|
"15.30 Uhr Uhr - Krieg in Leverkusen"
(Buch 100 Jahre VfB Stuttgart, zu bestellen im VfB Sport-Shop
)
Christoph Daum macht den VfB beim Finale auf den
Punkt heiß - als General uns Psychologe (06/97)
Beginnen wir die Geschichte vom Deutschen
Fußballmeister 1992 mit jener Szene, in der kein Mensch mehr eine Mark
auf den VfB Stuttgart setzte. Exakt zehn Minuten vor dem Schlusspfiff
der verrücktesten Bundesliga-Saison aller Zeiten.
Der
Brasilianer Jorginho stürmt aufs Stuttgarter Tor zu. Matthias Sammer
verfolgt ihn, erkämpft sich den Ball. Der Schiedsrichter pfeift. "Das
war kein Foul", schreit Sammer. Worauf der Unparteiische dem
Nationalspieler die gelbe Karte zeigt. Der entfernt sich vom Tatort,
klatscht dabei. Im Bruchteil von Sekunden besinnt sich jetzt Hans-Peter
Dellwing aus Osburg im Rheinland auf seine persönliche
Schiedsrichterehre. Egal, um was es hier geht. Aber mich beleidigt
keiner. Dellwing wurstelt, etwas umständlich, an seiner Gesäßtasche -
rot für den Star des VfB.
In diesem Moment ist der VfB Dritter der aktuellen
Tabelle. Die Chance, mit zehn Mann gegen elf Leverkusener aus dem 1:1
einen Sieg zu machen, tendiert gegen Null. Zur gleichen Zeit feiern die
Dortmunder Fans in Duisburg schon den Knockout des schwäbischen
Konkurrenten. Zur gleichen Zeit hofft das Frankfurter Millionen-Ensemble
in Rostock noch immer auf das goldene Tor zum Titel.
Auf der Tribüne stammelt VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder: "aus,
das war das Aus". Auf der Bank ist Trainer Christoph Daum in sich
zusammengesunken. Neben ihm, in ähnlicher Pose Dieter Hoeneß. "Tödlich,
das war tödlich", kommt es immer wieder zwischen den Händen hervor, die
der Manager vors Gesicht geschlagen hat.
Matthias Sammer liegt in der Kabine. Der
Nationalspieler heult "wie ein kleiner junge, dem man seinen Teddybär
abgenommen hat". So hat er es später erzählt. Vor seinen Augen tanzen
keine Sterne, sondern die schlimmsten Schlagzeilen. Der Idiot, der die
Meisterschaft vergeigte. Alles noch mit der entsprechenden Häme
unterlegt. Und dass man ihn zum Abschied aus Stuttgart wohl noch auf der
Straße anmache. So sei das halt mit einem Ossi, der nur noch die
Millionen aus Mailand und sein Konto im Kopf habe.
Zehn
Minuten lang ist Matthias Sammer allein mit seinen Alpträumen. Kein
Mensch hört sein Schluchzen. Und durch die dicken, kalten Betonwände des
modernsten Bundesligabaus dringt kein Laut nach innen. Als plötzlich der
Mannschaftsarzt Thomas Frölich die Tür aufreißt, "komm raus, in zwei
Minuten sind wir Deutscher Meister" kann Sammer dies nicht glauben.
Und wie in Trance nimmt er wahr, was nun um ihn herum
passiert. 8000 rot-weiße Fans auf dem Platz, die Spieler mit nackten
Oberkörpern auf den Schultern der Anhänger, Torjäger Fritz Walter geht
im Trubel verloren, dann findet er doch noch auf die Tribüne auf und
küsst gleich die Silberschale, der Trainer Daum rennt weg vom Rummel,
will allein sein, auch bei ihm müssen erst mal ein paar Tränen raus.
Hat man sie nicht irgendwie für Machos in diesem
Männer-Business Bundesliga gehalten- Diesen abgezockten Trainer, der mit
den Medien jongliert. Den Präsidenten und Politiker Mayer-Vorfelder, der
ganz still unter den Spielern sitzt, immer nur nachschenkt, und ab und
zu tropft ihm eine Träne in den Schampus. Den schwäbischen Weltmann
Dieter Hoeneß oder Matthias Kleinert, den Vorstandssprecher von
Daimler-Benz, von dem man sagt, er sei die graue Eminenz des deutschen
Sports.
