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Magazin für Tradition, Mythos und Kultur
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  unabhängige Vereinspage über die Profimannschaft des VfB Stuttgart 1893 e.V.       11. Jahrgang

 
 
 


 
    

"15.30 Uhr Uhr - Krieg in Leverkusen" (Buch 100 Jahre VfB Stuttgart, zu bestellen im VfB Sport-Shop )

Christoph Daum macht den VfB beim Finale auf den Punkt heiß - als General uns Psychologe (06/97)

Beginnen wir die Geschichte vom Deutschen Fußballmeister 1992 mit jener Szene, in der kein Mensch mehr eine Mark auf den VfB Stuttgart setzte. Exakt zehn Minuten vor dem Schlusspfiff der verrücktesten Bundesliga-Saison aller Zeiten.

Der Brasilianer Jorginho stürmt aufs Stuttgarter Tor zu. Matthias Sammer verfolgt ihn, erkämpft sich den Ball. Der Schiedsrichter pfeift. "Das war kein Foul", schreit Sammer. Worauf der Unparteiische dem Nationalspieler die gelbe Karte zeigt. Der entfernt sich vom Tatort, klatscht dabei. Im Bruchteil von Sekunden besinnt sich jetzt Hans-Peter Dellwing aus Osburg im Rheinland auf seine persönliche Schiedsrichterehre. Egal, um was es hier geht. Aber mich beleidigt keiner. Dellwing wurstelt, etwas umständlich, an seiner Gesäßtasche - rot für den Star des VfB.

In diesem Moment ist der VfB Dritter der aktuellen Tabelle. Die Chance, mit zehn Mann gegen elf Leverkusener aus dem 1:1 einen Sieg zu machen, tendiert gegen Null. Zur gleichen Zeit feiern die Dortmunder Fans in Duisburg schon den Knockout des schwäbischen Konkurrenten. Zur gleichen Zeit hofft das Frankfurter Millionen-Ensemble in Rostock noch immer auf das goldene Tor zum Titel.
Auf der Tribüne stammelt VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder: "aus, das war das Aus". Auf der Bank ist Trainer Christoph Daum in sich zusammengesunken. Neben ihm, in ähnlicher Pose Dieter Hoeneß. "Tödlich, das war tödlich", kommt es immer wieder zwischen den Händen hervor, die der Manager vors Gesicht geschlagen hat.

Matthias Sammer liegt in der Kabine. Der Nationalspieler heult "wie ein kleiner junge, dem man seinen Teddybär abgenommen hat". So hat er es später erzählt. Vor seinen Augen tanzen keine Sterne, sondern die schlimmsten Schlagzeilen. Der Idiot, der die Meisterschaft vergeigte. Alles noch mit der entsprechenden Häme unterlegt. Und dass man ihn zum Abschied aus Stuttgart wohl noch auf der Straße anmache. So sei das halt mit einem Ossi, der nur noch die Millionen aus Mailand und sein Konto im Kopf habe.

Zehn Minuten lang ist Matthias Sammer allein mit seinen Alpträumen. Kein Mensch hört sein Schluchzen. Und durch die dicken, kalten Betonwände des modernsten Bundesligabaus dringt kein Laut nach innen. Als plötzlich der Mannschaftsarzt Thomas Frölich die Tür aufreißt, "komm raus, in zwei Minuten sind wir Deutscher Meister" kann Sammer dies nicht glauben.

Und wie in Trance nimmt er wahr, was nun um ihn herum passiert. 8000 rot-weiße Fans auf dem Platz, die Spieler mit nackten Oberkörpern auf den Schultern der Anhänger, Torjäger Fritz Walter geht im Trubel verloren, dann findet er doch noch auf die Tribüne auf und küsst gleich die Silberschale, der Trainer Daum rennt weg vom Rummel, will allein sein, auch bei ihm müssen erst mal ein paar Tränen raus.

Hat man sie nicht irgendwie für Machos in diesem Männer-Business Bundesliga gehalten- Diesen abgezockten Trainer, der mit den Medien jongliert. Den Präsidenten und Politiker Mayer-Vorfelder, der ganz still unter den Spielern sitzt, immer nur nachschenkt, und ab und zu tropft ihm eine Träne in den Schampus. Den schwäbischen Weltmann Dieter Hoeneß oder Matthias Kleinert, den Vorstandssprecher von Daimler-Benz, von dem man sagt, er sei die graue Eminenz des deutschen Sports.

