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Beinschuss gegen Beckenbauer
(Buch 100 Jahre VfB Stuttgart, zu bestellen im VfB Sport-Shop
)
Der VfB begnügt sich mit dem Schönheitspreis und
den Sympathien die kühlen Bayern kassieren die Punkte (06/97)
Nach 193 Sekunden war der Weg frei. Als letzter Mann
patscht Nationalspieler Markus Babbel den Ball mit der Hand fort und
muss weil dies laut Regelwerk nicht einmal einem Nationalspieler vom FC
Bayern gestattet ist, ab zum Duschen. Seliger VfB. Gut 86 Minuten gegen
zehn Mann, 5207 Sekunden noch, genug Zeit, um der Gerechtigkeit zum Sieg
zu verhelfen. Zur Pause, als die Münchner immer noch nicht klein
beigeben mochten, verspricht ein Sympathisant auf der Tribüne des
Olympiastadions dem VfB-Direktor den Sieg. "Diesmal wird's was, Herr
Schäfer!" Mit einem Blick, so lang wie ein Steilpass aus dem eigenen
Strafraum, schaut Ulrich Schäfer den Gewohnheitsoptimisten an: "Ihr Wort
in Gottes Ohr. Aber i' glaub's net." Es steht 2:2.
Dann fällt das 3:2 durch Akpoborie. Auf der
Prominentengalerie schält sich Matthias Kleinert blitzartig aus der
knallroten Wärmedecke, legt einen Jitterbug aufs Betonparkett hin wie
vor 40 Jahren und gerät beim anschließenden Versuch, sich wieder
einzuwickeln, vor Begeisterung in die Gefahr der Selbsttötung mittels
Strangulierung. Mercedes-Mann Kleinert ist Berliner, drum.
Gerhard
Mayer-Vorfelder hingegen, der Ober-Stuttgarter, guckt mit der stoischen
Ruhe eines Indianers, der schon viele Monde erlebt hat, in die Kameras.
Gesichter lügen nicht. Und die Miene des Präsidenten spiegelt eine
zwanzigjährige Leidensgeschichte: Was gut beginnt, nimmt meist ein
schlimmes Ende. Vor allem, wenn die Geschichte sich um seinen VfB und
den FC Bayern dreht.
So kam es. Vorstopper Kuffour, der öfter Heimaturlaub
in Ghana macht als Ausflüge in die Hälfte gegnerischer
Bundesligamannschaften, köpfelte den Ball zum Ausgleich ins Netz,
nachdem er sich durch ein Menschengewimmel gewühlt hatte wie am
Bahnsteig kurz vor der Zugabfahrt.
Also gut, 3:3. Pflichtschuldigst brabbelte Trainer
Joachim Löw von einem vergebenen "big point", Fredi Bobic hatte ohnehin
nichts anderes erwartet ("hab' ich mir gleich gedacht") und der
Präsident seinen Hals gerettet. Für den Fall des Falles nämlich hatte
der versprochen, sich mit Turn-As Eberhard Gienger per Fallschirm ins
Neckarstadion abzuseilen. Der hohe Einsatz - beim letzten derartigen
Unterfangen hatte er sich das Bein gebrochen - lässt vermuten, dass
Gerhard Mayer-Vorfelder selbst nicht im Ernst die Einlösung der Wette
befürchtet hatte.
Zwei Stunden später, auf der A 8, fuhr ein
herbstlicher Faschingszug von München nach Stuttgart. VfB-Fans
eskortierten in ihren Autos den Mannschaftsbus, schwenkten die Fahnen
aus den Fenstern und das Hupkonzert klang astrein nach Siegesmarsch.
