1950 war der Höhepunkt einer Entwicklung - nicht ihr Anfang. Der Entwicklung zum sportlichen Markenartikel einer ganzen Region. Und es gehört zu den Denkwürdigkeiten dieser Geschichte, dass der Sport mit seinem Konkurrenzsystem auch den augenfälligen Beweis für die lokale Einzelstellung des VfB lieferte: Während man in den Straßen den größten Sieg von Stuttgarter Fußballern feierte, musste man sich in Degerloch mit der ganzen Tragik des Unterschiedes abfinden: die Kickers waren zeitgleich aus der Süddeutschen Oberliga abgestiegen. Wenn auch die Symbolkraft des Traditionsvereins in Degerloch noch lange wirkte und das Ansehen auf hohem Niveau blieb, die Sache der sportlichen Rivalität, um die sich so viele Anekdoten skurriler Beziehungen ranken – wer schreibt endlich diese Geschichte? - die Sache war zugunsten des Vereins vom Wasen entschieden. Daran änderte auch nichts, als später die Kickers in die Bundesliga aufstiegen oder im Pokal kräftig mitmischten.

Man wird fragen, wenn also 1950 der Höhepunkt war, wann begann dann der Prozess, der den VfB zur Stuttgarter Sportmarke machte? Auf der Suche nach der Antwort bietet sich ein Rückblick auf die Spielzeit 1934/35 an. Auf Ereignisse, die nun genau siebzig Jahre zurückliegen. Der VfB spielte in der Liga des Gaues Württemberg, in der sich alle führenden Klubs befanden. Man war schon zweimal Meister gewesen 1926 und 1929, man war Süddeutscher Pokalsieger 1933 geworden, aber noch längst kein Überflieger, es gab harte Lokalkämpfe gegen Sportfreunde, gegen den SC und natürlich gegen die Kickers. Die Sympathien in Stuttgart waren noch auf mehrere Vereine verteilt, und jeder davon hatte seine Wurzeln in der Gründerzeit um die Jahrhundertwende. Achtzehn Spiele in Hin- und Rückrunde mussten absolviert werden. Es waren oftmals sehr rustikale Begegnungen, bei denen nicht immer die Spielkultur die Oberhand behielt. Dennoch stand der VfB am Schluss als Meister 1935 fest, und man feierte diesen Erfolg als Triumph ausgesprochener Kameradschaft. 19 Spieler waren eingesetzt worden, für damalige Verhältnisse so viel, dass es schier an die Substanz des Vereins ging. Nur drei von ihnen konnten alle achtzehn Spiele mitmachen, die anderen zollten der rohen Gangart Tribut oder kamen aufgrund der Lage zu dem ersehnten, aber überraschenden Einsatz, auch Blum und Becker, die Großen der 20er Jahre, die nun schon zu den Alten zählten.

Nun standen die weiteren Spiele um die Deutsche Meisterschaft an: Gruppenspiele und Halbfinale und in Stuttgart hatte man mit dem großen Stadion die dazu passende Aura. Zu den Ligaspielen kamen im Schnitt rund 6.000 Zuschauer, man war gespannt, wie sich dies in den weiteren Partien entwickeln würde. Die Chance, sich abzuheben gegenüber der lokalen Konkurrenz war dem VfB geboten. Das Profil zu schärfen, zur eigenständigen „Marke“ zu werden, die Stadt insgesamt zu vertreten, national – würde man diese Gelegenheit nutzen können?


Im April 1935 griff der VfB also ein in die „Schlussspiele“ um die Deutsche Fußballmeisterschaft. Er spielte in einer Gruppe mit Hanau, Jena und Fürth. Gleich der Auftakt ging daneben:

