Ein Kickers-Trikot für den VfB-Retter (Buch 100 Jahre VfB Stuttgart, zu bestellen im VfB Sport-Shop ) Gute Zeiten, schlechte Zeiten: Die Bundesliga beginnt, doch zu feiern gibt`s zunächst nichts - nur zu feuern (06/97) Als Albert Sing Mitte der siebziger Jahre seine Schlussbilanz als Trainer des VfB zog, dachte er vor allem an den Alptraum des Abstiegs und sagte: "Diese paar Monate kosten mich fünf Jahre meines Lebens." Inzwischen ist er 80 geworden. Herzlichen Glückwunsch, kann man da nur rufen und die Hand an die Hosennaht legen vor dem eisernen Albert. So haben ihn früher alle genannt, und wir wissen noch, wie er sich gemeldet hat, als wir ihn an einem seiner vielen Geburtstage anriefen. "Wie geht's?" "Hano, guat!", rief uns Sing ins Ohr. Er kam direkt aus dem Schwimmbad der Casa Gabriella, seinem damaligen Haus im Tessin, und man hörte seine Fitness durchs Telefon. Ganz so gut geht's ihm jetzt nimmer, die Hüften, und da war auch mal ein leichter Schlaganfall - doch ein eiserner Eislinger, geboren und gestählt auf der Alb, kämpft sich durch. Wie damals beim VfB. Den hat er, was viele schon nicht mehr wissen, gleich zweimal trainiert. Beim ersten Mal wurde er zum gefeierten Retter.
Das war Mitte der 60er Jahre. Dem VfB stand das Wasser am Hals, in der Not waren dem Präsidenten Dr. Fritz Walter sogar die Stuttgarter Rivalitätsregeln wurscht, und er holte den alten Kickers-Mann Sing. Ein Blauer auf dem Wasen. Das war damals noch eine heikle Affäre, und Sing, der neunmalige Nationalspieler, bekam es beim Amtsantritt gleich zu spüren: Ein boshafter Roter hatte ihm in der Kabine ein Kickers-Trikot über den Stuhl gehängt. "Und wenn ich das Klubhaus betrat: eisiges Schweigen." Der Feuerwehrmann Sing hat den Brand beim VfB trotzdem gelöscht, die Roten gerettet und sie wieder auf Kurs gebracht. Alles in allem hat der VfB in den ersten Jahren der Bundesliga allerdings nicht die ganz große Rolle gespielt. Zum größten Leidwesen von Dr. Fritz Walter. Der Oberstudienrat und VfB-Chef von 1944 bis 1969 war eine entscheidende Triebfeder und einer der Geburtshelfer dieser neuen Liga, mit der 1963 der bezahlte Fußball in Deutschland begann. Das Stuttgarter Fußballvolk konnte es kaum erwarten - sozusagen zur Einstimmung auf den künftigen großen Fußball lud der VfB im Juni 1963 den FC Santos und Pelé zu einem Freundschaftsspiel ins Neckarstadion ein, und 60 000 kamen, um den besten Fußballer der Welt zu sehen. Daß der VfB 1:3 unterlag, weil der clevere Pelé gegen den jungen Sieloff einen Elfmeter herausholte, ärgerte keinen. Es könnte losgehen. Um im neuen Ballhaus gut zu bestehen, holte der VfB noch rechtzeitig die ltalo-Profis Rolf Geiger und Erwin Waldner zurück, scheute aber zunächst den Schritt ins totale Vollprofitum. Zu Platz fünf hat es in der ersten Saison trotzdem gereicht. 24. August 1963. Das war der Tag, an dem der VfB sein Debüt gab. Und trotz starker Leistung verlor. 