Sieg- Wo doch zwei Punkte auf der Strecke geblieben
waren, eine ziemlich einmalige Chance glatt verpasst worden war- Wieder
einmal, wie schon so oft. Wie fast immer in den letzten Jahren. Die
Bundesliga-Statistik des Vfl3 gegen die Bayern ist eine Bilanz, die
selbst nach der dritten Flasche Trollinger schlagartig nüchtern macht:
35 Niederlagen, 16 Unentschieden und nur zehn Siege. Hätte es die
Dreipunkte-Regelung schon in den Anfängen des Profifußballs gegeben, es
stünde 46:121. Und deshalb ist allen, deren Herz am VfB hängt, längst
eine schwäbisch-exklusive Spielwertung ins Blut übergegangen: ein Sieg
gegen die Bayern ist ein Wunder, ein Unentschieden ein Sieg und eine
Niederlage normal.
VfB gegen Bayern, Bayern gegen VfB. Das wahre Derby
des Südens. Und es gibt Gründe, weshalb fast immer die gleichen
gewinnen. Grüblerisch sagt der Schwabe Uli Schäfer: "Sieg- I´ glaub's
riet." Der echte Münchner spricht anders: "Mia san mia, stärker wia die
Stier." Hier die Tüftler, die nachdenken, ausprobieren, sich mit
Selbstzweifeln herumplagen, verwerfen, wieder von vorn beginnen.
Rückschläge sind ein selbstverständlicher Teil des Lebens. Und dort die
Bayern, die auftauchende Probleme einfach mit einer Maß Bier
hinunterspülen. "Schwoam ma's obi - g'suffa." Dieses Selbstbewusstsein,
prall wie das Dekolleté einer Oktoberfest-Bedienung, gilt erst recht auf
dem Fußballplatz.
Zum Beispiel am 6. August 1977. Stuttgart war ein
Rummelplatz, der VfB gerade wieder aufgestiegen. Der Himmel zeigte sein
schönstes Gesicht, breit grinsend strahlte die Sommersonne herunter,
schließlich war es das erste große Spiel nach zwei Jahren im
Zweitliga-Keller. Und all die Namen der jungen Aufsteiger-Raketen!
Karl-Heinz Förster, Bernd Martin, Markus Elmer, Hansi Müller oder Dieter
Hoeneß. Sie stürmten, dass der Wasen wackelte - und die Münchner Abwehr.
Zweimal wussten sich die Bayern nicht anders zu helfen als durch Fouls
im Strafraum. Zweimal ignorierte Hansi Müller die Faxen von Sepp Maier,
dem Fußball-Valentin, und schob die Kugel seelenruhig über die Linie.
"Denkt nur an eure eigenen Stärken", hatte Jürgen Sundermann seinen
Jungs eingebläut, "vergesst die Bayern." Doch als sie 3:2 in Führung
lagen, verflog die Wirkung des Appells wie die einer Narkose. Und auf
einmal kehrte der Schmerz zurück, erst ganz leicht und dann immer
stärker. Was sie tapfer verdrängt hatten, fiel ihnen mit Schrecken
wieder ein. In den Köpfen blinkte eine rote Warnschrift "Achtung,
Achtung, Achtung" und die Beine wurden schwer vor Ehrfurcht. Im
schlimmsten Moment setzten die Bayern das Messer zum Schnitt an.
Chirurgisch sauber. 35 Sekunden vor dem Abpfiff bugsierte Bomber Müller
den Ball über Roleders Linie, 3:3. Auf den Rängen schauten 70 000 wie
die Schwälbchen, wenn's blitzt, und Bundestrainer Helmut Schön
schüttelte lange sein weises Haupt: "Jaja, der Gerd." Und wäre er 20
Jahre später auf der Tribüne gesessen, hätte er vermutlich gesagt: "Ei
verbibbsch, der Kuffour."

Der Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Bajuwaren,
die ihr Städtchen - in aller Bescheidenheit - Weltstadt mit Herz nennen,
ist eingeschweißt. Diesen quasi genetisch angelegten Fatalismus aber hat
ausgerechnet ein schwäbischer Landsmann in Diensten der Bayern zum
ebenso heiligen wie meist ohnmächtigen Zorn gesteigert. Seitdem Uli
Hoeneß, das Cleverle aus Ulm, die Geschäfte der Münchner lenkt, sind die
guten alten Zeiten endgültig vorbei, in denen man sich bei aller
Rivalität und nolens volens als Schicksalsgemeinschaft des Südens
empfand. Nicht, daß man wirklich etwas gegen Hoeneß hätte, er ist ja
schließlich einer vom selben Schlag, der Kerle, der schlitzohrige. Aber,
daß er immer wieder im Revier des VfB wildert und mit seiner
Millionenschleuder die stolzesten Zwölfender schießt, ist irgendwie
saugrob.
