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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.      11. Jahrgang

 
 
 


 
 
 
 
  

Berlin, Berlin... schon wir flogen nach Berlin (Buch 100 Jahre VfB Stuttgart, zu bestellen im VfB Sport-Shop)

Hans Blickensdörfer schildert die meisterliche Reise anno ´50, mit der die großen Jahre beginnen (06/97)

Die Unterschiede könnten krasser nicht sein: Das erste Endspiel des VfB Stuttgart 1950 um die Deutsche Meisterschaft im Berliner Olympiastadion gegen die Offenbacher Kickers - und letzten Sommer das Pokalfinale an gleicher Stelle gegen Energie Cottbus.

Damals, 1950, war das Abenteuer noch nicht mit dem Fernsehapparat ins Haus zu holen, aber die Erinnerungen sind so unauslöschlich wie der vier Jahre später folgende WM-Triumph der deutschen Nationalmannschaft gegen Ungarn in Bern. Dass das Fest nicht national, sondern schwäbisch war, tut nichts zur Sache.

Angefangen hat es mit dem Abenteuer des ersten Flugs. Von Frankfurt ging's über die DDR in die eingekesselte Stadt, und wenn die Propellermaschine ins Zittern geriet, hat manch einer mitgemacht, der auf dem Platz keinen Gegner fürchtete. Mit den Dienstreisen der modernen Profis hatte die Sache nichts zu tun. Eher mit den Gefühlen einer Schulklasse, die eine Traumreise gewonnen hat. Und als junger Reporter war man Teil der Mannschaft. Wir waren alle etwa im gleichen Alter, aber zu einer Mannschaft reichte es nicht. Gerade mal drei waren von den Printmedien dabei, nämlich Erich Brodbeck, Reinhold Appel und der Schreiber dieser Zeilen. Vom Rundfunk kamen Gerd Krämer und Rainer Günzler dazu.

Die schwerste Aufgabe fiel mir zu, denn wir hatten uns vorgenommen, beim "Grünen Sportbericht" einen Rekord aufzustellen. Mit Spielschluss sollte die Zeitung auf der Straße sein, eine im Prinzip unlösbare Aufgabe. Aber dennoch machbar. Ein bisschen Zauberei musste sich vereinigen mit Glück, und das Ganze war ein Dauertelefonat, vergleichbar zwar mit der Arbeit des Rundfunkreporters, aber mit dem Unterschied, daß die Sache noch halbwegs druckreif sein musste.

Aber wenn man acht oder zehn Minuten vor Schluss andrucken wollte, mussten die beiden Gegner auf dem Spielfeld mitmachen. Kein Tor durfte mehr fallen in den letzten Minuten, damit der schon gefertigte letzte Satz dem riesigen Spielverlauf angehängt werden konnte. Er ging ungefähr so: "Bei diesem Ergebnis blieb es, obwohl beide Mannschaften bis zum Schlusspfiff unverdrossen ihre Chancen suchten."

Dann hieß es beten, und beide Mannschaften machten mit. Erwin Läpples Siegestor, das eigentlich eine missglückte Flanke war, war die Entscheidung zum 2:1 des VfB, und fertig war auch schon die Einleitung: drei oder vier feierliche Sätze zum Gewinn der Meisterschaft, und die Rotation lief an, als in Berlin noch gespielt wurde. Haarklein stand der ganze Spielverlauf auf zwei vollen Druckseiten, und nie hat es einen größeren Menschenaufläufe vor dem Tagblatt-Turm gegeben. Dass der Druckfehlerteufel wütete, weil Korrekturen mangels Zeit fast unmöglich waren, wurde von den dankbaren Lesern verziehen; und es sind Blüten dabei gewesen wie die vom Stürmer, der durchgebrochen war, aber von zwei Weißbroten eingeklemmt wurde. Es hat sich natürlich um zwei Weißrote gehandelt.

Übrigens war auch ein Sonderzug mit Schlachtenbummlern durch die DDR gefahren, aber nach Spielschluss war Rückreise, weil Hotels rar waren in der zerbombten Stadt. Wir Journalisten durften mit dem VfB-Vorstand und einigen privilegierten Fans im Hotel "Sachsenhof" am Nollendorfplatz wohnen, das wie durch ein Wunder unversehrt geblieben war. Trainer Wurzer und die Mannschaft sahen nicht viel vom ungewöhnlichen Leben in der geteilten Stadt, weil sie im Gästehaus der Stadt Berlin am Kleinen Wannsee wohnten, aber nach dem Sieg gab's Ausgang bis zum Wecken. Welches aber nicht nötig war, da man gemeinsam Deutschlands erstes Striptease-Lokal "Remdes-St.Pauli" am Bahnhof Zoo besichtigte. In Tempelhof gab es dann beim Abflug bleiche Gesichter zu besichtigen, aber auch einen zu Hochform aufsteigenden Kapitän Robert Schlienz, der in der Halle eine Trompete ergatterte und Triumphtöne schmetterte, wie sie nie ein Endspiel hervorgebracht hat.

Sie flogen heim mit der ersten Deutschen Meisterschaft in der Vereinsgeschichte und einem Stolz, der keiner Vergoldung bedurfte wie beim modernen Profi. Und es gab auch keinen, den es zu einem anderen Verein gezogen hätte.

Übrigens hatte das Tempelhofer Konzert von Robert Schlienz einen weltberühmten Fachmann als Zeugen namens Wilhelm Furtwängler. Mit Schlapphut, Schirm und Zweireiher stand der Dirigenten-Star in der herbeigeeilten Menge und klatschte beim Schlusspfiff stürmisch in die Hände, die ihm zuvor die Ohren zugehalten hatten. Er ist mit unserer Maschine nach Frankfurt geflogen und hat unterwegs gefragt, welchen Einfluß der Dirigent am Spielfeldrand, welcher Trainer heißt, nehmen kann.

" Keinen so großen wie Sie", hat Schorsch Wurzer gesagt, "das muss vorher passieren."

Er hat wohl recht gehabt, obwohl man's kaum glauben kann, wenn man heute die Trapattonis, Schäfers oder Daums am Spielfeldrand herumturnen sieht.

   
  
   
   
  
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