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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.       11. Jahrgang

 
 
 


 
    

Beinschuss gegen Beckenbauer (Buch 100 Jahre VfB Stuttgart, zu bestellen im VfB Sport-Shop )

Der VfB begnügt sich mit dem Schönheitspreis und den Sympathien die kühlen Bayern kassieren die Punkte (06/97)

Nach 193 Sekunden war der Weg frei. Als letzter Mann patscht Nationalspieler Markus Babbel den Ball mit der Hand fort und muss weil dies laut Regelwerk nicht einmal einem Nationalspieler vom FC Bayern gestattet ist, ab zum Duschen. Seliger VfB. Gut 86 Minuten gegen zehn Mann, 5207 Sekunden noch, genug Zeit, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Zur Pause, als die Münchner immer noch nicht klein beigeben mochten, verspricht ein Sympathisant auf der Tribüne des Olympiastadions dem VfB-Direktor den Sieg. "Diesmal wird's was, Herr Schäfer!" Mit einem Blick, so lang wie ein Steilpass aus dem eigenen Strafraum, schaut Ulrich Schäfer den Gewohnheitsoptimisten an: "Ihr Wort in Gottes Ohr. Aber i' glaub's net." Es steht 2:2.

Dann fällt das 3:2 durch Akpoborie. Auf der Prominentengalerie schält sich Matthias Kleinert blitzartig aus der knallroten Wärmedecke, legt einen Jitterbug aufs Betonparkett hin wie vor 40 Jahren und gerät beim anschließenden Versuch, sich wieder einzuwickeln, vor Begeisterung in die Gefahr der Selbsttötung mittels Strangulierung. Mercedes-Mann Kleinert ist Berliner, drum.

Gerhard Mayer-Vorfelder hingegen, der Ober-Stuttgarter, guckt mit der stoischen Ruhe eines Indianers, der schon viele Monde erlebt hat, in die Kameras. Gesichter lügen nicht. Und die Miene des Präsidenten spiegelt eine zwanzigjährige Leidensgeschichte: Was gut beginnt, nimmt meist ein schlimmes Ende. Vor allem, wenn die Geschichte sich um seinen VfB und den FC Bayern dreht.

So kam es. Vorstopper Kuffour, der öfter Heimaturlaub in Ghana macht als Ausflüge in die Hälfte gegnerischer Bundesligamannschaften, köpfelte den Ball zum Ausgleich ins Netz, nachdem er sich durch ein Menschengewimmel gewühlt hatte wie am Bahnsteig kurz vor der Zugabfahrt.

Also gut, 3:3. Pflichtschuldigst brabbelte Trainer Joachim Löw von einem vergebenen "big point", Fredi Bobic hatte ohnehin nichts anderes erwartet ("hab' ich mir gleich gedacht") und der Präsident seinen Hals gerettet. Für den Fall des Falles nämlich hatte der versprochen, sich mit Turn-As Eberhard Gienger per Fallschirm ins Neckarstadion abzuseilen. Der hohe Einsatz - beim letzten derartigen Unterfangen hatte er sich das Bein gebrochen - lässt vermuten, dass Gerhard Mayer-Vorfelder selbst nicht im Ernst die Einlösung der Wette befürchtet hatte.

Zwei Stunden später, auf der A 8, fuhr ein herbstlicher Faschingszug von München nach Stuttgart. VfB-Fans eskortierten in ihren Autos den Mannschaftsbus, schwenkten die Fahnen aus den Fenstern und das Hupkonzert klang astrein nach Siegesmarsch.