Für seinen ersten Blattschuss brauchte er sogar nur
läppische 175 000 Mark Munition. Das war das Ablösesümmchen, das sich
sein Bruder im Vertrag mit dem VfB hatte festschreiben lassen. So war es
seinerzeit ausgemacht worden, zwischen Dieter Hoeneß und dem neuen
Stuttgarter Präsidenten. Der Berater des Spielers hatte mit am Tisch
gesessen: Hoeneß, der Ältere. So kam der FC Bayern im Jahre 1979 auf die
billigste Tour zu einem erstklassigen Mittelstürmer, dafür verlor
Gerhard Mayer-Vorfelder seinen Torjäger und eventuell vorhandene
Illusionen, im Fußball könne es weniger trickreich zugehen als in der
Politik. Und seitdem kennt MV die Ausgeburt des Schreckens: "Das
Schlimmste wäre: SPD-Mitglied und Bayern-Fan."
Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass die
Münchner ganz Württemberg auf die Palme brachten. Zum Beispiel die Sache
mit Jürgen Klinsmann. Der war zwar schon etliche Jahre vorher vom Wasen
aus auf Weltreise gegangen, aber als er von der britischen Insel in sein
Heimatland zurückkehrte, hätten ihn die VfB-Fans schon gerne im
Daimler-Stadion aufspielen sehen. Ein kurzer Blick in die Kasse hat
sämtliche Hoffnungen schnell fahren lassen, und so blieb den
Stuttgartern nur noch ein dringender Wunsch. Klinsmann kannte ihn. "Man
verzeiht dir vieles, nur einen Wechsel nach München nicht." Erst als der
Bäckermeister Siegfried Klinsmann seinem Sohn die Absolution erteilte,
setzte Jürgen seinen Namen unter den Vertrag mit den Bayern. Aber den
Spaß, den er beim VfB gratis bekommen hatte, den gab's bei den Bayern
nur beim Blick aufs Konto.
Prophezeiungen
ähnlich düsterer Art muhte sich auch Giovane Elber anhören, der
Brasilianer, der am Neckar nicht nur fußballerisch heimisch geworden
war. Was waren das für Zeiten! Kunst auf dem Rasen, gute Laune rings um
den Wasen. Und in München- Dort meldete "Bild" schon nach zwei Monaten
ganz aufgeregt: "Der Brasilianer mit Eis-Miene - Elber hat das Lachen
verlernt." Vergeblich hatte Fredi Bobic, sein bester Spezi, die
Schienbeinschoner herausgezogen und mit harten Bandagen gekämpft um den
kongenialen Partner. Aber gegen einen prallen Geldbeutel ist auch die
dickste Freundschaft halt oft nur ein Klacks. Einen schönen Gruß jedoch
hatte Bobic dem scheidenden Partner mit in die neue Ehe gegeben:
"Giovane, wenigstens hast du jetzt keinen Ärger mehr mit den
Schiedsrichtern." Doch das ist wieder eine ganz andere Sache, die von
komischen Elfmetern handelt, von merkwürdigen Platzverweisen und
seltsamen Abseitstoren.