Nun schimmert's feucht auf ihren Backen, wenn jeder
aus seinem persönlichen Kurzfilm erzählt. "Wie der Schäfer die Bälle von
der Linie gekratzt hat, das gibt es doch gar nicht", lobt der Präsident
den starken Verteidiger. Der Trainer schiebt's auf's "wir-Gefühl", auf
die "jetzt-erst-recht-Reaktion" nach Sammers Platzverweis und der
Einwechslung von Manfred Kastl und Jolly Sverrisson. Und keinem hat man
das Tor zur Meisterschaft mehr gegönnt als Guido Buchwald. Seit Wochen
nicht richtig in Form (als Folge einer Verletzung), aber in der 86.
Minute am rechten Fleck mit dem Kopf für Kögls Flanke - und endlich
einmal Matchwinner.
Es hat lange gedauert, bis Guido Buchwald zu den
Siegern zählte. Obwohl die Karriere einst wie ein Märchen begann. Mit 22
Jahren kam er im Sommer '83 von den Kickers nach Cannstatt, ein Jahr
danach war er Deutscher Meister und Nationalspieler. Schon ein paar
Wochen später zählte der gebürtige Berliner zu den Loosern. Als Jupp
Derwalls Truppe bei der Europameisterschaft in Frankreich sang und
klanglos ausschied, sollte ausgerechnet einer der Novizen mit schuld
sein. Kein Nationalspieler hat in der jüngeren Vergangenheit der
DFB-Auswahl mehr leiden müssen als der lange Schwabe. Einen Tag vorm
Abflug zur WM'86 nach Mexiko marschierte Franz Beckenbauer ins Zimmer
der Stuttgarter Fraktion. Karl Allgöwer hätte fast mitgeheult, als der
Teamchef Guido Buchwald von der Flugliste strich. Nummer 23. Als
letzter. Zwei Jahre später -erneut ging es in der Sportschule Kaiserau
um die Stammplätze bei der Europameisterschaft - lästerte der Bremer
Borowka: "der Buchwald kriegt wieder einen Pappkarton." Doch diesmal
ließ sich der Stuttgarter nicht mehr einschüchtern. Aufgebaut von
Trainer Haan und ein paar Landsleuten schlug Guido bei einer
Pressekonferenz auf den Tisch: "Ich bin besser als Borowka".
Das
war er in der Tat. Nach diesem couragierten Auftritt erhielt er den
Spitznamen "Rebell vom Schönbuch". Und noch einmal zwei Jahre später
entschuldigte sich Franz Beckenbauer persönlich für eine seiner größten
Fehleinschätzungen. Die ist dem "Kaiser" da nicht mehr schwer gefallen.
Schließlich hatte er den Allroundspieler während der WM in Italien als
wertvollsten und besten Mann des ganzen Turniers herausgestellt. Und
auch die Anrede wurde dementsprechend angepasst. Aus dem Guido war der
Diego geworden. Und das nicht nur, weil Buchwald im Finale den
argentinischen Weltstar zur Minna gemacht, sondern auch selbst
technische Akzente gesetzt hatte. Wie im sogenannten Jahrhundertspiel
gegen Holland im Meazza-Stadion als ein sensationeller Übersteiger und
exakt getimter Pass in den Fuß von Jürgen Klinsmann für die 1:0-Führung
sorgte. Hernach sprach man von Schwabenstreichen oder Stuttgarter
Fußball-Perfektion.
Dass der Ruhm erst ziemlich spät zu dem bescheidenen
Menschen gekommen war, und Guido Buchwald eine lange Zeit eigentlich nur
im "Ländle" ein Idol war, das hat ihn mehr gewurmt, als er zugeben
wollte. Alle Weltmeister schnupperten den Duft der großen weiten Welt,
nur er blieb brav im Schnupperkreis von Linsen mit Saiten, weil
Mayer-Vorfelder den einzigen Fußball-Weltmeister vom VfB für
unverkäuflich erklärt hatte.
