"Dieser Moment gibt Dir alles" (Buch 100 Jahre VfB Stuttgart, zu bestellen im VfB Sport-Shop ) Für die Meisterspieler ´84 laufen die Szenen von damals noch heute ab wie ein Film: zum Heulen schön (06/97) Wenn man in Stuttgart auf das "Bild"-Lästermaul Max Merkel hören würde hätte man die Saison 1983/84 schon im September abgebrochen. "Wann will der VfB eigentlich Deutscher Meister werden- Noch in diesem Jahrhundert-" höhnte der zum Kolumnisten umfunktionierte Trainer. Der VfB hatte gerade 2:3 bei Bayer Uerdingen verloren und in der ersten UEFA-Cup-Runde gegen Levsky/Spartak Sofia den Hinterausgang genommen. Nur ein Dreivierteljahr später schleppten die "Bild"-Leute ihren Motzki mit zur Meisterfeier ins Neckarstadion. Dieser 26. Mai 1984 war ein ganz besonderer Tag und das Spiel gegen den Hamburger SV ein ganz außergewöhnliches. Schon vor dem Anpfiff jubelte Gerhard Mayer-Vorfelder ins Mikrofon: "32 Jahre haben wir darauf gewartet. jetzt sind wir Deutscher Meister! Das nimmt uns keiner mehr!" Nicht nur der VfB-Boß konnte sich an diesem Tag voll konzentrieren auf all die Protokolle, Ehrungen, Gratulanten und die Wellen von Gefühlen, die immer wieder bei ihm hochkamen.
Auch Karlheinz Förster, der schärfste und sicherste Schließdienst des VfB-Strafraums, verlor an diesem Nachmittag ein paar Mal seinen Gegenspieler aus den Augen. Aber nicht etwa, weil ihm dieser weggelaufen war. "Ich musste immer wieder heulen", so Karlheinz Förster hinterher, "es war so schön, wie uns die Leute das ganze Spiel über gefeiert haben." Zwar hat Jürgen Milewski um 17.12 Uhr das 1:0 für den Hamburger SV geschossen. Das Stuttgarter Publikum aber schluckte diesen kleinen Schönheitsfehler innerhalb von Sekunden, um so lauter kam danach das "So ein Tag, so wunderschön wie heute" von der Tribüne zurück. Exakt, um 17.17 Uhr, so ist's in allen Chroniken vermerkt, schwenkten Kapitän Hermann Ohlicher und dann Karlheinz Förster die Silberschale: erst zur Haupt- dann auf die Gegentribüne, in die Cannstatter und in die Untertürkheimer Kurve. Immer wieder. Es ist schließlich schon etwas, wenn man sich am letzten Spieltag auch eine 0:4-Niederlage gegen den härtesten Verfolger hätte leisten können. Aber weil man wusste, dass dieses Hamburger Wunder normalerweise nicht passieren würde, hat man es in Stuttgart schon genossen, wie da die Prominenz des Titelverteidigers, all die feinen Herren von der Alster mit Happel, Netzer und fast zehn Nationalspielern mehr oder weniger nur zur Siegerehrung und zum Defilee für den VfB nach Stuttgart fliegen mussten. Wie immer nach solchen Titeln werden dabei nicht nur Gefühle ausgebreitet, sondern Verdienste seziert. Was die Emotionen und die Bilder von dem Autokorso und dem Meisterbuffet im Rathaus betrifft, bleiben da vor allem zwei Zitate haften, die die grenzenlose Begeisterung nach schier unendlicher Warterei auf einen solchen Erfolg auch heute noch klar machen: "Du hörst nichts und siehst nichts, alles zieht wie in einem Film an dir vorüber. Du kannst das Gefühl nicht festhalten und später nie wieder nachvollziehen. Aber der Moment gibt dir alles." So Hermann Ohlicher. Und auch Torwart Helmut Roleder, schon immer ein nachdenklicher Mensch und inzwischen Sportjournalist für ein Anzeigenblatt im Filder- und Schönbuch-Raum, stellt sich noch lange danach die Frage über die Zuneigung des VfB-Anhangs: "Was soll man dazu sagen, wenn Tausende von Menschen stundenlang zusammengepfercht