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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.      11. Jahrgang

 
 
 


 
 
 
 
  

Und ich war nicht dabei

von Manfred Rommel (06/97)

Als der VfB am 14. Juni 1997 im Olympiastadion in Berlin gegen Energie Cottbus vor 75 000 Zuschauern das Pokalendspiel gewann und damit Pokalsieger wurde, war ich nicht dabei. Man hatte mich nicht aufgefordert und ich wäre auch nicht hingegangen aus Gründen, die ich nachher darlegen werde. Ich befand mich an diesem Tage in der Schweiz. Nur gelegentlich erfuhr ich aus dem Autoradio den Stand des Spiels. Als der Sieg gewiss war, freute ich mich im Blick auf die Schweizer Gastgeber zurückhaltend, aber sehr, zumal die Landeshauptstadt Stuttgart in Vorahnung des Ereignisses bereits zur Siegesfeier eingeladen hatte. Die Siegesfeier am anderen Tag war ein kollektiver Freudentaumel. Und das in einer Stadt, in welcher in den dreißiger Jahren der schüchterne Versuch, einen Faschingszug zu organisieren, von der Presse mit den Worten kommentiert wurde: "Ein Trauerkondukt hätte nicht würdiger empfangen werden können." Der VfB hat Stuttgart Ruhm und Ehre gebracht und dazu die Stadt fast nichts gekostet. Zwar hat er wiederholt Versuche unternommen, die Stadt zu finanziellen Leistungen oder wenigstens zu finanziellen Entgegenkommen zu veranlassen, doch sind diese Versuche alle an dem unbändigen Optimismus der Landeshauptstadt gescheitert, der VfB werde es schon aus eigener Kraft schaffen, und in der Tat, so war es. Das oberste politische Prinzip der Stadt war und bleibt hoffentlich auch das Bibelwort: "Viele kommen zu Unfall um des Geldes willen und verderben darüber vor ihren Augen" (Sir 31.6). Überdies ist schwer zu sagen, wie sich der Himmel zum Sport einstellt. Es gibt in der Heiligen Schrift zwei Aussagen, die hier herangezogen werden können. Die eine steht in Timotheus 4.8 und lautet: "Denn die leibliche Übung ist wenig nütze, aber die Frömmigkeit ist zu allen Dingen nütze." Und die andere verheißt sogar, dass im Himmel Sport getrieben wird, denn bei Maleachi 3.20 lesen wir: "Ihr werdet Freudensprünge machen wie die Kälber, die man aus dem engen Stall auf die Weide lässt." Wer denkt da nicht an den Verein für Bewegungsspiele- Ich meine, es ist angemessen, in einer Stadt, in der nicht nur der VfB seinen Sitz hat, sondern auch die meisten Bibeln verlegt werden, auf diese beiden Worte hinzuweisen. Der in Fußballerkreisen weit verbreitete angebliche Bibelspruch Jesus stand im Tor und seine Jünger abseits" kommt in der Heiligen Schrift nicht vor.

Der evangelische Altwürttemberger lässt im allgemeinen seinen Leidenschaften keinen freien Lauf, weil diese ihm verdächtig sind. Er presst es in sein Inneres und überlässt es seinem Unterbewusstsein, mit ihnen fertig zu werden. Dort schaffen sie im Stillen weiter, um schließlich irgendwann in Form von unmotivierten Einfällen wieder nach außen zu kommen. Deshalb gilt der Württemberger bei vielen Bayern als verdruckt, wenn nicht sogar als falsch. Das ist er aber nicht, er ist nur kompliziert, was bei seinem Umgang mit den Gefühlen und Leidenschaften nicht wundern muss. Der Fußball hat die Wirkung, dass selbst der eingefleischte Altwürttemberger seine inneren Sperren durchbricht und ermutigt durch Söhne und Töchter anderer deutscher Stämme sowie durch italienische, griechische, serbische, bosnische und türkische Stuttgarter geradezu enthemmt seine unterdrückten Leidenschaften hinauslässt. Er kommt voller innerer Zwänge, und er geht, von den Zwängen befreit, man könnte auch sagen "entsorgt", natürlich nur, wenn der VfB gewonnen hat. Hat der VfB nicht gesiegt, ist er betrübt, aber er weiß wenigstens, warum. Schon der Anmarsch zum Stadion ist eindrucksvoll. Rotweißrote Mützen und Schals überall, auch kleine Fähnchen und Wimpel. Vau-Eff-Be-Rufe ertönen aus tausend Kehlen. Gesang erklingt, bricht wieder ab, wie im Kino, wenn es zu einer Schlacht geht. In Wirklichkeit vergeht einem dann wohl das Singen. jawohl, es ist ein patriotisches, wenn auch lokalpatriotisches Ereignis, das bevorsteht. Es geht um Prestige, um Ehre. Wessen Ehre- So genau lässt sich das nicht definieren. Ein Spitzbube, wer am Sieg zweifelt. "Mir gewinnet, des isch glasklar!" Dann geht's ins Stadion. Wieder wird gesungen. Diesmal im Chor: "Immer wieder, immer wieder, immer wieder Vau-Eff-Be!" oder jetzt geht's lohos, jetzt geht's lohos!"