Sieg- Wo doch zwei Punkte auf der Strecke geblieben waren, eine ziemlich einmalige Chance glatt verpasst worden war- Wieder einmal, wie schon so oft. Wie fast immer in den letzten Jahren. Die Bundesliga-Statistik des Vfl3 gegen die Bayern ist eine Bilanz, die selbst nach der dritten Flasche Trollinger schlagartig nüchtern macht: 35 Niederlagen, 16 Unentschieden und nur zehn Siege. Hätte es die Dreipunkte-Regelung schon in den Anfängen des Profifußballs gegeben, es stünde 46:121. Und deshalb ist allen, deren Herz am VfB hängt, längst eine schwäbisch-exklusive Spielwertung ins Blut übergegangen: ein Sieg gegen die Bayern ist ein Wunder, ein Unentschieden ein Sieg und eine Niederlage normal.

VfB gegen Bayern, Bayern gegen VfB. Das wahre Derby des Südens. Und es gibt Gründe, weshalb fast immer die gleichen gewinnen. Grüblerisch sagt der Schwabe Uli Schäfer: "Sieg- I´ glaub's riet." Der echte Münchner spricht anders: "Mia san mia, stärker wia die Stier." Hier die Tüftler, die nachdenken, ausprobieren, sich mit Selbstzweifeln herumplagen, verwerfen, wieder von vorn beginnen. Rückschläge sind ein selbstverständlicher Teil des Lebens. Und dort die Bayern, die auftauchende Probleme einfach mit einer Maß Bier hinunterspülen. "Schwoam ma's obi - g'suffa." Dieses Selbstbewusstsein, prall wie das Dekolleté einer Oktoberfest-Bedienung, gilt erst recht auf dem Fußballplatz.

Zum Beispiel am 6. August 1977. Stuttgart war ein Rummelplatz, der VfB gerade wieder aufgestiegen. Der Himmel zeigte sein schönstes Gesicht, breit grinsend strahlte die Sommersonne herunter, schließlich war es das erste große Spiel nach zwei Jahren im Zweitliga-Keller. Und all die Namen der jungen Aufsteiger-Raketen! Karl-Heinz Förster, Bernd Martin, Markus Elmer, Hansi Müller oder Dieter Hoeneß. Sie stürmten, dass der Wasen wackelte - und die Münchner Abwehr. Zweimal wussten sich die Bayern nicht anders zu helfen als durch Fouls im Strafraum. Zweimal ignorierte Hansi Müller die Faxen von Sepp Maier, dem Fußball-Valentin, und schob die Kugel seelenruhig über die Linie. "Denkt nur an eure eigenen Stärken", hatte Jürgen Sundermann seinen Jungs eingebläut, "vergesst die Bayern." Doch als sie 3:2 in Führung lagen, verflog die Wirkung des Appells wie die einer Narkose. Und auf einmal kehrte der Schmerz zurück, erst ganz leicht und dann immer stärker. Was sie tapfer verdrängt hatten, fiel ihnen mit Schrecken wieder ein. In den Köpfen blinkte eine rote Warnschrift "Achtung, Achtung, Achtung" und die Beine wurden schwer vor Ehrfurcht. Im schlimmsten Moment setzten die Bayern das Messer zum Schnitt an. Chirurgisch sauber. 35 Sekunden vor dem Abpfiff bugsierte Bomber Müller den Ball über Roleders Linie, 3:3. Auf den Rängen schauten 70 000 wie die Schwälbchen, wenn's blitzt, und Bundestrainer Helmut Schön schüttelte lange sein weises Haupt: "Jaja, der Gerd." Und wäre er 20 Jahre später auf der Tribüne gesessen, hätte er vermutlich gesagt: "Ei verbibbsch, der Kuffour."

Der Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Bajuwaren, die ihr Städtchen - in aller Bescheidenheit - Weltstadt mit Herz nennen, ist eingeschweißt. Diesen quasi genetisch angelegten Fatalismus aber hat ausgerechnet ein schwäbischer Landsmann in Diensten der Bayern zum ebenso heiligen wie meist ohnmächtigen Zorn gesteigert. Seitdem Uli Hoeneß, das Cleverle aus Ulm, die Geschäfte der Münchner lenkt, sind die guten alten Zeiten endgültig vorbei, in denen man sich bei aller Rivalität und nolens volens als Schicksalsgemeinschaft des Südens empfand. Nicht, daß man wirklich etwas gegen Hoeneß hätte, er ist ja schließlich einer vom selben Schlag, der Kerle, der schlitzohrige. Aber, daß er immer wieder im Revier des VfB wildert und mit seiner Millionenschleuder die stolzesten Zwölfender schießt, ist irgendwie saugrob.