Irgendwie und irgendwann, sagt der Profiteur von
falschen Referee-Pfiffen begütigend zum empörten Verlierer, gleicht sich
im Fußball doch sowieso alles aus. Bisher hielten es die Schieris meist
mit den mächtigen Bayern. Aber wenn die These stimmt, darf sich der VfB
auf einige Geschenke in den nächsten Jahren freuen. Zum Beispiel auf
eine Gabe wie im bitterkalten Februar 1994, als "Kaiser" Franz
Beckenbauer sich erstmals auf dem Trainerthron des FC Bayern niederließ
und anschließend vor Zorn kochend aus dem Stadion in den Schnee
hinausstapfte. Der VfB Schweizer Adrian Knup hatte sich den Ball mit der
Hand vorgelegt, Schiedsrichter Wiesel nix gesehen und Trainer Röbers
Team 3:1 gewonnen. Ganz Deutschland schlug sich auf die Schenkel. Selbst
in einem kleinen Kaff in Norwegen war der Eisbär los. In Lillehammer, wo
sich die Winter-Olympioniken trafen, interessierte sich kein Mensch mehr
für Abfahrtslauf oder Rodeln. Alles starrte fasziniert auf eine
Riesenleinwand, wo Röbers Slalom-Asse Matthäus und Co. als
Torlaufstangen benutzten.
Fast immer war das ja so: Den Bayern gehörten die
Punkte, dem VfB die Sympathie. Donnernden Applaus gab es schon für
Kleinkünstler wie Dieter Schwemmle, der dem großen Beckenbauer zu dessen
bester Zeit die Kugel einmal zwischen den Hosenträgern hindurchmogelte.
Beinschuss, Höchststrafe. Ein paar Wochen lang feierten sie Schwemmle in
Cannstatt und Umgebung, als hätte er in einem Länderspiel gegen
Brasilien einen Hattrick abgeliefert.
VfB
gegen Bayern, Bayern gegen VfB. "Wenn du die Bayern schlägst", hat
Jürgen Klinsmann gesagt, "ist die ganze Saison gerettet" - egal, welcher
Tabellenplatz am Ende herausspringt. Willi Entenmann wäre einmal sogar
im Handstand nach Stuttgart zurückgekehrt, wenn seine Jungs einen
Auswärtssieg gelandet hätten. Er ist dann ganz bequem im Mannschaftsbus
heimgefahren. "Dem VfB fehlt einfach der Mut, aufs Ganze zu gehen", hat
Uli Hoeneß mal kurz und bündig festgestellt. Und der hat oft Recht.
Aber nicht immer. Im Fall Sigurvinsson etwa hat er
einen Bock geschossen, der anderen Fußballmanagern den Stuhl unterm
Hintern weggezogen hätte. Hoeneß hatte nämlich etwas übersehen, als er
Asgeir Sigurvinsson 1981 von Standard Lüttich verpflichtete, den
isländischen Spielmacher. Einen Spielmacher aber hatte er schon, einen
bayerischen: Paul Breitner. Und der sorgte dafür, dass Sigurvinsson sein
Geld auch ohne körperliche Beanspruchung auf der Ersatzbank verdiente.
Nach einem Jahr hatte Asgeir gestrichen die Nase voll und floh unter
Mitnahme aller Menschen, die ihm in der bayerischen Landeshauptstadt
sympathisch waren. Also Frau und Kinder sowie den Libero Kurt
Niedermayer. Zwei Jahre guckten die Münchner mit dem Ofenrohr, wie man
in München sagt, ins Gebirge. In Stuttgart verloren sie 0:1, daheim
reichte es gerade noch zu einem 2:2. Überragende VfBler- Sigurvinsson
und Niedermayer, die ihr Team danach zum Meistertitel führten. Einen
Zähler zurück wurden die Bayern nur Vierte. Die kleine Differenz hatte
Trainer Lattek in der Person des Asgeir Sigurvinsson erkannt und die
kluge Frage gestellt: "Wer hat denn den verkauft?"
Antwort: der gleiche, der auch Ludwig "Wiggerl" Kögl
von der Isar an den Neckar schickte. Im letzten Meisterschaftsspiel der
Saison 1992/93 gegen Bayer Leverkusen holte Kögl einen Elfmeter heraus
und schlug kurz vor Schluß die butterweiche Flanke, die Guido Buchwald
zum 2:1 einköpfelte. Wieder ließ sich der VfB als Deutscher Meister
feiern. Mit Dank nach München.
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