Ein elementares, archaisches Bedürfnis tritt hier zutage. Wie wir von Tacitus wissen, haben sich die alten Germanen durch Liedvorträge, die sie Barditus nannten, zum Kampfe Mut gemacht. Es heißt in der "Germania": je nachdem der Gesang mutig oder zaghaft aus ihren Reihen ertönt, flößt er den Feinden oder ihnen selbst Furcht und Schrecken ein und er ist für sie mehr ein gemeinsamer Schlag ihrer tapferen Herzen als ein Zusammenklang ihrer Stimmen. Hauptsächlich kommt es ihnen auf Rauheit des Tones und auf dumpf dröhnenden Widerhall an." Wer erkennt in diesem Text nicht den Gesang der VfB-Fans-

Es gibt natürlich weiteres Liedgut, das sich zum kollektiven Vortrag im Daimlerstadion weniger eignet. Zum Beispiel jenes Lied, das etwas Ziehendes hat, wie die meisten Volkslieder (Hegel). Es lautet:

"Und wenn i-be malgestorben bin, 
dann tragt mich zum Friedhof hin, 
und um die kalte Brustgespannt, 
das rot-weiß-rote Fußballband. "

Ich habe diesen Gesang einmal Ende der Sechzigerjahre im Staatsministerium gehört, wo im Erdgeschoss ein Staatsempfang, im oberen Geschoss aber eine private Feier von Fußballfreunden stattfand, die das schöne Lied laut und in der Tradition des Barditus zum Vortrag brachten, so dass die Staatsgäste ein unverhofftes Kunsterlebnis hatten. Die Badener singen auch, wenn der KSC oder der SC Freiburg spielt oder gewinnt. Meistens stimmen sie, wenn ihr Verein gewonnen hat, das Badenerlied an, das jeder Badener schon vor dem ABC lernen muss, und das im späteren Verlauf antischwäbische Stellen hat. Wenn ein Schwabe einem solchen Ereignis beiwohnt, ist er gut beraten, wenn er sich nicht als solcher zu erkennen gibt etwa dadurch, dass er Worte wie "soso", "hano", "au wieder" verwendet. Am besten ist es, er sagt gar nichts und geht still von dannen. In Württemberg ist solcher Nationalismus unbekannt. Die schöne Hymne Justinus Kerners "Preisend mit viel schönen Reden" wird nie nach einem VfB-Spiel gesungen, zumal der Text nicht bekannt ist. Sogar auf dem Cannstatter Volksfest muss der Text jeweils verteilt werden, um einen zaghaften von der Kapelle weithin übertönten Gesang auszulösen. Man kann sich auch ohne weiteres als Karlsruher, Freiburger oder Lörracher zu erkennen geben, die Stuttgarter sind stolz darauf, wenn von so weit her Menschen hier herkommen. Lediglich unseren bayrischen Freunden rate ich zur Zurückhaltung, wenn der FC Bayern München nach Stuttgart kommt, denn die Bayern sind ein Angstgegner.