Für seinen ersten Blattschuss brauchte er sogar nur läppische 175 000 Mark Munition. Das war das Ablösesümmchen, das sich sein Bruder im Vertrag mit dem VfB hatte festschreiben lassen. So war es seinerzeit ausgemacht worden, zwischen Dieter Hoeneß und dem neuen Stuttgarter Präsidenten. Der Berater des Spielers hatte mit am Tisch gesessen: Hoeneß, der Ältere. So kam der FC Bayern im Jahre 1979 auf die billigste Tour zu einem erstklassigen Mittelstürmer, dafür verlor Gerhard Mayer-Vorfelder seinen Torjäger und eventuell vorhandene Illusionen, im Fußball könne es weniger trickreich zugehen als in der Politik. Und seitdem kennt MV die Ausgeburt des Schreckens: "Das Schlimmste wäre: SPD-Mitglied und Bayern-Fan."

Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass die Münchner ganz Württemberg auf die Palme brachten. Zum Beispiel die Sache mit Jürgen Klinsmann. Der war zwar schon etliche Jahre vorher vom Wasen aus auf Weltreise gegangen, aber als er von der britischen Insel in sein Heimatland zurückkehrte, hätten ihn die VfB-Fans schon gerne im Daimler-Stadion aufspielen sehen. Ein kurzer Blick in die Kasse hat sämtliche Hoffnungen schnell fahren lassen, und so blieb den Stuttgartern nur noch ein dringender Wunsch. Klinsmann kannte ihn. "Man verzeiht dir vieles, nur einen Wechsel nach München nicht." Erst als der Bäckermeister Siegfried Klinsmann seinem Sohn die Absolution erteilte, setzte Jürgen seinen Namen unter den Vertrag mit den Bayern. Aber den Spaß, den er beim VfB gratis bekommen hatte, den gab's bei den Bayern nur beim Blick aufs Konto.

Prophezeiungen ähnlich düsterer Art muhte sich auch Giovane Elber anhören, der Brasilianer, der am Neckar nicht nur fußballerisch heimisch geworden war. Was waren das für Zeiten! Kunst auf dem Rasen, gute Laune rings um den Wasen. Und in München- Dort meldete "Bild" schon nach zwei Monaten ganz aufgeregt: "Der Brasilianer mit Eis-Miene - Elber hat das Lachen verlernt." Vergeblich hatte Fredi Bobic, sein bester Spezi, die Schienbeinschoner herausgezogen und mit harten Bandagen gekämpft um den kongenialen Partner. Aber gegen einen prallen Geldbeutel ist auch die dickste Freundschaft halt oft nur ein Klacks. Einen schönen Gruß jedoch hatte Bobic dem scheidenden Partner mit in die neue Ehe gegeben: "Giovane, wenigstens hast du jetzt keinen Ärger mehr mit den Schiedsrichtern." Doch das ist wieder eine ganz andere Sache, die von komischen Elfmetern handelt, von merkwürdigen Platzverweisen und seltsamen Abseitstoren.

