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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.      11. Jahrgang

 
 
 


 
 
 
 
  

.. doch am Ende brennen die Wunderkerzen (Buch 100 Jahre VfB Stuttgart, zu bestellen im VfB Sport-Shop )

Die siebziger Jahre. Der VfB fährt Achterbahn. UEFA-Cup-Halbfinale, Abstieg und Chaos. Und dann die Wiedergeburt.  (06/97)

Im 27. November 1975 setzt sich Gerhard Mayer-Vorfelder, der Präsident des VfB Stuttgart, zornig an seine Schreibmaschine und tippt den folgenden Protestbrief an Prof. Dr. Bausch, den Chef des Süddeutschen Rundfunks:

"Sehr geehrter Herr Intendant, ich möchte Sie über einen Sachverhalt unterrichten, der zu einer Auseinandersetzung Zwischen der Sportredaktion Ihres Hauses und dem VfB Stuttgart geführt bat. In der Sportsendung 'S 3´am Sonntag , den 16. November 1975, berichteten die Sportredakteure Million und Kaiser über das Spiel des VfB Stuttgart gegen Schweinfurt 05. Im Zuge einer Konferenzschaltung bemerkte Herr Million unter anderem, dass er sofort wieder an das Funkhaus zurückgebe, da dieses Spiel des VfB keine Sekunde Sprechzeit mehr wert sei. Im gleichen Zusammenhang gab Herr Kaiser einen Witz´ zum besten, wonach in Zukunft an den Wurstständen vor dem Neckarstadion Hundefutter verkauft würde, da sowieso nur noch 'blöde Hunde' zu den Spielen des VfB geben würden."

Stuttgart im Herbst. Rauh war das Fußballklima um den VfB in jenen siebziger Jahren. jedenfalls in den frühen. Es war alles ein bisschen anders gekommen, als Mayer-Vorfelders Vorgänger, der Präsident Weitpert, es im Sinn gehabt hatte. "Ich will den VfB ganz nach oben führen" - so hatte er sich im August 1969 eingeführt. Da sich der Stuttgarter Großverleger mit Titeln auskannte - er war unter anderem Senator der Mainzer Gutenberg-Gesellschaft und Honorarkonsul von Togo - waren alle ganz zuversichtlich.

Schon weil Branko Zebec als Trainer kam. Beim FC Bayern hatte sich der einstige jugoslawische Weltklassespieler im Umgang mit den dortigen Stars als Meister seines Fachs profiliert. Doch beim VfB scheiterte er. 1971 reichte es nur zu Platz zwölf. Und dann passierte auch noch der Bundesliga-Bestechungsskandal.

Drei der rund dreißig deutschen Profis, die die schnelle Mark machen wollten und im Abstiegskampf der Saison 70/71 Spiele verkauften, waren vom VfB: die Abwehrspieler Hans Arnold und Hans Eisele und Torjäger Hartmut Weiß. Vor dem Spiel in Bielefeld übergab der Geldbote Neumann, ein Arminen-Spieler, dem VfB-Trio an einer Autobahn-Tankstelle zwischen Heilbronn und Mannheim 45.000 Mark. Man teilte. Später bekam jeder noch 3000 Mark dazu. "Die Ereignisse", erklärte VfB-Chef Weitpert aschfahl vor der Presse, "haben uns überrollt Für uns war es ein harter Schlag, so dass wir vor der Frage standen, ob wir weitermachen sollten oder nicht." Sie hätten besser aufgehört - denn am Ende stand nicht der Titel, sondern der Abstieg.

Die größte Sünde war wohl, dass die neue VfB-Führung im Rahmen einer gigantischen Verkaufsaktion binnen zweier Jahre 13 Lizenzspieler verhökerte, darunter mit Köppel, Handschuh, Frank, Schwemmle und Haug spielgestaltende Typen - sie alle hatten noch in der Ära Dr. Walter zum VfB gefunden. Karl-Heinz Handschuh, der in acht Jahren zum erfolgreichsten Bundesligaschützen des VfB avanciert war, wurde für 320 000 Mark Ablöse nach Braunschweig abgeschoben - und der fast zwei Jahre ältere Zweitligaspieler Hanjo -,Keller für weitaus mehr Geld und zu wesentlich höheren Bezügen engagiert.

