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Als der VfB zur Marke wurde
(aus Stadion AKtuell)
Der Enthusiasmus der Stuttgarter für ihren VfB anlässlich der Deutschen
Meisterschaft 1950 war der Höhepunkt einer Entwicklung - nicht ihr
Anfang. Der Entwicklung zum sportlichen Markenartikel einer ganzen
Region. Und es gehört zu den Denkwürdigkeiten dieser Geschichte, dass
der Sport mit seinem Konkurrenzsystem auch den augenfälligen Beweis für
die lokale Einzelstellung des VfB lieferte: Während man in den Straßen
den größten Sieg von Stuttgarter Fußballern feierte, musste man sich in
Degerloch mit der ganzen Tragik des Unterschiedes abfinden: die Kickers
waren zeitgleich aus der Süddeutschen Oberliga abgestiegen.
Wenn
auch die Symbolkraft des Traditionsvereins in Degerloch noch lange
wirkte und das Ansehen auf hohem Niveau blieb, die Sache der sportlichen
Rivalität, um die sich so viele Anekdoten skurriler Beziehungen ranken –
wer schreibt endlich diese Geschichte? - die Sache war zugunsten des
Vereins vom Wasen entschieden. Daran änderte auch nichts, als später die
Kickers in die Bundesliga aufstiegen oder im Pokal kräftig mitmischten.
Man wird fragen, wenn
also 1950 der Höhepunkt war, wann begann dann der Prozess, der den VfB
zur Stuttgarter Sportmarke machte? Auf der Suche nach der Antwort bietet
sich ein Rückblick auf die Spielzeit 1934/35 an. Auf Ereignisse, die nun
genau siebzig Jahre zurückliegen. Der VfB spielte in der Liga des Gaues
Württemberg, in der sich alle führenden Klubs befanden. Man war schon
zweimal Meister gewesen 1926 und 1929, man war Süddeutscher Pokalsieger
1933 geworden, aber noch längst kein Überflieger, es gab harte
Lokalkämpfe gegen Sportfreunde, gegen den SC und natürlich gegen die
Kickers. Die Sympathien in Stuttgart waren noch auf mehrere Vereine
verteilt, und jeder davon hatte seine Wurzeln in der Gründerzeit um die
Jahrhundertwende. Achtzehn Spiele in Hin- und Rückrunde mussten
absolviert werden. Es waren oftmals sehr rustikale Begegnungen, bei
denen nicht immer die Spielkultur die Oberhand behielt. Dennoch stand
der VfB am Schluss als Meister 1935 fest, und man feierte diesen Erfolg
als Triumph ausgesprochener Kameradschaft. 19 Spieler waren eingesetzt
worden, für damalige Verhältnisse so viel, dass es schier an die
Substanz des Vereins ging. Nur drei von ihnen konnten alle achtzehn
Spiele mitmachen, die anderen zollten der rohen Gangart Tribut oder
kamen aufgrund der Lage zu dem ersehnten, aber überraschenden Einsatz,
auch Blum und Becker, die Großen der 20er Jahre, die nun schon zu den
Alten zählten.
Nun standen die weiteren
Spiele um die Deutsche Meisterschaft an: Gruppenspiele und Halbfinale
und in Stuttgart hatte man mit dem großen Stadion die dazu passende
Aura. Zu den Ligaspielen kamen im Schnitt rund 6.000 Zuschauer, man war
gespannt, wie sich dies in den weiteren Partien entwickeln würde. Die
Chance, sich abzuheben gegenüber der lokalen Konkurrenz war dem VfB
geboten. Das Profil zu schärfen, zur eigenständigen „Marke“ zu werden,
die Stadt insgesamt zu vertreten, national – würde man diese Gelegenheit
nutzen können?