ausharren, nur um uns Fußballern vorm Rathaus zujubeln zu können?" Die Verdienste waren leichter zu verteilen. Längst haben auch Bundesliga-Meisterschaften ihre eigenen Gesetze. Und das wichtigste davon besagt, dass die Mannschaft mit der besten Abwehr den Titel holt. Diese Prämisse erfüllte die defensive Abteilung des VfB recht kompromisslos. Schließlich verteidigte mit den Förster-Brüdern schon die halbe Hintermannschaft nebenbei auch für Deutschland. Zum Ende der Saison wurden mit Torwart Roleder und Guido Buchwald zwei weitere VfBler zu Nationalspielern. Und der rechte Verteidiger Günther Schäfer sowie Libero Hans-Peter Makan fehlten in jenen Tagen in keiner Liste, wenn über die Perspektiven und den Neuaufbau der Nationalelf debattiert wurde.
Auch Geschäftsführer Ulrich Schäfer hatte viele Schulterklopfer, als er in der Stunde des Erfolgs über ein paar äußerst heiße Personalentscheidungen philosophierte. Es sei richtig gewesen, die zwei Försters zu halten und Hansi Müller wegzuschicken, so Schäfer. "Aber fast noch wichtiger war es, das Risiko mit Asgeir Sigurvinsson einzugehen." Der VfB hatte im Sommer '82 mehr auf Arbeit und Disziplin denn auf Kunst und Show gesetzt. Und auch die Brüder aus dem Odenwald hatten darauf geschaut, dass der neue Regisseur zu diesem Stil passe, "Bei uns bricht sich jetzt keiner mehr einen Zacken aus der Krone, wenn er durchs Grätschen eine schmutzige Hose bekommt." Dieses Lob von Karlheinz Förster an die Adresse des frischen Mittelfeldchefs "Sigi" zielte hernach schon deutlich in Richtung des "schönen Hansi". Wie eng dann diese Beziehung zwischen dem Fischersohn von der Vulkaninsel Vestmannaeyjar und dem Klub aus der schwäbischen Metropole wurde, belegt der Wunsch von Frau Emma Eisenlauer aus Kornwestheim, die im Rahmen einer Leseraktion der "Stuttgarter Nachrichten" an Asgeir Sigurvinsson schrieb: "Ich bin 70 und seit meinem 14. Lebensjahr Fußballfan. Bitte bleiben Sie beim VfB, bis ich die Augen zumache ...... Der schlaksige Bursche mit der Nummer zehn, der lieber seine Beine als den Mund sprechen ließ, ist nicht nur von rüstigen Damen angehimmelt worden. Die Bundesliga-Profis wählten den 28jährigen zum "Mann des Jahres". Selbst die Kollegen vom FC Bayern München schickten wie Karlheinz Rummenigge ("der VfB verdankt diesen Titel Sigurvinsson") ihre Komplimente in ein Reihenhaus in Neugereuth. Das ging dem Isländer runter wie eine 1. Denn Asgeir Sigurvinsson war zuvor beim FC Bayern etwas passiert, was schon etliche Stars erlebten, die beim Deutschen Rekordmeister anheuern, aber mit dem Gehabe vermeintlich großer Trainer und dem Kult um einige Platzhirsche nicht zurechtkommen. Im Falle Sigurvinsson waren es gleich zwei Personen, die sich sofort auf den von Standard Lüttich geholten Nordländer einschossen: Trainer Pal Csernai und Spielmacher Paul Breitner. Der bärtige Capo und Egomane sah in dem jüngeren einen Konkurrenten und reagierte entsprechend. "In einem Jahr habe ich mit Paul Breitner keine zehn Sätze gesprochen", so Sigurvinsson. Schlimmer noch als die verbale Isolationshaft Breitners trafen den Nordländer die Arroganz und der Zynismus Csernais. Er sei es wohl von Lüttich gewohnt, aus dem Stand zu spielen. Bei Bayern aber stocke der Fluss der Kombinationen, sobald Sigurvinsson den Ball bekomme. Sigurvinsson: "Gegen soviel Ignoranz hatte ich keine Chance. Wenn der Paul mal verletzt war, dann haben Winklhofer oder Güttler gespielt." 