Nun schimmert's feucht auf ihren Backen, wenn jeder aus seinem persönlichen Kurzfilm erzählt. "Wie der Schäfer die Bälle von der Linie gekratzt hat, das gibt es doch gar nicht", lobt der Präsident den starken Verteidiger. Der Trainer schiebt's auf's "wir-Gefühl", auf die "jetzt-erst-recht-Reaktion" nach Sammers Platzverweis und der Einwechslung von Manfred Kastl und Jolly Sverrisson. Und keinem hat man das Tor zur Meisterschaft mehr gegönnt als Guido Buchwald. Seit Wochen nicht richtig in Form (als Folge einer Verletzung), aber in der 86. Minute am rechten Fleck mit dem Kopf für Kögls Flanke - und endlich einmal Matchwinner.

Es hat lange gedauert, bis Guido Buchwald zu den Siegern zählte. Obwohl die Karriere einst wie ein Märchen begann. Mit 22 Jahren kam er im Sommer '83 von den Kickers nach Cannstatt, ein Jahr danach war er Deutscher Meister und Nationalspieler. Schon ein paar Wochen später zählte der gebürtige Berliner zu den Loosern. Als Jupp Derwalls Truppe bei der Europameisterschaft in Frankreich sang und klanglos ausschied, sollte ausgerechnet einer der Novizen mit schuld sein. Kein Nationalspieler hat in der jüngeren Vergangenheit der DFB-Auswahl mehr leiden müssen als der lange Schwabe. Einen Tag vorm Abflug zur WM'86 nach Mexiko marschierte Franz Beckenbauer ins Zimmer der Stuttgarter Fraktion. Karl Allgöwer hätte fast mitgeheult, als der Teamchef Guido Buchwald von der Flugliste strich. Nummer 23. Als letzter. Zwei Jahre später -erneut ging es in der Sportschule Kaiserau um die Stammplätze bei der Europameisterschaft - lästerte der Bremer Borowka: "der Buchwald kriegt wieder einen Pappkarton." Doch diesmal ließ sich der Stuttgarter nicht mehr einschüchtern. Aufgebaut von Trainer Haan und ein paar Landsleuten schlug Guido bei einer Pressekonferenz auf den Tisch: "Ich bin besser als Borowka".

Das war er in der Tat. Nach diesem couragierten Auftritt erhielt er den Spitznamen "Rebell vom Schönbuch". Und noch einmal zwei Jahre später entschuldigte sich Franz Beckenbauer persönlich für eine seiner größten Fehleinschätzungen. Die ist dem "Kaiser" da nicht mehr schwer gefallen. Schließlich hatte er den Allroundspieler während der WM in Italien als wertvollsten und besten Mann des ganzen Turniers herausgestellt. Und auch die Anrede wurde dementsprechend angepasst. Aus dem Guido war der Diego geworden. Und das nicht nur, weil Buchwald im Finale den argentinischen Weltstar zur Minna gemacht, sondern auch selbst technische Akzente gesetzt hatte. Wie im sogenannten Jahrhundertspiel gegen Holland im Meazza-Stadion als ein sensationeller Übersteiger und exakt getimter Pass in den Fuß von Jürgen Klinsmann für die 1:0-Führung sorgte. Hernach sprach man von Schwabenstreichen oder Stuttgarter Fußball-Perfektion.

Dass der Ruhm erst ziemlich spät zu dem bescheidenen Menschen gekommen war, und Guido Buchwald eine lange Zeit eigentlich nur im "Ländle" ein Idol war, das hat ihn mehr gewurmt, als er zugeben wollte. Alle Weltmeister schnupperten den Duft der großen weiten Welt, nur er blieb brav im Schnupperkreis von Linsen mit Saiten, weil Mayer-Vorfelder den einzigen Fußball-Weltmeister vom VfB für unverkäuflich erklärt hatte.