0:2 in Schalke. Eine Woche später, gegen Hertha BSC, drehte der VfB im Neckarstadion den Spieß um. 40 000 bejubelten die zwei Tore, die erwartungsgemäß von Geiger und Waldner geschossen wurden, und weil das Neckarstadion gegen Köln und den HSV später mit jeweils 75 000 Anwesenden sogar aus den Nähten platzte, blieben 40 000 am Ende der Saison auch der Schnitt. Ligarekord. Doch dann eine es mit dem VfB rückwärts, in der Tabelle und mit den Zuschauern. In der Rückrunde 64/65 wurde der erste Trainer gefeuert, der spröde Ostpreuße Kurt Baluses, den sie den "Schweiger" nannten, weil er sich weigerte, die Pressekonferenzen nach dem Spiel zu besuchen. Als Übergangstrainer sprang VfB-Altkämpe Franz Seybold ein, der den Stab für den Rest der Saison dann an den Showmann Rudi Gutendorf weiterreichte. Der hatte zwar keine Probleme mit den Pressekonferenzen, dafür aber andere. Es gefiel ihm zum Beispiel gar nicht, dass sich viele Spieler wegen des zunächst geringen Grundgehalts beim VfB (1200 Mark) noch ein (neben)berufliches Zubrot verdienten - wie Nationaltorwart Günther Sawitzki, der wie in seinen Oberligatagen fleißig bei Hahn und Kolb weiterschaffte. Gutendorf stirnrunzelnd: "Ich glaube, wir haben keine guten, Aussichten, weil zu viele Spieler noch den bürgerlichen Beruf mit sich herumschleppen." Der VfB rutschte in der Tat ab, und zwar gewaltig, irgendwann war der vermeintliche Zampano Gutendorf mit seinen Halbprofis nur noch Siebzehnter. Abstiegsgefahr. Dr. Fritz Walter schimpfte, als er von des Trainers Abwanderungsabsichten in Richtung USA hörte: "Er ist nicht mehr ganz bei der Sache." Das war Gutendorfs Ende.
Damals kam dann Albert Sing. Er kutschierte die VfB-Pflegefälle in die Abgeschiedenheit des Schwarzwalds, wo man gemeinsam den "Geist von Besenfeld" suchte und fand, und der Rest der Saison fiel beeindruckend aus: Sogar ein Unentschieden bei Beckenbauer, Maier und Müller gelang, mitten in München im Grünwalder Stadion, und den 11:21 Punkten unter Gutendorf ließ Sing 22:14 folgen. Trotzdem sagte er wieder adieu. Waldner und Geiger hörten dann auf, und Gunther Baumann, der neue Trainer, baute auf den Franzosen Gilbert Gress, den Schweden Bo Larsson, den jungen Horst Köppel und einen neuen Torwart: Gerhard ("Flieger") Heinze war nur 1,74 Meter groß, hatte aber anscheinend eine Spiralfeder im Schuh wie früher der "Gummi"-Schmid. Es lief mal so, mal so, und selbst ohne den Dribbelkönig Köppel, der sich nach Mönchengladbach davonmachte, spielte der VfB in der folgenden Saison vorne mit. Als Zweiter empfing man den Ersten, die Bayern, und 75 000 waren beim 3:0 total aus dem Häuschen. Bundestrainer Helmut Schön fand: "So gut war der VfB noch nie." Am Ende sprang allerdings doch nur der fünfte Platz raus, und der Zuschauerschnitt sackte auf 20 000 ab. Der VfB musste der Mittelmäßigkeit dringend entrinnen. Auch der siebte Platz in der Saison 69/70 war nicht das Gelbe vom Ei, trotz des als angenehm empfundenen 2:1 -Siegs beim FC Bayern. Der Vollständigkeit halber muss noch erwähnt werden, dass Franz Seybold, der "Kaiser Franz von Cannstatt", neben seinen Ämtern als VfB-Geschäftsführer und Leiter der Amateurabteilung diesmal eine volle Saison als Übergangstrainer einspringen musste: VfB-Vorstandsmitglied Hans Weitpert, der neue starke Mann, war aus der Tiefe des Raumes gekommen, wollte den Tschechen Frantisek Bufka zum Baumann-Nachfolger küren, doch Bufka hatte keine Lizenz. Als er sie machen wollte, fiel er durch die Prüfung - und wurde berühmt als bestbezahlter Spaziergänger der Bundesliga.
Aufregende Zeiten. Leider waren die Erfolge weniger aufregend. Doch das, versprach der neue Regent, werde sich ändern: Am 7. August 1969 wurde der Großverleger Hans Weitpert, 63 Jahre alt und von der Sohle bis zum weißen Haupthaar nur einssechzig groß, VfB-Präsident. Und was er sagte, klang verheißungsvoll: "Ich will den VfB ganz nach oben führen. Zur Deutschen Meisterschaft." |