Aber trotz der Existenz des FC Bayern hat es der VfB viermal zum Deutschen Meister gebracht, zuletzt 1984 und 1992, also während meiner Amtszeit als Oberbürgermeister. Ich habe auch an diesen Siegen wesentlichen Anteil. Denn es ist experimentell erwiesen, dass der VfB verliert, wenn ich im Stadion bin. Deshalb bin ich trotz Freikarte und Fußball-Leidenschaft grundsätzlich nicht ins Stadion gegangen. Das war schmerzlich. Aber für Stuttgart und den VfB war mir kein Opfer zu groß. Einmal ließ ich mich von der Leidenschaft hinreißen, das düstere Verdikt des Schicksals zu missachten. Schon bei der Hinfahrt mahnten mich die Fans zur Umkehr. Ich hätte auf sie hören sollen. Die erste Halbzeit verlief katastrophal. Ich verließ auf Hinweis von Gerhard Mayer-Vorfelder hastig das Stadion. Aber das Schicksal war bereits verstimmt. Der VfB verlor. Er kann im übrigen aber auch verlieren, wenn ich nicht im Stadion bin. Doch wenn ich dort bin, verliert er immer.
Der Verein für Bewegungsspiele ist eine feste Säule, auf der das gesellschaftliche Leben in Stuttgart ruht. Er bewegt etwas. Bewegungsspiele stehen im Gegensatz zum Mikadospiel, das als der Lieblingssport der Bürokraten gilt: Wer sich zuerst bewegt, hat verloren. Nicht nur die Sportler und die Spieler bewegen sich, auch die Zuschauer. Sie sind innerlich bewegt. Wer es einmal erlebt hat, wie bei einer nicht genutzten Torchance der Jubelruf jäh in den Wehlaut der Enttäuschung umgeschlagen hat, der weiß, wovon ich rede. Sie springen vor Erregung auf und setzen sich wieder hin. Wer auf einem Klappsitz Platz genommen hat, dem sei im übrigen empfohlen, sich zunächst zu vergewissern, ob der Sitz unten ist, bevor er sich wieder hinsetzt. Der VfB fördert den Gemeinschaftsgeist und den Zusammenhalt. Er wirkt dem so genannten Individualismus, also der egozentrischen Sichtweise entgegen. Er ist staatstragend. Seine Mannschaft ist ein Modell der Interkulturalität. Sein Präsident ein Vorbild für die Jugend.

Das hundertste Jubiläum des VfB im Jahre 1993 wurde zu Recht bei Anwesenheit von viel Prominenz feierlich begangen. Die Grußwortredner drängelten regelrecht zur Bühne. jeder versuchte, so lang wie möglich zu sagen, wie es ihm ums Herz war, beziehungsweise, was in seinem Manuskript stand. Lange musste der Festredner, der damalige Präsident des Bundesverfassungsgerichtes und heutige Bundespräsident Professor Dr. Herzog warten, bis er endlich das Wort ergreifen konnte. Mit gutem Grund war der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes bei diesem Jubiläum anwesend. Denn nichts fördert so sehr das Bewusstsein für Spielregeln wie der Sport. Beim Hochsprung kann niemand unter der Latte hindurch springen und frech rufen: "Ich habe gewonnen!" In Politik, Wirtschaft und Gesellschaft passiert das jeden Tag.

Die Regeln für den Fußball sind ausgesprochen kompliziert und schwer zu erlernen, zumal der Unkundige von den Wissenden während des Spiels, wenn überhaupt, nur eine unwirsche und unzulängliche Auskunft erhält. Ich schlage mich bis zum heutigen Tag mit dem Begriff "Abseits" herum. Früher glaubte ich, "Abseits" liege schon dann vor, wenn jemand am Tor vorbei schießt. Um in der Gemeinschaft der Fans nicht wie ein Holzklotz herumzusitzen, sondern vielmehr eine gewisse Anteilnahme zu zeigen, rief ich deshalb jedes Mal, wenn der Ball am Tor vorbei ging: "Abseits!" Das erregte das Erstaunen, ja man kann schon sagen, Befremden meiner Nebensitzer, woraus ich schloss, um es juristisch auszudrücken, dass dieser Vorgang den Tatbestand des Abseits nicht erfüllt. Später erfuhr ich dann, Abseits sei, wenn einer hinter der gegnerischen Mannschaft steht und von einem Mitglied der eigenen Mannschaft den Ball zugespielt bekommt. Dann darf er von den dadurch eröffneten Möglichkeiten keinen Gebrauch machen, beziehungsweise, er wird durch den Pfiff des Schiedsrichters daran gehindert. Wenn er aber den Ball von einem Mitglied der gegnerischen Mannschaft hat, dann darf er. Überdies gibt es noch eine Abseitsfalle. Diese liegt dann vor, wenn zunächst kein Abseits ist, aber dann plötzlich doch, weil Mitglieder der gegnerischen Mannschaft plötzlich dort, wo sie vorher waren, weggesprungen sind.
Nein, entgegen der Vorurteile der Sportbanausen, erfordert es erhebliche Geisteskräfte, ein Fußballspiel zu gestalten und sachkundig zu verfolgen. Bei Spielen, die für den Tabellenplatz des VfB keine Bedeutung hatten, kamen mir immer wieder Fragen in den Sinn, für die ich an Ort und Stelle keine Antwort erhalten konnte. Zum Beispiel grübelte ich immer wieder darüber nach, was geschähe, wenn die Hälfte einer Mannschaft die gelb-rote oder die rote Karte gesehen hat. Heute weiß ich, dank der Auskunft Sachkundiger, dass dieser Fall klug vorausbedacht ist. Wenn mehr als vier einer Mannschaft hinausgewiesen werden, wird das Spiel abgebrochen und zulasten der Mannschaft, die den herben Schwund ihrer Mannschaftsstärke zu verzeichnen hat, mit null zu drei Punkten als verloren angesehen. Überdies werden die Regeln immer wieder geändert, wie jetzt auch die deutsche Rechtschreibung. Zum Beispiel darf der Torwart, wenn er den Ball einmal hat, diesen nicht längere Zeit behalten, sondern muss ihn nach drei Sekunden wieder hergeben. Wenn dem Torwart der Ball zugespielt wird, kann er diesen nicht mehr aufnehmen und kunstvoll mit seiner rechten Hand an seiner linken Seite vorbei werfen.