Guido Buchwald gehörte zu den wenigen Spielern, die
am Ball alles können und auf fast jeder Position einsetzbar sind. In der
Rolle des defensiven Mittelfeldspielers, der den gegnerischen
Spielmacher bewacht und dann plötzlich selbst eingreift ins Aufbau- und
Angriffsspiel seiner Mannschaft hat es in der Bundesliga bislang keinen
besseren gegeben. Und so fällt jedes Mal, wenn Bundestrainer Berti Vogts
und Kapitän Jürgen Klinsmann über die Nationalmannschaft diskutieren,
der Name Buchwald. Dessen Rücktritt konnte die DFB-Auswahl am wenigsten
kompensieren. Kein anderer Weltmeister hinterließ ein größeres Loch als
der mit der Nummer sechs.
Auf jeden Fall ist Guido Buchwald für die, nennen wir
es mal "etwas erzwungene Bodenständigkeit beim VfB" belohnt worden,
nachdem er im WM-Viertelfinale gegen Bulgarien in New York nach 76
Länderspielen seinen Abschied aus der Nationalelf gegeben hatte. Der VfB
hat seinen 33jährigen Ehrenspielführer zu günstigen Konditionen für die
Red Diamonds Urawa freigegeben. In der japanischen J-League hat Buchwald
nicht nur verdient wie im Schlaraffenland, der Riese und Weltmeister aus
der Bundesliga wurde in seinem letzten Karriere-Abschnitt gefeiert und
auf Händen getragen wie nie zuvor. Mit Michael Jackson auf Tour kann
auch nicht viel schlimmer sein als ein Bummel mit Guido Buchwald durch
Tokio.
"Guido-san"
hat sich im Fernen Osten zum Weltmann entwickelt. Immer souverän.
Perfekt mit den Stäbchen. Er bestellt Sushi, inzwischen sein
Leibgericht. Wer hätte ihm das zugetraut- "Gebt ihm Messer und Gabel
mit", "schickt ihm Spätzle nach". So hatte man gelästert, gewitzelt oder
einfach Angst gehabt, den armen Guido würde das Heimweh auffressen im
Land der aufgehenden Sonne.
Und nun steht er auf rohen Fisch. Er hat den Kulturschock gemeistert in
Null Komma Nichts. Er hat gespürt, wie sich sein Horizont erweitert hat,
obwohl er ganz bestimmt nicht vorbereitet war auf Japan. Vielleicht kann
man sich gar nicht vorbereiten auf Asien. Vielleicht muss man einfach
nur so normal sein wie Guido. Sie wollten ihn. Und er ist auf sie
zugegangen. ja", sagt er, als wir über Jürgen Klinsmann sprechen, der
1995 in England zum besten Botschafter Deutschlands aufgestiegen ist,
irgendwo spiele ich in Japan eine ähnliche Rolle". Auch noch, nachdem
das Kapitel Fernost vorbei ist.
Mit 36 Jahren hat sich Guido wieder den Geschäften in
Reutlingen uni seiner Tennishalle gewidmet. Für das erste Weltturnier in
Asien 2002 gehört er zu den japanischen Werbefiguren. Mit T-Shirts und
Trikots der WM in Frankreich beliefert er den deutschen Markt.
Warum er zum Abschluss nicht noch einmal ein
VfB-Trikot angezogen hat- Wir haben über dieses Thema nicht nur einmal
diskutiert. Zuletzt in Tokio, nachdem Guido mit seinen Roten Diamanten
eine aufgemotzte VfB-Reserve mit 5:0 vorgeführt hatte. Auf diese Frage
gibt es keine schlüssige Antwort. Allenfalls die, dass Guido Buchwald
nicht immer bestens beraten war, wenn es um die Verhandlungen mit dem
VfB über eine Rückkehr aus Nippon ging.
Nach
dem Exkurs ins weitere Leben Guido Buchwalds zurück ins Jahr '92 und
jenen Augenblick, in welchem dieser die letzte VfB-Flanke dieser Saison
ins Netz von Bayer Leverkusen gewuchtet hatte und unter einer Traube
jubelnder Mitspieler begraben wurde. Von all den Menschen, die sich auf
oder neben ihm im Gras wälzten, kannte nur noch Verteidiger Günter
Schäfer diesen Glücksmoment VfB und Deutscher Meister.