 Der Verleger Weitpert, "wegen seines gepflegten Grauschopfes auch 'Lila Hans' genannt" (so die "Süddeutsche Zeitung"), hatte keine glückliche Hand - die Ansammlung von Konsuln in den Führungsgremien des VfB war irgendwann so stattlich, dass Spötter vom "Konsularischen Korps" sprachen. Umso schwieriger gestaltete sich die Arbeit im Verein. So ist in den Protokollen früherer Vorstandssitzungen vermerkt, dass Senator Weitpert angesichts der VfB-Abwehrschwäche das Präsidiumsmitglied Heinz Hübner, den er zum "Chefeinkäufer" beförderte, mit der Suche nach einem "Librio" betraute. Bei den Spielern der deutschen Nationalmannschaft machte er ebenfalls von sich reden, als er persönliche Schreiben versandte, in denen er den "lieben Herrn Höttges" oder den "lieben Herrn Grabowski" um Nennung ihrer finanziellen Vorstellungen bat, da der VfB an einer Verpflichtung interessiert sei. Bei derart eigenwilligen Vorstellungen konnte es natürlich auch vorkommen, dass Gilbert Gress, der damals renommierteste VfB-Kicker, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ohne zwingende Notwendigkeit und gegen seinen Willen verkauft wurde. Und auch ohne Wissen von Trainer Branko Zebec - der wurde dann im April '72 auf dem Krankenlager suspendiert. "Der VfB", sagte der Jugoslawe, "ist für mich gestorben."

Karl Bögelein, der Ex-Meistertorwart, diente als Übergangstrainer, bis Hermann Eppenhoff kam, der Kohlenpott-Kumpel. Er baute den jungen Hermann Ohlicher ein, führte den VfB auf einen UEFA-Cup-Platz und im Frühjahr'74 sogar ins Halbfinale gegen Feyenoord Rotterdam - zuvor, gegen Dynamo Kiew, hatte der VfB das Hinspiel-O:2 mit einem 3:0 im Neckarstadion ausgelöscht. Buffy Ettmayer erlitt eine blutende Wunde am Kopf, wurde genäht, hielt aber mit einem Haarnetz bis zum Schluss durch. "Eine Pfundstruppe", staunte Eppenhoff.

Doch nicht alles, was glänzte, war Gold. Im Dezember '74, nach der 0:6-Schlappe in Kaiserslautern, zuckte "Kumpel Hermann" nur noch mit den Schultern: "Was soll man da noch machen als Trainer-" Das war der Offenbarungseid.  Eppenhoff warf das Handtuch, und in der Not hatte der VfB nur noch einen Gedanken: Albert Sing.

Der Retter kehrte zurück, doch diesmal wäre er besser in seiner Schweiz geblieben. Mit dem Schmäh des Buffy Ettmayer kam er so wenig zurecht wie mit dessen Hüftspeck. Die Beatles-Mähne von Gilbert Gress hatte Sing einst wegscheren lassen, damit der Franzose wieder sah, wohin er die Flanken schlug - der Bauch von Buffy blieb. Abkochen- Abtrainieren- j bin ka Läächtathlet, i bin a Fußboller", wehrte sich der Wiener. "Er sollte ja nur drei Kilo abnehmen", verriet Sing später, "aber er hat's nicht mal mit 50 Gramm versucht." Der eiserne Albert - er versuchte es mit seinen Hausmitteln Zucht und Ordnung, zur Stählung des Gemeinschaftsgefühls ließ er ausgebuffte Profis wie Brenninger, Weller und Ettmayer heimisches Liedgut singen, doch das Ende vom Lied war bitter - er fühlte sich umzingelt von einem "Sauhaufen" und "Quertreibern". Sein letzter Rat: "Die Klubräume ausschwefeln, die Eiterbeulen ausdrücken."