Wie man heute weiß, sind weder aus Helmut Winklhofer noch aus dem Matthäus-Spezl Güttler irgendwann große Koryphäen am Ball geworden. Und dem feinen Herrn Csernai mit den seidenen Halstüchlein wurden die Attitüden vom internationalen Fußballlehrer auch noch sauber abgeschminkt. Noch während Asgeir Sigurvinsson in Stuttgart als Star rehabilitiert wurde, verschwand der Name Csernai aus der Bundesliga, und dann immer weiter in der Versenkung. Doch auch als Sigurvinsson dann für seinen Verein als Talentspäher und Spielerbeobachter unterwegs war, hat er feststellen müssen, dass solche bornierten Trainerurteile nichts mit der jeweiligen Generation zu tun haben. "Was willst du mit einem Schweizer-" wurde Asgeir Sigurvinsson ein Paarjahre später von Christoph Daum angemacht, nachdem er von einer Beobachtung in Lausanne zurückgekommen war und auf die Akte Stephane Chapuisat den Vermerk "Klassemann, unbedingt kaufen" notiert hatte. Die Nostalgie verklärt manches, und den Erfolgen in den schönen alten Zeiten wird von Jahr zu Jahr mehr nachgetrauert. Asgeir Sigurvinsson hat ohne Zweifel davon profitiert, dass er in Cannstatt in eine recht intakte Gesellschaft stieß. Neben den Försters gaben in erster Linie er und der ebenfalls frustriert vom FC Bayern gekommene Kurt Niedermayer den Ton an. Es gab zu jener Zeit auch kaum ausländische Profis auf dem Wasen. Schwäbisch und badisch waren die Amtssprachen, der VfB verstand sich als die Nationalmannschaft des Südweststaats. Der polyglotte Sigurvinsson verstand alles, aber musste nicht viel sprechen. Nur für Dan Corneliusson, den zweiten Ausländer im Kader, musste gelegentlich mal gedolmetscht werden. Als handle es sich um einen Staatsbesuch, mit Blumen, Chauffeur und dem Höchstmaß an schwäbischem Brimborium, so war der Schwede im Juni '83 in Echterdingen abgeholt worden. Der VfB hatte wieder einen neuen Rekord im Geldausgeben aufgestellt. Waren es in der Saison zuvor 1,6 Millionen für Sigurvinsson und Niedermayer, so mussten für den Torjäger schon allein 1,2 Millionen Mark Ablöse hingelegt werden. Wieder ein Jahr später haben ein paar ganz Pfiffige ausgerechnet, dass jedes Tor des großen Blonden aus Göteborg dessen Stuttgarter Arbeitgeber 100 000 Mark gekostet hat. Diese Rechnung ist hanebüchen. Denn Corneliusson wurde mit zwölf Treffern nicht nur Torjäger des Meisterteams. Der Schwede besaß die Gabe, seine Treffer meist dann zu setzen, wenn sie sehr wichtig waren, aber keiner eigentlich mit ihm rechnete. Schon bald nach der Meisterschaftsfeier wurde er mit beträchtlichem Gewinn nach Italien in die Seria A verkauft, wo er noch lange Zeit und für mehrere Klubs stürmte. Dass der Mann, der im schwedischen "Tre-Kronor-Team" Nationalmannschaften wie Holland fast im Alleingang erschoss und mit zwei Treffern beim 3:3 von Team Sverige gegen Brasilien selbst dem großen Sokrates die Show gestohlen hatte, in Stuttgart nicht länger heimisch wurde, lag in erster Linie an Dans dominanter Gattin. Nach deren Meinung begann die große Fußballwelt erst mal mit Englisch und ging weiter in den Boutiquen von Mailand.
