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Mehr als nur ein Spiel im Gras
(Buch 100 Jahre VfB Stuttgart, zu bestellen im VfB Sport-Shop
)
Rot gegen Blau oder der Glaubenskrieg zwischen
Neckar und Fernsehturm - das waren Zeiten (06/97)
Also früher, soviel steht nach den aufregenden
Erzählungen der Stuttgarter Fußballpioniere und Kickveteranen fest, war
die Sache ernster - diese Rivalität zwischen den Roten 'und den Blauen
in Stuttgart, zwischen dem VfB und den Kickers.
"Weib;
gang in Deckung - er kommt!" So hört sich noch heute der Hilferuf an,
mit dem der einstige VfB-Dribbelkönig Erwin Waldner den einstigen
Kickers-Kämpen Hans ("Ebo") Eberle begrüßt, wenn der in Waldners
"Burrenhof" auf der Schwäbischen Alb auf ein Viertele vorbeischaut.
Früher, in den 50er Jahren, hat sich Waldner erinnert, wurden beim VfB
vor den Derbies noch Sonderschichten im Training eingelegt - so wichtig
und bitter ernst war die Angelegenheit.
Lokalderby in Stuttgart.
"Wenn wir heute nicht gewonnen hätten", hat der
VfB-Direktor Ulrich Schäfer vor ein paar Jahren mal nach einem etwas
glücklichen Bundesliga-Sieg über die Kickers tief durchgeschnauft,
"hätte ich mich nicht mehr aus dem Haus getraut."
"Das Lokalderby", stellte auch Wolfgang Wolf, der
Ex-Kickers-Spieler und Kickers-Trainer nach seinem ersten Selbstversuch
fest, "ist ein Spiel, bei dem man das Messer im Schienbeinschützer hat."
Wolf ist kein Stuttgarter. Er ist Pfälzer.
Kaiserslautern. Deshalb hat er im Rahmen seiner martialischen Erkenntnis
ein bisschen gelacht. Auch Manfred Rommel, der alte OB und Sportmuffel,
konnte über diesen Glaubenskrieg in den Stuttgarter Fußballköpfen immer
wunderbar schmunzeln, ohne dabei wesentlich das Gesicht zu verziehen -
einmal gab er beim Derby dem Südfunk-Fernsehen ein Interview durch eine
extra angefertigte Stuttgarter Brille: das linke Glas war rot zugemalt,
das rechte blau. Rommel war an jenem Tag zweifellos der einzige Neutrale
im Stadion so ist das, wenn ein Fußballspiel zur Frage der Ehre wird.
Das
bisher letzte große Stuttgarter Duell hat im Mai '92 stattgefunden. Das
Spiel war schon aus, da fiel Fritz Walter mitten im Stadion einfach um,
Der VfB-Torjäger regte sich nicht. Sie schnallten ihn auf die Trage und
brachten ihn fort - so ähnlich haben sich schon die Gladiatoren im alten
Rom verabschiedet. Der kleine Fritz bekannte später, als er nach einer
Not-Infusion und weiteren Hilfsmaßnahmen wieder auf seinen treffsicheren
Beinen stand: "Ich hab' brutale Magenschmerzen g'habt. Plötzlich war i
weg." Christoph Daum, der Vfl3-Trainer, meldete mit dramatischem
Unteron: "Er lag am Tropf."
War's eine Kickersvergiftung?
Ein Derby hat es immer in sich, doch so eines gab's
selten zuvor: Dieses 160. Duell zwischen Rot und Blau war der Höhepunkt
- und wahrlich nichts für labile Mägen. Denn salopp gesagt musste an
diesem Tag einer von beiden ins Gras beißen. Der VfB befand sich auf dem
Weg zur Deutschen Meisterschaft, die Kickers standen am Abgrund, für
beide hieß es schlicht entweder oder. Gerhard Mayer-Vorfelder, damals
59, schaute beim Abpfiff wie 69 aus und sagte: "So was hab ich in meiner
16jährigen Amtszeit noch nie erlebt. Kein Mensch hält das aus. Dieses
Wechselbad - Bestürzung, Verzweiflung, Glück." 3:1 für den VfB ist die
Sache ausgegangen, und der Präsident hätte am liebsten vor Erleichterung
spontan auf dem Tisch getanzt, aber erst einmal tröstete er seinen
Kickers-Kollegen Dünnwald-Metzler. "Axel", sagte er, "ich wünsche dir,
dass trotzdem alles gut geht." Es ging schlecht.
Trost
vom Sieger, Mitleid mit dem Verlierer - das ist bei der tiefsitzenden
Stuttgarter Rivalität nicht selbstverständlich. Doch damals war's nötig.
Dieter Hoeneß, zu der Zeit VfB-Manager, hat später geschildert, wie ihm
zumute war: "Du schaust auf die Anzeigetafel - und da steht 0:1, und es
ist 17 Uhr..." Meisterschaft ade. Bis dann doch noch dieses Wunder
geschah, in der verrücktesten Viertelstunde aller Stuttgarter Derbies
und der größten Viertelstunde in der Karriere des Matthias Sammer.
Sammer zu Walter - 1:1. Sammer an den Pfosten. Sammer ackert. Legt sich
mit den Kickers-Fans an. Puscht den VfB nach vorn. Sammer zu Frontzeck -
2:1. Dann das 3:1 durch Walter. Unglaubliches passierte. Da glühte ein
Rotschopf, raste, rempelte und riss alles rum - ein Mann sah rot, und
die Blauen gingen unter.