Im April 1935 griff der VfB also ein in die
„Schlussspiele“ um die Deutsche Fußballmeisterschaft. Er spielte in
einer Gruppe mit Hanau, Jena und Fürth. Gleich der Auftakt ging daneben:
0:3 verlor man in Hanau. In Ulm traf man auf Jena und prompt setzte es
die zweite Niederlage: 1:2, wobei das Ulmer Publikum eifrig die
Mannschaft aus Jena unterstützte. Damit schien es gelaufen, für die
Meisterschaftsneulinge vom Cannstatter Wasen. Doch es kam anders. Mit
4:1 schlug man – auswärts! – die favorisierten Fürther, setzte sich in
Stuttgart gegen Hanau mit 2:1 durch, und besiegte Jena in Erfurt mit
3:2. Alles hing daraufhin vom letzten Gruppenspiel zu Hause gegen Fürth
ab. Was hier im Zeitraffer auf bloße Ergebnisse reduziert ist, war indes
ein Wendepunkt in der VfB-Geschichte. Der Moment, in dem sich der VfB
abhob vom reinen Lokalbezug, in dem er zu dem Verein in Stuttgart wurde,
der Faszination auf die Stadt und ihre gesamte Region ausstrahlte. Als
er sich das wesentliche Unterscheidungsmerkmal erkämpfte, das ihn über
die anderen emporhob. Das ist ganz beschreibend gemeint, und gewiss
nicht überheblich. Dass die anderen Stuttgarter Vereine, insbesondere
die Kickers, gleichfalls großen Fußball boten, ist unbestritten. Die
VfBler erlebten die Gruppenspiele als Bildungsreise. In den Berichten
wiederholt sich immer das große Staunen darüber, dass man sich im Kreise
der Großen bewegt. So heißt es vom Ausflug nach Fürth: „An den vielen
süddeutschen Fußballprominenten empfanden wir in Fürth zum ersten Mal
etwas von dem Zauber, der über den großen Spielen um die Deutsche
Fußballmeisterschaft liegt.“ Zauber! Und vom Spiel in Erfurt wird
berichtet: „Überhaupt ist allgemein festzustellen, dass der Rahmen der
Spiele, je weiter es geht, von desto zahlreicheren prominenten Personen
des Sports und der Sportpresse verschönt wird. Immer mehr Beachtung
findet unser VfB, und heimlich freuen wir uns, dass sich alles so
angelegentlich für uns interessiert und sich mit dem VfB Stuttgart
beschäftigt.“ Das Wahrgenommenwerden von der Fachwelt - weit über
Stuttgart hinaus - ist das mitentscheidende Ereignis dieser Wochen. Und
ein zweiter Markstein: die Begeisterung. Hanau reist an und wird auf dem
VfB-Platz empfangen. Knapp 10.000 Zuschauer füllen
die Ränge. Das ist schon außergewöhnlich. Das alles
entscheidende Rückspiel gegen Fürth aber findet im Stadion statt: 20.000
Besucher – das sprengt den üblichen Rahmen. Und als der VfB alles geben
muss, aus einem 1:2 ein 2:2 macht, um das dritte Tor kämpft, allein ein
Sieg hilft weiter ins Halbfinale, das 3:2 dann auch kurz vor Schluss
fällt – da brandet ein Orkan durch das Stadion und hört bis zum
Schlusspfiff nicht mehr auf. Das bemerkenswerte Fazit des
Berichterstatters: „Das schönste Ergebnis dieses denkwürdigen Spieles
jedoch ist für uns das restlose Mitgehen unseres Stuttgarter
Sportpublikums.“ Der überregionale Rang und die völlige Identifikation
nicht des VfB-Publikums, sondern des Stuttgarter Publikums – das ist
neu, das sind die prägenden Ereignisse, die aus den drei Buchstaben
„VfB“ eine gegenüber der Konkurrenz profilierte Marke machten. Würde man
ihr Dauer geben können, so wäre eine Einzelstellung erreicht - oder ein
VfB-Mythos geboren.
Dauer musste also die Marke „VfB“ bekommen, um sich von
allen Stuttgarter und Württemberger Vereinen abzuheben. Und es mussten
weiterhin außergewöhnliche Erfolge erzielt werden. Beides geschah. 1935
erklomm der VfB Stuttgart nach den dramatischen Gruppenspielen und dem
Halbfinale gegen den VfL Benrath höchste Höhen und drang ins Finale vor.