Irgendwie und irgendwann, sagt der Profiteur von falschen Referee-Pfiffen begütigend zum empörten Verlierer, gleicht sich im Fußball doch sowieso alles aus. Bisher hielten es die Schieris meist mit den mächtigen Bayern. Aber wenn die These stimmt, darf sich der VfB auf einige Geschenke in den nächsten Jahren freuen. Zum Beispiel auf eine Gabe wie im bitterkalten Februar 1994, als "Kaiser" Franz Beckenbauer sich erstmals auf dem Trainerthron des FC Bayern niederließ und anschließend vor Zorn kochend aus dem Stadion in den Schnee hinausstapfte. Der VfB Schweizer Adrian Knup hatte sich den Ball mit der Hand vorgelegt, Schiedsrichter Wiesel nix gesehen und Trainer Röbers Team 3:1 gewonnen. Ganz Deutschland schlug sich auf die Schenkel. Selbst in einem kleinen Kaff in Norwegen war der Eisbär los. In Lillehammer, wo sich die Winter-Olympioniken trafen, interessierte sich kein Mensch mehr für Abfahrtslauf oder Rodeln. Alles starrte fasziniert auf eine Riesenleinwand, wo Röbers Slalom-Asse Matthäus und Co. als Torlaufstangen benutzten.

Fast immer war das ja so: Den Bayern gehörten die Punkte, dem VfB die Sympathie. Donnernden Applaus gab es schon für Kleinkünstler wie Dieter Schwemmle, der dem großen Beckenbauer zu dessen bester Zeit die Kugel einmal zwischen den Hosenträgern hindurchmogelte. Beinschuss, Höchststrafe. Ein paar Wochen lang feierten sie Schwemmle in Cannstatt und Umgebung, als hätte er in einem Länderspiel gegen Brasilien einen Hattrick abgeliefert.

VfB gegen Bayern, Bayern gegen VfB. "Wenn du die Bayern schlägst", hat Jürgen Klinsmann gesagt, "ist die ganze Saison gerettet" - egal, welcher Tabellenplatz am Ende herausspringt. Willi Entenmann wäre einmal sogar im Handstand nach Stuttgart zurückgekehrt, wenn seine Jungs einen Auswärtssieg gelandet hätten. Er ist dann ganz bequem im Mannschaftsbus heimgefahren. "Dem VfB fehlt einfach der Mut, aufs Ganze zu gehen", hat Uli Hoeneß mal kurz und bündig festgestellt. Und der hat oft Recht.

Aber nicht immer. Im Fall Sigurvinsson etwa hat er einen Bock geschossen, der anderen Fußballmanagern den Stuhl unterm Hintern weggezogen hätte. Hoeneß hatte nämlich etwas übersehen, als er Asgeir Sigurvinsson 1981 von Standard Lüttich verpflichtete, den isländischen Spielmacher. Einen Spielmacher aber hatte er schon, einen bayerischen: Paul Breitner. Und der sorgte dafür, dass Sigurvinsson sein Geld auch ohne körperliche Beanspruchung auf der Ersatzbank verdiente. Nach einem Jahr hatte Asgeir gestrichen die Nase voll und floh unter Mitnahme aller Menschen, die ihm in der bayerischen Landeshauptstadt sympathisch waren. Also Frau und Kinder sowie den Libero Kurt Niedermayer. Zwei Jahre guckten die Münchner mit dem Ofenrohr, wie man in München sagt, ins Gebirge. In Stuttgart verloren sie 0:1, daheim reichte es gerade noch zu einem 2:2. Überragende VfBler- Sigurvinsson und Niedermayer, die ihr Team danach zum Meistertitel führten. Einen Zähler zurück wurden die Bayern nur Vierte. Die kleine Differenz hatte Trainer Lattek in der Person des Asgeir Sigurvinsson erkannt und die kluge Frage gestellt: "Wer hat denn den verkauft?"

Antwort: der gleiche, der auch Ludwig "Wiggerl" Kögl von der Isar an den Neckar schickte. Im letzten Meisterschaftsspiel der Saison 1992/93 gegen Bayer Leverkusen holte Kögl einen Elfmeter heraus und schlug kurz vor Schluß die butterweiche Flanke, die Guido Buchwald zum 2:1 einköpfelte. Wieder ließ sich der VfB als Deutscher Meister feiern. Mit Dank nach München.

     
   
     
   
     
   
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