Selbst eingefleischte VfB-Fans tun sich heute gelegentlich schwer, wenn sie nach dem Torjäger auch noch den Libero von Benthaus Meistertruppe aufzählen sollen. Schon die Geschichte, bis Hans-Peter Makan überhaupt beim VfB Stuttgart gelandet ist, würde ein Buch füllen. Denn der junge aus Weinheim, der nicht gerade aus den besten Schichten der Gesellschaft stammte, hatte schon sehr früh Angst bekommen vor der Bundesliga und den Großstädten. In der Jugendnationalmannschaft hatte er ohne jedes Problem einem Bernd Schuster den Libero-Posten weggeschnappt, doch bei Eintracht Frankfurt, wo eines der größten deutschen Fußball-Talente ein Zimmer im Waldstadion erhielt und nebenher eine Kfz-Lehre machen sollte, lief Makan schon nach kurzer Zeit wieder fort. Er floh anfangs auch vor dem VfB und dessen Trainer Sundermann, nachdem Geschäftsführer Ulrich Schäfer "den Beckenbauer der Oberliga" gegen den Willen des Cheftrainers verpflichtet hatte. "Weil man für 30 000 Mark nichts kaputtmachen kann bei einem Transfer. Der Geschäftsführer sollte recht behalten. Makan verlor seine Scheu, auch weil die Hälfte der Mannschaft seinen Slang sprach und er viele schon aus Jugend-Teams kannte. Mit der Zeit sagte er auch nicht immer "Muschkel", wenn er Muskel meinte. Und als man ihm im Frühjahr 1984 berichtete, Bundestrainer Jupp Derwall käme auch wegen ihm ins Neckarstadion, entfuhr der ihm für seine Verhältnisse sensationelle Spruch: "Dann trink ich eine Flasche Sekt mit mir." Der Libero spielte jedenfalls eine phantastische Saison, was nicht sehr einfach war bei so viel hochkarätigen Nebenleuten. In kurzen Hosen verlor er seinen Komplex, den er uns einmal so geschildert hat: "Wenn der Rummeniggejetzt hier am Tisch sitzen würde, wüsste ich nicht, was ich reden sollte. Aber angenommen, der Rummenigge würde mir auf dem Platz sagen:" du Idiot, dann würde er einiges zu hören kriegen". Seltsamerweise hat dieser begnadete Fußballspieler schon bald nach der Meisterschaft seine Form verloren, wozu auch Verletzungen beitrugen. Mit den Schmerzen und der Unsicherheit kamen auch die alten Ängste zurück - Makan entzog sich dem großen Fußball, lieber wollte er König im nordbadischen Dreieck Mannheim-Weinheim-Viernheim sein. Ein Sponsor des VfR Mannheim richtete Makan eine Toto-Lotto Stelle mit einem Schreibwaren-Geschäft ein. In der Zürichpassage im Bezirk P7 steht er Tag für Tag an der Theke, nimmt Tippzettel an und verkauft ,Kicker" und "Sportbild". Manchmal spielt er auch noch Libero in der Prominenten-Mannschaft von Toto-Lotto. Aber schon beim Umziehen sucht er die Nähe von Fritz Walter, der nun in Ulm auch so einen Laden betreibt. Mit "dem Fritzle" hat der blonde Hans-Peter einst in Weinheim gekickt, dem vertraut er. Trotzdem ist es irgendwo schade, dass der Libero der 84er-Mannschaft und der Goalgetter des 92er-Teams beim VfB nie zusammengefunden haben. |