Hans Weitpert ging kurz vor dem Abstieg von Bord. Am 19. April 1975, nachts um 1.15 Uhr, war seine Ära beendet. In jener "Nacht der langen Messer", nach der gegen Mayer-Vorfelder verlorenen Kampfabstimmung, bekannte er: "Ich fühle eine schwere Last von mir genommen." Das konnte sein Nachfolger nicht von sich sagen - er musste wieder aufsteigen.

 Mit Istvan Sztani hat er's erst mal versucht. Der hatte mit dem FC Schweinfurt 05 ein Jahr lang dermaßen Erfolg gehabt, dass der VfB für diesen Trainer sogar eine Ablösesumme hinblätterte. Der einstige Ballzauberer der Frankfurter Eintracht legte denn auch einen flotten Start hin, mit vier Siegen am Stück, aber schon nach dem 7:1 beim FSV Frankfurt wurde VfB-Verteidiger Egon Coordes mit dem Satz zitiert: "Der Trainer hat nix drauf." In der Tat brach das Kartenhaus rasch zusammen. "Ich bin in der Hölle", stöhnte der Trainer nach einem Dreivierteljahr. "Wenn Sztani geht, gehe ich auch", betonte Mayer-Vorfelder, blieb dann aber doch. Gegen Ende jener Zweitligasaison kamen gegen den SSV Reutlingen ins Neckarstadion noch 2800 Zuschauer, der VfB verlor 2:3. Das war der Tiefpunkt. Von da an konnte es nur noch besser werden.

In jener Stunde null, an einem verdammt trüben Mittwoch, es war der 27. April 1976, fuhren wir nach Mannheim, zum VfB-Spiel beim SV Waldhof. Der Übergangstrainer hieß wieder mal Bögelein, doch in einer dunklen Ecke des Umkleidetrakts entdeckten wir einen Lockenkopf, der uns bekannt vorkam, und zwar von einem Länderspiel Jahre zuvor in Stuttgart. "Wenn ich beim VfB Trainer werde", versprach Jürgen Sundermann an jenem Abend, "werde ich auf die jungen schauen. Es hat Riesentalente darunter."

Von da an ging's bergauf. Sundermann schweißte den VfB zu einer Einheit zusammen. Er räumte auf, brachte die Routiniers Ohlicher, Hitzfeld und Holcer unter einen Hut mit den jungen, mit Hansi Müller und Karlheinz Förster, Martin und Elmer oder Torwart Roleder - und wenn im Spiel mal nichts ging, stand vorne drin immer noch Dieter Hoeneß, der Starfighter, zu deutsch: Schwabenpfeil, der in der Not den Luftakrobaten machte und die hohe Stirn hinhielt. Nach dem Wiederaufstieg '77 bekam der große Blonde noch den Ex-Kickersmann Walter Kelsch zur Seite, aber was heißt zur Seite: Bei Eckbällen sprang der Hoeneß dem Kelsch auf die Schultern und köpfte den Ball sozusagen aus einer Höhe von zweieinhalb Metern aufs Tor.

 Der VfB war eine Wucht. Holcer und Förster hielten dicht, Hansi zauberte, Hoeneß köpfte, es hagelte Tore, und im ersten Jahr nach dem Aufstieg berauschten sich an diesem zügellosen Hurra-Fußball pro Spiel 56 000 Zuschauer. Im Neckarstadion brannten die Wunderkerzen, und es sprang auf Anhieb Platz vier heraus, mit dem Ticket in den UEFA-Cup. Ein Jahr später, 1979, war der VfB bereits Deutscher Vizemeister.

Das war also das Happyend nach dem Alptraum, die Wiedergeburt nein, es war mehr: Der VfB Stuttgart sagte Grüß Gott im Konzert der deutschen Spitzenmannschaften.

   
  
   
   
  
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