Guido Buchwald gehörte zu den wenigen Spielern, die am Ball alles können und auf fast jeder Position einsetzbar sind. In der Rolle des defensiven Mittelfeldspielers, der den gegnerischen Spielmacher bewacht und dann plötzlich selbst eingreift ins Aufbau- und Angriffsspiel seiner Mannschaft hat es in der Bundesliga bislang keinen besseren gegeben. Und so fällt jedes Mal, wenn Bundestrainer Berti Vogts und Kapitän Jürgen Klinsmann über die Nationalmannschaft diskutieren, der Name Buchwald. Dessen Rücktritt konnte die DFB-Auswahl am wenigsten kompensieren. Kein anderer Weltmeister hinterließ ein größeres Loch als der mit der Nummer sechs.

Auf jeden Fall ist Guido Buchwald für die, nennen wir es mal "etwas erzwungene Bodenständigkeit beim VfB" belohnt worden, nachdem er im WM-Viertelfinale gegen Bulgarien in New York nach 76 Länderspielen seinen Abschied aus der Nationalelf gegeben hatte. Der VfB hat seinen 33jährigen Ehrenspielführer zu günstigen Konditionen für die Red Diamonds Urawa freigegeben. In der japanischen J-League hat Buchwald nicht nur verdient wie im Schlaraffenland, der Riese und Weltmeister aus der Bundesliga wurde in seinem letzten Karriere-Abschnitt gefeiert und auf Händen getragen wie nie zuvor. Mit Michael Jackson auf Tour kann auch nicht viel schlimmer sein als ein Bummel mit Guido Buchwald durch Tokio.

"Guido-san" hat sich im Fernen Osten zum Weltmann entwickelt. Immer souverän. Perfekt mit den Stäbchen. Er bestellt Sushi, inzwischen sein Leibgericht. Wer hätte ihm das zugetraut- "Gebt ihm Messer und Gabel mit", "schickt ihm Spätzle nach". So hatte man gelästert, gewitzelt oder einfach Angst gehabt, den armen Guido würde das Heimweh auffressen im Land der aufgehenden Sonne.
Und nun steht er auf rohen Fisch. Er hat den Kulturschock gemeistert in Null Komma Nichts. Er hat gespürt, wie sich sein Horizont erweitert hat, obwohl er ganz bestimmt nicht vorbereitet war auf Japan. Vielleicht kann man sich gar nicht vorbereiten auf Asien. Vielleicht muss man einfach nur so normal sein wie Guido. Sie wollten ihn. Und er ist auf sie zugegangen. ja", sagt er, als wir über Jürgen Klinsmann sprechen, der 1995 in England zum besten Botschafter Deutschlands aufgestiegen ist, irgendwo spiele ich in Japan eine ähnliche Rolle". Auch noch, nachdem das Kapitel Fernost vorbei ist.

Mit 36 Jahren hat sich Guido wieder den Geschäften in Reutlingen uni seiner Tennishalle gewidmet. Für das erste Weltturnier in Asien 2002 gehört er zu den japanischen Werbefiguren. Mit T-Shirts und Trikots der WM in Frankreich beliefert er den deutschen Markt.

Warum er zum Abschluss nicht noch einmal ein VfB-Trikot angezogen hat- Wir haben über dieses Thema nicht nur einmal diskutiert. Zuletzt in Tokio, nachdem Guido mit seinen Roten Diamanten eine aufgemotzte VfB-Reserve mit 5:0 vorgeführt hatte. Auf diese Frage gibt es keine schlüssige Antwort. Allenfalls die, dass Guido Buchwald nicht immer bestens beraten war, wenn es um die Verhandlungen mit dem VfB über eine Rückkehr aus Nippon ging.

Nach dem Exkurs ins weitere Leben Guido Buchwalds zurück ins Jahr '92 und jenen Augenblick, in welchem dieser die letzte VfB-Flanke dieser Saison ins Netz von Bayer Leverkusen gewuchtet hatte und unter einer Traube jubelnder Mitspieler begraben wurde. Von all den Menschen, die sich auf oder neben ihm im Gras wälzten, kannte nur noch Verteidiger Günter Schäfer diesen Glücksmoment VfB und Deutscher Meister.