Das alles ist bereits etwas für Fortgeschrittene. Der Fußballneuling erkundige sich zunächst einmal diskret, welches die eigene Mannschaft ist, damit er sich nicht während der ersten Halbzeit darüber freut, wenn die gegnerische Mannschaft ein Tor schießt. Meistens erhält er nützliche Hinweise auf der Tafel. Sodann präge er sich ein, dass ein dunkel gekleideter Herr im Spielfeld im allgemeinen nicht mitspielt, weil er der Schiedsrichter ist. Dieser Herr sieht ins Innere der Spieler hinein. Er weiß zum Beispiel, ob ein Spieler aus Tappigkeit über die Füße eines Spielers der gegnerischen Mannschaft gestolpert oder von dem Gegner mit Absicht zu Fall gebracht worden ist. Der Schiedsrichter ist sehr empfindlich und deshalb leicht zu beleidigen. Beim geringsten Anlass zieht er die gelbe oder bzw. und die rote Karte heraus. Auf der Ehrentribüne sitzt der Präsident, Gerhard Mayer-Vorfelder, zugleich Finanzminister des Landes Baden-Württemberg. Unter den bekannten Gesichtern ist seines das bekannteste. Niemand vermag, wenn es beim VfB schlecht geht, seinem Gram eindrucksvoller Ausdruck zu geben als er. Manchmal springt er auf, läuft im Kreise herum und nimmt wieder Platz, scheinbar wieder ruhig.

Der VfB nimmt regelrecht von seinen Fans Besitz. Das ergibt sich auch aus dem reichen und erstklassigen Warenangebot, das er diesen unterbreitet und von dem gerne Gebrauch gemacht wird. VfB-Trikots, VfB-Unterwäsche, ja sogar VfB-Wurst und VfB-Käse sind zu haben. Ich besitze ein VfB-Mützchen und ein dazu gehöriges Fähnchen. Zu dem beachtlichen Sachwert gesellt sich der ideelle Wert. Das schätzt man als Württemberger. Die Zurückhaltung der Stadt gegenüber dem VfB in Finanzahngelegenheiten hat manchmal zu vorübergehenden Verstimmungen geführt. Einmal wollte der Präsident sogar den Namen "Stuttgart" vom Trikot entfernen lassen, aber er musste schließlich erkennen, dass dies eine Rathausspitze, deren oberster Grundsatz ist lieber fünf Minuten geschämt als zuviel Geld ausgegeben" nicht erschüttern kann. Aber wir haben auch einiges für den VfB getan. Eine Rasenheizung wurde eingebaut, damit unsere Spieler auch im Winter warme Füße haben. Die Weltmeisterschaften in der Leichtathletik haben wir mit vielen Mühen nach Stuttgart geholt, damit das Daimler-Stadion endlich ein Dach bekommt.

Doch niemand kann ableugnen: Stuttgart und die Region haben durch den VfB Glanz und großes Ansehen bekommen. Und viele tausend Menschen haben am VfB eine große Freude. Wir schulden dem VfB, seiner Mannschaft, seinen Funktionären und Förderern, vor allem aber seinem Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder, Dank.

   
  
   
   
  
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