0:3 verlor man in Hanau. In Ulm traf man auf Jena und prompt setzte es die zweite Niederlage: 1:2, wobei das Ulmer Publikum eifrig die Mannschaft aus Jena unterstützte. Damit schien es gelaufen, für die Meisterschaftsneulinge vom Cannstatter Wasen. Doch es kam anders. Mit 4:1 schlug man – auswärts! – die favorisierten Fürther, setzte sich in Stuttgart gegen Hanau mit 2:1 durch, und besiegte Jena in Erfurt mit 3:2. Alles hing daraufhin vom letzten Gruppenspiel zu Hause gegen Fürth ab. Was hier im Zeitraffer auf bloße Ergebnisse reduziert ist, war indes ein Wendepunkt in der VfB-Geschichte. Der Moment, in dem sich der VfB abhob vom reinen Lokalbezug, in dem er zu dem Verein in Stuttgart wurde, der Faszination auf die Stadt und ihre gesamte Region ausstrahlte. Als er sich das wesentliche Unterscheidungsmerkmal erkämpfte, das ihn über die anderen emporhob. Das ist ganz beschreibend gemeint, und gewiss nicht überheblich. Dass die anderen Stuttgarter Vereine, insbesondere die Kickers, gleichfalls großen Fußball boten, ist unbestritten. Die VfBler erlebten die Gruppenspiele als Bildungsreise. In den Berichten wiederholt sich immer das große Staunen darüber, dass man sich im Kreise der Großen bewegt. So heißt es vom Ausflug nach Fürth: „An den vielen süddeutschen Fußballprominenten empfanden wir in Fürth zum ersten Mal etwas von dem Zauber, der über den großen Spielen um die Deutsche Fußballmeisterschaft liegt.“ Zauber! Und vom Spiel in Erfurt wird berichtet: „Überhaupt ist allgemein festzustellen, dass der Rahmen der Spiele, je weiter es geht, von desto zahlreicheren prominenten Personen des Sports und der Sportpresse verschönt wird. Immer mehr Beachtung findet unser VfB, und heimlich freuen wir uns, dass sich alles so angelegentlich für uns interessiert und sich mit dem VfB Stuttgart beschäftigt.“ Das Wahrgenommenwerden von der Fachwelt - weit über Stuttgart hinaus - ist das mitentscheidende Ereignis dieser Wochen. Und
ein zweiter Markstein: die Begeisterung. Hanau reist an und wird auf dem VfB-Platz empfangen. Knapp 10.000 Zuschauer füllen
die Ränge. Das ist schon außergewöhnlich.

Das alles entscheidende Rückspiel gegen Fürth aber findet im Stadion statt: 20.000 Besucher – das sprengt den üblichen Rahmen. Und als der VfB alles geben muss, aus einem 1:2 ein 2:2 macht, um das dritte Tor kämpft, allein ein Sieg hilft weiter ins Halbfinale, das 3:2 dann auch kurz vor Schluss fällt – da brandet ein Orkan durch das Stadion und hört bis zum Schlusspfiff nicht mehr auf. Das bemerkenswerte Fazit des Berichterstatters: „Das schönste Ergebnis dieses denkwürdigen Spieles jedoch ist für uns das restlose Mitgehen unseres Stuttgarter Sportpublikums.“ Der überregionale Rang und die völlige Identifikation nicht des VfB-Publikums, sondern des Stuttgarter Publikums – das ist neu, das sind die prägenden Ereignisse, die aus den drei Buchstaben „VfB“ eine gegenüber der Konkurrenz profilierte Marke machten. Würde man ihr Dauer geben können, so wäre eine Einzelstellung erreicht - oder ein VfB-Mythos geboren.


Dauer musste also die Marke „VfB“ bekommen, um sich von allen Stuttgarter und Württemberger Vereinen abzuheben. Und es mussten weiterhin außergewöhnliche Erfolge erzielt werden. Beides geschah. 1935 erklomm der VfB Stuttgart nach den dramatischen Gruppenspielen und dem Halbfinale gegen den VfL Benrath höchste Höhen und drang ins Finale vor. Die Mannschaft um Denker und Lenker Willy Rutz unterlag zwar bekanntlich mit 4:6, der Empfang zu Hause stellte dennoch alles bisher Dagewesene in den Schatten: die Region war auf den Beinen. Dr. Walter, damals stellvertretender Vorsitzender, schrieb: „Unsere Rückkehr nach Stuttgart wurde zu einem triumphalen Einzug... Schon von Bietigheim an standen an den Bahnhöfen kleine Gruppen meist sportbegeisterter Jugend und winkten dem vorüberfahrenden D-Zug stürmisch zu. Der letzte Wagen war der VfB-Wagen, und fröhlich ließen wir unsere Fahne zum Fenster hinausflattern.“ Dann überschwängliche Begeisterung auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Prominenz von Stadt und Land, der Reichssender Stuttgart übertrug einen Stimmungsbericht. Von Tausenden gefeiert, wurden die Spieler in Autos – der erste Jubelkorso! – durch die Königstraße und Eberhardstraße zum Peterhof gefahren. In Dankreden gelobten die Vereinsrepräsentanten alles zu tun, „um diese öffentliche Anerkennung zu rechtfertigen und uns zu erhalten“. 1936 folgte ein kleines Tief: dritter Rang in der Gauliga. 1937 Meister, Dritter der Deutschen Meisterschaft, 1938 wiederum Württembergischer Meister. Erstmals hatte der VfB seine Größe dokumentiert, indem er den Titel verteidigte.