Berti Vogts hatte recht gehabt. D er VfB sei die
kälteste Mannschaft unter den drei Kandidaten. Denn so wie in Leverkusen
war es fast immer gewesen, wenn es für die Schwaben um die Wurst ging.
Gegen Borussia Dortmund, drei Wochen vor Schluss: Zwei Chancen für Fritz
Walter, zwei Tore. Maurizio Gaudino total von der Rolle, doch in der
letzten Minute gelingt ihm mit einem spektakulären Solo das 4:2. Die
Woche darauf. Ausgerechnet gegen den Lokalrivalen Kickers droht dem VfB
ein Supergau. Bis zehn Minuten vor Schluss führen die "Blauen" mit 1:0,
doch im Endspurt inszeniert Matthias Sammer ein Spektakel, wie man es im
Neckarstadion noch nie erlebt hatte. 1:3 - der zweifache Torschütze
Fritz Walter fällt beim Torjubel mit Kreislaufkollaps um.
Und dann schien diese ganze Aufholjagd doch für die Katz, weil beim
letzten Heimspiel gegen Wattenscheid die Buchwalds und Co. total
verkrampften. Nur 1:1 - hatte man den Titel aus Dummheit verschenkt?
Die Führungsriege des VfB traute ihren Ohren nicht,
als Christoph Daum in der Präsidiumssitzung das Wort ergriff. "Wir
gewinnen in Leverkusen, Frankfurt verliert 1:2 in Rostock". Gegen jede
Vernunft , so Klubchef Mayer-Vorfelder habe der Trainer angeredet, "doch
am Ende haben wir es ihm alle geglaubt". Damit es auch die Profis
glaubten, hämmerte ihnen Daum eine Woche lang nur die eigenen Stärken
ein. Und bevor sie auf den Platz mussten, stachelte sie ein Daum-Plakat
in der Kabine zum allerletzten an. " 15.30 - Krieg in Leverkusen".
In zehn Minuten haben mir die Spieler zurückgegeben,
was ich ihnen in den vergangenen zwei Jahren gegeben habe". Nachdem der
"Krieg" vorüber war, gab Matthias Sammer zu, dass er Probleme dabei
habe, seine Gefühle zu artikulieren. Mancher Satz geriet eine Nummer zu
groß, der folgende nicht. Persönlich, so der Ex-Dresdener, glaube er
nicht an Gott. Aber nach all dem, was in den letzten Wochen passiert
sei, müsse der liebe Gott ein Stuttgarter sein.
Der
Katholik Mayer-Vorfelder ist am Sonntag in die Kirche nach Hofen
gegangen. Dort hatte er dem Herrn schon '84 für die letzte Meisterschaft
gedankt. Und damals geglaubt, der dortige Pfarrer habe extra wegen dem
VfB rot-weiß geflaggt. Man hat den Stuttgarter Präsidenten dann
aufgeklärt, dies wären die Farben des Bischofs. Nach dem großen Glück
ist auch die große Begeisterung gekommen - zuvor hatten weder die
Experten noch die Stuttgarter Bevölkerung Daum und seiner Truppe richtig
getraut. Autokorsos, Fans hupten durch die Stadt, Menschen tanzten auf
den Straßen, in Kneipen und Gärten stiegen spontane
Meisterschafts-Feten. Nicht nur Ministerpräsident Teufel, der seine
Helden am Flughafen empfing, stimmte sich spontan ein auf das "größte
Fest, das das Schwabenland jemals erlebt hat" (Daum).
Zwei Tage danach, als die Berge von Glückwunsch-Faxen
(von Kanzler Kohl bis Inter Mailand) in der Geschäftsstelle gelichtet,
der Champagner-Rausch verdampft war, packte den Manager ein heiliger
Zorn. Dieter Hoeneß hatte gelesen, was in der restlichen Republik über
seine Mannschaft geschrieben worden war. Tenor: die schwäbischen
Duselbrüder.
Hoeneß: "Wer behauptet, wir sind nur durch Glück
Meister geworden, dem spreche ich jede Ahnung von Fußball ab. Im
Gegensatz zu den Frankfurtern und Dortmundern waren wir bereit, das
Glück zu zwingen."
Zustimmung, und Prost, Herr Hoeneß!
|