Die Mannschaft um Denker und Lenker Willy Rutz unterlag zwar bekanntlich
mit 4:6, der Empfang zu Hause stellte dennoch alles bisher Dagewesene in
den Schatten: die Region war auf den Beinen. Dr. Walter, damals
stellvertretender Vorsitzender, schrieb: „Unsere Rückkehr nach Stuttgart
wurde zu einem triumphalen Einzug... Schon von Bietigheim an standen an
den Bahnhöfen kleine Gruppen meist sportbegeisterter Jugend und winkten
dem vorüberfahrenden D-Zug stürmisch zu. Der letzte Wagen war der
VfB-Wagen, und fröhlich ließen wir unsere Fahne zum Fenster
hinausflattern.“ Dann überschwängliche Begeisterung auf dem Stuttgarter
Hauptbahnhof. Prominenz von Stadt und Land, der Reichssender Stuttgart
übertrug einen Stimmungsbericht. Von Tausenden gefeiert, wurden die
Spieler in Autos – der erste Jubelkorso! – durch die Königstraße und
Eberhardstraße zum Peterhof gefahren. In Dankreden gelobten die
Vereinsrepräsentanten alles zu tun, „um diese öffentliche Anerkennung zu
rechtfertigen und uns zu erhalten“. 1936 folgte ein kleines Tief: dritter
Rang in der Gauliga. 1937 Meister, Dritter der Deutschen Meisterschaft,
1938 wiederum Württembergischer Meister. Erstmals hatte der VfB seine
Größe dokumentiert, indem er den Titel verteidigte.
Zwei Meisterschaften in Folge, das war in der
Vereinsgeschichte ein Novum. Zum Derby gegen die Kickers am letzten
Spieltag der Saison 37/38 kamen 40.000 Zuschauer. Während der
Gruppenspiele erkrankte Trainer Lony Seiderer schwer, was von der
Mannschaft nicht kompensiert werden konnte. Seiderers Nachfolger war Karl
Becker, erfolgreicher Stürmer im VfB-Dress, die Meisterschaft 1939 blieb
aber ein unerreichtes Ziel. Und dann kam der Krieg. Die dreißiger Jahre
waren regional das Jahrzehnt des VfB. Er löste sich aus dem Schatten der
Kickers, stieg über sie hinaus und wurde einmal Süddeutscher Pokalsieger
sowie dreimal Württembergischer Meister und Deutscher Vizemeister. Es war
nur eine Frage der Zeit, wann der VfB wieder das deutsche Endspiel
erreichen würde. Der Krieg riss die VfB-Mannschaft auseinander. Wieder
fielen VfB-Spieler: Torwart Otto Kapp, Karl Becker und andere. Aber die
Strahlkraft des VfB überdauerte den Krieg. Die führenden Männer blieben im
Amt, inmitten ungeheurer Zerstörung reorganisierten sie das Spielsystem,
schufen die Süddeutsche Oberliga, und sammelten die Spieler.
Mit einer Mischung aus Akteuren der dreißiger Jahre und
jungem Nachwuchs aus der Region, darunter ein gewisser Robert Schlienz,
wurde der VfB auf Anhieb Süddeutscher Meister 45/46. Eine deutsche
Meisterschaft wäre möglich, ja auch wahrscheinlich gewesen, aber diesen
Wettbewerb gab es noch nicht. Der VfB hielt die erreichte nationale Höhe.
In einer Auswertung der Spieljahre 1945 bis 1950 rangiert der VfB an der
Tabellenspitze von insgesamt 26 Vereinen, die in diesen fünf Jahren der
Oberliga angehörten. Nürnberg belegte Platz 2, die Bayern waren Sechster!
Diese Dominanz hielt sich im Großen und Ganzen bis 1956, gestützt durch
die Meisterschaften 1950, 1952, den Pokalsieg 1954. Das alles zeigt, was
in Stuttgart möglich ist. Die Pokalmeisterschaft 1958 war dann eher der
Ausklang. Was eine Marke braucht, um unterscheidbar zu sein, um dem Kunden
das Gefühl zu geben, etwas Besonderes zu bekommen, eine Marke mit
„symbolischem Mehrwert“, der VfB Stuttgart hat es in diesen Jahren
geschafft. 1935 schwappte die Begeisterung erstmals aus dem Stadion hinaus
auf die Straßen der Stadt. 1950 war der Gipfel: Menschen spürten ein
Siegergefühl nach der totalen Niederlage, Lebensmut und Glücksgefühle
durch den Sport, mehr kann ein Verein nicht geben. Das war höchste
Markenqualität, der Stoff aus dem Legenden gestrickt werden, woraus der
Mythos entspringt. Dafür hat die Weltmarke mit dem Stern gerne den
stilvollen Rahmen zur Jubelfahrt geliefert und ihren Glanz dem des VfB
hinzugesellt. Zwei Stuttgarter Mythen im Viervierteltakt.
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