Zwei Meisterschaften in Folge, das war in der Vereinsgeschichte ein Novum. Zum Derby gegen die Kickers am letzten Spieltag der Saison 37/38 kamen 40.000 Zuschauer. Während der Gruppenspiele erkrankte Trainer Lony Seiderer schwer, was von der Mannschaft nicht kompensiert werden konnte. Seiderers Nachfolger war Karl Becker, erfolgreicher Stürmer im VfB-Dress, die Meisterschaft 1939 blieb aber ein unerreichtes Ziel. Und dann kam der Krieg. Die dreißiger Jahre waren regional das Jahrzehnt des VfB. Er löste sich aus dem Schatten der Kickers, stieg über sie hinaus und wurde einmal Süddeutscher Pokalsieger sowie dreimal Württembergischer Meister und Deutscher Vizemeister. Es war nur eine Frage der Zeit, wann der VfB wieder das deutsche Endspiel erreichen würde. Der Krieg riss die VfB-Mannschaft auseinander. Wieder fielen VfB-Spieler: Torwart Otto Kapp, Karl Becker und andere. Aber die Strahlkraft des VfB überdauerte den Krieg. Die führenden Männer blieben im Amt, inmitten ungeheurer Zerstörung reorganisierten sie das Spielsystem, schufen die Süddeutsche Oberliga, und sammelten die Spieler.

Mit einer Mischung aus Akteuren der dreißiger Jahre und jungem Nachwuchs aus der Region, darunter ein gewisser Robert Schlienz, wurde der VfB auf Anhieb Süddeutscher Meister 45/46. Eine deutsche Meisterschaft wäre möglich, ja auch wahrscheinlich gewesen, aber diesen Wettbewerb gab es noch nicht. Der VfB hielt die erreichte nationale Höhe. In einer Auswertung der Spieljahre 1945 bis 1950 rangiert der VfB an der Tabellenspitze von insgesamt 26 Vereinen, die in diesen fünf Jahren der Oberliga angehörten. Nürnberg belegte Platz 2, die Bayern waren Sechster! Diese Dominanz hielt sich im Großen und Ganzen bis 1956, gestützt durch die Meisterschaften 1950, 1952, den Pokalsieg 1954. Das alles zeigt, was in Stuttgart möglich ist. Die Pokalmeisterschaft 1958 war dann eher der Ausklang. Was eine Marke braucht, um unterscheidbar zu sein, um dem Kunden das Gefühl zu geben, etwas Besonderes zu bekommen, eine Marke mit „symbolischem Mehrwert“, der VfB Stuttgart hat es in diesen Jahren geschafft. 1935 schwappte die Begeisterung erstmals aus dem Stadion hinaus auf die Straßen der Stadt. 1950 war der Gipfel: Menschen spürten ein Siegergefühl nach der totalen Niederlage, Lebensmut und Glücksgefühle durch den Sport, mehr kann ein Verein nicht geben. Das war höchste Markenqualität, der Stoff aus dem Legenden gestrickt werden, woraus der Mythos entspringt. Dafür hat die Weltmarke mit dem Stern gerne den stilvollen Rahmen zur Jubelfahrt geliefert und ihren Glanz dem des VfB hinzugesellt. Zwei Stuttgarter Mythen im Viervierteltakt.

     
   
     
   
     
   
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