Berti Vogts hatte recht gehabt. D er VfB sei die kälteste Mannschaft unter den drei Kandidaten. Denn so wie in Leverkusen war es fast immer gewesen, wenn es für die Schwaben um die Wurst ging. Gegen Borussia Dortmund, drei Wochen vor Schluss: Zwei Chancen für Fritz Walter, zwei Tore. Maurizio Gaudino total von der Rolle, doch in der letzten Minute gelingt ihm mit einem spektakulären Solo das 4:2. Die Woche darauf. Ausgerechnet gegen den Lokalrivalen Kickers droht dem VfB ein Supergau. Bis zehn Minuten vor Schluss führen die "Blauen" mit 1:0, doch im Endspurt inszeniert Matthias Sammer ein Spektakel, wie man es im Neckarstadion noch nie erlebt hatte. 1:3 - der zweifache Torschütze Fritz Walter fällt beim Torjubel mit Kreislaufkollaps um.
Und dann schien diese ganze Aufholjagd doch für die Katz, weil beim letzten Heimspiel gegen Wattenscheid die Buchwalds und Co. total verkrampften. Nur 1:1 - hatte man den Titel aus Dummheit verschenkt?

Die Führungsriege des VfB traute ihren Ohren nicht, als Christoph Daum in der Präsidiumssitzung das Wort ergriff. "Wir gewinnen in Leverkusen, Frankfurt verliert 1:2 in Rostock". Gegen jede Vernunft , so Klubchef Mayer-Vorfelder habe der Trainer angeredet, "doch am Ende haben wir es ihm alle geglaubt". Damit es auch die Profis glaubten, hämmerte ihnen Daum eine Woche lang nur die eigenen Stärken ein. Und bevor sie auf den Platz mussten, stachelte sie ein Daum-Plakat in der Kabine zum allerletzten an. " 15.30 - Krieg in Leverkusen".

In zehn Minuten haben mir die Spieler zurückgegeben, was ich ihnen in den vergangenen zwei Jahren gegeben habe". Nachdem der "Krieg" vorüber war, gab Matthias Sammer zu, dass er Probleme dabei habe, seine Gefühle zu artikulieren. Mancher Satz geriet eine Nummer zu groß, der folgende nicht. Persönlich, so der Ex-Dresdener, glaube er nicht an Gott. Aber nach all dem, was in den letzten Wochen passiert sei, müsse der liebe Gott ein Stuttgarter sein.

Der Katholik Mayer-Vorfelder ist am Sonntag in die Kirche nach Hofen gegangen. Dort hatte er dem Herrn schon '84 für die letzte Meisterschaft gedankt. Und damals geglaubt, der dortige Pfarrer habe extra wegen dem VfB rot-weiß geflaggt. Man hat den Stuttgarter Präsidenten dann aufgeklärt, dies wären die Farben des Bischofs. Nach dem großen Glück ist auch die große Begeisterung gekommen - zuvor hatten weder die Experten noch die Stuttgarter Bevölkerung Daum und seiner Truppe richtig getraut. Autokorsos, Fans hupten durch die Stadt, Menschen tanzten auf den Straßen, in Kneipen und Gärten stiegen spontane Meisterschafts-Feten. Nicht nur Ministerpräsident Teufel, der seine Helden am Flughafen empfing, stimmte sich spontan ein auf das "größte Fest, das das Schwabenland jemals erlebt hat" (Daum).

Zwei Tage danach, als die Berge von Glückwunsch-Faxen (von Kanzler Kohl bis Inter Mailand) in der Geschäftsstelle gelichtet, der Champagner-Rausch verdampft war, packte den Manager ein heiliger Zorn. Dieter Hoeneß hatte gelesen, was in der restlichen Republik über seine Mannschaft geschrieben worden war. Tenor: die schwäbischen Duselbrüder.

Hoeneß: "Wer behauptet, wir sind nur durch Glück Meister geworden, dem spreche ich jede Ahnung von Fußball ab. Im Gegensatz zu den Frankfurtern und Dortmundern waren wir bereit, das Glück zu zwingen."

Zustimmung, und Prost, Herr Hoeneß!

     
   
     
   
     
   
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