"Das", sagte der VfB-Sachse später", war auch ein
Sieg gegen die Häme. Wie hätten wir sonst am Montag beim Bäcker
unbehelligt unsere Brötchen gekriegt- Es ging um unsere Ehre." Ehre, das
ist mehr als zwei Punkte - so, wie dieses Derby immer mehr war als
Fußball. VfB gegen Kickers, das war nie nur ein Spiel im Gras - das war
immer auch ein Stück Glaubenskampf. Wie Celtic gegen die Rangers in
Glasgow. Wie Oxford gegen Cambridge. Wie Hund und Katze.
Als
Albert Sing, der einstige Kicker-Spieler, beim VfB später als Trai ner
anfing, lag im Umkleideraum an seinem ersten Arbeitstag ein blaues
Kicker-Trikot. Sing: "Das hieß: Du gehörst nicht hierher." Schon zuvor
hatte der VfB-Meistermacher Georg Wurzer Aufsehen erregt, als er seine
späte Liebe zu den Kickers entdeckte. Und mit bissigem Unverständnis
reagierten viele am Neckar zu Beginn der 80er Jahre auf den Frontwechsel
von Jrgen ("Wundermann") Sundermann. Zeugwartjochen Seitz taufte
seinerzeit den Kicker-Platz droben in Degerloch kurzerhand kriegerisch
um: "Die Golanhöhen."
"Was hört m'r von dir-", ist der Kickers-Ehrenratsvorsitzende Seeger auf
der Tribüne schon von mancher VfB-Lästergosche geärgert worden, "dei
Weib isch aus Cannstatt-" Seeger, ein Dunkelblauer, schämt sich dann
immer schweigend.
VfB gegen Kickers - ohne verbale Scharmützel ist so
ein Spiel im Rahmen der Stuttgarter Stadtmeisterschaft selten zu Ende
gegangen, jedenfalls solange die Blauen noch wirksam aufmuckten. Noch
heute legt die Degerlocher Altenkameradschaft an jedem Jahrestag des
letzten Kickers-Triumphs 1975/76 angeblich zitternd eine Gedenkminute
ein - damals hatte ihr Trainer Rudi Kröner gedroht: "Nächstes Jahr sind
wir in Stuttgart die Nummer 1." Inzwischen, nach 160 Derbies mit 83
Siegen des VfB und 47 der Kickers, hat sich die Sache eher entspannt -
zumal da die Blauen auf die zwei Meistertitel der Roten nur mit zwei
Abstiegen antworten konnten.
Im
übrigen kommen Gerhard Mayer-Vorfelder und Axel Dünnwald-Metzler ganz
gut miteinander aus. Gewissenhafte Fans beider Couleur haben sich oft
die Haare gerauft, wenn ihre Vorsitzenden ungeniert den Schulterschluss
übten wie bei jenem Prominentenspiel, für das sie spitzbübisch ein
rot-blaues Trikot mit den Wappen beider Klubs schneidern ließen. "Unsere
Brust", gab Mayer-Vorfelder bekannt, "ist dafür breit genug." Gut, es
hat zwischendurch Ärger gegeben wegen einer Einnahmeteilung, und als der
VfB-Chef einmal zu Gast im Kickers-Treff war und sie dort das blaue
Vereinslied anstimmten, fragte er: "Wo ist hier der Notausgang-"
Aber das war nur Spaß. Auch Dünnwald-Metzler hat die
Rivalität stets locker genommen - schon deshalb, weil er als
A-Jugendlicher mal ein Jahr lang beim VfB fremdging ("Ich habe den
Sündenfall umgehend rückgängig gemacht") und seither keine ganz blaue
Weste mehr hat. "Der Farbenwechsel", sagt er inzwischen im Namen der
friedlichen Co-Existenz, "ist heutzutage keine Fahnenflucht mehr." Das
war schon mal anders, man muß nur Rolf Geiger fragen. Als der begabte
Kicker-Stürmer anno 1956 zum VfB überlief, reagierte der damalige
Kickers-Präsident Philipp Metzler (der Schwiegervater des heutigen)
empfindlich, genau gesagt rächte er sich - mit einer Selbstanzeige beim
DFB: Er beschuldigte sich und die Kickers, an den Spieler Geiger
monatlich 320 Mark gezahlt zu haben. Das war ein Verstoß gegen die
damaligen Amateurregeln. Metzler wurde bestraft. Aber Geiger auch - neun
Monate Sperre.
Später ist er Nationalspieler geworden. Und beim VfB
zu einem Eckpfeiler - wie Fredi Bobic und fast alle Blauen, die im Lauf
der Jahre die Demarkationslinie Neckar überschritten: Haug, Kelsch,
Allgöwer, Buchwald, Klinsmann.
Dabei
hatte Jürgen Klinsmann eigentlich anderes vor. In seinen frühen Jahren
gab's da nämlich mal ein ruppiges Jugend-Derby. Es ging so zur Sache,
dass der Kickers-Stürmer Klinsmann hinterher auf seinen Präsidenten
zuging und einen wichtigen Entschluss bekannt gab: "Eines schwöre ich",
sagte er, "zu denen geh' ich nie." Zum VfB. Doch die Zeit ist nicht
stehen geblieben, und es kam der Tag, da kam auch der junge Klinsmann
wieder zu seinem Präsidenten, und diesmal sagte er: "Dieser Schwur
würden Sie mich eventuell davon entbinden-"
Später war er mal zu Gast bei "Wetten dass", und
Thomas Gottschalk wollte von ihm wissen: "Gab's eigentlich kein böses
Blut, als du zum VfB gegangen bist?" Worauf Jürgen Klinsmann den Kopf
schüttelte und erzählte, daß die Leute in Stuttgart Verständnis für so
was haben.
Falls er mal bei Erwin Waldner auf dem "Burrenhof"
vorbeikommt, werden ihm der Wirt und der Ebo gerne erzählen, wie's
früher war.
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